Im Sommer warnen Medien, veröffentlichen Ratgeber und zählen Hitzetote. Im Winter, wenn statistisch deutlich mehr Menschen sterben, bleibt es vergleichsweise still. Warum Kälte als Gesundheitsrisiko in Medien kaum eine Rolle spielt – und was Statistik damit zu tun hat.
Berlin im Januar 2026: Die Spree ist von einer Eisschicht bedeckt. Foto: IMAGO/Florian Gärtner
Es ist ein Bild, das sich jeden Sommer wiederholt: Wetterkarten leuchten in dunklem Rot, Nachrichtensprecher reden von „Extremhitze“, Schlagzeilen warnen vor der „Hitze-Hölle“. Im Sommer 2025 titelte „Bild“ etwa: „Jetzt kommt die Hammer-Glut“, „Focus Online“ warnte, der „Sahara-Glutofen“ komme erst noch – und RTL machte Quote mit einem „RTL aktuell Spezial“ namens „Glutofen Deutschland“.
Die Sprache ist drastisch, der Ton alarmistisch – und diese Dramatisierung hat tatsächlich eine reale Grundlage: Das Robert Koch-Institut (RKI) schätzt, dass in besonders heißen Jahren eine hohe vierstellige Anzahl zusätzlicher Todesfälle gegenüber einem durchschnittlichen Sommer auftreten.
Berechtigte Warnungen im Sommer
Da Hitze selten als unmittelbare Todesursache identifiziert wird, beruhen die Zahlen dabei nicht auf der Auswertung von Totenscheinen, sondern auf Modellierungen. Diese vergleichen Sterbefallzahlen in Hitzeperioden mit Referenzzeiträumen und berechnen so mögliche zusätzliche Todesfälle.
Andrej Reisin ist freier Journalist, derzeit vor allem als Chef vom Dienst für „funk“, das junge Content-Netzwerk von ARD und ZDF. Daneben ist er u.a. für Übermedien, „Medium Magazin“ und „11 Freunde“ tätig, zuvor lange für den NDR („Tagesschau“, „Panorama“, „Zapp“). Er gewann zusammen mit der Redaktion den Grimme-Preis für die „Panorama“-Berichterstattung zum Hamburger G20-Gipfel.
Diese Zahlen haben sich inzwischen auch als fester Bestandteil der Berichterstattung etabliert. So meldete etwa die „Süddeutsche Zeitung“ im Sommer 2024 unter Berufung auf RKI-Zahlen „20.000 Todesfälle aufgrund von Hitze“ – wobei es sich um eine modellierte Aufrechnung der möglichen Hitze-Toten von 2018 bis 2020 handelt.
Internationale Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Eine vielzitierte Analyse in „Nature Medicine“ schätzt für den Sommer 2024 europaweit rund 62.700 hitzebedingte Todesfälle. Deutschland zählt dabei zu den besonders stark betroffenen Ländern. Die Studie arbeitet notwendigerweise ebenfalls mit Modellierungen und Szenarien, nicht mit individuell zugeordneten Todesursachen. Auch darüber berichten Medien zu Recht ausführlich.
Die Berichterstattung erfüllt dabei auch eine aufklärerische Funktion: Medien verbreiten Verhaltenshinweise, berichten über kommunale Hitzeaktionspläne und thematisieren Kühlräume oder Schutzangebote für vulnerable Gruppen.
Im Winter nur Gefahr nur für Randgruppen?
Doch ein halbes Jahr später, im Winter, verändert sich der Tonfall grundlegend: Kälte wird medial meist nur dann als Lebensgefahr beschrieben, wenn es um Glatteis geht oder sie sich an konkreten Einzelfällen festmachen lässt – vor allem bei obdachlosen Menschen. Auch während der Kälte im Januar 2026 richtete sich der medialeFokus fast ausschließlich auf Obdachlose.
