Gute Taten mit negativen Folgen

Almosen-Videos auf Tiktok gefährden Obdachlose

Emotionale Tiktok-Videos zeigen reihenweise, wie obdachlose Menschen mit Essens- oder Geldspenden überrascht werden. Die Influencer filmen sich vermeintlich bei einer guten Tat. Aber für die Menschen auf der Straße können die Clips schlimme Folgen haben.

„Wollt ihr Essen haben?“ Die Handykamera läuft. Davor liegen zwei junge Männer auf dem Boden, zwischen ihnen Plastiktüten und ein paar Habseligkeiten. „Passt es von hier, Döner? Was wollt ihr trinken, Wasser oder Cola?“, fragt der Mann hinter dem Smartphone. Kurz darauf überreicht er ihnen eine Tüte mit zwei Dönern, zwei Coladosen und einem versteckten Zwanziger darin. Die Reaktion auf das Geld filmt er aus einiger Entfernung; irgendwo zwischen unauffällig und heimlich.

Tiktok: Obdachloser Mann bekommt Döner und Cola überreicht
Tiktoker Esa Merzaie spendiert zwei Männern auf der Straße Döner und Getränke, die Gesichter sind ursprünglich deutlich zu erkennenScreenshot: esa.afg/Tiktok (Verpixelung von Übermedien)

Was wie eine beiläufige Geste wirkt, ist wenig später Teil eines Tiktok-Videos mit rührseliger Musik, einem Spendenaufruf in Form eines Paypal-Links und einer klaren Botschaft. Esa Merzaie heißt der Creator, der es gefilmt hat. „Wow, wir haben die richtige Person zum Star gemacht!“, steht in den Kommentaren, oder „Es müsste mehr solcher Menschen geben!“

Die gibt es in der Tat. Neben Esa Merzaie, der sich auf TikTok „Achi“ nennt und über 14.000 Abonnent:innen zählt, erreichen auch andere, ähnliche Accounts zehntausende Follower, etwa dens.help mit rund 26.000. Gedreht werden diese Videos vor allem in Frankfurt, Köln und Berlin; die Orte wechseln, die Dramaturgie kaum.

Videos zeigen überschwängliche Dankbarkeit

Ein Creator spricht eine obdachlose Person an, kündigt Hilfe an und überreicht, bei laufender Aufnahme, Essen, Kleidung oder Geld. Der Moment ist so inszeniert, dass die Reaktion, zum Beispiel in Form von überschwänglicher Dankbarkeit, zum kathartischen Höhepunkt des Videos wird. Es folgen Herz-Emojis, zehntausende Views und Zuspruch, und damit scheinbar bei vielen das Gefühl, Zeuge einer guten Tat zu sein. Immerhin erzählen die Clips von Nächstenliebe und Dankbarkeit. Seltener erzählen sie, was diese öffentliche Hilfe für die Gefilmten bedeutet.

Wer filmt, entscheidet über Schnitt, Titel, Musik, und darüber, ob ein Gesicht unkenntlich gemacht wird oder eben nicht. Wer gefilmt wird, ist häufig in akuter Not, abhängig von der angebotenen Hilfe, manchmal unter Drogeneinfluss, oft ohne sicheren Rückzugsort. Von freiwilliger Zustimmung kann unter diesen Bedingungen kaum die Rede sein, sagt Janita-Marja Juvonen. Sie hat selbst auf der Straße gelebt, setzt sich mittlerweile für die Belange obdachloser Menschen ein und beschreibt es so:

„Wenn ich einen Menschen in einer Notsituation mit einer Nudelsuppe oder mit einem 100-Euro-Schein frage: ‚Darf ich dich filmen?‘, dann hat das für mich nichts mit Freiwilligkeit zu tun.“  

Echte Zustimmung heißt, die Folgen zu verstehen

Esa Merzaie weist diesen Vorwurf zurück. Auf Anfrage betont er in einer schriftlichen Stellungnahme, er achte darauf, „niemanden ohne Zustimmung zu filmen oder zu posten und frage immer, ob und wie die Person gezeigt werden möchte“. Ihm sei bewusst, dass er mit seiner Arbeit eine große Verantwortung trage. Er sei offen für Kritik und arbeite daran, seine Inhalte möglichst respektvoll zu gestalten:

