Ein Hoch auf Menschen, die ihre Meinung ändern!

Die für mich einzig wirklich schöne Vorstellung daran, einmal richtig alt zu sein,1) „Richtig alt“ deswegen, weil ich mit kleinen Menschen lebe, die mich für alt halten. Allerdings jetzt schon für „richtig alt“, „voll alt“ oder „uralt“. ist die Freiheit, dann einfach alles sagen zu können, was ich will, ohne dass man es mir übelnehmen kann.2) Der Zustand hat bei mir den Arbeitstitel „Jörges ohne Niggemeier“. Allerdings habe ich mir immer vorgestellt, ich würde den Zustand erst erreichen, wenn ich keinen Schaden mehr anrichten kann. Es gibt aber auch andere Beispiele: Donald Trump hat offenbar den Punkt erreicht, wo nicht einmal mehr jemand zuckt, wenn er fälschlicherweise behauptet, die Explosion in Beirut wäre durch eine Bombe ausgelöst. Die Washington Post“ schreibt:

Eine so kühne Behauptung eines US-Präsidenten würde normalerweise weltweit die Alarmglocken klingen lassen. Aber abgesehen von der anfänglichen Besorgnis einiger libanesischer Offizieller traf Trumps Äußerung nur auf ein kollektives globales Schulterzucken.

Wir sind gut darin geworden, Dinge zu ignorieren. Das ist nicht selbstverständlich, weil wir gleichzeitig gut darin geworden sind, uns über Dinge zu ereifern. Wir sind inzwischen sogar gut darin, Ereiferung zu ignorieren, was dazu führt, dass sich über die Ignoranz gegenüber der Ereiferung ereifert werden kann. Ich könnte das fortsetzen, aber die Idee ist klar, glaube ich.

Die Einleitung war mir wichtig, weil ich genau vom Gegenteil erzählen möchte, nämlich einer Geschichte, die mich beeindruckt hat – eigentlich schon seit Jahren beeindruckt. Durch einen Zufall3)Okay, ich bin ein riesiger Fan. habe ich vor etwa drei Jahren auf Twitter einen Dialog verfolgt zwischen der Komikerin Sarah Silverman und einem rechtsradikalen Trump-Troll, der versuchte, sie in eine Diskussion zu ziehen. Und sie antwortete ihm, obwohl die beiden, wie sie feststellte, keinen Diskurs führen konnten weil ihre „grundlegenden Wahrheiten nicht dieselben sind“. Er bedankte sich, allein schon dafür, dass sie ihn nicht ignorierte. Und irgendwann kommunizierten sie dann doch.

Der Troll, er heißt David Weissman, begann einen langen Prozess der Selbstfindung, der in seinem Fall darin mündete, dass er zu einem mit 175.000 Followern eher prominenten Trump-Kritiker wurde.4)Falls schamlose Eigenwerbung erlaubt sein sollte: In der am Donnerstag erscheinenden Ausgabe von GQ ist ein Interview mit Weissman, in dem er von seinem Wandel erzählt. Was schon für sich eine aus meiner Sicht schöne Geschichte ist, aber der beste Teil kommt erst noch: Im Moment ist Weissman dabei, eine Reihe seiner alten Tweets auf seinem Profil anzuheften und mit Bemerkungen zu korrigieren. Es ist ein schmerzhafter Prozess, glaube ich, aber gleichzeitig ein großartiger. Und einer, dem ich schon wieder fasziniert folge, um zu verstehen, was eigentlich dazu führt, dass Menschen aus einer Blase kommen.

Grundlegende Wahrheiten

Denn ich habe mir ein bisschen von den Reden der sogenannten Querdenker-Demo in Stuttgart angeschaut, also jene Sprecher, für die die Medien in diesem Land in etwa das sind, was Donald Trump für mich ist: Ein alter Mann, dem man einfach nicht mehr zuhören würde, weil er merkwürdiges Zeug redet von dem man kein Wort glauben darf, aber den man auch nicht ganz ignorieren kann, weil er eben doch zu viel echte Macht besitzt. Da ist viel Wut und viel Bereitschaft, alles mögliche zu glauben, so lange es nur dem widerspricht, was „in den Medien“ steht oder gesendet wird.

Und man kann auch nicht einfach wie Sarah Silverman sein, denn schon seit Jahren versucht eine Heerschar von Social-Media- und Community-Managern genau das: Auf Kommentare eingehen und vernünftige Diskussionen zu führen. Wenn die grundlegenden Wahrheiten nicht dieselben sind, dann ist Diskurs unmöglich. Und macht auch überhaupt keinen Spaß.5)Ich habe mal einen Forumsmoderator einer großen deutschen Medienmarke getroffen, der mir gesagt hat, er würde abends erst einmal duschen, wenn er nachhause kommt, um den Dreck loszuwerden.

