Beziehungsdrama

Vorige Woche berichteten viele Medien von einem schlimmen Verbrechen in Jena. Die Polizei fand dort vier Leichen. Ein 38-Jähriger soll seine Ehefrau, das gemeinsame Baby und den neuen Lebensgefährten der Frau umgebracht und dann Suizid begangen haben. Der MDR titelte über einer Fotostrecke vom Tatort: „Beziehungsdrama in Jena“; „Bild“, „Zeit Online“, „Welt“ und andere taten es gleich. Dabei ist der Begriff grob irreführend und verharmlosend.

Von einem Beziehungsdrama lässt sich vielleicht sprechen, wenn sich die junge Protagonistin einer Fiktion in einem Liebesdreieck zwischen Werwolf und Vampir befindet – nicht aber wenn Männer ihre Partnerinnen oder Ex-Partnerinnen umbringen. Doch statt Straftaten auch als solche zu bezeichnen, greifen Journalist*innen auf Euphemismen zurück. Immer wieder. Immer noch.

Laut Bundeskriminalamt sind voriges Jahr 147 Frauen in Folge von Gewalt in der Partnerschaft getötet worden. In Deutschland wird demnach so jeden zweiten bis dritten Tag eine Frau umgebracht. Wird darüber berichtet, ist so gut wie nie die Rede von Frauenmorden oder gar Femiziden, ein Begriff, der den gewaltsamen Tod von Frauen durch Verbrechen bezeichnet.

Die Initiative #KeineMehr, die über die strukturellen Hintergründer solcher Taten aufklären möchte, plädiert dafür, diesen Begriff zu benutzen, oder von Feminiziden zu sprechen, also Tötungsdelikten an Frauen „als Folge von Geschlechterdiskriminierung“. Dies ordne Frauenmorde gesellschaftspolitisch ein und mache auf Machtverhältnisse aufmerksam, denen Frauen ausgesetzt sind, und die letztlich zu Feminiziden führen können.

Wie die taz berichtet, hat die Linkspartei bereits versucht, den Begriff Femizid in die öffentliche Debatte zu integrieren, auf Basis einer Definition der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Bundesregierung hat sich dem allerdings nicht angeschlossen, der Begriff sei „nicht klar konturiert“, wie es in der Antwort auf die Anfrage der Linkspartei heißt. Für Cornelia Möhring, frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion, ist das beispielhaft für die Untätigkeit der Bundesregierung beim Thema Gewalt an Frauen.

Und auch Medien verweigern sich oftmals einer neuen Begrifflichkeit. Stattdessen ist weiterhin von einem „Beziehungsdrama“ die Rede oder, ebenso verklärend: von einer „Familientragödie“.

Eine „Familientragödie“ sei es zum Beispiel gewesen, jedenfalls laut n-tv, als ein Mann seine Frau und die drei gemeinsamen Kinder umbrachte. Oder als eine Frau in Bad Muskau von ihrem ehemaligen Lebensgefährten mit Benzin übergossen wurde, twitterte MDR Sachsen, mal wieder: „Beziehungsdrama“. Und beinahe wie in einer Filmbesprechung schrieb Bild: „Diese Liebe endete mit vier Toten“ – und erzählte „die Vorgeschichte hinter dem Familiendrama“.

Die Wortwahl ist auch deshalb bedenklich, weil sie den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema spiegelt. Die Annahme ist: Eine Mischung aus Liebe, Eifersucht und Leidenschaft führe zu, salopp gesagt: Übergriffigkeiten. Beziehungen seien intime Konstellationen zwischen zwei Menschen, das Problem wird zur Privatsache – etwas innerhalb der Familie eben.

Nicht selten wird Opfern sogar eine Mitschuld an ihrer Situation gegeben, da sie sich ja gerade in Partnerschaften den Tätern selbst auslieferten. Es hält sich der Mythos, dass Frauen einfach aus gewalttätigen Beziehungen fliehen könnten. Wer das denkt, ignoriert aber Faktoren, die es Frauen oftmals nicht möglich machen, sich Missbrauch zu entziehen. Seien es finanzielle Gründe, Ängste vor weiteren Konsequenzen, fehlender Rückhalt im sozialen Umfeld oder der Gedanke, „die Familie nicht auseinander reißen zu wollen“.

Die Art von Berichterstattung prägt das öffentliche Bild des oftmals kleinstädtischen Dramas, das Nachbarn und Bekannte gleichermaßen erschüttere. Ein Stich in die Heile-Welt-Blase: Wie konnte das bloß geschehen? Die Taten werden zu Einzelfällen degradiert, aber das ist zu einfach.

Kürzlich hat Familienministerin Franziska Giffey (SPD) Zahlen zu Partnerschaftsgewalt vorgestellt. Rund 139.000 Menschen, darunter vor allem Frauen, wurden Opfer ihrer Partner oder ehemaligen Partner. Laut Giffey ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Zu Partnerschaftsgewalt werden gefährliche Körperverletzung, Körperverletzung mit Todesfolge, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung gezählt, seit vergangenem Jahr auch Bedrohung und Stalking, ebenso wie Freiheitsberaubung und Zuhälterei.

Auch bei diesen Taten greifen Journalist*innen oft zu verharmlosenden Formulierungen. Vergewaltigungen werden dann zu Sex-Attacken oder Sex-Skandalen, Vergewaltiger zu Sex-Tätern.

Überhaupt sind es meist Täter, deren Perspektive eingenommen und reproduziert wird. Sei es, wenn man ihre „Beweggründe“ wiedergibt oder die Auswahl der Artikelbilder betrachtet. Mal sind es Schatten, an denen gezerrt wird, mal zusammengekauerte Opfer, mal Großaufnahmen von Hämatomen.

Was es braucht, nicht nur am heutigen „Welttag für die Beseitigung von Gewalt gegen Frauen“, ist ein Bewusstsein für gesellschaftliche Strukturen, die Gewalt gegen Frauen möglich machen. Die Erkenntnis, dass Partnerschaftsgewalt eine Systematik hat und es sich nicht um unabdingbare Dramen oder tragische Einzelfälle handelt. Hier stehen Journalist*innen in der Verantwortung. Denn das einzig Dramatische an dem Thema ist der verharmlosende Umgang vieler Medien und die Ignoranz in weiten Teilen der Gesellschaft.

Nachtrag, 29.11.2018. Zunächst hieß es im Text, es komme jeden zweiten bis dritten Tag „zu einem Mord“ an einer Frau. Nicht jeder Fall muss aber zwingend Mord sein, es kann sich etwa auch um Totschlag handeln. Danke für den Hinweis in den Kommentaren.

69 Kommentare

  1. „Ehrenmord“ trifft das Tatmotiv schon sehr exakt, es fehlt lediglich die Einsicht, dass das die Psychologie des (westlichen) bürgerlichen Individuums eben auch gewaltsam auf eine Beschädigung seines Selbstbildes durch Trennung o.ä. reagieren kann (da findet die Ehrverletzung statt) und sich solches nicht nur im Kontext von vermeintlich vormodernen, archaischen Kulturen und/oder Religionen (wie z.B. der tibetischen Gelbmützensekte) findet.

    „Femizid“ natürlich wie üblich dumm, da es selbstverständlich auch Frauen gibt, die Partner oder Kinder aus o.g. Gründen hinmeucheln.

  2. Mein Hasswort ist im übrigen „Speakerin“ (nicht nur in der gegenderten Version, dort aber zuverlässiger den „gespeakten“ Inhalt beschreibend: „Es ist schon jeder Unsinn gesagt worden, aber noch nicht von einer Frau…“):
    „Reden können; gut sprechen; einen Saal zu ›haben‹ – das ist eine der niedrigsten Fähigkeiten, die es gibt. Sie ist in Deutschland so selten, daß der gute Redner stets angestaunt wird. Für einen Menschen und nun gar für eine Sache besagt die Tatsache, daß einer gut reden kann, noch gar nichts.“ — Peter Panter, Die Weltbühne, 09.08.1932, Nr. 32, S. 205.

  3. „Denn das einzig Dramatische an dem Thema ist der verharmlosende Umgang vieler Medien und die Ignoranz in weiten Teilen der Gesellschaft.“

    Mit solchen Ratschlägen kann ich aber wenig anfangen. Dass die Springer Presse und deren Rudelsanhänger noch nie Wert auf Moral oder Anstand gelegt haben, sollte doch die Verharmlosung erklären. Die schreiben so gerne von Sex-Tätern, weil die sich m.E. nach besonders an solchen Geschichten aufgeilen. Das ist für mich keine Ignoranz, sondern mutwillige Boshaftigkeit. Als Springer-Redakteur klopft dir Luzifer jeden Tag auf die Schulter.

    Doch warum soll es kein Drama sein, wenn sich Familien oder Lebensgemeinschaften an die Gurgel gehen? Natürlich ist das ein Drama, anders kann ich das nicht betrachten, sonst fühle ich mich kaltherzig. Wir dürfen nur nicht zulassen, dass das Drama in der Berichterstattung zu einer romantischen Leidenschaft verklärt wird, so wie es von den sensationsgeilen „Journalisten“ und deren unmoralischen Lesern viel zu oft gewollt wird. Mord ist Mord und deshalb wird mir nicht verständlich, warum der Mord an Frauen nun besonders sein und als Femizid bezeichnet werden soll. Was ist mit Morden an Kindern, Alten, Menschen mit Einschränkungen etc.? Müssen wir nun für jeden Mord eine dramatische Bezeichnung finden? Also wenn Kinder sterben ein Liberizid, wenn Alte sterben ein Geronizid und bei den Menschen mit Handycap ein Incommodizid? Es wird doch hoffentlich keine Frau abwerten, wenn man den Mord an einer Frau erst mal als Mord bezeichnet.