„Es geht mir nicht um Show, Klicks oder Mitleid, sondern darum, echten Kontakt auf Augenhöhe herzustellen, Geschichten sichtbar zu machen und zum Nachdenken anzuregen.“

Von echter Augenhöhe ist in diesen Videos wenig zu sehen. Und auch Zustimmung meint mehr als ein „Ja“ vor laufender Kamera. Dazu gehört auch, dass jemand die Tragweite versteht, Teil eines Videos zu sein, das vielleicht jahrelang im Netz bleibt und weiterverbreitet wird. Psychische Ausnahmelagen oder Rauschzustände können die Fähigkeit einschränken, solche Folgen realistisch einzuschätzen. Und wenn Menschen später aus der Obdachlosigkeit herausfinden, möchten sie womöglich nicht dauerhaft an einen besonders verletzlichen Moment erinnert werden.

Anonymität ist für viele Obdachlose ein Schutz

Sichtbarkeit kann aber auch zur realen Gefahr werden. Am Kölner Neumarkt erzählen auf Nachfrage viele obdachlose Menschen davon, dass sie ungefragt gefilmt werden. Toni, der seit Jahren auf der Straße lebt und am Neumarkt unterwegs ist, beschreibt, was es bedeuten kann, wenn Schlafplätze oder Gesichter bekannt werden:

„Erstens kann man uns finden, zweitens kann man uns mit Benzin übergießen, man kann uns anzünden, man kann uns anpinkeln und man kann alles Mögliche mit uns betreiben. Auch Vergewaltigungen finden statt, Pfefferspray und so weiter, ausrauben sowieso.“

Anonymität ist für viele obdachlose Menschen eine Sicherheitsfrage, zumal sie besonders häufig von Gewalt betroffen sind. Die registrierten Straftaten gegen Obdachlose sind der Bundesregierung zufolge von rund 1.560 Fällen im Jahr 2018 auf mehr als 2.100 im Jahr 2023 gestiegen. Besonders Gewaltdelikte haben zugenommen.

Caritas-Kampagne gegen Videos von Obdachlosen

Auch Hilfsorganisationen greifen das Thema inzwischen auf. So hat die Bahnhofsmission Essen gemeinsam mit der Caritas im Juni 2025 die Kampagne „Mein Gesicht gehört mir!“ gestartet. Mit Informationsmaterial und Stickern klären die Initiatoren obdachlose Menschen darüber auf, dass Hilfe nicht an die Zustimmung zum Filmen geknüpft sein darf und auch sie ein Recht am eigenen Bild haben.

Aber warum trifft gerade diese Art von Videos offenbar einen Nerv? Stark emotionale Inhalte erzielten auf den Plattformen besonders große Reichweiten, sagt Christian Montag, der zu den psychologischen Auswirkungen digitaler Medien forscht. Szenen existenzieller Not haben demnach einen psychologischen Effekt: Sie aktivieren das Bedürfnis, mögliche Gefahren für das eigene Leben zu prüfen. Diese Mischung aus Algorithmus und persönlicher Betroffenheit führe zu mehr Likes, Kommentaren und Weiterleitungen.

Ursachen von Obdachlosigkeit spielen kaum eine Rolle

Juvonen glaubt, dass die Clips nicht nur wegen der Plattformlogik erfolgreich sind. Sie sieht darin eine Form des Elendstourismus: Armut werde zur Kulisse, vor der Mitgefühl inszeniert wird. Im Vordergrund stehe die emotionale Wirkung des Moments. Die Ursachen von Wohnungslosigkeit seien selten Thema.

Das zeigt auch eine Analyse der 200 populärsten englischsprachigen TikTok-Videos mit dem Hashtag #homelessness: In rund zwei Dritteln verteilen Creator Essen, Geld oder andere Hilfe. Beiträge von Betroffenen selbst sind selten, strukturelle Ursachen oder politische Lösungen spielen kaum eine Rolle. In diesem Zusammenhang ist online häufig von „Poverty Porn“ die Rede, Formate die Armut stark emotionalisieren und auf einzelne Schicksale zuspitzen.

Hilfe bei der Wohnungssuche auf Tiktok

Dass sich Hilfe in sozialen Medien auch anders organisieren lässt, zeigt der Frankfurter Verein Bijans Helfer mit Herz. In den Clips dieses Vereins geht es nicht um überraschende Geschenke, sondern um gezielte Unterstützung für Menschen auf der Straße. Gründerin Alale Bergmann sieht die Plattform als Mittel, um Spenden transparent einzusetzen und Hilfe zu vermitteln. Über die Videos melden sich nach ihren Angaben immer wieder Vermieter oder Unterstützer, sodass in einzelnen Fällen sogar Wohnungen gefunden werden konnten.