Dabei ist die statistische Ausgangslage eindeutig – und seit Jahrzehnten stabil: In Deutschland sterben im Winter deutlich mehr Menschen als im Sommer. Nach Daten des Statistischen Bundesamts liegt die Zahl der Todesfälle in den Wintermonaten (Dezember bis Februar) im Durchschnitt rund 20 bis 25 Prozent höher als in den Sommermonaten. Das zeigt sich über lange Zeitreihen hinweg, unabhängig von einzelnen Extremjahren.
Landesstatistiken bestätigen dieses Muster. Das Statistische Landesamt Baden-Württemberg weist seit Jahren darauf hin, dass das Sterberisiko im Winter signifikant höher ist als im Sommer. Als Hauptursachen gelten Kältebelastung sowie die erhöhte Verbreitung von Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Der blinde Fleck
Trotzdem taucht diese Winterübersterblichkeit kaum als eigenständiges Thema in der Berichterstattung auf. Und dafür gibt es einen zentralen Grund: In Deutschland existiert kein systematisches, öffentlich sichtbares Monitoring kältebedingter Übersterblichkeit, das mit dem Hitzemonitoring vergleichbar wäre.
Während für Hitze regelmäßig modellierte Zahlen kommuniziert werden, bleibt es bei Kälte meist bei der allgemeinen Feststellung, dass im Winter mehr Menschen sterben. Eine explizite Zahl der „Kältetoten“ durch das RKI gibt es nicht. Hilfsorganisationen wie die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe müssen seit 1990er-Jahren selbst Todesfälle durch Unterkühlung auf der Straße dokumentieren, weil es dafür keine amtliche Statistik gibt.
Großbritannien könnte Vorbild sein
Dass es auch anders geht, zeigt der Blick nach Großbritannien, eine mit Deutschland gut vergleichbare Industrienation mit ähnlichem Klima und ähnlicher Altersstruktur der Bevölkerung. Dort veröffentlicht das Office for National Statistics (ONS) seit Jahrzehnten jährliche Zahlen zur sogenannten „Excess Winter Mortality“. Dabei wird die Zahl der Todesfälle im Winter mit den übrigen Monaten verglichen. Für den Winter 2024/2025 weist das ONS über 25.000 zusätzliche Winter-Todesfälle aus.
Diese Zahlen sind ebenfalls modell- und definitionsabhängig – aber sie existieren und werden regelmäßig in Medien diskutiert. Winterkälte wird explizit als relevantes Gesundheitsrisiko behandelt. Thematisiert werden dort unter anderem Wohnqualität, Heizkosten, Impfquoten und soziale Isolation als Einflussfaktoren.
Der Kontrast zu Deutschland ist auffällig. Hier ist die Wintersterblichkeit zwar statistisch sichtbar, bleibt aber politisch und medial unterbelichtet.
Heizen ist normal – Kühlen nicht
Ein weiterer Grund dafür: Hitze betrifft im Sommer fast alle unmittelbar, drinnen wie draußen. Kälte hingegen gilt als beherrschbar – solange die Heizung funktioniert. Dass Kälte auch in Innenräumen tödlich wirken kann, bleibt oft abstrakt. Hinzu kommt der Klimawandel: Hitzewellen lassen sich unmittelbar als Folge der Erderwärmung erzählen, Kälte passt weniger gut in dieses Bild, obwohl Klimaforscher seit Jahren betonen, dass einzelne kalte Winter dem Klimawandel nicht widersprechen.
Mit anderen Worten: Das Monitoring und damit die Berichterstattung über Hitze folgen auch einer politischen Agenda, nämlich auf die Gefahren durch den Klimawandel aufmerksam zu machen und Prävention zu betreiben. Dagegen lässt sich überhaupt nichts einwenden. Allerdings: Es gibt keinen Grund, warum nicht auch über Kälte und die damit einhergehenden Risiken ähnlich intensiv berichtet werden sollte.
Der entscheidende Grund für diese mediale Vernachlässigung liegt daher weniger im Klima und seinen Gefahren als im statistischen Umgang damit: Hitze ist in Deutschland inzwischen eine regelmäßig modellierte und kommunizierte Gesundheitsgefahr. Kälte ist es nicht. Es gibt keine bundesweiten Warnungen für ältere Menschen, keine regelmäßigen Modellierungen der kältebedingten Übersterblichkeit, keine politischen Forderungen nach einem Kälteschutzplan.
