Männer, die Kinder haben, sind nicht einfach nur Väter, nein, Medien machen sie oft zu „Familienvätern“. Angeblich betont das ihre Fürsorge. Komisch, dass der Begriff vor allem dann auftaucht, wenn es um Mord und Totschlag geht.
Als der rechtsextreme Influencer Charlie Kirk erschossen wurde und Reporter und Reporterinnen der deutschen Leserschaft eilig erklärten, wen genau die Kugeln getroffen hatten, fiel es mal wieder auf: Männer, die Nachwuchs gezeugt haben, sind nicht einfach nur Väter. Sie sind: Familienväter.
Hasswort
Es gibt präzise und poetische, wichtige und wunderbare Wörter. In dieser Rubrik geht es um die anderen: Begriffe, die überflüssig, irreführend oder einfach nur nervig sind – und trotzdem ständig in Medien auftauchen. Auf welche Wörter unsere Gastautor:innen schon geschimpft haben, können Sie hier nachlesen.
„Bild“ zum Beispiel beschrieb das „Entsetzen über das tödliche Attentat auf den jungen Familienvater“, der Begriff tauchte aber auch in „Welt“, „Süddeutscher Zeitung“ und „Stern“ auf.
Warum lesen wir nie von „Familienmüttern“?
Sofort stellt sich die Frage, was einen Familienvater eigentlich von einem Vater unterscheidet. Der Duden definiert ihn als „Vater, besonders im Hinblick auf die Fürsorge für seine Familie“. Ähnlich klingt es im Online-Lexikon Wiktionary: „ein Mann, der mindestens ein Kind hat und in der Regel zusammen mit der Mutter für dieses Kind sorgt“. Von einer Familienmutter hat man hingegen noch nie etwas gelesen, auch wenn der Duden den Begriff kennt.
Bei Frauen scheint Fürsorge so selbstverständlich, dass sie nicht mehr durch das vorangestellte „Familie“ extra betont werden muss, schlussfolgern Kritikerinnendes Begriffs. Im Instagram-Kanal des BR-Podcast „Eltern ohne Filter“ fragte die Moderatorin Alex: „Wovon soll er denn sonst Vater sein, wenn nicht von einer Familie? Von einem Rudel Eichhörnchen?“
Ja, wovon?
Als Feministin würde ich entgegnen: von Kindern. Und eben nicht von der ganzen Familie. Denn zu der gehört in aller Regel auch eine Mutter, und von der ist der „Mann im Haus“ (noch so ein misogyner Begriff) nicht der Vater.
„Familienväter“ stehen selten am Wickeltisch
Fans des Begriffs „Familienvater“ argumentieren in Foren oder sozialen Netzwerken gerne mit der Fürsorgefunktion von Vätern. Schaut man sich an, wie sich die Verwendung des Begriffs entwickelt hat, denkt man im ersten Moment, dass da etwas dran sein könnte. Denn seit den Neunzigerjahren wird die Bezeichnung immer häufiger verwendet, mit einem besonderen Hoch in den Pandemiejahren 2020/2021.
Parallel dazu stieg der Einsatz von Männern an Herd und Wickeltisch – ein bisschen. Laut Zeitverwendungsstudie erledigten Männer 2022 eine Stunde und zwanzig Minuten mehr unbezahlte Arbeit als zehn Jahre zuvor. Sind es also die vielen Texte über aktive, moderne Väter, in denen der Begriff auftaucht? Sind es all die Reportagen aus Kitas und von Elternabenden, Essays über Männerbilder, Abhandlungen über Care-Arbeit?
Ein paar Stunden Scrollen durch Pressearchive und das Internet zeigen das nicht. Drei beliebige Beispiele von Anfang September:
„Der 49-jährige Familienvater sollte jetzt eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammenstellen, die den Klassenerhalt in der zweiten Liga schafft.“ („Sächsische Zeitung“, 3. September)
„Nach einer verbalen Auseinandersetzung mit einem Fahrradfahrer überfuhr der Familienvater den 27-Jährigen ohne Vorwarnung und tötete den jungen Mann.“ („Welt der Wunder“, 5. September)
„Deutscher Familienvater unter den Opfern des Standseilbahn-Unglücks in Lissabon“ (ntv, 4. September)
Medial ist der Mann am häufigsten ein Familienvater, wenn er einen Unfall hatte oder verursacht hat, wenn er ein Verbrechen begangen hat oder wenn ein Porträt seine sportlichen oder beruflichen Errungenschaften thematisiert – wenn er sich also gerade nicht um seine Kinder kümmert.