    Von Feminiziden zu sprechen, also Tötungsdelikten an Frauen „als Folge von Geschlechterdiskriminierung“ ist erst in der Präzisierung möglich, also „Es war ein Mord, über die Beurteilung der Hintergründe lässt sich auch von einem Femizid sprechen“ ist doch unproblematisch. Zuerst zu sagen, es wurde ein Femizid verübt, wenn man von einem Mord an einer Frau spricht, ist der falsche Weg. Ich bin für gewöhnlich auf der Seite der Gleichberechtigungserstreiter und da in mir auch ein kleiner Sexist wohnt, kann ich verstehen, wann Ideen zur Gleichberechtigung von der maskulinen Seite als etwas gutes und schlechtes betrachtet werden. Es trägt meiner Meinung nach nicht zur Gleichberechtigung bei, Morde an Frauen zu überhöhen, Frauen sind i.d.R. genauso wenig heilig wie Männer und tragen genauso zur Meinungsverschiedenheit bei wie ihre Pendants. Um Missverständnisse vorzubeugen: die Würde des Menschen ist unantastbar. Deshalb funktioniert Gleichberechtigung, wenn man sich unter verschiedenen Menschen als gleichberechtigt fühlt. Umso abgehobener die eine Seite wird, umso schwerer ist die Vermittlung. Deshalb schäme ich mich nicht nur für Männer, die kranke Dinge tun, die mir nie in den Sinn kommen würden, sondern auch für Frauen, die beim Versuch, den Fuß der Gleichberechtigung weiter in den Spalt der schon leicht geöffneten Tür drücken zu wollen, die offenbar schwierigste Hürde übersehen, nämlich die verständliche Emotionalität einfach mal zu streichen, um dem Gegenüber die Korrektheit des Unterfangens vorzuführen. Dieser Artikel hier ist zwar einigermaßen sachlich, aber er bedient sich zu sehr an angreifenden statt klärenden und meiner Ansicht nach deshalb pseudofeministischen Standpunkten und entwertet dabei seine Unterweisungsfunktion.

    Wenn ich (ein Mann) unterdrückt werde und aus dieser Unterdrückung entkommen wollen würde, wäre es mir zuerst ein Anliegen, auf der Ebene derjenigen zu bleiben, die ich überzeugen möchte und dann mit stetem Tropfen die Überlegenheit zu beweisen, die ich partout niemals behaupten darf. Oder ich räume meine Gegner aus dem Weg, wenn die Irrationalität zu gefährlich wird. Insofern kann ich die Emotionalität von Feministinnen verstehen, viel zu viele Männer sind boshafte Bastarde. Doch vorsicht, die sind nicht grundlos so drauf und sobald man seine Empathie auspackt, muss man aufpassen, dass nichts von der fehlenden Moral abfärbt.

    „Die Erkenntnis, dass Partnerschaftsgewalt eine Systematik hat und es sich nicht um unabdingbare Dramen oder tragische Einzelfälle handelt.“

    Dramen haben auch eine Systematik, welche sich häufig an typischen Problemen zwischen Partnern orientieren. Außerdem ist jeder Fall für sich tragisch und für sich so speziell, dass er untersucht werden muss, ohne ihn sofort anderen Fällen mit ähnlichen Merkmalen zuzuordnen. Das gebieten uns mindesten der Anstand und die Logik. Man kann ja viele Erkenntnisse haben, aber man sollte sie aus allen Perspektiven betrachten und abwägen, damit man erkennen kann, ob diese Erkenntnis wichtig oder nützlich ist, ob es einem nur so vorkommt, oder ob man die Erkenntnis gleich wieder archivieren oder aussortieren kann. Wussten Sie übrigens, Partnerschaftsgewalt hat Systematik! Nein, doch, ohhh.

  4. Laut Bundeskriminalamt sind voriges Jahr 147 Frauen in Folge von Gewalt in der Partnerschaft getötet worden. In Deutschland kommt es demnach so jeden zweiten bis dritten Tag zu einem Mord an einer Frau. Wird darüber berichtet, ist so gut wie nie die Rede von Frauenmorden oder gar Femiziden, ein Begriff, der den gewaltsamen Tod von Frauen durch Verbrechen bezeichnet.

    Ebenfalls laut Bundeskriminalamt sind im Jahr 2017 insgesamt 600 Opfer von versuchtem oder vollendetem Mord geworden – im Vergleich zu 430 Frauen. Die Zahl der Männer ist dabei seit mehr als 30 Jahren immer größer als die der Frauen.

    Seltsamerweise wird aber der Begriff „Androzid“ noch viel seltener verwendet als „Femizid“, noch scheint es – im Gegensatz zur Gewalt an Frauen – überhaupt einen geschlechtsspezifischen Umgang mit dem Phänomen geben.

    Wie ist das zu erklären: Eine Gruppe ist konstant überrepräsentiert als Opfer, aber die andere erfährt konstant stärkere Aufmerksamkeit?

  5. Der blinde Fleck des Feminismus ist halt, dass immerzu nur geschaut wird: Wie kommt die Frau da vor?

    Deswegen „Femizid“ wenn denn (bei welcher Motivlage auch immer) eine Frau zum Opfer wird (evtl. als „erweiterter Femizid“, wenn’s denn auch gleich die Kinder einer Partnerschaft erwischt; kann man dann auch verwenden wenn frau sich mitsamt den Nachkommen selbst entleibt).

    Dass diese ideologische Sicht den Kern der Sache komplett verfehlt, dass die Vorstellung eines „gelingenden Lebens“ auf Seiten des Täters (oder der Täterin) eben mit der durch eine Trennung bedrohten heilen Welt der bürgerlichen Kleinfamilie untrennbar verbunden ist, geht da komplett unter.

    Nix Motivforschung, Hauptsache ist, dass Frau (und nur als Frau) wieder als Opfer vorkommt.

  6. Sorry, aber wenn feministischer Journalismus bei einem so wichtigen und traurigen Thema ernstgenommen werden will, sollten auch Fakten darin vorkommen und die Emotionalisierung nicht auf die Spitze getrieben werden.

    Fakt ist, dass es das Problem gibt – Fakt ist aber auch, dass das Problem eher kleiner als größer wird. Auch wenn jeder einzelne Fall sicherlich ein menschliches Drama ist, tut man sich mit einer solch pauschalen und emotionalen Betrachtung des Themas aus feministischer Sicht sicher keinen Gefallen.

    Zum gleichen Thema hat Thomas Fischer bei Spon einen wie üblich sehr streitbaren, aber deutlich besser begründeten Beitrag geschrieben ( http://m.spiegel.de/panorama/justiz/beziehungsgewalt-gefaehrliche-orte-kolumne-a-1240033.html ).

  7. @6
    >Zum gleichen Thema hat Thomas Fischer bei Spon einen wie üblich sehr streitbaren, aber deutlich besser begründeten Beitrag geschrieben

    Vielen Danke, der war mir entgangen.

    [nach dem Lesen der ersten Absätze]
    Das Ministerium für Gedöns (BMFSFJ) scheint auf allen Ebenen einer dringenden Säuberung von durchgeknallten Ideolog*_Innen zu bedürfen; von der Überprüfung, was da alles mit Steuermitteln gefördert wird mal ganz abgesehen.

    „Beziehungsgewalt“ ist also alles (including nicht geleistete Unterhaltszahlungen(!), egal ob dies mangels Masse passiert) wo frau als Betroffene vorkommt.
    Sehr schön, das beeinflusst dann auch gleich das Geschlechterverhältnis bei der Menge der Opfer wie bestellt.

  8. Die herrschenden Nazis im sogenannten Dritten Reich wollten alle Juden ausrotten, also ermorden. In Europa ist ihnen das zu einem großen Teil gelungen. Zu Recht spricht man von einem Völkermord oder einem Genozid.
    Die Tötung von einhundert bis zweihundert Frauen in Deutschland durch Männer einen Femizid zu nennen, ist von der Meinungsfreiheit gedeckt.

  9. Die Tat resultiert in einer Tragödie, die Umstände sind dramatisch. Nichts an diesen Wortzusammenhängen ist inhärent falsch. Man kann sich daran stören, dass sie so oft verwendet werden dass sie zu ausgelutschtem Nachrichtensprech degeneriert sind und damit eher die mangelhafte sprachliche Kreativität ihrer Urheber im Nachrichtenbusiness wiederspiegeln. Alternativvorschläge könnten z.B. sein „Beziehungsmord“ oder „Familienmord“. Aber weder sind diese Begrifflichkeiten verharmlosend noch sind sie diskriminierend. Oder sind Frauen als Mordopfer etwa höher zu stellen als Kinder oder männliche neue Partner dieser Frauen?

  10. Bisher hatte ich den Eindruck, Journalistinnen und -ten benutzten „Drama“ als Kurzbezeichnung für „Gewalttat mit mehreren Opfern“ und „Tragödie“ für „Unfall mit mehreren Toten“.

