Der Autor
Matthias Warkus ist freier Publizist in Jena. Seit 2017 hat er eine regelmäßige Kolumne zu philosophischen Themen bei „Spektrum.de“ und schreibt ansonsten u.a. für die „Zeit“ und „54books“.
Der 46-jährige Bob Belcher ist Koch in mindestens zweiter Generation. Er und seine Frau Linda, 44, betreiben zusammen ein höchstens mittelgut laufendes Burgerrestaurant und haben drei Kinder, die alle die Wagstaff High School besuchen.
Tina ist 13, frisch in die Fänge der Pubertät geraten, liebt Pferde und Jungshintern und schreibt erotische Fanfiction. Gene ist elf, lebt für Essen, Musik, Furzwitze und die Vermeidung körperlicher Aktivitäten. Louise ist neun, sarkastisch, etwas altklug, streitlustig, geldgierig und todesmutig – solange man ihr nicht ihre Hasenohrenmütze wegnimmt, die sie nie ablegt.

Das ist das Setting der animierten Sitcom „Bob’s Burgers“, die gerade ihr 15-jähriges Jubiläum gefeiert hat. Zwei Emmys hat die Serie gewonnen, 16 Mal war sie nominiert.
„Bob’s Burgers” wird seit über zehn Jahren auch in Deutschland ausgestrahlt, hatte hierzulande aber nie sonderlich viel Presse. Die Rezensionen zum Sendestart waren zwar gut, aber überschaubar wenige. Dabei ist „Bob’s Burgers“ die wahrscheinlich beste aller animierten Sitcoms – wenn nicht die beste laufende Comedyserie überhaupt.
Eine Kernfamilie in den USA, klappriges Auto, Pointen am Küchentisch und Zank in der Highschool: Hat man das alles nicht schon einmal gesehen? Ich möchte antworten: ja und nein. „Bob’s Burgers“ gehört nur auf den ersten Blick in die Reihe der amerikanischen Normal-Sitcoms. Sobald man sich ein bisschen mit der Serie beschäftigt, bemerkt man, dass sie die entsprechenden Erwartungen im Gegenteil konsequent durchkreuzt.
Die langlebigen animierten Sitcoms bilden im großen Wunderland des seriellen Fernsehens eine, wenn man einmal darüber nachdenkt, recht außergewöhnliche Nische. „Die Simpsons“ laufen seit 1985 und waren phänomenal erfolgreich; ihr Heimatsender Fox hat sich auf das Genre spezialisiert. Auf sie folgten seither „South Park“ (seit 1997, ausnahmsweise nicht bei Fox), „King of the Hill“ (1997 bis 2010), „Family Guy“ (seit 1999) und „American Dad!“ (seit 2005). Und dann ist da seit 2011 eben noch „Bob’s Burgers“, das aus der Reihe fällt (obwohl auch eine Fox-Serie).
Von den Konventionen des Genres weicht die Serie schon allein durch das Setting ab. Die Belchers haben ihr Restaurant und ihre Wohnung darüber in einem Townhouse in einem kleinen Küstenort im südlichen New Jersey. Schaut man sich die am längsten laufenden amerikanischen Sitcoms an, dann spielen fast alle entweder in einem vorstädtischen Einfamilienhaus oder in einer Millionenmetropole wie New York. Die einzigen Ausnahmen sind „Love Boat“, das auf einem Schiff, und „M*A*S*H“, das im Koreakrieg spielt – und eben „Bob’s Burgers“.

Die Umgebung eines Seebads mit dem Strand und dem etwas heruntergekommenen Vergnügungspier direkt vor dem Haus bieten eine andere Atmosphäre und andere Handlungsorte, als man es im Genre gewohnt ist. Insbesondere gibt es keine klischeehaften Fehden mit den Bewohnern von Nachbar-Einfamilienhäusern.
Auch der für Sitcoms typische Vater-Mutter-Konflikt fehlt, weil die ganze Familie im Restaurant mitarbeiten muss. Bob ist nicht das alleinverdienende, etwas tollpatschige Familienoberhaupt, Linda ist keine ewig nörgelnde Hausfrau. Das Klischee des unbedarften Sitcom-Vaters als Antihelden, der von allen Seiten herabgesetzt wird, ist so alt wie das Genre und mittlerweile völlig totgeritten, von den fragwürdigen geschlechterpolitischen Aspekten der ewigen Hausfrauenehen mal abgesehen. Bei „Bob’s Burgers“ wird all das elegant umgangen.
