Auch Julian Reichelt ist ein „Bild“-Opfer

Seit Jahrzehnten steht die „Bild“-Zeitung öffentlich in der Kritik, aber eine Gruppe von Menschen, die ganz besonders unter den Folgen ihrer Berichterstattung leidet, ist dabei immer zu kurz gekommen: die Mitarbeiter der „Bild“-Zeitung und des Axel-Springer-Verlages. Sie werden angefeindet und müssen sich rechtfertigen, bloß, weil sie für einen Verlag arbeiten, der ein furchtbares, menschenverachtendes Blatt herausgibt.

Im Moment muss es ganz besonders schlimm sein für diese Leute. Mathias Döpfner, seit zwei Jahrzehnten Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, sagt, er sei Kritik an „Bild“ vom ersten Tag an gewöhnt,

„aber das, was im Moment passiert, ist schon was anderes. Das ist eine neue Qualität. Flächendeckend Empörung, Wutausbrüche über ‚Bild‘ generell, aber ganz besonders über die Berichterstattung von ‚Bild‘ über den Virologen Drosten. Mitarbeiter sind verunsichert, werden von ihren Freunden und Bekannten kritisiert, dass sie überhaupt für so ein Haus arbeiten, das ‚Bild‘ herausgibt.“

Döpfner hat einen Podcast aufgenommen, um der Frage nachzugehen, woher diese „Wutwelle“ kommt. Und wie diejenigen, die sie trifft, mit ihr umgehen. Julian Reichelt vor allem, Chefredakteur von „Bild“ und Gesprächspartner von Döpfner in diesem Podcast.

Mathias Döpfner (links), Julian Reichelt Foto: Axel Springer

Und irgendetwas ist innerlich in mir zerbrochen, als ich nach 19 Minuten hörte, wie Döpfner Reichelt fragt:

„Dennoch bleibt ganz viel Kritik dieser Tage für ‚Bild‘. (…) Wie gehst du mit dieser negativen Energie um? Man kann sagen, es gehört zum Job, aber wie schafft man es, dabei nicht zum Zyniker zu werden oder nicht zu verhärten? Was macht das mit dir?“

In Döpfners Welt geht die negative Energie nicht von „Bild“ aus, sondern ist etwas, das „Bild“ trifft. In Döpfners Welt muss man nicht Zyniker sein, um „Bild“-Chef zu werden, sondern wird es, wenn man nicht aufpasst, durch die heftige, oft ungerechtfertigte Kritik, die man in diesem Job erfährt. In Döpfners Welt droht man als „Bild“-Chef „zu verhärten“, nicht durch das tägliche Brüllen, Skadandalisieren und Manipulieren, sondern wegen der Angriffe, denen man ausgesetzt ist.

In den mehr als 50 Minuten des Gespräches im „inside.pod“ finden der Vorstandsvorsitzende von Axel Springer und der Chefredakteur von „Bild“ kein Wort dafür, was es etwa bedeutet, vor Millionen Lesern auf Seite 1 als jemand hingestellt zu werden, der durch eine „falsche Studie“ Schuld daran sei, dass ihre Kinder nicht in die Schule und die Kitas gehen können.

Mathias Döpfner fragt nicht danach, was die „Bild“-Berichterstattung mit ihren Opfern macht. Er fragt, was es mit dem „Bild“-Chefredakteur macht, wenn die „Wutwelle“, die „Bild“ auslöst, endlich einmal auf das Blatt selbst zurückschlägt.


Ich hatte gar nicht vor, einen langen Text über diesen Podcast zu schreiben. Ich habe mein Pensum an Texten über „Bild“, auch aktuell, ganz gut erfüllt. Aber dieses Gespräch hat mich beeindruckt: mit seiner Konsequenz, mit der die beiden Täter und Opfer umkehren, mit seiner Realitätsverleugnung und mit der Unverfrorenheit, mit der sie hell für dunkel erklären, oben für unten, Lüge zu Wahrheit.

Es ist, zugegeben, auch etwas Persönliches, und vielleicht fangen wir damit mal an.


Julian Reichelt sagt:

„Die wissenschaftliche Disziplin ‚Bild‘-Kritik besteht in allererster Linie daraus, ‚Bild‘ nicht zu lesen. Das ist die einzige wissenschaftliche Disziplin der Welt, in der man sich ausdrücklich und stolz nicht mit dem Forschungsobjekt beschäftigt, sondern zu seinen Einschätzungen kommt, ohne sich damit zu beschäftigen. (…)

Beschäftigung mit ‚Bild‘ findet dadurch statt, dass man ‚Bild‘ in keiner Weise liest, was dann halt ein ausgewogenes Urteil relativ schwer macht. (…)

Das fand ich in dieser Drosten-Debatte so bemerkenswert, dass diejenigen, die es gelesen haben, und das sind unsere schärfsten Kritiker, Übermedien, die wurden quasi gegründet, um ‚Bild‘ zu kritisieren. Dass die sich aber die Mühe gemacht haben, unsere Berichterstattung zu lesen und eine Fast-Verteidigungsschrift für uns geschrieben haben, die so fulminant war, dass ich erst dachte, die wären gehackt worden.

Beschäftigung mit ‚Bild‘ führt nicht zu mehr ‚Bild‘-Kritik, erfahrungsgemäß, sondern zu deutlich weniger ‚Bild‘-Kritik.“

BILDblog hat in fast 16 Jahren Tausende Artikel veröffentlicht, ein umfassendes Archiv von Beispielen für die Art, wie „Bild“ lügt und verdreht und hetzt und Persönlichkeitsrechte verletzt, die kleinen Merkwürdigkeiten und das große Schlimme. Sie beruhen auf nichts anderem als einer intensiven Beschäftigung mit „Bild“. Man kann Christoph und Heiko und Lukas und Moritz und Mats und mir ja viel vorwerfen und unseren Wertungen im Einzelnen oder Ganzen widersprechen, aber wenn wir eines gemacht haben, dann das: Wir haben uns geradezu obsessiv mit „Bild“ beschäftigt.