    Persönlich empfinde ich den Begriff „Drama“ keineswegs verharmlosend, da ich mit Drama in erster Linie Theaterstücke wie Hamlet assoziiere, an deren Ende typischerweise mehrere Tote liegen, die z.T. miteinander verwandt sind.
    Weiterhin, auch wenn manche das als Euphemismus wahrnehmen, bezweifle ich, dass das ein Euphemismus sein soll – welchen Grund hätten die Medien, solche Fälle kleinzureden? Wäre es aus deren Sicht nicht besser, das Geschehen zu – ähem – dramatisieren? Und wie könnte man eine Sache leichter „dramatisieren“, als dass man sie „Drama“ nennt?

    Aber ja, setzen wir noch einen drauf und verwenden eigene Wörter für Mord. Femizid, Infantizid, Gerontizid, Maskuzid, Romasintiquezid, Syrozid, etc. …

  11. „Beziehungsdrama“ und „Femizid“ sind beides Begriffe, welche die Schuld des einzelnen Täters in eine gesellschaftliche („strukturelle“) Ebene ziehen wollen. Mit beidem sollte man vorsichtig sein und verantwortungsvoll umgehen.

  12. Wenn in einem Satz mit dem Reizwort „Beziehungsdrama“ eine Zahl getöteter Menschen vorkommt, fällt es zumindest mir schwer irgendeine „Verharmlosung“ zu erkennen. Der Duden gibt die Verharmlosung auch nicht her.

    Man kann natürlich darüber diskutieren, doch der mehr als nur noch besserwisserische und apodiktische Ton vieler Stimmen dabei ist unangenehm und schon gar nicht konstruktiv – so als ob es per ordre de Mufti immer nur die eine Variante der gerade lauten Stimme gebe.

    Es gab allerdings eine gefühlte Abwertung des Begriffs „Drama“, indem es gedankenlos an vergleichsweise banale Dinge gehängt wird – vom Elfmeterdrama bis zum „Hartz-IV-Drama der SPD“. Als Steigerung gab es irgendwann mal einen „Amoklauf“ als ein disqualifizierter Sprinter minutenlang noch über die Tartanbahn tobte und nicht sofort in der Kabine verschwand. „Amoklauf“…

  13. Das einzige, was „Femizid“ potentiell besser markiert ist, dass ein Opfer weiblich war.

    Was es nicht markiert ist:
    – Das Geschlecht des/-r Täter(s) *In (bei einem Beziehungsmord in einer lesbischen Partnerschaft z.B.)
    – Dass Täter und Opfer zusammenleb(t)en, Lebenspartner waren

    Die Konstruktion auf Basis des *zid transportiert semiotisch zudem als die Komponente einer geplanten und vorsätzlichen Ausrottung einer definierten Gruppe, beispielhaft dazu Genozid und Herbizid. „Femizid“ ist deshalb IMHO völlig unpassend und eine selbstvergessene Verharmlosung von ideologisch/ethnisch motivierten Massenmorden.

    Aber genau diese Anlehnung ist -zumindest meinem Eindruck nach- erwünscht. Erinnert mich an Brigitte Seehofer’s Klage, Banker würden in Deutschland ähnlich schlimm verhetzt wie Juden im 3. Reich.

    Könnte es evtl einen passenderen Begriff als „Beziehungsdrama“ geben? Vielleicht. „Femizid“ ist es trotzdem nicht. Und es passt eben auch nicht zu den -lt. BKA- 20% der „Beziehungsdramen“ mit Todesfolge, bei denen das Opfer männlich ist. Und bei denen ich auch wirklich gerne auf eine Benennung als „Androzid“ verzichte.

    Ich finde allerdings „Beziehungsdrama“ ziemlich unmissverständlich

  14. …und habe noch nicht erlebt, dass bei einer entsprechenden Meldung nicht sofort klar geworden wäre, welchen Geschlechts der/die Täter*In war.

  15. Kommt noch hinzu, dass zu den allermeisten Zeitpunkten, zu denen Medien über solche Taten berichten, noch nicht beurteilt werden kann, ob es sich um eine geplante, kaltblütige oder vielleicht in mehreren Anläufen vollführte Tat handelt, ob also überhaupt Mordmerkmale vorliegen.

    Dass es sich um eine dramatische Entwicklung handelt, die für die Beteiligten tragisch geendet ist, ist aber dann für die Journalisten oft schon ersichtlich.

  16. Ich fände irgendwas mit „getötet“ am unmissverständlichsten.
    Mord muss geplant sein, das passt dann nicht, wenn der Täter nicht wegen Mordes verurteilt ist.

    Drama ist mir ein viel zu alltägliches Wort. Dramaqueen usw. Außdem ist Drama nur ein Oberbegriff für Geschichten mit Wendepunkten. Ein Drama kann auch eine Komödie sein. Bei Beziehungsdrama denk ich eher an Trennungen mit viel Lärm oder höchstens, dass einer im Krankenhaus landet und nicht gleich, dass nicht nur der Ex, sondern auch Kinder getötet wurden.
    Bei Tragödie denk ich eher an schlimme Unfälle, z.B. wenn eine Familie in ihrem Haus verbrennt, weil sie das nicht mitbekommen.
    Drama und Tragödie kann alles Mögliche sein. Diese Wörter werden viel zu häufig für Kleinigkeiten genutzt, sodass sie zu wenig sind, wenn man über nicht mehr lebende Menschen redet.
    Wenn es Mord war, kann man Mord schreiben, ansonsten irgendwas mit Todesfolge oder Totschlag, je nachdem, was es genau war.

    Das Wort Femizid kann ich verstehen, aber würde ich nicht benutzen. Ich möchte, dass jede Art von Töten verurteilt wird und nicht die an Frauen ganz besonders. Wenn man das Töten an sich verhindert oder noch weiter reduziert, dann werden auch weniger Frauen und Kinder getötet.
    Die Gewalt gegen Frauen ist ein viel größeres Problem, weil Frauen meistens kleiner und schwächer sind, dann gibt es oft Machtgefälle oder Abhängigkeiten, finanziell oder wegen der Kinder. Wie im Artikel steht, diese Frauen kommen da schlecht raus.

  17. „Laut Bundeskriminalamt sind voriges Jahr 147 Frauen in Folge von Gewalt in der Partnerschaft getötet worden. In Deutschland kommt es demnach so jeden zweiten bis dritten Tag zu einem Mord an einer Frau.“

    Definition Mord: „vorsätzliche Tötung eines oder mehrerer Menschen aus niedrigen Beweggründen“ (Quelle: Duden)

    Die Autorin unterstellt damit: wenn eine Frau getötet wird, ist es immer vorsätzlich und immer aus niedrigen Beweggründen.

    Seriös kann man das erst nach einer polizeilichen Untersuchung sagen. Die automatische(!) Gleichsetzung von Tötung mit Mord erfolgt typischerweise an den politischen Rändern wenn Täter und Opfer aus der ideologisch erwarteten Milieus kommen – seriöse Presse macht das nicht weil es sachlich nicht korrekt ist.

  18. Derailing-Tipp #1:
    Steht im Artikel irgendwas mit „Femi“, gehe nicht auf das Artikelthema ein, sondern fokussiere dich ausschließlich auf die Schlechtigkeit des Feminismus!

  19. „Femizid“ hätte den Vorteil, dass damit Mord, Totschlag und Körperverletzung mit Todesfolge zusammengefasst werden kann, d.h., man kann es verwenden, bevor ein Gericht ein Urteil fällt, oder gar nicht fällt, wie im Beispiel, da der Täter sich auch umgebracht hat.
    Nur wäre beim Beispiel die Überschrift statt „Beziehungsdrama in Jena“ „Femizid, Infantizid, Maskuzid und Suizid in Jena“. Oder „Dreifacher Mord plus Selbstmord in Jena“. Für mich klingt das weniger nach Shakespeare und dafür mehr nach Sport. Ob das soviel besser ist?

  20. @20:
    WENN Ideologiekritik ungleich Bestandteil des Artikels DANN Ideologiekritik = Derailing

    Oder generell:
    Wenn nicht Bestandteil des Artikels, dann Derailing.
    Statt Derailing könnte man auch sagen „Hat nichts mit dem Artikelthema zu tun.“
    Der Lehrer würde in rot an den Rand schreiben: „Bezug?“

    Ansonsten eigenen Blog aufmachen, es zum Thema machen und dann in der eigenen Kommentarspalte darüber diskutieren, is doch gar kein Problem :D

    @19:
    Hört sich stark nach Linguzid an ;)

  21. Mich stört die Verwendung des Begriffs „Familiendrama“ in diesen Zusammenhängen auch immens. Nicht, weil er inhärent falsch wäre, sondern aufgrund der Bilder und Emotionen, die er beim Rezipienten zeichnet. Zumindest bei mir lösen die Begriffe „Massenmord“ und „Familiendrama“ initial andere Bilder und Emotionen im Kopf aus, auch wenn in beiden Fällen Menschen aus bescheuerten Motiven heraus ermordet wurden. Bei dem Begriff Familiendrama wirkt es immer danach, dass hier ein lange schwelender Konflikt letztlich in einen hässlichen Klimax gipfelte und nicht danach, dass hier ein A*** seinen sorgsam gehegten Gewalt- und Rachefantasien nachging.