Auch gegen Hitze lässt sich etwas tun
Die Folge ist eine strukturelle Asymmetrie: Heizen gilt als selbstverständlicher Teil der Daseinsvorsorge, Kühlen nicht.
Dafür dürften es nicht zuletzt auch kulturelle Gründe geben: Deutschland ist historisch nun einmal an Land, das eher mit Kälte als mit Hitze zu kämpfen hatte. Doch potenziell tödlicher Hitze lässt sich technisch ebenso begegnen: Klimaanlagen sind nichts anderes als das sommerliche Pendant zur Heizung. In vielen Ländern gehören sie zur Grundausstattung von Wohnungen, Büros und öffentlichen Gebäuden. Und natürlich sucht man in heißen Ländern zu den wärmsten Tageszeiten klimatisierte Räume auf. In Deutschland dagegen gelten Klimaanalagen bis heute als suspekt. Hartnäckig hält sich die – wissenschaftlich kaum haltbare – Vorstellung, diese seien grundsätzlich ungesund.
Stattdessen könnten (und sollten) sich Medien daher auch zum Anwalt der Klimawandel-Anpassung machen. Dazu gehört die mehr als vernünftige Forderung, zumindest Krankenhäuser, Alten- und Pflegeeinrichtungen flächendeckend mit Klimaanlagen auszustatten, in einem Land, das im Sommer nun einmal regelmäßig Temperaturen von über 35 Grad haben wird.
Die soziale Dimension von Kälte
Bis dahin gilt: Die Hitze macht Schlagzeilen, während die Kälte im Hintergrund bleibt. Das ist allerdings keine Naturgegebenheit, sondern das Ergebnis dessen, was gezählt und modelliert wird – und wie Medien darüber berichten.
Nun kann man deutschen Medien schlecht vorwerfen, dass es auf behördlicher Ebene kein entsprechendes Monitoring gibt. Aber der Blick nach England zeigt auch, wie wichtig es ist, soziale Isolation, Energiearmut (vor allem im Alter) und kaputte Heizungen als Risikofaktoren zu thematisieren. Auch in Deutschland gibt es schließlich Millionen von Menschen, die als „energiearm“ gelten, ihre Wohnung also nicht richtig heizen können. Medien könnten daher darauf hinweisen, dass die Winter-Übersterblichkeit ebenso eine soziale Frage ist – und mehr Druck auf Behörden ausüben, endlich auch ein entsprechendes Monitoring zu betreiben.
8 Kommentare
Also unter den Kachelmannwetter-Videos auf YouTube wird man gerne belehrt, dass Winter im Februar nun mal normal ist und früher das noch normaler war. Warum man darüber berichten müsse. Schön, hier mal ein paar Gründe mit Verlinkung an die Hand zu bekommen, danke!
Der Zyniker wird einwenden, dass die nicht-modellierte Übersterblichkeit durch Kälte wahrscheinlich rückläufig wäre, wenn man sie mit früheren Jahren vergleichen könnte, und dass dem Mehr an Hitzetoten dem Weniger an Kältetoten gegenüberstünde, so dass man das als Verharmlosung intrumentalisieren könnte, wenn man wollte.
Aber natürlich ist eine bessere Erfassung von Problemen schon deshalb gut, weil man sie so besser in den Griff bekäme. Wenn man wollte.
Hm, der Ansatz überzeugt mich nicht. Wäre dabei, wenn es um extreme Kälte ginge. Aber bei einem Durchschnittswinter bin ich raus.
Es stimmt: Im Winter sterben mehr Menschen als im Frühling oder im Sommer – das dürfte schon immer so gewesen sein, und früher in krasserem Maße als heute. Aber ist das – von Obdachlosigkeit und Heizkosten abgesehen – ein Skandal aufgrund von Medien- und Staatsversagen, oder nicht doch eher ein Naturphänomen?* Kälte und Dunkelheit sind ja keine Folge des Klimawandels (eher im Gegenteil), sondern ergeben sich in unseren Breiten aus der Neigung der Erdachse.