Dass Reichelt meint, an Übermedien festmachen zu können, dass Beschäftigung mit „Bild“ zu einer Besserbewertung von „Bild“ führt, ist auf so vielen Ebenen falsch. Und die harmlosesten sind noch die Behauptungen, dass Übermedien „quasi“ gegründet worden sei, um „Bild“ zu kritisieren, oder dass Andrej Reisins Kritik am Umgang anderer Medien mit Christian Drosten eine „Fast-Verteidigung“ von „Bild“ sei.

Reichelts Sätze über die von ihm ausgedachte wissenschaftliche Disziplin „Bild“-Kritik sind natürlich auch in jeder Hinsicht Unsinn. All das ist eine Variante der völlig abwegigen These, die Reichelt vor drei Jahren äußerte, dass „der überwiegende, der überragende Teil dieser Vorbehalte“ gegen „Bild“ „über 40 Jahre alt“ sei. „Viele, die diese Vorbehalte vor sich hertragen und aktiv verbreiten, haben ihr Weltbild vor 40 Jahren das letzte Mal bei ‚Bild‘ überprüft (…)“, sagte er damals. Nein.

Es gibt eine Bonus-Ironie an dieser Stelle, an der Döpfner sagt, man dürfe „Bild“ selbstverständlich kritisieren; er verlange aber, dass man sie dann auch lese. Die beiden reden nämlich auch über den Twitter-Thread von Reichelt, in dem er Rezo kritisiert, der unmittelbar zuvor ein Video mit dem Titel „Die Zerstörung der Presse“ veröffentlicht hat. Die wütenden Tweets Reichelts sind erkennbar geschrieben, ohne dass er das Video gesehen hat.


Wieso ist die Kampagne von „Bild“ gegen Christian Drosten so nach hinten losgegangen? Hat „Bild“ da womöglich, Gott bewahre, Fehler gemacht?

Es gibt exakt eine Sache, die Reichelt im Nachhinein anders machen würde, das ist die mit der Ein-Stunden-Spanne, die „Bild“ Drosten zur Beantwortung der Fragen gab. Aber auch das war in seinen Augen nur ein taktischer Fehler: Es habe „Bild“ „angreifbar“ gemacht. „In der Außendarstellung, muss man ganz klar sagen, hätten wir deutlich besser dagestanden, wenn diese Frist länger gewesen wäre“, sagt Reichelt.

Eine reine Frage der Optik also. Der Artikel stand ohnehin. Drosten mit den Vorwürfen zu konfrontieren, „war aus unserer Sicht sozusagen nur noch eine Formalie“.

Reichelts Erzählung der Drosten-Studie ist nach wie vor eine ohne jede Grautöne: Sie sei „komplett falsch“ gewesen und es sei „eigentlich das Gegenteil rausgekommen“:

„Der Fakt war nun einmal, dass es eine Statistik gegeben hat, und diese Statistik wurde in die entgegengesetzliche Richtung ausgewertet, und daraus wurde eine politische Empfehlung abgeleitet.“

Demonstrativ zeigt Reichelt gegenüber Drosten Großmut, schließlich habe er auch regelmäßig Fehler im Mathe-Unterricht gemacht:

„Deswegen habe ich menschlich tiefstes Verständnis dafür, mit der Auswertung einer mathematisch-statistischen Arbeit komplett falsch zu liegen. Das ist nichts, wofür ich mich jemals über irgendjemanden erheben würde, denn da habe ich mein Leben lang meine eigenen Probleme mit gehabt.“


Döpfner ist derweil immer noch auf der Suche nach einer Erklärung für die große Popularität Drostens, und fragt:

„Ist das irgendwie die Sehnsucht nach klaren Virologen-Päpsten, die quasi mit Unfehlbarkeit urteilen können?“

Bei allem, was am Fantum um den Charité-Virologen beunruhigend oder problematisch ist: Döpfner hat nicht verstanden, dass es gerade die demonstrative Fehlbarkeit ist, die Drosten für viele Menschen zum Star gemacht hat – das Gegenteil eines „klaren Virologen-Papstes“.

Reichelt ist natürlich der falsche, ihm das zu erklären:

„[Drosten] muss sich gefallen lassen, hinterfragt zu werden. Dieses Hinterfragen ist sehr vielen Menschen unangenehm, weil sie in sehr komplexen Fragen dazu neigen, nach Heilsbringern und Heilsfiguren zu suchen.“

Döpfner hat nun einen lichten Moment:

„Aber Kritiker sagen jetzt: So, wie ‚Bild‘ es macht, kann man es nicht machen.“

Tatsächlich ist „Hinterfragen“ ein völlig abwegiges Wort für die Zerstörungs- und Kampagnen-Methode von „Bild“. „Bild“ fragt nicht, sondern behauptet – mit sensationalistischen, einseitigen, unhaltbaren Berichten, auf der Grundlage von einzelnen Zitaten von Wissenschaftlern, mit denen man teilweise nicht einmal geredet hat.

Drosten, wiederholt Reichelt, sei eine „Erlöserfigur“. Er wehrt sich gegen dessen selbstbewusste Behauptung, dass seine Kollegen und er Deutschland vor zehntausenden Toten bewahrt hätten: „Nicht die Wissenschaft allein hat uns vor 50- bis 100.000 Toten bewahrt“, das ist Reichelt ganz wichtig.

„Was uns erstmal gerettet hat, war, dass wir gute Wissenschaftler haben, gar keine Frage, in Kombination mit Vernunft. Mit Politikern, die vernünftig gehandelt haben, und vor allem mit Menschen, die gesagt haben: Wenn jemand ansteckend ist, dann bleibe ich dem vielleicht mal ein bisschen ferner.“

Tolle Sache, diese Vernunft. Woran Menschen erkennen, dass jemand ansteckend ist, wenn die höchste Infektiosität bei Covid-19 herrscht, bevor sich überhaupt erste Symptome zeigen, bleibt Reichelts Geheimnis. Aber solange wir nur aufpassen, nicht zu sehr auf die Wissenschaft zu hören, sollten wir alle auf der sicheren Seite sein.