    Alleine deswegen wäre ich für andere Begriffe: Damit solche Ereignisse und deren Ursachen evtl. mal länger diskutiert werden. Bei Ehrenmorden hat man es durch das Framing ja auch geschafft, dass da eine größere gesellschaftliche Debatte angestoßen wurde. Aber gut, da betraf das ja nur eine gesellschaftliche Minderheit – wir Männer sind ja Gott sei Dank noch immer weit davon entfernt eine Minderheit zu sein (auch wenn wir zahlenmäßig unterlegen sind).

  22. >Bei dem Begriff Familiendrama wirkt es immer danach, dass hier ein lange schwelender Konflikt letztlich in einen hässlichen Klimax gipfelte und nicht danach, dass hier ein A*** seinen sorgsam gehegten Gewalt- und Rachefantasien nachging.

    Und das es stets letzteres gewesen ist, steht halt einfach mal so fest!
    Und soll per „Framing“ (was würden diese traurigen Gestalten nur ohne stets neue Modewörter aus den USA anstellen) eingehämmert werden.

    Als ob das irgendwas ändern würde, aber das hat ja diese Sorte linguistic-turn „Progressive“ (von Linken mag man ja nicht ernsthaft reden) noch nie gestört.

    Zugegeben, „Familiendrama“ kling eher nach „Diese Drombuschs“ und Genreverwandtes. ;)

    Ich plädiere ja dafür „Ehrenmord“ flächendeckend unabhängig von der Herkunft der Täter zu verwenden, wenn die Motivlage entsprechend ist.

  23. @17: Definition Mord bitte nicht im Duden suchen, sondern in § 211 StGB. Niedere Beweggründe sind nur ein Mordmerkmal von vielen. Die Gleichsetzung von Tötung/Totschlag und Mord im Artikel ist (mindestens juristisch) falsch. Bedauerlich, wenn Hauptthema des Artikels Begriffskritik ist.

  24. @21:
    Ja, ein bisschen stirbt die Sprache dabei. ;-)
    Ich sehe es, wie gesagt, ein Stück weit ein, wenn man mit „Beziehungsdrama“ nicht so glücklich ist, und wenn man tatsächlich eine Debatte über Gewalt in Beziehungen und Familie führen will, ist der Begriff nicht sachlich, wegen den ganzen unterschiedlichen Assoziationen, die unterschiedliche Menschen damit haben.
    Aber bei dem konkreten Beispiel ist es einfach falsch, von einem Femizid zu reden, wenn exakt 25% der Getöteten eine Frau sind.

  25. Ich halte von diesem Appell ebenfalls garnichts.
    Ein Mord bleibt ein Mord, ein „Familiendrama“ eben ein Familiendrama.
    Vom „Femizid“ können wir sprechen, wenn systematisch Frauen ermordet werden (analog zum Genozid). Vorher davon zu sprechen ist eine Frechheit gegenüber allen tatsächlich aus Gründen von Religion o. Ä. verfolgten.

  26. In der BILD steht als erstes, dass der Mann ausgerastet ist. Damit kann sich der Leser gleich schon durch die Überschrift mit dem Täter identifizieren, vor allem Leser, die öfter gegenüber ihren Frauen “ausrasten“. Solche Formulierungen sind geeignet, beim Leser Verständnis für den armen, mit seiner Situation überforderten Täter zu wecken. Am Ende entsteht der Eindruck, dass der Täter auch nur ein Opfer dieses Dramas geworden ist. Alle Formulierungen, die die Grenze zwischen Tätern und Opfern verwischen, sollten vermieden werden.
    Wie bei Berichten über Selbstmorde, sollte genau auf die Wortwahl geachtet werden. Es muss unbedingt verhindert werden, dass der Eindruck entsteht, dass verlassene Männer durch das Begehen bestialischer Morde, zu bemitleidenswerten Opfern werden.
    Die Begriffe Femizid oder Feminizid sollten in der Berichterstattung verwendet werden, um das Töten von Frauen, weil sie Frauen sind, sichtbar zu machen. Da selbst reiche heterosexuelle weiße Männer, sich heutzutage als Opfer von Diskriminierung inszenieren können, sollte immer wieder darauf hingewiesen werden, wie die Machtverhältnisse tatsächlich verteilt sind.

  27. @27

    Dass Frauen getötet werden „weil sie Frauen sind“, ist eine haltlose Unterstellung und wäre nachzuweisen, bevor man irgendwas „sichtbar macht“ oder wie das in diesem idiotischen Jargon heisst.
    Ohne entsprechenden Nachweis ist dieses „Sichtbarmachen“ ideologisch motivierte Verbreitung von Fakenews.

  28. @Sarah:
    „Alle Formulierungen, die die Grenze zwischen Tätern und Opfern verwischen, sollten vermieden werden“
    „Ausrasten“ vermischt also die Grenze zwischen Opfer und Täter? Waren Sie dabei? Was wäre denn ein „genehmes“ Wort?

    „Die Begriffe Femizid oder Feminizid sollten in der Berichterstattung verwendet werden, um das Töten von Frauen, weil sie Frauen sind, sichtbar zu machen“
    Sollte das irgendwann passieren, können wir das Wort gerne nutzen. Bis dahin sind es aber „nur“ Beziehungstaten. Und weil es nunmal so ist, dass die meisten Beziehungen zwischen Mann und Frau bestehen, bringen „heterosexuelle Männer“ nunmal „heterosexuelle Frauen“ um.
    Das Wort „Femizid“ nutzen zu wollen ist eine Anmaßung sondergleichen und sagt nur etwas über die Geltungssucht der Frauen, die das fordern.

  29. Danke @RKTFD und @ICHBINICH für den Hinweis
    “Weil sie Frauen sind“, stammt aus der Definition der Weltgesundheitsorganisation für den Begriff des Femizids, in der im Text verlinkten, Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linkspartei.

  30. @30

    Die Definition hat niemand angezweifelt, das Motiv „weil sie Frauen sind“ bei den angeführten Tötungshandlungen allerdings schon.

    Das ist doch nicht so schwer.

  31. Am Ende entsteht der Eindruck, dass der Täter auch nur ein Opfer dieses Dramas geworden ist. Alle Formulierungen, die die Grenze zwischen Tätern und Opfern verwischen, sollten vermieden werden.

    Wenn man Leuten zuhört, die sich beruflich in diesem Bereich auskennen*, dann stellt man schnell fest, dass es genau diese Grenze ist, über die sie gerne mehr wissen würden. Die muss meistens gar nicht erst verwischt werden. Frauen wie Männer, die Gewalttaten im familiären Umfeld begehen, sind vorher sehr häufig selbst Opfer solcher Gewalt geworden. Zu verstehen, warum ein Täter „ausgerastet“ ist und wann er zuvor die Linie überschritten hat, heißt in solchen Fällen auch, dass man lernen kann, wie man in Zukunft besser vorbeugen kann.

    Es muss unbedingt verhindert werden, dass der Eindruck entsteht, dass verlassene Männer durch das Begehen bestialischer Morde, zu bemitleidenswerten Opfern werden.

    Wer Taten verstehen will, anstatt sie einfach als „bestialische Morde“ abzustempeln, der macht nicht die Täter zu Opfern, sondern hilft dabei, dass es in Zukunft hoffentlich weniger Opfer gibt. Andersherum wird wohl keine einzige Gewalttat in Familien verhindert, bloß weil man den Täter „klarer“ betitelt. Der wird sich nämlich kaum davon abschrecken lassen.

    *und das kann man, denn sie sprechen und schreiben vergleichsweise bereitwillig darüber

  32. @sarah:
    Was RKTFD sagt.

    Noch eine Ergänzung zum hoffentlich besseren Verständnis: als in China Mädchen gehäuft aufgrund der 1 Kind Politik getötet wurden, konnte man vermutlich — so genau kenne ich mich bei diesem Thema nicht aus — von einem Femizid sprechen. Denn dort wurden Kinder aufgrund des Geschlechtes getötet. In einer Beziehungstat wird im generellen nicht getötet, weil der Gegenüber eine Frau ist, sondern aus anderen Gründen (Eifersucht, Rache,…). Es ist also i. A. kein Femizid. Das zu Behaupten schmälert alle die Taten, wo tatsächlich Femizide (oder andere, ähnlich gelagerte Fälle) vorliegen und sollte daher unterlassen werden.

  33. @34:

    Und selbst in China lag der Grund nicht in der erkannten Frauennatur des Opfers, sondern an dem unglücklichen Zusammentreffen von noch vorherrschenden traditionellen Vorstellungen (wenn nur ein Kind, dann wenigstens ein Junge) und der 1-Kind Politik (die wegen Versorgungsaspekten eingeführt wurde).
    Die Täter waren in diesem Fall übrigens häufig Frauen.

  34. Es geht in dem Artikel ausdrücklich um Gewalt durch Partner oder Expartner. „Femizid“ meint dabei auf struktureller, geschlechterspezifischer Gewalt beruhende Taten. Nicht jeder Mord an einer Frau wäre nach dieser Definition also ein Femizid (und das fordert der Artikel auch gar nicht), aber da die Opfer von sogenannten „Beziehungstaten“ in der weit überwiegenden Mehrheit der Fälle Frauen sind und die Täter Männer, kann und muss man meiner Meinung nach sehr wohl von einem strukturellen Problem sprechen.
    @Vonfernseher: Ursachenforschung ist natürlich immer erforderlich, wobei man da bzgl. Gewalt ja nun nicht gerade bei Null anfangen muss. Wenn aber Gewalterfahrung in der Kindheit, leicht kränkbares Ego und die gesellschaftlich legitimierte Vorstellung, dass Männer „halt mal ausrasten“ zu Tötungsdelikten führt, muss man das Problem eben auch beim Namen nennen. Die Opfer sind die misshandelten und getöteten Personen, nicht die in der Ehre gekränkten Täter.