Der Begriff der „Übersterblichkeit“ trifft – anders als bei Hitzewellen – nicht zu, wenn es um Sterblickeitszyklen geht, die von Jahreszeiten bestimmt sind. „Übersterblichkeit“ bezeichnet eine höhere Sterblichkeit bezogen auf einen Vergleichzeitraum. Der muss aber statistisch sinnvoll gewählt sein – man kann Januar mit Januar vergleichen oder ein Jahr mit einem anderen, aber nicht Januar mit Juni.
Wie man gut sieht, ist die erhöhte Sterblichkeit in den Wintermonaten hier als regelmäßiger Erwartungswert einberechnet und eben keine Übersterblichkeit. Sinnvoll, denn eine Jahreszeit ist keine Pandemie und kein Extremwetterereignis – und eine ungleiche Verteilung der Sterberaten im Jahresrhythmus bedeutet (anders als Covid oder wiederum Hitze) keine erhöhte Gesamtsterblichkeit. Dies festzustellen, hat nichts mit „Zynismus“ zu tun.
Wie Sie selbst schreiben, ist das Problem ja – anders als bei Hitze – weniger eine besonders krasse Temperatur als die Jahreszeit selbst. Das geschwächte Immunsystem, die verbreitete Niedergeschlagenheit und der heruntergefahrene Gesamtzustand der Organismen im Winter – nichts davon hat unmittelbar mit starker Kälte zu tun, das meiste mit einer Mischung aus Lichtmangel und fiesem Wetter (gerne auch bei +7 Grad), die für Lebewesen eine höhere Belastung darstellt als laue Luft und Sonne im Mai. Und die unvermeidbar ist, es sei denn, man wechselt auf die Südhalbkugel.
Was die Berichterstattung angeht: Ich finde den allgegenwärtigen „Wetter ist tödlich“-Journalismus schon im Sommer problematisch – und halte seine Wirkung keineswegs für aufklärerisch, sondern für kontraproduktiv, weil er viel zu häufig zu kognitiver Dissonanz und damit zu Reaktanz führt. Ähnliches wäre der Fall, wenn Leute, die endlich mal wieder rodeln gehen können, ständig zu hören bekämen, dass sie sich gerade in wetterbedingter Lebensgefahr befinden.
Ja, gut heizen und warm anziehen ist wichtig. Ebenso Schutz vor Viren in Bus und Bahn, grobe Sohlen, wenn es glatt ist, und nach Möglichkeit genug Licht wegen Vitamin D & Co. Aber im Ernst: Müssen sich das „ältere Menschen“, die 70 Winter oder mehr erlebt haben, wirklich von Gen-Y-Journalisten und Klimawissenschaftlern erklären lassen? Auch das ist ja etwas völlig anderes, als wenn man plötzlich erstmals mit 40 Grad Hitze konfrontiert ist.
Wenn es im Juni 38 Grad hat, kann ich verstehen, dass Medien das als Ausnahmezustand behandeln. Ebenso bei -20 Grad im Winter. Aber -5 Grad und Schnee im Januar sind einfach nur – Jahreszeit. Da kann man das Wetter auch mal Wetter sein lassen.
_____________________________ Ich bin mir, dank meiner Neigung zum Winter-Blues, übrigens ziemlich sicher, dass ich dereinst zwischen November und Februar abtreten werde – nämlich wenn mir im Alter die Kraft ausgeht, diese Zeit durchzustehen. Ich denke, dieses Phänomen kennen viele, und es dürfte erheblich zur erhöhten Wintersterblichkeit beitragen.
Ochm menno,, Kriticher Kritiker,
jetzt haben Sie so einfach das schöne Narrativ des Artikels zerdeppert !