Lässt ihn der massive Gegenwind zweifeln? Reichelt behauptet, dass er dauernd zweifle bei seiner Arbeit. Das merkt man ihr aber nie an. Es ist, als gelte für ihn die Umkehrung einer bekannten englischen Redewendung. Bei Reichelt lautet das First Law of Holes: Wenn du dich in ein Loch gebuddelt hast, musst du einfach noch heftiger weitergraben. „Bild“ legt nach und legt nach und legt nach. Die Möglichkeit, nach Tagen mit tatsächlichen und scheinbaren Argumenten gegen Drosten zur Abwechslung und zur Differenzierung Stimmen für ihn zu bringen, ist im System nicht vorgesehen.

Den Maßstab für seine Arbeit formuliert Reichelt so: Es komme darauf an, „historisch und in den Geschichtsbüchern richtig [zu] liegen. Ob man richtig liegt, sieht man nicht immer in dem Moment gleich, und man hat teilweise auch damit, richtig zu liegen, massivsten Gegenwind auszuhalten. Ich glaube, das ist etwas, das wir jetzt gerade in der Drosten-Thematik erleben.“

Dass die Wissenschaftler, die „Bild“ als Kronzeugen gegen Drosten herbeizitierten, sich alle von der „Bild“-Kampagne distanzierten, lässt die beiden nicht ins Grübeln kommen. Sie belassen es nicht einmal dabei, ihnen zuzugestehen, dass ja niemand „Bild“ und den Boulevard mögen müsse. Reichelt sagt:

„Wissenschaft ist immer für alle da, und Wissenschaft kann sich nicht aussuchen, wo sie abgebildet wird. Das ist aus meiner Sicht ein falsches Verständnis des Zwecks von Wissenschaft. Wissenschaft ist dafür da, Menschen zu dienen, und Menschen lesen eben nicht nur ‚Science‘, sondern Menschen lesen eben auch ‚Bild‘.“

Ich weiß nicht, ob er nicht verstehen kann oder nicht verstehen will, dass es nicht um den Ort geht, an dem über Wissenschaft berichtet wird, sondern um die Art, wie über Wissenschaft berichtet wird. Die Kronzeugen von „Bild“ haben sich von „Bild“ distanziert, weil sie ihre Zitate missbraucht sahen für eine Kampagne, der sie nicht als Zeugen dienen wollten.

Aber Döpfner legt noch einen drunter:

„Mich erinnert’s ein bisschen daran, dass manche Popstars oder Filmstars gerne ein Homestory in ‚Architectural Digest‘ machen und sich zuhause fotografieren lassen. Wenn dann diese Fotos von einer Boulevardzeitung nachgedruckt werden, dann beklagen sie die Verletzung der Persönlichkeitsrechte.“

Ich habe keine Ahnung, ob oder wie oft es solche Fälle gibt. Aber daran muss der Springer-Vorstandsvorsitzende denken, wenn sich Wissenschaftler dagegen wehren, dass „Bild“ einzelne Sätze von ihnen in unfairer Weise als Munition gegen einen Kollegen verwendet?

„Das ist genau derselbe Effekt“, sagt Reichelt, und weil ihre Arbeit offenbar immer noch nicht genug überhöht haben, fragt Döpfner ihn nun noch:

„Ist dein Ansatz, Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm herauszuholen?“


Ich weiß nicht, ob ihm jemand mal gesagt hat, dass dieser Professor Drosten, gegen den „Bild“ seit Wochen anschreibt, auch deshalb zu so einem Publikumsliebling geworden ist, weil er einen Podcast hat, in dem er Fragen rund um das Coronavirus sehr verständlich beantwortet – und auch über neue und sich verändernde wissenschaftliche Erkenntnisse referiert. (Seine eigene Studie hat er an dieser Stelle übrigens mit dem deutlichen Hinweis versehen, dass man mit ihrer Interpretation sehr vorsichtig sein müsse.)

Nichts ist grotesker, als ausgerechnet ihm zu unterstellen, publikumsfern vor sich hinzupublizieren. Es ist nur so: Für Reichelt und Döpfner ist jeder, der nicht zu ihnen in die Jauchegrube kommt, Bewohner eines Elfenbeinturms.


Es gibt einen Moment, in dem die beiden nicht nur an einen wunden Punkt kommen, sondern ihn sogar als solchen erkennen: Reichelt sagt, „Bild“ verschaffe Menschen, die keine Stimme haben, Gehör: „Nichts radikalisiert mehr als das Gefühl, keine Stimme zu haben.“

Reichelt: „‚Bild‘ ist ein Ventil. ‚Bild‘ gibt Menschen, die radikalismusgefährdet sind, auch diesen Menschen, eine Stimme, bevor sie sich radikalisieren.“

Döpfner: „Wo ist da die Grenze? (…) Wo wird die Ventilfunktion eher zum Verstärker des Ressentiments?“

Reichelt: „Das ist die Frage, die mich jeden Tag in vielen verschiedenen Entscheidungen zweifeln lässt. (…) Das ist unser Auftrag, diese Grenze so gut wie möglich und so fehlerfrei wie möglich zu ziehen. Und das ist jeden Tag eine enorme Herausforderung.“

Als Kriterium nennt er dann aber etwas rätselhaft die „Einzigartigkeit von Fakten“.

Dieses Narrativ des von gesunden Zweifeln geplagten „Bild“-Chefredakteurs wird im Podcast überlagert von einer größeren Erzählung, der pathosgetränkten Überhöhung der eigenen Arbeit. „Bild“ ist dabei nicht nur Faktensucher, sondern aggressiver Faktenkämpfer. Und ein Streiter gegen Ungerechtigkeiten und gegen die Mächtigen.

Die Überhöhung geschieht erstens durch, natürlich, Hitler. Döpfner zitiert den von Axel Springer überlieferten Satz: „Wenn es die ‚Bild‘-Zeitung gegeben hätte, hätte es Adolf Hitler nicht gegeben.“ Reichelt unterschreibt das.