  35. @inga :
    Das die Mehrzahl der Täter Männer — und damit bei Beziehungstaten automatisch die Opfer Frauen — sind, lässt sich aber viel einfacher erklären: Männer sind generell gewalttätiger. Meist sind die Opfer tatsächlich auch Männer, nur bei Beziehungstaten aus o.g. Gründen logischerweise nicht.
    Demzufolge liegt hier nirgends ein Tatbestand eines „Femizids“ vor, und wenn überhaupt sollte man das strukturelle Problem angehen, dass Männer gewalttätiger als Frauen sind. Aber vermutlich interessiert es bei den „normalen“ Morden nicht, weil es ja keinen Frauen trifft? Oder sind das dann automatisch auch „Maskuzide“ (gibt es das Wort für Männer überhaupt?)

  36. @ichbinich: Ja genau, Männer sind statistisch betrachtet gewalttätiger. Und lassen das an strukturell Schwächeren aus. Man kann sich jetzt hinstellen und mit der Schulter zucken, weil „ishaltso“, oder man sagt: Nennt das gefälligst beim Namen und verharmlost das nicht mit Vokabeln wie „Familiendrama“, „Ehrenmord“ oder „Beziehungstat“. Ich muss mich dabei nicht auf „Femizid“ versteifen, finde das auch nicht unbedingt erforderlich, aber „Mann bringt Frau und Kinder um“ trifft es meiner Meinung nach eher als „Familiendrama“, an dem ja auch Frau und Kinder irgendwie mit schuld scheinen.
    Und doch, es interessiert mich sehr wohl, dass Männer insgesamt öfter mit Gewalt zu tun haben – sowohl als Täter als auch als Opfer. Aber das ist einfach eine andere Diskussion und spielt halt für die Frage, ob „Familiendrama“ verharmlosend ist, keine Rolle.

  37. @Inga
    Nein, da muss man nicht bei Null anfangen, sondern man kann – wie ich bereits schrieb – ausreichend bei denen nachschlagen, die sich damit beruflich auseinandersetzen.

    Ich sehe im Begriff Beziehungstat aber keine Verharmlosung, sondern eine sehr sachliche und eingängige Beschreibung: eine Straftat, deren Motiv in einer persönlichen Beziehung gründet.

    Verharmlosend bis wegwischend finde ich Ihre Reduzierung der Täterbiographie auf gekränkte Ehre bis maximal gesellschaftlich legitimierter Ausraster. Wenn man die Täter als Bestien außerhalb der Gesellschaft stellt, kann man sich zwar toll von ihnen abgrenzen, hilft damit aber bestimmt nicht den Opfern.

    Übrigens: Dass Täter Machtgefälle ausnutzen, ist eben keine männliche Eigenschaft. So wie fast ausschließlich Männer Frauen in Zweierbeziehungen Gewalt antun, so misshandeln Frauen meist eher kleine Kinder und alte Menschen, die in ihrem Haushalt leben.

  38. @RKTFD
    “Die Definition hat niemand angezweifelt, das Motiv „weil sie Frauen sind“ bei den angeführten Tötungshandlungen allerdings schon.

    Das ist doch nicht so schwer.“

    Ich habe mitbekommen, dass sie hier etwas anzweifeln, es interessiert mich nur nicht.

    Für die WHO besteht kein Zweifel, dass Frauen ermordet werden, “weil sie Frauen sind“ und dass “in den meisten Fällen Femizide von den (Ex-)Partnern begangen werden“.

    @VONFERNSEHER #33
    Das Problem muss von beiden Seiten angegangen werden.

    1. Hilfe für mehrere zehntausend Frauen, die im Moment in Deutschland unter häuslicher Gewalt leiden und sich dadurch in Lebensgefahr befinden. Diese Frauen sind oft auch Mütter. Für Mütter ist es besonders schwierig, sich aus solchen Situationen zu befreien, da sie durch die gemeinsamen Kinder an die Männer gebunden sind. Väter können beispielsweise ihre Umgangsrechte mit den Kindern benutzen, um die Mütter auch nach der Trennung weiter zu quälen.
    Das ganze Thema Umgangsrechte, in Verbindung mit häuslicher Gewalt, ist ein schwieriges und vielschichtiges Problem.
    http://www.spiegel.de/plus/haeusliche-gewalt-die-justiz-zwingt-muetter-ihre-kinder-anzuluegen-a-0f38b683-c376-4972-80f7-4cbdc51f4b9b

    2. Ursachenforschung
    Leute, die sich beruflich mit dem Thema beschäftigen, haben herausgefunden, dass männlichen Kindern während ihrer Sozialisation, ein äußerst beschränkendes Männlichkeitsideal aufgezwungen wird, unter dem sie selbst leiden und das auch für Frauen zum Problem werden kann.
    https://ze.tt/wenn-maennlichkeit-toxisch-wird-so-leiden-maenner-unter-geschlechterrollen/

  39. Ok, „ausrasten“ ist tatsächlich etwas unangemessen. Das ist jetzt aber ein BILD-Spezifikum; aber selbst BILD möchte ich nicht unterstellen, dass die da Mehrfachmord als gesellschaftlich akzeptables Mittel der Konfliktlösung betrachten oder so darstellen wollen.

    Ich bezweifle schlicht, dass das gesellschaftlich akzeptiert ist. Ich bezweifle, dass der Mörder im Beispielfall gedacht hat, dass das gesellschaftlich akzeptiert ist. Erstens, wieso sollte der das denken? Zweitens, er hat sich direkt danach umgebracht und muss sich nicht mehr rechtfertigen.
    Ich bezweifle aber vor allem, dass irgendeine andere Formulierung in einer Zeitung so eine Wirkungsmacht entfaltet, dass jemand deshalb seine Ex, deren neuen Lebensgefährten, sich selbst oder gar das eigene Kind NICHT umbringt.

  40. Ablenkungsdebatte?

    Ja, eingen passt das Wort „Femizid“ nicht, verstanden.
    Ich find’s hier auch falsch verwendet, aber wayne?
    Thema? Bezug?

    Wer „Ausraster“ (abseits der Norm) nicht als Verharmlosung begreifen will, der sollte den Artikel hier oben vielleicht noch mal lesen.
    „Das einzig Dramatische an dem Thema ist der verharmlosende Umgang vieler Medien und die Ignoranz in weiten Teilen der Gesellschaft.“
    Dazu gehört auch, beim Thema zu bleiben und sich nciht an einzelnen, unliebsamen Wörtern aufzuhängen.
    Ansonsten kann ich den Willen zu tatsächlicher Diskussion nicht erkennen.

  41. @Anderer Max
    Die Verfasserin diskutiert den Begriff nicht ehrlich, sondern lässt ihn als Vorschlag so stehen. Mithin ist der Begriff ganz bestimmt zentraler Bestandteil des Textes (denn es gibt ja auch keinen Alternativvorschlag) und die Auseinandersetzung damit kein Ablenkungsmanöver.

  42. @Vonfernseher: Ja, ist klar. Einfach mal die Begründung „eigene Gewalterfahrung in der Kindheit“ (einer der stärksten Prädiktoren für Gewalttaten) weglassen und schon bin ich es, die hier die „Täterbiographie verkürzt“ (in einem wenige Zeilen langen Kommentar, wohlgemerkt; merkwürdiger Vorwurf). Frauen haben übrigens auch schwere Kindheiten. Und ja, es geht um Machtgefälle, that’s the whole fucking point: strukturelle Gewalt gegenüber schwächer gestellten vs. „Beziehungstat“ (und ich bin übrigens die Letzte, die glaubt, dass Frauen, wären sie in der gesellschaftlich priviligierten Position, diese nicht genauso ausnutzen würden wie es heute immer noch viel zu viele Männer tun).
    An einer Beziehung sind immer mindestens zwei Personen beteiligt, ergo suggeriert „Beziehungstat“, dass die Opfer zumindest mitschuld sind. Das ist die Kritik. Und bei „Familiendrama“ oder „-tragödie“ kommt semantisch noch eine gewisse Unausweichlichkeit hinzu, so, als wäre die Tötung des Partners halt irgendwie zwangsläufig und der Täter irgendwie ausweglos reingerutscht. (Das ist nicht die einzige Assoziationsmöglichkeit, aber eben meine. Und offenbar die der Autorin. Wenn Sie andere Assoziationen haben, macht das meine weder falsch noch Ihre richtig. Und genau um so eine subjektive Betrachtung geht es in der Rubrik „Hasswort“.)

  43. @VONFERNSEHER #42
    “Die Weltgesund-
    heitsorganisation (WHO) definiert Femizid knapp als allgemeine Bezeichnung
    vorsätzlicher Morde an Frauen, weil sie Frauen sind.“

    Vorsätzliche Morde an Frauen, weil sie Frauen sind

    Opfer von vorsätzlichen Morden an Frauen, weil sie Frauen sind

    Sie werden Opfer von vorsätzlichen Morden an Frauen, weil sie Frauen sind.