Ich wollte mich gerade anschicken, noch eine Rückfrage zur statistischen Ermittlung zu stellen, da hat sich die intensivere Beschäftigung mit Herrn Reisins Argumentation durch die nachvollziehbaren Ausführungen des Kritischen Kritikers eigentlich erübrigt.
Dennoch: Wie rechnet man denn diese sommerliche und winterliche Übersterblichkeit, wie sie Herr Reisin verwendet? Denn wenn ich sie sommerliche Übersterblichkeit als Abweichung vom Gesamtjahresschnitt berechne, dann ist da auch der Winter enthalten. Und wenn ich die winterliche „Übersterblichkeit“ als Abweichung vom Gesamtjahresschnitt berechne, dann ist da auch der Sommer enthalten. Würde das dann nicht bedeuten, dass eine mehrjährige Erhöhung der sommerlichen Übersterblichkeit bei gleichbleibender Wintersterblichkeit rein statistisch zu einer Reduktion der winterlichen „Übersterblichkeit“ führen würde – obwohl sich an der absoluten Zahl und den Gründen für die Wintersterblichkeit gar nichts ändert?
Dort kann man nach Gusto Beobachtungszeiträume und Kohorten zusammenklicken.
@Kai Weber: Ja. Wenn mehrere Jahre lang bei gleicher Sterblichkeit im Winter im Sommer mehr gestorben wird, gibt es irgendwann keine höhere Wintersterblichkeit mehr, weil der Rest des Jahres sozusagen aufgeholt hat. Bei den im Winter wesentlich höheren Todeszahlen wird das allerdings noch lange dauern.
Aber im Artikel geht es ja auch eher darum, dass z.B. unzureichend geheizte Wohnungen aufgrund von Geldmangel nicht stärker als Todesursache thematisiert werden. Offensichtlich scheint es aber durchaus ein offizielles Monitoring zu geben, weil in dem britischen Report explizit erwähnt wird, dass unter anderem Deutschland als Land mit ähnlichem Klima eine geringere Wintersterblichkeit als GB aufweist, also die britischen Todesraten zum Teil verhinderbar wären…
Ich hatte das – als mir das vor 20 Jahren erklärt wurde – so verstanden, dass in einem Sommer mit 25° C „Durchschnitt“ soundsoviel Menschen je 100.000 Einwohner sterben, aber in einem mit 30° C „Durchschnitt“ soundsoviel plus X je 100.000 Einwohner sterben, und wenn X eine gewisse Größe überschreitet und andere Faktoren weitgehend ausgeschlossen werden können, ist das die Übersterblichkeit wegen „Hitze“. (Die Leute sind nicht unbedingt am Hitzeschlag gestorben, aber anscheinend hat die Hitze maßgebend zur Sterblichkeit beigetragen.)
Man vergleicht also nicht den Sommer mit dem ganzen Jahr, sondern den Sommer mit den anderen Sommern und den Winter mit den anderen Wintern. Oder abstrakter, man vergleicht Phasen mit unterschiedlichen „Durchschnittstemperaturen“ mit den Sterberaten (und findet Korrelationen).
Oder was weiß ich, aber wenn man das nicht so macht, wäre das etwas sinnlos.
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Also unter den Kachelmannwetter-Videos auf YouTube wird man gerne belehrt, dass Winter im Februar nun mal normal ist und früher das noch normaler war. Warum man darüber berichten müsse. Schön, hier mal ein paar Gründe mit Verlinkung an die Hand zu bekommen, danke!
Der Zyniker wird einwenden, dass die nicht-modellierte Übersterblichkeit durch Kälte wahrscheinlich rückläufig wäre, wenn man sie mit früheren Jahren vergleichen könnte, und dass dem Mehr an Hitzetoten dem Weniger an Kältetoten gegenüberstünde, so dass man das als Verharmlosung intrumentalisieren könnte, wenn man wollte.
Aber natürlich ist eine bessere Erfassung von Problemen schon deshalb gut, weil man sie so besser in den Griff bekäme. Wenn man wollte.