Und es geschieht zweitens durch den Hintergrund Reichelts als Kriegsreporter. „Alle Leute, die diesen Job machen, haben für das, woran sie glauben, nämlich dass wir nach der bestmöglichen Version der Fakten suchen müssen, einen extrem hohen Preis bezahlt. Den hab ich auch bezahlt.“ Er meint die Traumata, die inneren Verwundungen, die von solchen Einsätzen und den schrecklichen Erlebnissen zurückbleiben.

Es steht mir – mangels eigener Erfahrungen – nicht an, darüber zu urteilen. Aber mich irritiert, wie er das besondere Wesen des Kriegsreporters mit der allgemeinen „Bild“-Berichterei vermischt. Und dabei schwurbelt es ihn sehr aus der Kurve:

„Ich glaube auch, dass alle Kritiker von ‚Bild‘, wo immer sie auch sitzen mögen, eine Sache verstehen müssen: Wenn es wirklich unangenehm wird, wenn es in diese Gesellschaft wirklich darum geht, mit der eigenen Sicherheit, mit der eigenen Unversehrtheit, für Dinge einzustehen, an die wir glauben, dann können sie sich auf die Marke ‚Bild‘ und auf mich, das nehm ich in Anspruch, ganz persönlich verlassen. Ich bin für meine Überzeugungen nie dadurch eingestanden, dass ich mein Profilbild auf Twitter geändert hab, je suis was auch immer, sondern dadurch, dass ich mein Leben dafür riskiert habe. Und das tun bis heute in diesem Geiste fast jeden Tag großartige Kolleginnen und Kollegen, dass wir unser Leben dafür riskiert haben, dass wir glauben, Journalismus ist wichtig. Das ist etwas, das in der ganzen Sicht darauf, was ist die Marke ‚Bild‘, viel zu wenig berücksichtigt wird.“

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Reichelt spricht vom Krieg, von Kämpfen, die – leider – manchmal mit Waffen geführt werden müssen. Und er spricht vom täglichen Kampf des Journalisten:

„Wenn sich Menschen dem Chaos nicht durch Fakten und Journalismus entgegenstellen, dann gewinnt das Chaos.“

Ja, das ist schön formuliert und wahr. Aber in welcher Welt außerhalb der Köpfe von Reichelt und Döpfner ist „Bild“ eine Institution, die sich mit Fakten dem Chaos entgegenstellt und nicht, im Gegenteil, Fakten entgegenstellt? Allein das winzige Beispiel, dass „Bild“ es in der kleinen „Und wie geht’s Schweden?“-Rubrik, die sie eine Weile täglich pflegte, bis die Corona-Nachrichten aus Schweden zu schlecht wurden, schaffte, drei falsche Beispiele für angeblich dort stattfindende Konzerte zu nennen?

Entweder „Bild“ scheitert täglich am Anspruch, Fakten so gut es geht zu recherchieren. Oder dieser Anspruch ist eine Chimäre.


Döpfner attestiert Reichelt, dass er ihn „als absoluten Gerechtigkeitsfan“ empfinde – und findet gemeinsam mit ihm dann doch noch eine mögliche Erklärung dafür, dass der „Bild“-Chefredakteur in der Öffentlichkeit so anders, so falsch wahrgenommen wird, „als Raubein, als grobschlächtig, als Grobmotoriker, als Holzhammer (…), der du in Wahrheit und selbst in der Zeitung so gar nicht bist?“

Die Erklärung: Twitter.

Auch wenn Reichelt sagt, er habe das „exzessive Twittern“ vor zweieinhalb Jahren eingestellt, unter anderem weil er gemerkt habe, dass er Kämpfe dort nicht gewinnen könne. Aber offenbar handelt es sich um ein furchtbares Medium:

„Twitter lebt davon, dass Menschen sich gegenseitig schaden. Dass Menschen sich wohltun oder umarmen oder einander unterstützen, würde auf Twitter nicht funktionieren. Social Media und Twitter als die Ikone der Social-Media-Niedertracht lebt davon, dass Menschen aufeinander losgehen, sich gegenseitig schaden und sich teilweise selbst schaden. Das ist die Königdisziplin von Twitter: Sich durch ’ne dumme Äußerung selbst vernichten, ist das, was auf Twitter am besten funktioniert.“

Ich will nicht einmal sagen, dass Reichelt komplett falsch liegt mit dieser Beschreibung von Twitter. Aber spätestens beim Wort „Niedertracht“ hätte in Reichelts Gehirn doch eine kleine Klingel losgehen können, die ihn davor warnt, dass all das, was er da formuliert, eine erstaunlich treffende Beschreibung der „Bild“-Zeitung ist?


Immer wieder formuliert Reichelt im Gespräch mit Döpfner folgenden Anspruch:

„Unsere Aufgabe ist die furchtlose Suche, unter hohem persönlichen Risiko teilweise, nach der bestmöglichen Version der Fakten, die wir bis zum Andruck liefern konnten.“

Ich glaube, ich weiß jetzt, was mich an all dem so furchtbar triggert, dass ich schon wieder 20.000 Zeichen darüber schreiben musste. Reichelts Umgang mit breiter, heftiger, berechtigter Kritik ist nicht, zum Beispiel einzuräumen, dass der Boulevard natürlich vereinfacht und ungerecht ist, dass man mit sehr groben Werkzeugen arbeitet und da viele Späne beim Hobeln anfallen. Stattdessen überhöht er, im Gegenteil, das angebliche Selbstverständnis seiner Arbeit immer noch schwindelerregenderer. Er verklärt die eigene schmutzige Arbeit zu etwas so Edlem, dass der Kontrast zur Realität aberwitzig wird.