    Weil sie Frauen sind, werden sie Opfer von vorsätzlichen Morden an Frauen.

    “Vorsätzliche Morde an Frauen“ würde ich unter Einbeziehung von “Nicht alle Tötungen an Frauen sind
    demnach Femizide, sondern nur jene, die durch die hierarchischen Geschlech-
    terverhältnisse motiviert sind.“ als signifikante Häufung gleich gelagerter Fälle interpretieren.

  44. Ich verstehe „Beziehungstat“ auch nicht als Verharmlosung. Und sorry @Anderer Max, aber in dem Text geht es zentral darum, das Wort durch „Femizid“ zu ersetzen.
    Wir können uns meinetwegen gerne auf Ingas „Mann bringt Frau und Kinder um“ einigen, aber „Femizid“ ist Unsinn.

    @Sarah:
    Ich habe ihren Text 3mal gelesen und keine Ahnung was Sie damit sagen wollen.

  45. @Inga

    An einer Beziehung sind immer mindestens zwei Personen beteiligt, ergo suggeriert „Beziehungstat“, dass die Opfer zumindest mitschuld sind. Das ist die Kritik.

    Nein, das ist keine Kritik, das ist Unsinn. Beziehungstat suggeriert das nicht, sondern legt dar, dass Täter und Opfer zum Tatzeitpunkt in einer Beziehung lebten. Ihre Interpretation dürfen Sie gerne vertreten, sie ist aber bestimmt nicht zwingend. Angestellte dürfen auch Chefsalat essen.

    @Sarah
    Frauen werden bei Beziehungstaten Opfer von Männern, weil sie in den allermeisten Konstellationen die Lebenspartner von ihnen sind, und nicht, weil sie weiblichen Geschlechts sind. Ich werde das aber jetzt nicht noch mehrfach aufschreiben.

  46. Auf der Webseite zu #KeineMehr, stehen einige Informationen über die Definition des Begriffs Femizid. Ich habe das so verstanden (ich bin keine Soziologin):
    Femizid ist nicht definiert als: Frauen werden Opfer von Morden, weil sie Frauen sind
    Sondern: Frauen werden Opfer von Morden an Frauen, weil sie Frauen sind
    (Frau als Bezeichnung für Zugehörige der sozialen Gruppe der Frauen, im Kontext hierarchischer Geschlechterverhältnisse, der Begriff “Femicide“ wurde von der Soziologin Diana E. H. Russell eingebracht)
    Männer können keine Opfer von Morden an Frauen werden, nicht weil sie nicht ermordet werden, nicht weil sie männlich (bezogen auf das biologische Geschlecht), sondern weil sie nicht der sozialen Gruppe der Frauen zugerechnet werden.
    Angenommen, es würden jährlich hunderte Krankenpfleger*innen einzelne oder mehrere ihrer Patient*innen töten, um ihnen ihr Erspartes zu rauben oder weil ein Krankenpfleger sich als Held inszenieren will oder um ihre Organe zu verkaufen (individuell unterschiedliches Motiv)…
    Um das Phänomen, des Auftretens hunderter Morde an Patient*innen zu beschreiben, würden sie nicht nur als Morde bezeichnet, sondern vielleicht genauer als Morde an Patient*innen 
    Stellen sie sich zwei Schlagzeilen vor:
    “Schon wieder ein Mord“ im Vergleich zu “Schon wieder ein Mord an Patient*in“
    Um zu beschreiben, dass Menschen Opfer dieser Morde wurden, weil sie als Patient*innen in einer schwächeren Positionen gegenüber Krankenpfleger*innen waren, könnte folgende Formulierung (unter Soziolog*innen 😉) gewählt werden:
    Menschen wurden Opfer von Morden an Patient*innen, weil sie Patient*innen waren.
    Wem das zu lang ist, könnte, Kraft ihres Soziologiestudiums, versuchen z.B. den Begriff Patient*innenzid als Mord an Patient*innen, weil sie Patient*innen waren zu definieren.
    In vielen Teilen der Welt, ist es z.B. so, dass Frauen mit der Heirat ins Haus des Mannes ziehen. Würden Ehemänner ins Haus der Familie ihrer Frau ziehen, würden die Frauen vermutlich seltener von ihren Männern z.B. geschlagen werden. Die Veränderungen könnten so weit reichen, dass auch keine weiblichen Babys mehr getötet werden, weil sie Frauen werden könnten (Frau ist definiert, als erwachsene, weibliche Person und weibliche Babys müssen, laut soziologischer Rollentheorie nicht zwangsläufig zu Frauen heranwachsen, soweit ich weiß, schwieriges Thema).
    Da aber die Machtverhältnisse nun schonmal verteilt sind, könnte versucht werden, ihnen gewissermaßen künstlich entgegenzuwirken.
    Stellen sie sich jetzt vor, um zu verhindern, das weiterhin Patient*innen getötet werden, werden  alle Patient*innen dieser Welt durch Vorstandsvorsitzende und Spitzenpolitiker*innen ersetzt. (Damit würde versucht, dem Machtgefälle zwischen Patient*innen und Krankenpfleger*innen entgegenzuwirken).
    Würde die indische Regierung, jeder Familie zur Geburt einer Tochter 100.000 INR zahlen, würden dann weniger weibliche Babys getötet?
    Würde jede von häuslicher Gewalt betroffene Frau* ab sofort ständig durch eine*n Polizist*in bewacht, würden dann weniger geschlagen, vergewaltigt oder getötet?
    Das das nicht möglich ist, ist mir schon klar.
    Es wäre aber schon ein bedeutender Fortschritt, wenn ausreichend Plätze in Frauenhäusern zur Verfügung stünden.

  47. @VONFERNSEHER
    Ich habe es verstanden. Wer mit gefährlichen Menschen zusammen lebt, lebt gefährlich und ist selbst im eigenen Zuhause nicht sicher vor gefährlichen Menschen. Deswegen braucht es sichere Orte, wo Menschen hingehen können, wenn sie nicht mehr mit gefährlichen Menschen zusammen leben wollen und wo ihnen geholfen wird, Gründen entgegenzuwirken, die sie dazu veranlassen könnten, wieder zu gefährlichen Menschen zurück zu gehen. Im Moment gibt es nicht genug dieser sicheren Orte und Personen, die ihnen helfen und zu viele Gründe zurückzukehren. Das ist eins der Probleme, um das es in dem Text geht.
    Ich stimme ihnen zu, das Problem muss auch von der Seite der Täter aus betrachtet werden. Eins schließt das Andere nicht aus, wie Inga schon sagte.

  48. Das Opfern von Gewalttaten (besser) geholfen werden sollte, darauf können bestimmt nicht nur wir drei uns einigen. Im Text geht es aber nunmal um Begrifflichkeiten und wie sie in der Presse verwendet werden.

  49. @Vonfernseher: Ich finde es sehr großzügig von Ihnen, dass Sie mir meine eigene Interpretation gestatten, vor allem, nachdem ich selbst darauf hingewiesen habe, dass es sich um eine subjektive Empfindung handelt. Wie sich ja auch die ganze Rubrik „Hasswort“ um subjektives Sprachempfinden dreht. (Lesen Sie Kommentare von Männern eigentlich auch so genau wie meine? Frage für eine Freundin).

  50. @Inga, #44:
    Verschiedene Assoziationen sind aber eine schlechte Diskussionsbasis. Bzw., eigentlich ist es überhaupt keine Diskussionsbasis, jemand sagt: „Ich bin gegen Wort a, weil damit Dinge assoziiere, die grob irreführend sind, und schlage daher Wort b vor.“ Jemand anderes sagt: „Ich habe diese Assoziationen nicht.“ Jemand drittes sagt: „Ich habe bei Wort b noch viel schlimmere Assoziationen, benutzen wir kompromissweise Wort c.“ Und eine vierte Person besteht dann auf Wort a und so weiter.

    Ich bräuchte gar keine Argumente, ich könnte mir bei jedem Wort einfach eine passend-unpassende Assoziation einfallen lassen, die niemand widerlegen kann.

  51. @Mycroft: *seufz*
    Und was wollen wir tun, wenn unterschiedliche Leute unterschiedliche Assoziationen haben (bei Interesse gerne mal Luhmann zum Thema Kommunikation lesen)? Vonfernseher fragen, weil er anscheinend der Obermufti der korrekten Wortinterpretation ist? Die Diskussion wird erst dann schwierig, wenn wir uns (wie Vonfernseher) weigern, die Assoziationen des anderen zu verstehen und auf der eigenen beharren, anstatt zu sagen, okay, interessant, ich sehe es zwar anders, aber ich verstehe, was du meinst. Ich kann z.B. ohne Probleme akzeptieren, dass für ihn der Begriff „Beziehungstat“ neutral ist. Für mich ist er es nicht. Worauf man sich aber hoffentlich einigen kann, ist, dass der Ausdruck „Beziehungstat“ kein Schlaglicht auf die Tatsache lenkt, dass von „Beziehungstaten“ hauptsächlich Frauen und Kinder betroffen sind. Und sofern man dies als ein strukturelles Problem begreift, sich für die Frage stellt, wie man dieses Problem besser in den öffentlichen Diskurs einbringen kann.