Besonders sauer stößt das Wort auf, wenn es um Mord und Totschlag von Kindern und Frauen geht, häufig „seine“ Kinder und Frauen. Man muss die Fürsorglichkeit eines Täters nicht betonen, nachdem er seine angeblichen Schutzbefohlenen umgebracht hat. Ein Femizid ist das Gegenteil von Liebe.
Dahinter steckt das altrömische „Familienoberhaupt“
Hinter einem Femizid steckt oft die falsche Vorstellung, dass Frauen ihren Partnern „gehören“. Häufig schreiten Männer dann zur Tat, wenn Frauen sich getrennt haben oder trennen wollen. Genau dieses Besitzdenken transportiert der Begriff Familienvater. Das Synonymwörterbuch Thesaurus schlägt Familienvorstand, Versorger und Familienoberhaupt als Alternativen vor – Worte, die nicht mehr in die Zeit passen. Genauso wenig wie der Familienvater.
Seinen Ursprung hat das Wort vermutlich im Rechtssystem des antiken Roms, als die Patria Potestas („väterliche Gewalt“) dem männlichen Familienoberhaupt oblag. Damit herrschte der Pater Familias nicht nur über seine eigene Kleinfamilie, sondern auch über seine verheirateten Söhne und deren Frauen und Kinder, sowie über Adoptivsöhne, Dienstboten, Sklaven, Vieh und sonstigen Besitz. Die Patria Potestas war rechtlich bindend und endete erst mit dem Tod des Machthabers.
Im Mittelalter und der Moderne galten zwischenzeitlich andere Rechtsnormen, so wurde die väterliche Gewalt unter anderem durch die Einführung der Volljährigkeit eingeschränkt. Endgültig abgeschafft wurde die Patria Potestas in Deutschland aber erst Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuchs.
„Auch eine Mutter unter den Opfern“
All das schwingt mit, wenn Medien von Familienvätern statt von Vätern schreiben, auch wenn hoffentlich die wenigsten Autorinnen und Autoren das tatsächlich zum Ausdruck bringen wollen. Man merkt es aber, wenn man versucht, das Präfix wegzulassen. Um noch einmal auf das Seilbahn-Unglück in Lissabon zurückzukommen: Die Formulierung „ein Vater unter den Opfern“ klingt genauso unvollständig wie „eine Mutter unter den Opfern“ und funktioniert erst wieder, wenn Alter und/oder Anzahl der Kinder benannt werden: „Eine Mutter eines Fünfjährigen unter den Opfern“ oder „ein dreifacher Vater aus Dortmund unter den Opfern“.
So zeigt sich sogar in der Grammatik: Die Frau ist nur abhängig von Kindern eine Mutter, der Mann als Familienvater kann für sich allein stehen.
Sollte er aber nicht.
Die Autorin
Foto: Stella Traub
Barbara Vorsamer schreibt als freie Autorin über Psychisches, Politisches, Persönliches, oft für den „Spiegel“ und einmal wöchentlich in ihrem Newsletter „Innen und Außen“. War davor viele Jahre Redakteurin bei der „Süddeutschen Zeitung“, wo sie den mehrfach ausgezeichneten Text „Liebe Magdalena“ über Depressionen schrieb und danach ein Buch dazu. Lebt in München, hat zwei Kinder.
„Familienvater“ bezieht sich offenbar auf Väter, die im selben Haushalt wie ihre nicht-erwachsenen Kinder leben, weshalb der Begriff nicht völlig redundant ist:
Ein Vater von drei Kindern, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, oder ein 80-jähriger Rentner, dessen Kinder und sogar Enkel bereits erwachsen sind, würde man nicht als „Familienvater“ bezeichnen. (Ebensowenig fällt mir ein Fall ein, wo von einer „Mutter einer 25-jährigen Tochter“ o.ä. zu lesen wäre. Kennt das jemand?)
Insofern heißt das zumindest bei Familienvätern, die Opfer von Verbrechen und Unfällen werden, dass man ihren Tod weniger betrauern müsse, wären sie einfach Männer ohne minderjährigen Nachwuchs, den sie mitversorgen.
Ja, danke schön – ich werde mir Mühe geben, erst dann zu sterben, wenn ich das Mitgefühl der Medien auch maximal abgreifen kann.
Bei Vätern, die ihre Familie gerade ermordeten, von „Familienvätern“ zu schreiben, ist natürlich trotzdem zynisch.
Danke für den Text. Wieder ein Begriff über den man (oder zumindest ich) sich keine großen Gedanken macht bis man einmal kurz darüber nachdenkt.