Hm, der Ansatz überzeugt mich nicht. Wäre dabei, wenn es um extreme Kälte ginge. Aber bei einem Durchschnittswinter bin ich raus.
Es stimmt: Im Winter sterben mehr Menschen als im Frühling oder im Sommer – das dürfte schon immer so gewesen sein, und früher in krasserem Maße als heute. Aber ist das – von Obdachlosigkeit und Heizkosten abgesehen – ein Skandal aufgrund von Medien- und Staatsversagen, oder nicht doch eher ein Naturphänomen?* Kälte und Dunkelheit sind ja keine Folge des Klimawandels (eher im Gegenteil), sondern ergeben sich in unseren Breiten aus der Neigung der Erdachse.
Der Begriff der „Übersterblichkeit“ trifft – anders als bei Hitzewellen – nicht zu, wenn es um Sterblickeitszyklen geht, die von Jahreszeiten bestimmt sind. „Übersterblichkeit“ bezeichnet eine höhere Sterblichkeit bezogen auf einen Vergleichzeitraum. Der muss aber statistisch sinnvoll gewählt sein – man kann Januar mit Januar vergleichen oder ein Jahr mit einem anderen, aber nicht Januar mit Juni.
Hier ein Beispiel, das Übersterblichkeit in Spanien in Folge von Covid (stark) und einer Hitzwelle (leicht) zeigt: https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cbersterblichkeit#/media/Datei:T%C3%A4gliche_Mortalit%C3%A4t_in_Spanien_April_2018-_April_2020.png
Wie man gut sieht, ist die erhöhte Sterblichkeit in den Wintermonaten hier als regelmäßiger Erwartungswert einberechnet und eben keine Übersterblichkeit. Sinnvoll, denn eine Jahreszeit ist keine Pandemie und kein Extremwetterereignis – und eine ungleiche Verteilung der Sterberaten im Jahresrhythmus bedeutet (anders als Covid oder wiederum Hitze) keine erhöhte Gesamtsterblichkeit. Dies festzustellen, hat nichts mit „Zynismus“ zu tun.
Wie Sie selbst schreiben, ist das Problem ja – anders als bei Hitze – weniger eine besonders krasse Temperatur als die Jahreszeit selbst. Das geschwächte Immunsystem, die verbreitete Niedergeschlagenheit und der heruntergefahrene Gesamtzustand der Organismen im Winter – nichts davon hat unmittelbar mit starker Kälte zu tun, das meiste mit einer Mischung aus Lichtmangel und fiesem Wetter (gerne auch bei +7 Grad), die für Lebewesen eine höhere Belastung darstellt als laue Luft und Sonne im Mai. Und die unvermeidbar ist, es sei denn, man wechselt auf die Südhalbkugel.
Was die Berichterstattung angeht: Ich finde den allgegenwärtigen „Wetter ist tödlich“-Journalismus schon im Sommer problematisch – und halte seine Wirkung keineswegs für aufklärerisch, sondern für kontraproduktiv, weil er viel zu häufig zu kognitiver Dissonanz und damit zu Reaktanz führt. Ähnliches wäre der Fall, wenn Leute, die endlich mal wieder rodeln gehen können, ständig zu hören bekämen, dass sie sich gerade in wetterbedingter Lebensgefahr befinden.
Ja, gut heizen und warm anziehen ist wichtig. Ebenso Schutz vor Viren in Bus und Bahn, grobe Sohlen, wenn es glatt ist, und nach Möglichkeit genug Licht wegen Vitamin D & Co. Aber im Ernst: Müssen sich das „ältere Menschen“, die 70 Winter oder mehr erlebt haben, wirklich von Gen-Y-Journalisten und Klimawissenschaftlern erklären lassen? Auch das ist ja etwas völlig anderes, als wenn man plötzlich erstmals mit 40 Grad Hitze konfrontiert ist.
Wenn es im Juni 38 Grad hat, kann ich verstehen, dass Medien das als Ausnahmezustand behandeln. Ebenso bei -20 Grad im Winter. Aber -5 Grad und Schnee im Januar sind einfach nur – Jahreszeit. Da kann man das Wetter auch mal Wetter sein lassen.