  52. @sarah:
    Das Patientenbeispiel passt nicht, da in dem die Patienten ja tatsächlich aufgrund ihres „Patient seins“ ausgewählt wurden. Die Frauen bei Beziehungstaten aber nicht.
    Zu Ihrer sonstigen Argumentation. Dann wäre jeder Mord ein *zid. Ein Mord an einem Mann ein „Maskuzid“ , an einem weißen ein „Albazid“ und ein Mord an einem alten ein „Senezid“. Ein Mord an einen alten weißen Mann wären dann sogar 3 *zide auf einmal. Dem sollte man dann aufgrund der Ungeheuerlichkeit dringend nachgehen..

    @Inga:
    Es ist wie gesagt kein strukturelles Problem. Oder wenn dann „nur“, dass Männer häufiger gewalttätig werden.
    Das Wort „Mord“ oder „Körperverletzung“ weist auch nicht explizit auf einen Mann als Opfer hin, obwohl strukturell sehr viel mehr Männer Opfer von diesen Taten sind.
    Der Logik nach müsste man dann alle Wörter umdefinieren. Und sollte sich das irgendwann mal umkehren (also z. B. mehr Frauen Opfer sein), das Wort ändern.
    Sorry, aber das halte ich generell für einen unsinnigen Vorschlag.
    Dann sollte man generell viel eher die Ursachen bekämpfen anstatt ständig irgendwelche Wörter ändern zu wollen. Das hilft nämlich niemandem.

  53. Eine Ergänzung nach dem nochmaligen Lesen :
    Mit „Es ist wie gesagt kein strukturelles Problem“ meine ich nicht, dass die Anzahl von Frauen, die in ihrer Beziehungen Gewalt ausgesetzt sind, ein zu vernachlässigendes Problem ist. Natürlich sollte man dort Möglichkeiten der Hilfe schaffen (Frauenhäuser, Beratungen etc.). Aber es ist mMn nicht strukturell in dem Sinne, dass dort Frauen aufgrund Ihres Geschlechtes als Opfer ausgewählt und verletzt/ermordet werden.

  54. @ichbinich
    Schön, sie haben es gelesen. Mehr hatte ich auch nicht erwartet. Es war sowieso nur als Einladung gedacht, sich wenigstens mal mit dem wissenschaftlichen Kontext eines Begriffes, der kritisiert werden soll, zu beschäftigen. Ich fand es sehr interessant. (Die Patient*innen sollten allerdings lieber befördert, statt ersetzt werden, um zu verdeutlichen, dass sie mit zusätzlichen Privilegien ausgestattet werden).
    Ich bin überzeugt, dass der Begriff “Femizid“ oder “Feminizid“ als Bezeichnung für “Tötungsdelikte an Frauen* als Folge von Geschlechterdiskriminierung“ verwendet werden sollte, auch von der BILD, wenigstens als Beitrag zur Bildung.

  55. Die Diskussion wird erst dann schwierig, wenn wir uns (wie Vonfernseher) weigern, die Assoziationen des anderen zu verstehen und auf der eigenen beharren, anstatt zu sagen, okay, interessant, ich sehe es zwar anders, aber ich verstehe, was du meinst.

    Ja, aber an der Stelle hört die Diskussion doch auch schon wieder auf. Ich habe meine, er hat seine, sie hat ihre. Wir beharren nicht auf unseren Assoziationen, sondern gewöhnen uns daran, unsere Assoziationen nicht zu verallgemeinern. *schulterzuck
    Der Artikel fordert aber, ein Wort wegen einer Assoziation durch ein anderes zu ersetzen. Ich kann anderen aber nicht zum Vorwurf machen, meine Assoziationen nicht zu haben. Bzw., kann ich schon, wäre aber unfair. Weil man Assoziationen nicht verallgemeinern darf.

    Worauf man sich aber hoffentlich einigen kann, ist, dass der Ausdruck „Beziehungstat“ kein Schlaglicht auf die Tatsache lenkt, dass von „Beziehungstaten“ hauptsächlich Frauen und Kinder betroffen sind.

    Einigen schon, aber ist es die Aufgabe eines Artikels über ein konkretes Verbrechen, Schlaglichter auf andere Verbrechen ähnlicher Art zu werfen? Weiterhin, im konkreten Beispiel sind genau je eine Frau, ein Mann und ein Kind zu Opfern geworden. Der Fall bestätigt also genau nicht, was das Schlaglicht zeigen soll.
    Ich unterstelle mal, dass – von BILD vllt. abgesehen – eine Reportage über Gewalt in Familien und Beziehungen nicht „Beziehungsdramen“ oder so genannt werden wird. Weil, so meine Hoffnung, da Fallbeispiele etwas besser ausgeleuchtet werden als hier.

  56. @Inga
    Sprache funktioniert nunmal nicht, wenn jeder etwas anderes bei einer Nachricht versteht. Also muss man sich auf eine Bedeutung einigen, die alle nachvollziehen können (Stichwort: „…Ich hab euch immer freundlich gegrüßt“). Empfindung und Süffisanz dürfen dann in die Metaebene, aber ganz ohne Signalebene geht es halt nicht. Und bei Begrifflichkeiten in öffentlicher und veröffentlichter Kommunikation – finde ich – klappt es mit weniger Metaebene besser, denn dann werden weniger Empfänger ausgeschlossen.

  57. @Mycroft

    “Der Artikel fordert aber, ein Wort wegen einer Assoziation durch ein anderes zu ersetzen.“

    Es wäre gut, einen neuen Begriff zu benutzen, der noch nicht so stark mit bestimmten Assoziationen verbunden ist, z.B. intimer Femizid. Das Problem entsteht doch hier erst, wenn jetzt Männer bei der Bezeichnung unbedingt gleichberechtig werden sollen, wo es in der Realität keine Gleichberechtigung gibt. Wenn das Phänomen bestehen würde, dass 40% der Morde an Männern, allein von deren besten Kumpels oder ehemals besten Kumpels begangen würden, könnten wir über eine spezielle Bezeichnung dafür reden. In der Praxis geschieht das auch, z.B. wenn von Mafiamorden die Rede ist. Es gibt auch die Bezeichnung “Schienensuizid“ für ein bestimmtes, statistisch signifikantes Problem und es wurden Maßnahmen zu dessen Eindämmung ergriffen. Aus dem Begriff “Beziehungsdrama“ geht nicht mal hervor, dass es überhaupt einen Mord gegeben hat.

    “aber ist es die Aufgabe eines Artikels über ein konkretes Verbrechen, Schlaglichter auf andere Verbrechen ähnlicher Art zu werfen?“

    Es soll durch die möglichst genaue Bezeichnung ein öffentliches Bewusstsein, für ein bestimmtes Phänomen, geschaffen werden, um den Druck auf die politische Entscheidungsträger*innen zu erhöhen, damit Maßnahmen zu dessen Eindämmung ergriffen werden (z.B. das nicht jede zweite Frau von den Frauenhäusern, wegen Platzmangel, abgewiesen werden muss). Bei der Berichterstattung über Vergewaltigungen und Morde durch Geflüchtete, wird das gleiche Prinzip benutzt, nur das das Problem nicht statistisch relevant ist (wie dann immer wieder betont wird, anderes Thema).

  58. @sarah:
    „Das Problem entsteht doch hier erst, wenn jetzt Männer bei der Bezeichnung unbedingt gleichberechtig werden sollen, wo es in der Realität keine Gleichberechtigung gibt.“
    Nein. Das Problem entsteht ein Schritt vorher. Dass nämlich für einzelne Verbrechensarten neue Wörter von Interessengruppen definiert werden und dann gefälligst auch von anderen zu übernehmen sind.
    Die Probleme (kein Platz in Frauenhäuser) sind ja konkret. Dann lasst uns doch an diesen Problemen arbeiten anstelle von unsinnigen Wortumdefinitionen. Wenn wir für jedes Problem erst ein neues Wort bräuchten, damit es angegangen wird, wäre das eine traurige Gesellschaft.

    Das ist mMn auch das, was diese ganze PC-Diskussion befeuert. Einzelne Interessengruppen, die aufgrund von eigenen Assoziationen Wörter umdefinieren wollen. Das bringt niemanden weiter.

  59. @Sarah:
    Hmm, weiter oben hatten Leute bei „Femizid“ direkt die Assoziation „Genozid“. Keine Ahnung, ob das die Absicht war, aber jedenfalls dauert es nicht lange, bis ein Wort eine Assoziation kriegt. Oder mehrere.

    Und ja, wenn ich und meine Partnerin mal von ihrem Ex ermordet werden, fände ich es posthum besser, wenn das als „Doppelmord“, „Beziehungsdrama“ oder meinetwegen „Femizid plus Maskuzid“ getitelt wird. Ich werde ja genau deshalb getötet, weil ich der neue Mann in ihrem Leben bin, also wegen meines Geschlechtes und meiner sexuellen Orientierung.

    Dass „Beziehungsdrama“ nicht explizit aussagt, dass es einen Mord gegeben hat, ist ja richtig, aber
    1. weiß man als Journalist zum jeweiligen Zeitpunkt, an dem der Artikel geschrieben wird, nicht unbedingt, ob es Mord oder Totschlag war, und
    2. wird „Beziehungsdrama“ in der Presse ziemlich konsequent für mehrfache Tötungsdelikte verwendet, jedenfalls in den Teilen der Presse, die ich so lese, und
    3. kann eigentlich nicht der komplette Inhalt eines Artikels auf die Überschrift komprimiert werden.