49 Kommentare

  1. Man sollte die beiden armen Springer-Hascherln unbedingt in den Arm nehmen, ihnen tröstend übers Haar streichen und ihnen dann sagen, wie sie diesen bösen, bösen Anfeindungen und noch böseren KritkerInnen entgehen könne, die so unfair mit ihnen umgehen: Sie quittieren umgehend ihre Jobs und suchen sich neue. Beispielsweise auf dem Bauhof einer grösseren Stadt, wo noch jemand gebraucht wird, der die Backsteine zählt.
    Und jetzt ernsthaft: Die Beiden wenden die gleiche Taktik an, wie man sie von Populisten kennt: Erst selbst draufhauen und wenn dann das Opfer zurückschlägt, hinstehen und „Ich armes Opfer“ schreien. Die sind einfach nur peinlich.

  2. „Für Reichelt und Döpfner ist jeder Bewohner eines Elfenbeinturms, der nicht zu ihnen in die Jauchegrube kommt.“

    Bester Satz! Der würde auch prima auf der boulevardesken Kampfplattform ‚Twitter’ zur Geltung kommen.

  3. Neues aus der Parallelwelt. Dieselbe Masche wie Herr Trump und so viele andere. Am peinlichsten ist, dass man es nicht einmal schafft, wenigstens im Ansatz eine externe Instanz mit einzubeziehen. „Mama, bin ich wirklich so doof, wie die anderen alle sagen?“

  4. Wie kann man nur so undankbar sein! Julian Reichelt riskiert jeden Tag – und das seit zehn Jahren – seine Unversehrtheit, ja sein Leben (!) für uns. Und dann gibt’s hier wieder nur um die Ohren. Und es wird auch gar nicht gebührend gewürdigt, dass er sein Chef-Büro den zahlreichen muslimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als Gebetsraum zur Verfügung stellt.[Ironie off] Ich kann jedem nur dringend empfehlen, sich diese 53 Minuten selber anzuhören. Ein – in BILD-Sprache – „Dokument des Grauens“, dessen ganzer Irrsinn sich nur durch geduldiges Anhören in seiner ganzen Pracht zeigt.

  5. @Michael Frey-Dodillet
    :-D Genau das war auch mein erster Gedanke beim Bild. Ich fürchte, wir müssen uns da aber auch für Oberflächlichkeit ein wenig an die eigene Nase fassen :-/

    „Ich will nicht einmal sagen, dass Reichelt komplett falsch liegt mit dieser Beschreibung von Twitter.“ ( auch an @Theodorant)

    Möchte Twitter hier etwas verteidigen. Es ist neben dem kampfbetonten Aufeinanderprallen von Meinungen auch ein Platz, wo unglaublich viel unkomplizierter und positiver Austausch in zahlreichen (Nischen-)Communities stattfindet. (kann dies von MagicTheGathering berichten) Am Ende ist es (gerade aus meiner Informatiker-Brille) de facto ein einfaches, aber mächtiges Werkzeug und was daraus entsteht, liegt an den Menschen, die es verwenden. Sie würden sonst andere Werkzeuge nutzen.

  6. @Stefan Niggemeier
    Vielen Dank für die Aufarbeitung. Das muss ja geradezu körperlich schmerzhaft sein, ständig in diese Jauche abtauchen zu müssen. Und wenn man beim Lesen ja noch öfters mal Lachen kann ob der Absurdität der Aussagen, vergeht einem das beim stetigen Schreiben sicher sehr schnell.

  7. @Peter Sievert
    Ich tippe jetzt mal einhändig, weil die andere Hand an der Nase liegt. Bislang habe ich gedacht, wer einen Drecksjob so fulminant erledigt, dem geht eigentlich alles am Arsch vorbei. Um so erstaunter war ich bei dem Bild, dass er offensichtlich doch so viel in sich reinfrisst (im übertragenen Sinne). Aber ich will es hier nicht zu sehr menscheln lassen. Das hat ein Bildchefredakteur nicht verdient.

  8. Danke für den Beitrag, Stefan.

    Neulich hat Kai-Hinrich Renner einen Artikel darüber geschrieben, dass es im Haus Springer ziemlich knirsche. Friede Springer sei not amused wegen Reichelt:

    https://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft-verantwortung/friede-springer-beklagt-sich-ueber-bild-chefredakteur-julian-reichelt-li.84705

    Wenn Döpfner, um im Kriegsjargon des Reichelt zu bleiben, jetzt mit in den Schützengraben springt, dann muss die Not schon sehr groß sein. Ohne Grund würde Döpfner so etwas niemals machen. Aber falls sein eigener Stuhl wackeln würde, dann – da bin ich mir sicher – hätte er auch keine Bedenken, Reichelt vor die Tür zu setzen.

    So oder so, Reichelt wird seinen Kurs ändern müssen. Seine Hardcore-Blattpolitik wirft ja auch nichts ab. Die Bild-Gruppe erwirtschaftet viel zu wenig, insofern werden alte und neue Anteilseigner irgendwann ungeduldig.

  9. Danke für die Mühe dieses Artikels.
    Ich kann mir nicht vorstellen, mir so etwas anzuhören; geschweige denn, es auch noch ernsthaft zu analysieren und zu bewerten.
    Das bewundere ich.

  10. Der Rotzlöffel vom Schulhof und sein Papa, der nix besseres zu tun hat, als seinen Zögling zu verteidigen, der unentwegt lügt, alle anderen anpöbelt, anspuckt, mit Dreck bewirft und bedroht.

    Hatte von Döpfner, von dem ich im Übrigen noch kein vernünftiges Wort vernommen habe, jemand was anderes erwartet?
    Wahrscheinlich glaubt er auch noch, man würde sein billiges Spielchen nicht durchschauen.

  11. Ich frage mich da tatsächlich eher immer : meinen die das wirklich ernst? Also glauben die diesen Unsinn wirklich selbst? Kann man so verblendet sein? Oder ist das alles eine große Show?