Wir gehen dahin, wo noch kein Kritiker gewesen ist: In dieser Serie besprechen wir erfinderische, schräge oder beglückende Fernseh- und Radiosendungen, die das Feuilleton bisher übersehen hat. Schicken Sie uns Ihre Fundstücke und Programmperlen! Alle schon veröffentlichten Rezensionen finden Sie hier.
Doch Bob Belcher ist nicht bloß deswegen „der beste Vater des Fernsehens“, weil er tatsächlich kompetent in seinem Beruf ist (wenngleich nicht finanziell erfolgreich). Es liegt daran, dass überhaupt eine Einstellung tiefer, liebevoller Menschlichkeit die ganze Serie durchzieht. Rezensionen beispielsweise bei dem Medien- und Kulturmagazin „A.V. Club“, das sich seit Jahren regelmäßig mit „Bob’s Burgers“ beschäftigt, heben dies immer wieder hervor. Die Belchers mögen ihre Kinder, und zwar auch Vater Bob, obwohl es für Sitcoms sonst geradezu obligatorisch ist, dass Väter und Kinder einander wechselseitig als etwas derangierte, zufällig im selben Haus wohnende Menschen betrachten.
Und die Kinder mögen auch die Eltern, und sie und ihre Freunde mögen einander, trotz allem Chaos, allen Widrigkeiten und allen teuren Sachschäden. Sogar die vielen eher unangenehmen Nebenfiguren wie die unerträgliche Tante Gayle und der bis zur Karikatur abgehobene reiche Vermieter Calvin Fischoeder haben nicht bloß hier und da freundliche Züge, sondern sind bei aller Komik warmherzige, vollständige Persönlichkeiten.
Diese Liebe und Zuneigung treten dabei nicht erst zutage, nachdem irgendwelche passiv-aggressiven Spielchen auf die Spitze getrieben wurden. Das zeigt der Vergleich mit einer anderen ungeheuer erfolgreichen Familiensitcom. „Modern Family“ ist inhaltlich einmal als ein Haufen Reicher beschrieben worden, die einander Streiche spielen. Dort raufen sich zwar am Ende auch immer alle zusammen, aber man fragt sich schon, wie diese ganzen Leute es miteinander aushalten: Nahezu alle Figuren gehen mindestens einer anderen (oft dem eigenen Lebenspartner) geradezu existenziell auf die Nerven.
Diese Dynamik ist den Belchers fremd. Vielleicht erklärt das, warum „Bob’s Burgers“ zumindest in seinen Anfängen die amerikanische Serie mit der ärmsten Zuschauerschaft war, „Modern Family“ aber die mit der reichsten.
Sogar der Zeichenstil von „Bob’s Burgers“ unterstreicht die liebevolle, humanistische Grundhaltung der Serie: Er lebt vor allem von so detaillierten Hintergründen, dass man sich jede Einstellung minutenlang als Standbild anschauen möchte. Die Serie spielt mit Nachdruck in einer echten Welt – Lampen haben Stromkabel und Kinderzimmer vollgerümpelte Regale.

Letztlich ist das „realistisches“ Fernsehen. Die Figuren sind zwar überzeichnet und komisch, aber sie sind nicht grotesk. Sie reisen nicht um die Welt, fast alle Folgen sind ganz gewöhnlicher Alltag (anders als bei den „Simpsons“). Und wenn das Fantastische einbricht, dann nur in den (vielen, vielen) Träumen und Geschichten, die als Binnenhandlungen vorkommen. Bei den Belchers wird nie ein Außerirdischer einziehen wie bei „American Dad!“ – aber was ist schon ein Alien gegen die Spielzeuge in Louises Vorstellungskraft? (Für die die Serienmacher sich, klar, ganze fiktive Universen aus japanischem Kunststoffkrempel mit Sammlerwert ausgedacht haben.)
Zu der Wertschätzung für die kleinen Dinge, die sich als Motiv durch „Bob’s Burgers“ zieht, passt, dass Musik darin eine so große Rolle spielt. Bemerkenswert ist schon allein, dass quasi für jede Folge ein neuer Abspann-Song komponiert wird. Darunter sind spektakulär gute Eigenkompositionen. Zum Abspann der Folge „Hope N’ Mic Night“ läuft die Funk-Nummer „Draw a Face On Your Butt“ – der Höhepunkt eines eigentlich ungeplanten (und natürlich unrentablen) Mitmach-Abends im Burgerrestaurant, in dem vorher schon eine quietschige A-cappella-Version der Mondscheinsonate, das am traurigsten groovende Cover von Bill Withers’ „Use Me“ der Geschichte und andere sensationelle Auftritte vorkamen.