Nun ist es die arrogantestmögliche Haltung, nicht mit Leuten zu diskutieren, weil man überzeugt ist, sie würden Unsinn reden. Und mehr noch: Zu erwarten, dass sie sich der eigenen Erkenntnis anschließen. Es ist das, was der Papst mit Galileo Galilei gemacht hat. Aber die Arroganz hat einen Hintergrund, denn wir haben uns als Menschheit darauf geeinigt, dass Wissen vernünftig begründet und überprüfbar sein muss. Dass jeder eine Meinung haben darf, heißt nicht, dass alle Meinungen gleich richtig sind. Vernünftig begründete, überprüfbare Tatsachen hingegen sind Wissen. Galilei war nicht arrogant, er hatte recht. Und obwohl ich mit Galileo Galilei ungefähr so viel zu tun habe wie ProSieben,6)Ich benutze den Namen, wenn ich behaupte, ich wüsste was. nehme ich mir an dieser Stelle die Freiheit und argumentiere das, wovon ich überzeugt bin, so als hätte ich damit recht.

Überzeugung an sich ist kein Wert

Ich bin nicht damit fertig, mir Gedanken zu machen, aber mein bester bisher ist dieser: Ich möchte gerne Teil sein von einer Kultur, die Menschen beglückwünscht und feiert dafür, dass sie ihre Meinung ändern können. Wir könnten jetzt alle tausend Bereiche aufzählen, von der Politik bis zu „schwachen“ Eltern, in denen das verpönt ist und als Fehler ausgelegt wird. Es ist ja auch keine Qualität an sich, wahrscheinlich bewundert man öfter solche, die trotz allen Gegenwindes an ihrer Überzeugung festhalten. Aber Überzeugung an sich ist eben auch kein Wert. Eine abzulegen kann mutiger sein als für eine zu kämpfen.

Das heißt nicht, dass ich Donald Trump oder Thomas Berthold zuhören muss, wenn sie Unsinn reden. Wie gesagt: grundlegende Wahrheiten. Aber ich muss doch meinen Standpunkt erklären, für den Fall, dass sie möglicherweise doch noch einen Unterschied entdecken zwischen, sagen wir, der Wissenschaft zu Corona und Verschwörungstheorien zu Corona. Denn das ist das Paradoxon, das mir David Weissman gerade vorgeführt hat: Selbst wenn ich mit allem, was ich denke und von dem ich überzeugt bin, recht hätte,7)Falls Sie eins meiner Kinder treffen, sagen Sie bitte, es wäre so. Danke. wäre ich nicht derjenige, der die Welt zum Besseren verändern würde. Das können nur die, die sich selbst verändern. Und irgendwie müssen wir sie dafür feiern. Das hier ist mein erster Schritt dazu.

Fußnoten   [ + ]

1. „Richtig alt“ deswegen, weil ich mit kleinen Menschen lebe, die mich für alt halten. Allerdings jetzt schon für „richtig alt“, „voll alt“ oder „uralt“.
2. Der Zustand hat bei mir den Arbeitstitel „Jörges ohne Niggemeier“.
3. Okay, ich bin ein riesiger Fan.
4. Falls schamlose Eigenwerbung erlaubt sein sollte: In der am Donnerstag erscheinenden Ausgabe von GQ ist ein Interview mit Weissman, in dem er von seinem Wandel erzählt.
5. Ich habe mal einen Forumsmoderator einer großen deutschen Medienmarke getroffen, der mir gesagt hat, er würde abends erst einmal duschen, wenn er nachhause kommt, um den Dreck loszuwerden.
6. Ich benutze den Namen, wenn ich behaupte, ich wüsste was.
7. Falls Sie eins meiner Kinder treffen, sagen Sie bitte, es wäre so. Danke.

5 Kommentare

  1. Nur zwei kurze Hinweise: Den zweiten Satz würde ich noch einmal korrekturlesen. Und ist es beabsichtigt, dass die Fußnote Nr. 2 dieselbe ist wie Fußbnote 1?

  2. Man trifft leider in viel zu vielen Bereichen auf eine kontra-produktive Fehlerkultur, in der Menschen lernen, dass es für sie selbst besser ist, Fehler zu verheimlichen, als offen anzusprechen. Und seine Meinung ändern zu müssen wird zudem unsinnigerweise zu oft als Irrtum/Fehler ausgelegt.

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