Gezeigt werden keine dramatischen Szenen, sondern Menschen, die selbst sagen, was sie brauchen, zum Beispiel Winterkleidung oder eine Übernachtung. Nicht immer, aber oft wird auch gezeigt, wie sie die Spenden übergeben bekommen. Ob sie dabei erkennbar sind oder nicht, entscheiden sie selbst.

Aber auch hier bleibt ein Spannungsfeld. Die Entscheidung darüber, was gezeigt wird und in welchem Rahmen, liegt weiterhin bei denen, die filmen. Spenden fließen in aller Regel zweckgebunden; frei verfügbares Geld spielt kaum eine Rolle. Hilfe ist also organisiert, aber nicht unbedingt selbstbestimmt.

Gleichzeitig bringt jede Form von Öffentlichkeit auch Risiken mit sich. Bergmann berichtet, dass sich gerade bei Videos mit obdachlosen Frauen immer wieder Männer melden, die Unterstützung anbieten und zugleich nach ihrem Aufenthaltsort fragen. Für den Verein bedeutet das, sorgfältig abzuwägen, welche Aufmerksamkeit hilfreich ist, und welche zur Gefahr werden kann.

Lektion vor laufender Kamera

Für Zuschauer:innen stellt sich damit die Frage, welche Rolle sie selbst in diesem Kreislauf spielen wollen. Ob ein Creator ohne Hintergedanken helfen will oder vor allem Aufmerksamkeit sucht, lässt sich von außen kaum entscheiden. Ob man hinsieht oder weiterscrollt, dagegen schon.

Wie schmal der Grat zwischen Hilfe und Inszenierung sein kann, zeigt auch das Video, in dem Esa Merzaie zwei Döner verschenkt. Während er aus einiger Entfernung filmt, wie einer der beiden Männer den versteckten Geldschein entdeckt, kommentiert er seine Beobachtungen: Der Mann scheint das Geld vor seinem Freund versteckt zu haben. Kurz darauf läuft der Creator zu den beiden zurück und überreicht dem zweiten Mann demonstrativ ebenfalls einen Zwanziger. Die Geste wirkt wie eine moralische Lektion – vor laufender Handykamera.

Diese Recherche erschien zuerst als Radiobeitrag bei WDR5.

5 Kommentare

  1. Ich würde gerne anregen, dass auch nochmal darüber mit Blick auf Funk und Leitmedien berichtet wird. Wie dort die Kamera auf Elend gehalten wird. Und wie Notsituationen individualisiert werden statt die strukturellen Versäumnisse und Verelendung aufzuklären.

  2. Naja ist halt Eldens-P*rno, dann können sich die Kids kurz gruseln und noch ganz nebenbei etwas gut und erhaben fühlen, man hilft ja. Dass mit dem Döner und 100€ der Gewinn für den Influencer weit höher ist juckt keine Sau. Man könnte ja an deren Stelle mit der Tafel kooperieren und versuchen, an den richtigen Orten wirklich was zu bewirken. Klickt dann halt nur nicht so gut, wie wenn man auf so nen armen Drops die Kamera hält

  3. Danke für den Text.
    Es ist einfach echt traurig was alles gemacht wird um Klicks zu generieren und sich selbst zu inszenieren.
    Es gibt so viele tolle zivilgesellschaftliche Projekte und Aktionen bei denen man mitmachen kann oder sich davon inspirieren lassen kann. Und das alles ohne andere Menschen bloßzustellen.
    Vor 12 Jahren gab es mal eine kleine Studentengruppe die auch solche Aktionen gemacht haben für Obdachlose. Und nur einmal haben sie ein Video dazu gemacht, dafür dann aber einen Schauspieler engagiert der den Obdachlosen spielt.
    Es geht also auch ohne andere bloßzustellen und ohne sich selbst als „supergeil“ zu inszenieren.
    https://youtu.be/X0gA2mxbjSY?si=3XfKi5GYGqM5YpD4

  4. “Hier ist 2 Döner und 2 Cola” Hmmmh. Klingt nicht wie Kulturkanal.

    Danke für den wirklich erschütternden Beitrag.

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