Musik ist ohnehin eine Leidenschaft zahlreicher Charaktere – von Gene, der schon im Vorspann mit seinem geliebten Keyboard auftritt, von Linda, die jede Gelegenheit nutzt, um zu singen, von Tinas Crush Jimmy Junior, der eigentlich nur tanzen möchte, und am Ende irgendwie auch von Bob selbst, der im Zeitalter des Mixtapes seine eigenen lebensverändernden Musikerfahrungen gemacht hat.
Auf dem inzwischen zweiten Soundtrack-Album zur Serie kann man sich die komplette LP „General Inzanity“ der fiktiven Band „Zentipede“ anhören, eine perfekte Parodie auf die großen, aber immer auch irgendwie realsatirischen Rock-Konzeptalben der 70er. In der Folge „The Laser-inth“ taucht dieses Album in einer liebevoll-amateurhaften Musikshow in einem Planetarium auf, und wenn man jemals so etwas gesehen hat, dann versteht man sofort, wie genau alles getroffen ist.
Für alle Menschen, die je mit Berufsmusikern und Fans klassischer und romantischer Musik zu tun hatten, dürfte die Folge „Mr. Fischoeder’s Opus“ ein besonderer Genuss sein. Mit Sicherheit hatte es noch nie eine Sitcom-Folge gegeben, in der es darum geht, wie schnell oder langsam man eine Symphonie spielen sollte (Spoiler: Mister Fischoeder ist ein Tempoist!).
Legendärer Höhepunkt war aber eine Folge für Weihnachten 2023: Darin führen die Schülerinnen und Schüler der Wagstaff High School das minimalistische Stück „Mishima/Closing“ von Philip Glass auf, und damit dürfte „Bob’s Burgers“ vermutlich die einzige animierte Sitcom aller Zeiten sein, die jemals auf (natürlich) liebevolle Weise und in epischer Breite ernste Musik des 20. Jahrhunderts thematisiert hat. Glaubt man den YouTube-Kommentaren, mussten nicht wenige bei dieser Szene weinen.

Wenn Meisterwerke sich dadurch auszeichnen, dass sie die vollständige Beherrschung einer Form demonstrieren und über sie hinausgehen, dann ist „Bob’s Burgers“ das Meisterwerk des Genres der animierten Sitcom. Toilettenhumor, bizarre Abenteuer leidgeprüfter Eltern, hasenhirnige Pläne, um das Taschengeld aufzubessern, Fehden unter Geschwistern, fantastische Schülerintrigen: Es ist alles dabei, was man erwarten kann. Aber eben all das und noch mehr, nämlich all die Liebe und die großartige Musik.
Wer musste je bei den Simpsons weinen? „Bob’s Burgers“ sollte man anschauen, wenn man animierte Sitcoms liebt, und vielleicht sogar noch mehr, wenn man sie nicht liebt.
Die Serie ist auf Disney+ verfügbar; täglich laufen mehrere ältere Folgen auf Comedy Central und 7Fun. Es gibt ein eigenes Fan-Wiki mit über 4000 Artikeln.
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Danke für diesen Hinweis. Die Serie werde ich mir auf jeden Fall ansehen.
Zur abschließenden Frage im Text zu den Simpsons:
Die Serie hatte in den ersten Staffeln tatsächlich noch Herz und hat, neben den Übertreibungen, stellenweise Alltagssituationen einer Familie mit Kindern sehr berührend dargestellt. In Erinnerung bleiben mir immer die aller erste Folge und die Folge „Das schwarze Schaf“ der 7. Staffel. Die haben Potenzial einem die Tränen in die Augen zu treiben.
Später hat die Serie mir dann auch nichts mehr gegeben. Das Herz ging verloren.
Endlich sagt das mal einer! Vielen Dank.
Weinen vielleicht nicht, aber rührende Szenen gibt es bei Futurama.
Ich verstehe schon das Lob, aber man könnte argumentieren, dass man sich eine Sitcom nicht zum Weinen ansieht.
Bei Sitcoms außerhalb des Standard-Settings nicht zu vergessen: die Bar von Cheers.