  12. Und dann kommt der Moment, an dem man als Leser/in fast ohnmächtig zusammmen bricht:

    „Demonstrativ zeigt Reichelt gegenüber Drosten Großmut, schließlich habe er auch regelmäßig Fehler im Mathe-Unterricht gemacht: ‚Deswegen habe ich menschlich tiefstes Verständnis dafür, mit der Auswertung einer mathematisch-statistischen Arbeit komplett falsch zu liegen. Das ist nichts, wofür ich mich jemals über irgendjemanden erheben würde, denn da habe ich mein Leben lang meine eigenen Probleme mit gehabt.’“

    Wenn es noch eines Beweis bedurfte dass Reichelt nicht den blassesten Schimmer von der Studie hat, die er als „komplett falsch“ kritisiert, ist er hiermit geführt: Die Studie hat namentlich genannte 10 Urheber, diese werden als „Jones et al.“ geführt. Und der als Erstes genannte Autor ist … ein Mathematiker. Reichelt ist dies offenbar entgangen (obwohl Professor Drosten es mehrfach erwähnt hat), weshalb sein gönnerhaftes Getue über eine auch bei ihm vorhandene Mathe-Schwäche (warum kann man mit dieser Form der Ahnungslosigkeit in Deutschland eigentlich kokettieren?) ebenso dumm wie überheblich ist.

  13. Danke für die Analyse und das nicht hören müssen der Jauchegrube. Ich sollte darüber nachdenken, meinen monatlichen Beitrag hier zu erhöhen, quasi als Risikozulage für die mentale Gefahr, in die sich Herr Niggemeier beim Rumwühlen in diesem Dreck so begibt. Chapeau.

  14. Eieiei, ich sollte sowas nicht morgens lesen. Döpfner und Reichelt scheinen wirklich Trump als Lehrmeister des Aufbauens einer Parallelwelt auserkoren zu haben. Selbstreflexion = Null, man versucht einfach nur irgendwelche schön klingenden Narrative zu festigen, indem man Phrasen wiederholt und gezielt diverse Spins (Drosten Studie war grob falsch) setzt.
    Sowas macht mich sauer. So ein Medium wie Bild kann doch auch gut funktionieren, wenn man sowas wie Haltung und Selbstreflexion erkennen lässt – dann kann man auch gerne auf den Tisch hauen. Nur sollte man, wenn man aus Versehen mal den Tisch kaputtgemacht hat, nicht noch weiter mit einer Axt auf den Überresten rumhauen und permanent behaupten, man tue doch gar nichts.

  15. @Mycroft
    Das ist wirklich die spannende Frage: dumm oder zynisch.
    Ich glaube, die Antwort darauf ist bei den meisten Menschen, die so sind, eine Entwicklung von der Zynik hin zur Verleugnung der Realität als Schutzreaktion des Unterbewusstseins, da sonst die psychologische Dissonanz nicht mehr auszuhalten wäre.
    Wo der einzelne noch/schon steht? Da muss man ihn lange kennen, um zu wissen, wann er eigentlich aus dem (vermeintlich) Inneren spricht und wann er bewusst eine Rolle spielt.

  16. (etwas) offtopic: wieso wird eigentlich Bild hier bei uebermedien immer in Anführungszeichen gesetzt, das wird doch auch bei anderen Eigennamen nicht gemacht?

    Und an die Kommentarspalte hätte ich die Frage: wie bewertet ihr die Metaebene dieses Podcasts? Für wen machen die beiden das – „der Bildleser“, so wie er in meinem Kopf stattfindet, wird wohl kaum einen Podcast hören, der Otto-Normal-Podcast-hörer in meinem Kopf wohl kaum diese Schau der besonderen Art für bare Münze nehmen? Das muss den beiden doch bewusst sein.

  17. @19: hier wird soweit ich das sehe, der Name jeder Zeitung und jedes Magazin in Anführungszeichen gesetzt, um Missverständnissen vorzubeugen (es könnte ja auch mal um ein echtes Bild oder einen echten Spiegel gehen).
    Und wieso sollte der gemeine „Bild“leser keinen Podcast hören?

  18. Weil Podcasthörer intelligenter sind als Bildleser und weil Gastbeitrag ein Podcasthörer ist kann das ja nicht anders sein, weil er ist ja kein Bildleser. Oder so.

  19. @19 Da bin ich deiner Meinung. Sehe auch eine keine große Zielgruppe von denen, die das hört.
    Was ich mich auch zu meiner nächste Frage bringt: Das sind beides Führungspersonen. Reichelt ist der Chef über 1000 Leute, der Döpfner über 16.500 Leuten. Warum sagt denen das niemand? Wo sind deren Berater? Das hat mich bei der Twitter-Antwort von Rezo schon gewundert?

    Und die viel interessantere Frage: Was macht das mit einem Unternehmen, wenn da 2 Leute „führen“, die durch schon dutzende Male gezeigte Empathielosigkeit und mangelnde zielgerichtete Kenntnisse über Selbstreflexion überhaupt nicht in der Lage sind, ein Unternehmen erfolgreich zu führen? Wie sollen die auf interne Probleme, Führungskräfte, Mitarbeiter, Leser, Anzeigenkunden etc eingehen können? Auf neue Ideen, Wünsche etc.? Das Problem gibt man weiter an die nächsten Führungsebenen, die diese Unfähigkeit dann wieder weitergeben nach unten. Man reitet auf einen Status-Quo mit evtl. paar Glücksgriffen. Da kann auch nichts gescheites nachkommen. Denn niemand „Gutes“ arbeitet bei so einem Unternehmen. „Der Fisch stinkt vom Kopf her.“
    Mein Beileid an den Aufsichtsrat bzw, die Aktionäre die das durchwinken und tolerieren.
    Aber sehen wir ja an den Auflagezahlen…

  20. “ was im Moment passiert, ist schon was anderes. Das ist eine neue Qualität. Flächendeckend Empörung, Wutausbrüche über ‚Bild‘ generell“

    Völlig neue Qualität, natürlich.
    Außer man kann sich an Zeiten erinnern als Tausende Springerzentralen blockierten und Zustellfahrzeuge angezündet haben. Damals hätte Reichelt wahrscheinlich mit Stahlhelm und Splitterweste im Keller des Springerhochhauses gezittert.