_____________________________
Ich bin mir, dank meiner Neigung zum Winter-Blues, übrigens ziemlich sicher, dass ich dereinst zwischen November und Februar abtreten werde – nämlich wenn mir im Alter die Kraft ausgeht, diese Zeit durchzustehen. Ich denke, dieses Phänomen kennen viele, und es dürfte erheblich zur erhöhten Wintersterblichkeit beitragen.
Ochm menno,, Kriticher Kritiker,
jetzt haben Sie so einfach das schöne Narrativ des Artikels zerdeppert !
Ich wollte mich gerade anschicken, noch eine Rückfrage zur statistischen Ermittlung zu stellen, da hat sich die intensivere Beschäftigung mit Herrn Reisins Argumentation durch die nachvollziehbaren Ausführungen des Kritischen Kritikers eigentlich erübrigt.
Dennoch: Wie rechnet man denn diese sommerliche und winterliche Übersterblichkeit, wie sie Herr Reisin verwendet? Denn wenn ich sie sommerliche Übersterblichkeit als Abweichung vom Gesamtjahresschnitt berechne, dann ist da auch der Winter enthalten. Und wenn ich die winterliche „Übersterblichkeit“ als Abweichung vom Gesamtjahresschnitt berechne, dann ist da auch der Sommer enthalten. Würde das dann nicht bedeuten, dass eine mehrjährige Erhöhung der sommerlichen Übersterblichkeit bei gleichbleibender Wintersterblichkeit rein statistisch zu einer Reduktion der winterlichen „Übersterblichkeit“ führen würde – obwohl sich an der absoluten Zahl und den Gründen für die Wintersterblichkeit gar nichts ändert?
Eine ganz gute Übersicht findet sich auch im Europäischen Mortalitätsmonitor
https://www.euromomo.eu/graphs-and-maps
Dort kann man nach Gusto Beobachtungszeiträume und Kohorten zusammenklicken.
@Kai Weber: Ja. Wenn mehrere Jahre lang bei gleicher Sterblichkeit im Winter im Sommer mehr gestorben wird, gibt es irgendwann keine höhere Wintersterblichkeit mehr, weil der Rest des Jahres sozusagen aufgeholt hat. Bei den im Winter wesentlich höheren Todeszahlen wird das allerdings noch lange dauern.
Aber im Artikel geht es ja auch eher darum, dass z.B. unzureichend geheizte Wohnungen aufgrund von Geldmangel nicht stärker als Todesursache thematisiert werden. Offensichtlich scheint es aber durchaus ein offizielles Monitoring zu geben, weil in dem britischen Report explizit erwähnt wird, dass unter anderem Deutschland als Land mit ähnlichem Klima eine geringere Wintersterblichkeit als GB aufweist, also die britischen Todesraten zum Teil verhinderbar wären…
Ich hatte das – als mir das vor 20 Jahren erklärt wurde – so verstanden, dass in einem Sommer mit 25° C „Durchschnitt“ soundsoviel Menschen je 100.000 Einwohner sterben, aber in einem mit 30° C „Durchschnitt“ soundsoviel plus X je 100.000 Einwohner sterben, und wenn X eine gewisse Größe überschreitet und andere Faktoren weitgehend ausgeschlossen werden können, ist das die Übersterblichkeit wegen „Hitze“. (Die Leute sind nicht unbedingt am Hitzeschlag gestorben, aber anscheinend hat die Hitze maßgebend zur Sterblichkeit beigetragen.)
Man vergleicht also nicht den Sommer mit dem ganzen Jahr, sondern den Sommer mit den anderen Sommern und den Winter mit den anderen Wintern. Oder abstrakter, man vergleicht Phasen mit unterschiedlichen „Durchschnittstemperaturen“ mit den Sterberaten (und findet Korrelationen).
Oder was weiß ich, aber wenn man das nicht so macht, wäre das etwas sinnlos.