Mein Fazit nach dem kurz drüber nachdenken:
Eindeutig misogyn, aus der Zeit gefallen und daher eigentlich nicht mehr verwendbar.
Mein erster Gedanke nach Überschrift und Einleitung (oder wie auch immer der kurze Textabschnitt unter der Überschrift genannt wird) stimmt, ich hab noch nie von der Familienmutter gehört.
Bin immer wieder dankbar für solche Gedanken/Themen die einen dazu bringen alltägliches, Gewohnheiten und Normen zu hinterfragen.
Toller Beitrag – über diese Wortwahl hatte ich noch nie nachgedacht. Danke!
Familienmütter müssen sich halt bei den Familienvätern mitgedacht fühlen.
Man kann sich als Frau aber auch anstellen.
(Nur zur Sicherheit: das soll sarkastisch sein.)
Geht mir auch immer so wenn ich das wo höre/lese. Ich höre bei dem Begriff weniger den Aspekt der Fürsorge (für mich ein Begriff, der eher ein soziales Umeinander-Kümmern ausdrückt) heraus, sondern vor allem den finanziellen („Versorger“). Ja, auch ein bisschen „Familienoberhaupt“ schwingt da mit. Jetzt ist es auch heute noch so sehr häufig so, dass Männer spätestens, wenn Kinder da sind, die Hauptverdiener sind, sodass man da wohl bei einem Unglücksfall auf die Konsequenzen auch für die Hinterbliebenen hinweisen will. Aber was spricht in diesem Fall denn gegen eine Formulierung wie „er/sie hinterlässt zwei Kinder“.
@inga:
Normalerweise hinterlässt man seinen Besitz, keine Menschen. „Kinder hinterlassen“ würde also die Kinder auf die selbe Stufe stellen wie das Haus, das Auto oder die Schulden.
Und ZACK gäbe es Stoff für die nächste Hasswortkolumne.
Ich denke, ganz egal was bei dem Wort wie mitschwingt, stellt sich die Frage, warum es nur eine männliche Variante gibt.
Weil Männer öfter „finanziell versorgen“?
Man kann Care-Arbeit also auch mittelbar herabwürdigen.
Wobei das ganze ja auch noch eine „self fullfilling prophecy“ darstellt.
Ja, noch haben Männer häufiger das größere Einkommen und weniger Anteil an der Care-Arbeit. Tatsächlich begründen Misogyne ja mitunter auch den Gender Pay Gap damit, dass Frauen mehr Care-Arbeit leisten müssen und deshalb öfter ausfallen können.
Es geht hier ( so wie ich die Kolumne verstehe ) nur darum Dinge sichtbar werden zu lassen, die bis dato einfach so mitlaufen. Sensibilitäten zu wecken.
Das betrifft Sexismus wie Rassismus , Ableismus oder was es sonst noch alles an üblen „-ismen“ gibt. Wir sollten diese Erkenntnisse annehmen und umarmen, weil sie uns klüger machen. Aber sehr oft wird sofort aufgerüstet und vehement geleugnet.
Schlimmer noch: In den letzten Tagen quält mich die Frage, wie die Menschen miteinander reden wollen, die schon keine gemeinsame Sprache mehr haben?.
Trevor Noah brachte mich darauf.
„Wie wollen wir die wichtigen Probleme gemeinsam lösen, wenn schon die gemeinsame Sprache ein Problem ist?“
„Wie wollen wir die wichtigen Probleme gemeinsam lösen, wenn schon die gemeinsame Sprache ein Problem ist?“
Ich habe keine Ahnung.
Insbesondere nicht, weil ich nicht weiß, wen Trevor Noah mit „wir“ meint und welche Probleme er für richtig hält.
@7 Wiktionary und Duden kennen für „hinterlassen“ jeweils drei Bedeutungen. Laut beiden Quellen können nicht nur Dinge/Besitztümer als Nachlass hinterlassen werden sondern eben auch Menschen zurückgelassen. Beim Duden wird letzteres als 1 a) sogar noch vor der Bedeutung i.S.v „Erbe überlassen“ als 1 b) aufgeführt. Also m.E. eher kein Stoff für Hasswort.
Das Wort Familienvater an sich finde ich schon schlimm, aber noch viel schlimmer ist es, wenn ich vom „dreifachen Familienvater“ lesen muss, weil der Mann drei Kinder hat. Kommt immer mal wieder vor. Es sind wenn überhaupt dreifache Väter. Dreifache Familienväter gibt es nur in Kulturen, die den Männern mehrere Ehefrauen gestatten.