  21. „Für Reichelt und Döpfner ist jeder Bewohner eines Elfenbeinturms, der nicht zu ihnen in die Jauchegrube kommt.“

    So eine schöne Nutzung von Metaphern, und dann durch die sehr ungeschickte Anordnung der Satzglieder kurz vorm Ziel völlig verrissen.

    „Für Reichelt und Döpfner ist jeder, der nicht zu ihnen in die Jauchegrube kommt, Bewohner eines Elfenbeinturms.“ hätte verhindert, dass man den Satz zuerst falsch liest/vorliest und dann vergeblich auf ein weiteres Satzglied wartet.

  22. Vorab: ich hab nur sechs Minuten durchgehalten; bei „wir haben klar und sauber die Fehler der Studie recherchiert“ hat’s mir gereicht. Daher auch von mir vielen Dank dafür, dieses Selbstbeweihräucherungsdesaster trotz erfüllten Pensums so ausführlich beschrieben zu haben. Mir ist noch ein Punkt aus dem Beschreibungstext zum podcast aufgefallen:
    „Woher kommt diese Ablehnung? Nur ein Missverständnis? Oder wurden auch Fehler gemacht?“
    Zu behaupten, dass die Ablehnung auf einem Missverständnis beruhen könnte, ist ja schon eine Frechheit, aber das „auch“ am Ende impliziert ja geradezu, dass die Ablehnung zumindest zum Teil in jedem Fall auf einem Missverständnis beruht. Das ist so unfassbar realitätsfern. Ich glaube allerdings nicht, dass das an fehlender Fähigkeit zur Selbstreflexion liegt. Die wissen, dass sie in dieser unbedeutenden Kleinigkeit faktisch im Unrecht sind. Die wissen, dass sie eine Kampagne fahren. Sie wähnen sich einfach nur – in den ganzen großen Zusammenhängen, also der Wirtschaft – im Recht.

  23. @17 SAUERTÖPFISCHE GRUNDEL
    „Nur sollte man, wenn man aus Versehen mal den Tisch kaputtgemacht hat, nicht noch weiter mit einer Axt auf den Überresten rumhauen und permanent behaupten, man tue doch gar nichts.“

    In dem Fall wohl eher: Den Tisch beschuldigen man hätte Blasen an den Fingern von der Axt.

  24. danke herr niggemeier dass sie sich das antun und nach wie vor gegenhalten. es ist wichtig dass nach wie vor diesem narrativ des quasi victim-blamings widersprochen wird. denn was herr reichelt und co u.v.a. hier machen ist schon ziemlich nah dran an rico mielke und der „wildscheinplage im schrebergarten“ (hape kerkeling)
    https://www.youtube.com/watch?v=-D2mjbrcN3A
    so kann kein diskurs mehr stattfinden

  25. Tja, schmeckt bitter, die eigene „Medizin“, liebe „Bild“-Macher, nicht wahr? Statt medial Dresche auszuteilen welche einzustecken …

    @18: Sehe ich ähnlich. Danke!
    @19: Zielrichtung des Podcasts: Feigenblatt für die Druck machenden Aktionäre, würde ich meinen, frei nach dem Motto: Wir erklären (angeblich) ganz transparent die Arbeitsweise bei der „Bild“ und versuchen, auch auf diesem Wege zahlende Leser/Nutzer zu gewinnen. Klappt aber hoffentlich nicht.

  26. @30

    Die denkbare Alternative, was die Zielrichtung betrifft:
    Es geht nicht darum, Leute draußen zu erreichen, sondern es ist im Kern eine Ansage an das eigene Personal. Und er möchte vielleicht auf eine subtile Art Friede Springer den Wind aus den Segeln zu nehmen, ohne ihr dabei auf die Füße zu treten.

    Natürlich wissen beide Podcaster, dass sie damit nicht viele Menschen erreichen. Aber wie sonst hätte sich Döpfner vor Reichelt stellen können, ohne die Sache zu eskalieren bzw. ohne damit deutlich zu machen, dass der „Bild“-Chef bereits schwer angeschossen ist?

    Mit diesem Auftritt hat Döpfner allen im Haus klargemacht, dass er Reichelt (noch) deckt. Sein Versuch, die Kritik an Reichelt gleichzusetzen mit einem Angriff auf die „Bild“, ist durchschaubar konstruiert und halbherzig.

    Gleichzeitig aber bietet ihm dieser Auftritt aber auch die Möglichkeit, Reichelt wenn nötig fallenzulassen, ohne dass er, Döpfner, dabei sein Gesicht verliert. Denn dann würde dieser Podcast als reine Plauderei unter Kollegen dargestellt.

    An keiner Stelle hat Döpfner sein Schicksal mit dem Schicksal Reichelts verwoben. Wäre ich Reichelt, ich würde mich jetzt nicht sicherer fühlen.

  27. ein „zu“ und ein „aber“ zuviel, sorry, ich sehne mich nach einer alten Schreibmaschine (da merkt man solche Tippfehler sofort)

  28. Ich habe mein Pensum an Texten über „Bild“, auch aktuell, ganz gut erfüllt.

    Finde ich auch. Wie wäre es mit etwas mehr Kritik, die auch den „Qualitätsmedien“ wehtut?

    Gibt es da nichts?

  29. @21 Anderer Max: (Zitat „Weil Podcasthörer intelligenter sind als Bildleser und weil Gastbeitrag ein Podcasthörer ist kann das ja nicht anders sein, weil er ist ja kein Bildleser. Oder so.“)

    Ganz so möchte ich es doch nicht stehen lassen. Zum einen habe ich, glaube ich zumindest, schon in der Formulierung angelegt, dass es sich um Vorurteile/Klischees bzgl Bildleserschaft und Podcasthörerschaft auf meiner Seite handeln könnte. Darauf mit einem Post zu antworten, der sinngemäß aussagt „Du hast verdammt noch Mal Vorurteile!“ trägt jetzt nicht unbedingt zu einem Erkenntnisgewinn bei bzw. hätte man das auch ohne ätzenden Unterton formulieren können.