    Und, allgemein gesagt, bezweifle ich, dass spontan mehr Frauenhäuser gebaut werden, weil in Zeitungen „Femizid“ steht. Insbesondere im konkreten Beispiel, wo die Frau ja tatsächlich den Sprung geschafft hatte, sich von ihrem Mann zu trennen. (Keine Ahnung, ob sie zwischenzeitlich in einem Frauenhaus war, aber zum Tatzeitpunkt war sie es nicht mehr. Ein Frauenhausplatz mehr hätte hier nicht geholfen).

    Ist „Othello“ eigentlich ein „Beziehungsdrama“?

  60. Die Tötung einer Frau, eines Mannes, eines Kindes (nein, ein „Baby“, oh my god – facepalm) und hernach Selbsttötung des Täters ist ein Femizid? Ein „schlimmes Verbrechen“, wie ich lese – im Gegensatz zu den guten Verbrechen? Und es wird im weiteren Verlauf nicht besser, Opfer- und Täterrollen sind klar verteilt, der Duktus duldet keinen Widerspruch.
    Jeder Mord ist unerträglich und nur schwer begreifbar und keinesfalls begrüßenswert, (geschlechtsspezifische) Diskriminierung absolut verabscheuungswürdig und Opfergehabe schlicht peinlich – kurzum: die Erstbesiedelung des Mars‘ wird für mich zu einem immer realistischeren persönlichen Szenario, ich brauche dringend einen neuen Planeten. Einen mit tatsächlichen Problemen und Sternchen nur am Himmel.

  61. @mycroft
    “Ich werde ja genau deshalb getötet, weil ich der neue Mann in ihrem Leben bin“
    Nein, werden sie nicht. Sie werden deshalb getötet, weil sie der Mann sind, der einem anderen Mann sein Eigentum weggenommen hat. Das hat so einen Bart (https://youtu.be/-evIyrrjTTY). Jetzt soll es mal darum gehen, dass der Mann immer noch nicht mitgekriegt hatte, dass die Frau nicht sein Eigentum war.
    “Insbesondere im konkreten Beispiel, wo die Frau ja tatsächlich den Sprung geschafft hatte, sich von ihrem Mann zu trennen.“
    Nein, hat sie nicht, dann würden sie und alle anderen noch leben. Und das hat auch nichts damit zu tun, wessen Tod “schlimmer“ ist.
    @ichundich
    “für einzelne Verbrechensarten neue Wörter“
    Polizisten-Mord, Prostituierten-Mord, Milieu-Mord, das ist mir auch einfach alles viel zu viel verschiedener Mord. Da würde die Bezeichnung “Straßendrama“ komplett ausreichen.
    “Dann lasst uns doch an diesen Problemen arbeiten“
    Gute Idee.
    @Ian
    “(geschlechtsspezifische) Diskriminierung absolut verabscheuungswürdig“
    Männer können nicht geschlechtsspezifisch diskriminiert werden. Das ist eine Ein*bahnstraße, genau wie rassistische Diskriminierung. Sucht euch wenigstens eine eigene Bezeichnung für euer “Opfergehabe“.

  62. >Männer können nicht geschlechtsspezifisch diskriminiert werden. Das ist eine Ein*bahnstraße, genau wie rassistische Diskriminierung.

    Da ist es.

    Tja, dann bleibt als Voraussetzung einer vernunftgeleiteten Diskussion dieser und anderer Fragen wohl nur ein Verfahren Feministen einer gewissen poststrukturalistischen Spielart unter Zuhilfenahme aller nötigen Mittel aus der Gleichung herauszunehmen.

    Das mag man dann meinetwegen auch Femimimizid nennen.

  63. @sarah:
    Die Wörter, die sie alle genannt haben sind ja wohl nicht neu, sondern einfach zusammen gesetzt. Dass das etwas anderes ist als „Femizid“ ist Ihnen doch auch klar. Wie gesagt kann ja hier auch gerne von „doppelmord+Selbstmord“ oder ähnlichem geredet werden. „Femizid“ hat aber eine ganz andere Qualität, die nicht gerechtfertigt ist. Aber ich glaube, dass hier alle Argumente ausgetauscht sind und lasse es jetzt daher. Überzeugen kann ich Sie ja sicher sowieso nicht.

    „Männer können nicht geschlechtsspezifisch diskriminiert werden. Das ist eine Ein*bahnstraße, genau wie rassistische Diskriminierung.“

    Einfach mal nebenbei in Abrede stellen dass Männer aufgrund Ihres Geschlechtes diskriminiert werden können — sehr hilfreich in der Diskussion. Aber wir können ja dann für Männer, die aufgrund des Geschlechtes diskriminiert werden auch einfach noch ein neues Wort ausdenken. Maskukriminierung oder so.
    (ja, das passiert sicher nicht so häufig wie Diskriminierung ggü. Frauen. Es aber generell auszuschließen ist Unsinn. Auch weiße, heterosexuelle Männer können in Milieus, in denen die Machtverhältnisse umgekehrt sind diskriminiert werden. Das ständig in Abrede zu stellen ist weder hilfreich noch sinnvoll)

    P. S. : was macht eigentlich der Stern in Einbahnstraße?

  64. @rktfd
    Ach, ich hatte “geschlechtsspezifisch“ geschrieben. Das trifft es nicht ganz. (@mycroft Sonst wären wir wieder beim Thema Wehrpflicht.) Es hätte “sexistisch“ heißen müssen, um nicht nur den Geschlechterunterschied, sondern auch die Machtverhältnisse mit einzubeziehen.
    Aber ich sehe schon, sie haben das Thema jetzt trotzdem vollumfänglich verstanden, besonders wie mann die Machtverhältnisse für sich nutzt. Da hat sich die ganze Tipperei ja gelohnt.

  65. @ichundich
    Sorry, das hatte sich jetzt überschnitten.
    Das * (Gendersternchen) ist da, damit es in der Einbahnstraße nicht so langweilig wird.
    “Aber ich glaube, dass hier alle Argumente ausgetauscht sind und lasse es jetzt daher.“
    Ich denke auch, lassen wir es gut sein.

  66. Nein, werden sie nicht. Sie werden deshalb getötet, weil sie der Mann sind, der einem anderen Mann sein Eigentum weggenommen hat.

    Abgesehen davon, dass Menschen kein Eigentum sind, und abgesehen davon, dass die Frau möglicherweise Schluss gemacht hat, bevor sie mich kennengelernt hat, und mal GANZ abgesehen davon, dass die Frau freiwillig bei mir lebt, bzw. mich freiwillig bei ihr wohnen lässt, genau DAS habe ich doch gesagt. Sie garnieren es nur mit sehr viel Sarkasmus.
    Jedenfalls würde ich getötet, weil ich in einer Situation bin, in der ich nicht wäre, würde ich nicht auf Frauen stehen.
    Wenn ich getötet werde, weil ich eine Beziehung mit einer Frau habe, habe ich kein Problem mit der Beschreibung „Beziehungstat“. „Femizid“ lenkt hingegen davon ab, dass ich auch tot bin.

    “Insbesondere im konkreten Beispiel, wo die Frau ja tatsächlich den Sprung geschafft hatte, sich von ihrem Mann zu trennen.“
    Nein, hat sie nicht, dann würden sie und alle anderen noch leben. …

    Doch, sie hatte sich getrennt. Steht da. Ich bezog mich auf das Problem, dass viele Frauen mangels Frauenhäusern oder sonstiger Möglichkeiten sich nicht „einfach“ von ihren gewalttätigen Männern trennen können, was oben im Artikel angesprochen wurde. Ist sicher sonst ein Problem, aber nicht in diesem Beispiel. (Das Beispiel ist offenbar nicht besonders gut.)

  67. Beziehungsdrama und Familientragödie halte ich auch für verharmlosend.

    Wenn z.B. in einer Schlagzeile von „Beziehungstat“ die Rede ist, dann würde ich sofort denken, dass der Täter (mal wieder) ein Mann ist, und dass er seine (Ex-)Frau/Freundin getötet oder zumindest verletzt hat. Weil eben meistens die Männer die Täter sind.

    Auch wäre ich durchaus dafür, bei jedem Mord zu schreiben, dass der Täter ein Arschloch war. Das kam in der Diskussion auch schon vor. Und egal was man für eine Vorgeschichte hat, mit einem Mord qualifiziert man sich automatisch zum „Arschloch“ (das Blöde ist, dass man so schnell nicht sicher weiß, ob es ein Mord war).

    Das ist vielleicht ein bisschen zu einfach. Aber wenn man für ein neu einzuführendes Wort eine derart ellenlange Diskussion benötigt, um zu klären was es bedeutet bzw. bedeuten soll, und welche Assoziationen der Leser damit bitte haben soll und welche nicht, dann ist das wohl vielleicht doch nicht so ein gutes – den Sachverhalt einfacher und klarer beschreibendes – Wort.

    Und hier diskutieren offensichtlich nicht irgendwelche Bildzeitungsleser miteinander, sondern durchaus Leute, die Logik und Argumenten gegenüber aufgeschlossen sind, sie zumindest verstehen. Und DIE sind sich nicht einig, wie „Femizid“ zu interpretieren ist. Was soll es dann bringen, so ein Wort in die Medien zu bringen, die für die breite Masse gedacht sind.

    Lieber darauf hin arbeiten, dass dort nicht verharmlost wird. Dass nicht die FALSCHEN Begriffe (…tragödie, …drama) verwendet werden.

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