Plagiat per Prompt

Ippen-Medien schreiben mit KI „Guardian“-Reportage ab

„Frankfurter Rundschau“ und „Merkur“ haben einen Text über die Lage in Minneapolis veröffentlicht, der zu großen Teilen einer Reportage zweier US-Journalistinnen des „Guardian“ gleicht. Nach einer Übermedien-Anfrage entschuldigt sich der Autor und nimmt den Text offline.

Kuratieren ist ein schönes Wort. Man verbindet es mit Kunstausstellungen oder Musik-Playlists. Kuratieren, das bedeutet, die Werke anderer sorgfältig auszuwählen und miteinander harmonisch zu kombinieren. 

Naja, eigentlich. 

In Redaktionen sogenannter Reichweitenportale, deren Ziel es ist, möglichst viele Leser zu ködern, hat Kuratieren eine andere Bedeutung. Es steht beschönigend für einen redaktionellen Vorgang, der so geht: Ein Sprachmodell – ChatGPT, Gemini, Claude etc. – wird mit Artikeln anderer Medien gefüttert, um daraus einen neuen Inhalt zu erstellen.

Man könnte auch einfach sagen, dass hier KI beim Abschreiben hilft. Doch „Kuratieren“ klingt eleganter und vertretbarer. Und damit es nicht so auffällt, dass eine Künstliche Intelligenz aus den Inhalten anderer einen neuen Text macht, formuliert sie Fremdtexte neu, mischt sie mit Inhalten anderer Texte, stellt ein wenig um. Und, zack, fertig ist der neue Artikel, über den echte Redakteure dann ihre Namen schreiben.

Wortwörtlich übernommen

Die Reichweitenportale „Frankfurter Rundschau“ und „Merkur“, die zum Unternehmen Ippen Media gehören, haben am Freitag nach einer Übermedien-Anfrage einen dieser kuratierten Artikel offline genommen (hier ist er archiviert). Es ging darin um die Zustände in der US-amerikanischen Stadt Minneapolis, wo vor kurzem die Bürgerin Renee Nicole Good von einem ICE-Mitglied grundlos erschossen wurde. Einwanderer werden dort und in anderen Städten offenbar willkürlich und gewaltsam verhaftet. 

Ein Großteil des Ippen-Textes wurde einer Reportage der britischen Zeitung „The Guardian“ entnommen, in der zwei US-Korrespondentinnen berichten, was sie vor Ort erleben. Die ersten 14 Absätze des Ippen-Artikels sind eine weitgehend wortwörtliche Übersetzung. Zudem wurden mehrere Absätze aus einer Kolumne der „L.A. Times“-Autorin Robin Abcarian übersetzt und in den Text eingebaut.

Unverschämtes KI-Plagiat

Auch wenn es einen sinnvollen und unverwerflichen Einsatz von Sprachmodellen in Redaktionen geben mag: Das hier ist eine besonders unverschämte Form des KI-Plagiats. Beobachtungen, die nur die Reporterinnen vor Ort gemacht haben, wurden bis ins letzte Detail kopiert. 

„Trumps Gestapo“ – So brutal geht ICE gegen die eigene Bevölkerung vor
Mittlerweile gelöschter ArtikelScreenshot: Frankfurter Rundschau

Der „Guardian“ berichtet beispielsweise über eine Vorschullehrerin in Minneapolis: 

„Kate, an early childhood educator who works with mostly Spanish-speaking children and their families, now works alone, in an empty classroom.

Her room has now become a sort of distribution center for supplies. Piles of diapers are stacked to the side. At her desk, she has set up a system using sticky notes – color-coded by neighborhood – to keep track of which families need what supplies when.“

Im Ippen-Text stand dann:

„Kate, die Vorschullehrerin, die hauptsächlich mit spanischsprachigen Kindern und ihren Familien arbeitet, steht jetzt allein in einem leeren Klassenzimmer. Der Raum ist zu einer Art Verteilzentrum für Hilfsgüter geworden. Stapel von Windeln türmen sich an der Seite. An ihrem Schreibtisch hat sie ein System mit farbcodierten Haftnotizen eingerichtet – nach Stadtvierteln sortiert –, um zu verfolgen, welche Familien welche Vorräte brauchen.“ 

Kurioserweise wurden sogar Textstellen kopiert, in denen der „Guardian“ sich selbst erwähnt. Über einen Interviewpartner heißt es in der Reportage: 

„He was late to his meeting with the Guardian because ICE had been outside his organization’s office on Tuesday. Two immigrants and an observer were taken.“

Im Ippen-Text stand: 

„Er kam zu spät zu seinem Interview mit dem britischen Guardian – ICE-Agenten standen vor seinem Büro. Zwei Einwanderer und ein Beobachter wurden mitgenommen.“

Ippen und die KI-Richtlinien – war da was?