@#10:
Es geht ja auch bei „Familienvater“ nicht darum, dass das Wort in der Verwendung falsch wäre – denn es soll ja jedenfalls beim toten Unfallopfer genau die „Fürsorge“ laut Duden betont werden – sondern um eine gewisse „Denke“, die dahinter steht, also eben die, dass das bei „Müttern“ irgendwie nie betont werden müsste.
Und generell ging es bei Hasswörtern auch sonst nicht immer darum, dass sie nicht wörterbuchgetreu verwendet würden, sondern dass die (häufigste) Verwendung mit Konnotationen und Assoziationen einher ginge, die falsch, irreführend oder sonstwie „hassenswert“ seien.
Ich wünsche mir nach wie vor, dass mal „wir“ zerlegt wird.
Balsam auf meine geschundene Seele zu schiefer Berichterstattung in Medien. Würde man die Auswertung weiter treiben wette ich auf einen Kasten Cremant, dass diese Verwendung mehrheitlich in konservativen Blättern stattfindet.
Gute Kolumne und wieder ein Begriff, über den es sich lohnt nachzudenken. Was Gewohnheiten im Sprachgebrauch so machen. Vielen Dank dafür!
Es ist immer wieder ein „Aha-Erlebnis“, auf „Alltagswörter“ gestoßen zu werden, die ein Nachdenken verdienen.
den Begriff fand ich schon alleine deswegen immer irritierend, weil man vom Kontext her so etwas wie „Schreiner“, „Unternehmer“ oder „Stadtrat“ erwarten würde.
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..sehr gut, wieder was zum Nachdenken.
„Familienvater“ bezieht sich offenbar auf Väter, die im selben Haushalt wie ihre nicht-erwachsenen Kinder leben, weshalb der Begriff nicht völlig redundant ist:
Ein Vater von drei Kindern, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat, oder ein 80-jähriger Rentner, dessen Kinder und sogar Enkel bereits erwachsen sind, würde man nicht als „Familienvater“ bezeichnen. (Ebensowenig fällt mir ein Fall ein, wo von einer „Mutter einer 25-jährigen Tochter“ o.ä. zu lesen wäre. Kennt das jemand?)
Insofern heißt das zumindest bei Familienvätern, die Opfer von Verbrechen und Unfällen werden, dass man ihren Tod weniger betrauern müsse, wären sie einfach Männer ohne minderjährigen Nachwuchs, den sie mitversorgen.
Ja, danke schön – ich werde mir Mühe geben, erst dann zu sterben, wenn ich das Mitgefühl der Medien auch maximal abgreifen kann.
Bei Vätern, die ihre Familie gerade ermordeten, von „Familienvätern“ zu schreiben, ist natürlich trotzdem zynisch.
Danke für den Text. Wieder ein Begriff über den man (oder zumindest ich) sich keine großen Gedanken macht bis man einmal kurz darüber nachdenkt.
Mein Fazit nach dem kurz drüber nachdenken:
Eindeutig misogyn, aus der Zeit gefallen und daher eigentlich nicht mehr verwendbar.
Mein erster Gedanke nach Überschrift und Einleitung (oder wie auch immer der kurze Textabschnitt unter der Überschrift genannt wird) stimmt, ich hab noch nie von der Familienmutter gehört.
Bin immer wieder dankbar für solche Gedanken/Themen die einen dazu bringen alltägliches, Gewohnheiten und Normen zu hinterfragen.
Toller Beitrag – über diese Wortwahl hatte ich noch nie nachgedacht. Danke!
Familienmütter müssen sich halt bei den Familienvätern mitgedacht fühlen.
Man kann sich als Frau aber auch anstellen.
(Nur zur Sicherheit: das soll sarkastisch sein.)
Geht mir auch immer so wenn ich das wo höre/lese. Ich höre bei dem Begriff weniger den Aspekt der Fürsorge (für mich ein Begriff, der eher ein soziales Umeinander-Kümmern ausdrückt) heraus, sondern vor allem den finanziellen („Versorger“). Ja, auch ein bisschen „Familienoberhaupt“ schwingt da mit. Jetzt ist es auch heute noch so sehr häufig so, dass Männer spätestens, wenn Kinder da sind, die Hauptverdiener sind, sodass man da wohl bei einem Unglücksfall auf die Konsequenzen auch für die Hinterbliebenen hinweisen will. Aber was spricht in diesem Fall denn gegen eine Formulierung wie „er/sie hinterlässt zwei Kinder“.