    Über die Intelligenz habe ich im übrigen an keiner Stelle etwas gesagt und möchte mir dies als Unterstellung auch verbitten. Ich vermute keine große Schnittmenge zwischen diesen beiden Gruppen weil die Stärken beider Medien genau entgegengesetzt sind: auf der einen Seite schnelle, zugespitzte Informationen bei der „Bild“, auf der anderen Seite (oft) ausladende Themenbearbeitung ohne Zeit- bzw. Platzlimitation. Beides hat seine Berechtigung, unabhängig von der Umsetzung.

  30. @35: Sorry für den ätzenden Unterton. Geschriebene Ironie kommt nicht an, wie sie soll. Meine Erfahrung ist schlicht, dass sich Konsumenten von „neueren“ Medien oft überlegen fühlen. Ich selbst sage mich davon nicht los, ich lasse (auch hier) oft raushängen, dass ich voll am Puls der Zeit bin, nur weil ich bei reddit lese, was natürlich auch Quatsch ist.
    (Um die Ironie deutlicher zu kennzeichnen wollte ich ursprünglich nicht von „Intelligenz“ sondern von „verbesserten Gehirnen“ sprechen, in Anlehnung an die Punkband Die Kassierer, war mir aber sicher, dass diese Anspielung niemand versteht.)

    Dass beide Gruppen (keine) große(n) Schnittmengen haben, darüber kann man nur spekulieren, meine ich.

  31. Tucholsky – leicht modifiziert :

    „Rosen auf den Weg gestreut

    Ihr müßt sie lieb und nett behandeln,
    erschreckt sie nicht – sie sind so zart!
    Ihr müßt mit Palmen sie umwandeln,
    getreulich ihrer Eigenart!
    Pfeift euerm Hunde, wenn er kläfft –:
    Küßt Springer-Leute wo ihr sie trefft!

    Wenn sie in ihren Blättern hetzen,
    sagt: »Ja und Amen – aber gern!
    Hier habt ihr mich – schlagt mich in Fetzen!«
    Und rüpeln sie, so lobt den Herrn.
    Denn Rüpeln ist doch ihr Geschäft!
    Küßt Springer-Leute, wo ihr sie trefft.
    [….]

    Das komplette Original hier:
    https://www.textlog.de/tucholsky-rosen-weg.html

  32. Ohne das Video gesehen zu haben:
    Vielleicht ist es gar nicht echt! Vielleicht sind es Doubles, die von Böhmermann beauftragt wurden, ein Satirevideo zu drehen!

  33. Mittlerweile kennt man es ja von ihnen. Erst austeilen, dann nicht einstecken wollen. Und ja nicht das Gesicht verlieren. Solche Podcasts sind dann nur das letzte Mittel zur versuchten Ehrenrettung (geht dann gerne mal nach hinten los, wenn man im selbstnegierten Sinne noch einen draufsetzt).

    Und wirklich rührend, wie das Trauma dann wieder als Joker ausgepackt wird. Kleiner Tipp: Traumata lassen sich behandeln. Die sind kein Grund, so weitermachen zu dürfen wie bisher.

  34. Friede Springer leidet wie ein Hund, Reichelt und seine Kanaille sind unverstandene Opfer eines vermutlich links-grün-versifften Mainstreams usw.
    Ich fasse es nicht.

  35. Obwohl ich sehr abgehärtet bin, war ich nicht in der Lage mir den Po-dcast anzutun…
    allein die Vorstellung damit meinen zarten sensiblen HirnMuskel zu traktieren,uäh
    „Lieber Julian,ich fühle so mit dir.
    Unverstanden. Ungeliebt Unverdient.
    Gut verdienend… Macht…
    Achnö, ich fühle nicht mehr mit dir. Sorry.

  36. Die meinen das ernst und glauben wirklich, was sie sagen – einschließlich dass sie Journalisten seien. Die Verwunderung über die Kritik ist vermutlich echt. Ich hatte um die Jahrtausendwende Gelegenheit, als Freelancer einige Zeit in den Maschinenräumen von G+J (Berliner Kurier) und Axel Springer Verlag (Die Welt) zu verbringen und war schon damals über Selbstsicht des Personals (bspw. Döpfner, Strunz u. a.) einigermaßen erstaunt. Heute denke ich, dass man es gar nicht in dem Job aushält, wenn man nicht (wenigstens ein bisschen) an das glaubt, was man tut. So viel Abstand zu sich selbst und seiner Arbeit könnte man über längere Zeit gar nicht halten, ohne Schaden zu nehmen. Den Schaden muss man schon irgendwie mitbringen.

  37. @Stefan Niggemeier
    Danke. Ja, natürlich. *facepalm* (Da sieht man mal, wie sich im Kopf Informationen aufgrund unterschiedlicher Sinneseindrücke zusammensetzen und dann die Wahrnehmung verändern bzw. voreilige/falsche Schlüsse entstehen:
    Auge sieht: Artikelbild mit den beiden Protagonisten in typischer Talkshow-Gesprächspose; Gehirn denkt: Aha, ein Video!)

  38. Offenbar steht „Bild“ der eigene Sumpf bis zum Hals, dass man zu diesem Selbstlobhudel-Pseudointerviev schnappte, an dampfender Peinlichkeit kaum zu überbieten.

  39. Erstmal danke fürs Freischalten des Artikels an alle. Ansonsten ists ja sonnenklar, warum die beiden Jungs zum Thema „Bild und Fakten“ sich nur gegenseitig die Eier schaukeln können, jeder unabhängige Beobachter würde dem streichelnden Reichelt ja seine „Fakten“ genau wie oben links und rechts um die Ohren hauen.

  40. Kommentare 47.DerMax und 48.StefanNiggemeier:
    Vielen Dank für die beiden Kommentare, die es geschafft haben, dass ich, der bei diesem Thema (Springer, Bild , Christus Döpfner*, Sankt Reichelt*) -das mir sonst immer nur die Zornesröte ob deren Ignoranz und Arroganz ins Gesicht treibt-, kurz heftig und fröhlich Lachen musste :D

    *Selbsbild

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