Kaum zu glauben, dass das vor Veröffentlichung niemandem in der Ippen-Redaktion aufgefallen ist. Und dass ein Autor die Dreistigkeit besitzt, seinen Namen darüber zu schreiben – und am Ende auch noch die „Quellen“ nennt, als hätte das etwas mit Transparenz zu tun. Ein Transparenz-Hinweis, dass der Text mit KI erstellt wurde, fehlte dagegen.

Das widerspricht den Richtlinien, die sich Ippen gegeben hat. Auf der Seite des Unternehmens heißt es:

„Transparenz gegenüber Lesern bedeutet, dass wir Texte, bei deren Entstehung KI maßgeblich beteiligt war, mit einem entsprechenden Transparenzhinweis kennzeichnen.“

Der „Guardian“ möchte sich auf Übermedien-Anfrage nicht öffentlich zu dem Fall äußern. Auf unsere Anfrage an Ippen und den vermeintlichen Autor des Textes, kommt kein offizielles Statement der Chefredaktion. Nur der Autor schreibt uns:

„Bei Ippen.Media experimentieren wir derzeit sehr viel mit KI zur Unterstützung der redaktionellen Arbeit. Dabei ist in dem vorliegenden Fall bei der Arbeit mit dem Prototyp eines Assistenten ein Artikel entstanden, für den Inhalte aus einer Reportage des Guardian nahezu identisch übernommen wurden. Dies hätte durch unser ‚human in the loop‘-Prinzip auffallen und korrigiert werden müssen. Leider ist dies jedoch unterblieben. Für diesen Fehler bitten wir um Entschuldigung und haben den betroffenen Artikel offline genommen. Der experimentelle Assistent wird nicht wieder zum Einsatz kommen.“

Erfundene Kommunalpolitiker

Es ist nicht das erste Mal, dass Ippen wegen seines Einsatzes von KI in der Kritik steht. 2024 haben wir bei Übermedien beispielsweise über nicht-existierende Kommunalpolitiker und erfundene Zitate zu einem Rückwärtsparkverbot (das es auch nicht gibt) berichtet. Die Vermutung liegt nahe, dass auch dieser Text, der auf den Seiten des „Merkur“ und des „Gießener Anzeiger“ erschienen war, mit KI erstellt wurde. 

Auf eine Anfrage von Übermedien hat Ippen damals nicht reagiert, aber den Artikel anschließend geändert. Wie genau es zu den erfundenen Personen und Zitaten kam, erklärt Ippen im Korrekturhinweis unter dem Text nicht. Die Redaktion räumt nur Fehler „bei der Qulitäts-Kontroile (sic!)“ ein. Mit Transparenz hat auch das wenig zu tun. 

3 Kommentare

  1. Die FR als „Reichweitenportal“ zu bezeichnen, finde ich unfair. Anders als echte Clickbait-Portale bemüht sie sich darum, nur seriöse Geschichten prominent auf ihrer Homepage zu platzieren. Da sie aber inzwischen zum Ippen-Konzern gehört, kommt sie offenbar nicht darum herum, auch dessen Texte zu veröffentlichen. Die werden aber normalerweise nicht groß herausgestellt, sondern eher in den Tiefen der Homepage versteckt. So war es zumindest vor wenigen Jahren üblich, als ich noch selber freiberuflich für die FR geschrieben habe.

  2. „„bei der Qulitäts-Kontroile (sic!)“ – you made my day!“
    my too!

    Wobei ich dem Artikel da schon widersprechen möchte – mehr Transparenz zum Thema „Qualität und Kontrolle“ geht eigentlich nicht…

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