@inga:
Normalerweise hinterlässt man seinen Besitz, keine Menschen. „Kinder hinterlassen“ würde also die Kinder auf die selbe Stufe stellen wie das Haus, das Auto oder die Schulden.
Und ZACK gäbe es Stoff für die nächste Hasswortkolumne.
Ich denke, ganz egal was bei dem Wort wie mitschwingt, stellt sich die Frage, warum es nur eine männliche Variante gibt.
Weil Männer öfter „finanziell versorgen“?
Man kann Care-Arbeit also auch mittelbar herabwürdigen.
Wobei das ganze ja auch noch eine „self fullfilling prophecy“ darstellt.
Ja, noch haben Männer häufiger das größere Einkommen und weniger Anteil an der Care-Arbeit. Tatsächlich begründen Misogyne ja mitunter auch den Gender Pay Gap damit, dass Frauen mehr Care-Arbeit leisten müssen und deshalb öfter ausfallen können.
Es geht hier ( so wie ich die Kolumne verstehe ) nur darum Dinge sichtbar werden zu lassen, die bis dato einfach so mitlaufen. Sensibilitäten zu wecken.
Das betrifft Sexismus wie Rassismus , Ableismus oder was es sonst noch alles an üblen „-ismen“ gibt. Wir sollten diese Erkenntnisse annehmen und umarmen, weil sie uns klüger machen. Aber sehr oft wird sofort aufgerüstet und vehement geleugnet.
Schlimmer noch: In den letzten Tagen quält mich die Frage, wie die Menschen miteinander reden wollen, die schon keine gemeinsame Sprache mehr haben?.
Trevor Noah brachte mich darauf.
„Wie wollen wir die wichtigen Probleme gemeinsam lösen, wenn schon die gemeinsame Sprache ein Problem ist?“
„Wie wollen wir die wichtigen Probleme gemeinsam lösen, wenn schon die gemeinsame Sprache ein Problem ist?“
Ich habe keine Ahnung.
Insbesondere nicht, weil ich nicht weiß, wen Trevor Noah mit „wir“ meint und welche Probleme er für richtig hält.
@7 Wiktionary und Duden kennen für „hinterlassen“ jeweils drei Bedeutungen. Laut beiden Quellen können nicht nur Dinge/Besitztümer als Nachlass hinterlassen werden sondern eben auch Menschen zurückgelassen. Beim Duden wird letzteres als 1 a) sogar noch vor der Bedeutung i.S.v „Erbe überlassen“ als 1 b) aufgeführt. Also m.E. eher kein Stoff für Hasswort.
Das Wort Familienvater an sich finde ich schon schlimm, aber noch viel schlimmer ist es, wenn ich vom „dreifachen Familienvater“ lesen muss, weil der Mann drei Kinder hat. Kommt immer mal wieder vor. Es sind wenn überhaupt dreifache Väter. Dreifache Familienväter gibt es nur in Kulturen, die den Männern mehrere Ehefrauen gestatten.
@#10:
Es geht ja auch bei „Familienvater“ nicht darum, dass das Wort in der Verwendung falsch wäre – denn es soll ja jedenfalls beim toten Unfallopfer genau die „Fürsorge“ laut Duden betont werden – sondern um eine gewisse „Denke“, die dahinter steht, also eben die, dass das bei „Müttern“ irgendwie nie betont werden müsste.
Und generell ging es bei Hasswörtern auch sonst nicht immer darum, dass sie nicht wörterbuchgetreu verwendet würden, sondern dass die (häufigste) Verwendung mit Konnotationen und Assoziationen einher ginge, die falsch, irreführend oder sonstwie „hassenswert“ seien.
Ich wünsche mir nach wie vor, dass mal „wir“ zerlegt wird.
Balsam auf meine geschundene Seele zu schiefer Berichterstattung in Medien. Würde man die Auswertung weiter treiben wette ich auf einen Kasten Cremant, dass diese Verwendung mehrheitlich in konservativen Blättern stattfindet.
Gute Kolumne und wieder ein Begriff, über den es sich lohnt nachzudenken. Was Gewohnheiten im Sprachgebrauch so machen. Vielen Dank dafür!
Es ist immer wieder ein „Aha-Erlebnis“, auf „Alltagswörter“ gestoßen zu werden, die ein Nachdenken verdienen.
den Begriff fand ich schon alleine deswegen immer irritierend, weil man vom Kontext her so etwas wie „Schreiner“, „Unternehmer“ oder „Stadtrat“ erwarten würde.