Logenplatz auf der Gerüchte-Ebene

Seit gut zwei Wochen gilt der Sänger und Schauspieler Daniel Küblböck nun als vermisst. Er ist auf einer Kreuzfahrt nach New York über Bord gegangen, und vermutlich gibt es wenige, die das nicht mitbekommen haben. Denn viele Journalisten sorgen seither dafür, immer neue Details ans Licht zu zerren. Über Küblböcks Zeit an Bord. Sein Leben. Sein plötzliches Verschwinden.

Das meiste davon ist Hörensagen: Erzählungen von Mitreisenden, Ferndiagnosen von Psychologen, Kommentare anderer Prominenter – es besteht wahrlich kein Mangel an Gerede und Gerücht. All das kritisch zu betrachten, böte schon jetzt Stoff für eine medienwissenschaftliche Masterarbeit, und immer noch kommen tägliche Dutzende Artikel, Dutzende Gerüchte hinzu.

Gut gefüllt: Themenseite zu Küblböck Screenshot: tz.de

Werfen wir beispielhaft für den Schlagzeilen-Wahn, dem Journalisten in Sachen Küblböck verfallen sind, einen Blick auf tz.de, den Online-Auftritt der gleichnamigen Münchner Boulevardzeitung. Alle paar Stunden erscheinen dort neue Texte, gebündelt auf einer Themenseite zu Daniel Küblböck.

„Küblböck offenbarte ein intimes Geheimnis einer völlig Fremden auf der AIDA“

„Überwachungs-Video von Daniel Küblböck: Zeigt es den Sprung von der AIDAluna?“

„Ist er gar nicht gesprungen? Ein Aspekt bei Daniel Küblböck wird bisher kaum beachtet“

„Daniel Küblböck: Exklusive Aufnahmen der Durchsage des AIDA-Kapitäns“

„Daniel Küblböck: Hier sehen Sie exklusiv sein letztes öffentliches Foto an Bord – es entstand durch Zufall“

„Wilde Theorie im Web: Lebt Küblböck und hat alles fingiert? Sein Ex sieht Gründe dafür“

„‚Er wirkte unnahbar, wie eine Diva‘ – Daniel Küblböck: Zeugen berichten von Auftritt auf der Aida“

„Letzte Aufnahmen: Video zeigt Küblböcks Ausraster in der Kabine“

„Nach Vorwürfen des Küblböck-Vaters – So reagiert Aida Cruises“

„Daniel Küblböck: Münchner Kumpel ‚weinte ganzen Tag‘ – Doch ein Detail kann er sich nicht erklären“

„Daniel Küblböck vertraute sich Olivia Jones an: Sie wusste von seinen Problemen“

„Daniel Küblböck: Das sagt Thomas Anders über Dieter Bohlens Pulli“

„‚Abartig, heuchlerisch‘: Alexander Klaws äußert sich über Brief an Küblböck – und schäumt vor Wut“

„Warum Alexander Klaws den Abschiedsbrief an Daniel Küblböck nicht unterschrieben hat“

„Video eines anderen Passagiers: Von diesem AIDA-Deck stürzte Daniel Küblböck“

„Daniel Küblböck: War seine Adoptivmutter gar nicht mit an Bord der AIDA?“

„Selfies aus der Schiffskabine: Postete Daniel Küblböck hier noch kurz vor seinem Verschwinden?“

„Drama um Daniel Küblböck: So viele Menschen verschwinden jedes Jahr von Kreuzfahrtschiffen“

Und das sind noch nicht alle. Jeder zarte Windhauch über dem Meer wird bei tz.de in einen Artikel umgeleitet, und es ist genug Luft für alle da: Viele, sehr viele wollen etwas abhaben von der Reichweite, die dieses „Drama“ beschert. Nichts ist deshalb zu irre, nichts zu abwegig, das es nicht noch eine Schlagzeile ergäbe. Oder einen Beitrag im Programm von RTL.

„Guten Morgen Deutschland“, „Punkt 12“, „Explosiv“, Exclusiv“ – seit Tagen spekulieren sie bei RTL, wie das alles nur so weit kommen konnte. Der Sender hat sogar seinen „Reise-Experten“ Ralf Benkö animiert, seinen Logenplatz auf der Gerüchte-Ebene einzunehmen und zu berichten, was er dort so hört. Ralf Benkö weiß nichts; sein bester Kumpel ist deshalb auch der Konjunktiv. Bei RTL nennen sie das „Recherche“ und „unglaubliche Neuigkeiten“.

Es braucht nicht viel, um ins RTL-Programm zu gelangen: Meldet sich beispielsweise „eine Schauspielerin“, die sich „vorstellen“ kann, weshalb Küblböck „das getan hat“, schickt der Sender gleich ein Kamerateam vorbei. Und anschließend schickt er es noch zu einer Psychologin, die sich auch irgendwas vorstellen kann. Und dann noch zu irgendwem. Wer sich gerade so findet.

Das alles ist auch deshalb so irre, weil ein Suizid Küblböcks, so wahrscheinlich er auch erscheint, bisher nur Theorie ist, von Medien befeuert. Das sagt der Psychologe Georg Fiedler von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) im Interview mit Übermedien. Es gebe bislang keine Beweise für einen Suizid, sagt Fiedler, und kritisiert die Berichterstattung: Offenbar sähen „viele Medien in einem Suizid einen besonderen Thrill, um damit Leser anzuziehen“. Er halte das für „wenig seriös“.

Wenig seriös ist auch, dass einige Medien ignorieren, wie über (mögliche) Suizide berichtet werden sollte, nämlich zurückhaltend – und nicht, wie es zum Beispiel „Bild“ getan hat, in krass romantisierender Weise.

Tod wie im Theater: „Bild“ über Küblböck Screenshot: Bild

Auch RTL hat die Theater-Theorie im Programm, und der Sender romantisiert den Sprung über Bord ebenfalls, indem der er mutmaßt, Küblböck habe darin „Erlösung“ gesucht, nach einem Leben voller Schmerz. Das sind nur ein paar Beispiele, welche Fehler auch hier wieder gemacht werden.

Was das bewirken kann bei Lesern oder Zuschauern, die suizidale Gedanken haben, darauf – und auf andere Aspekte, die im Zweifel Leben retten können – weist die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention immer wieder hin. Doch ein Fall wie dieser zeigt, dass man es nicht oft genug tun kann.

Ein Kommentar

  1. Interessante Technik: Ich setze Gerüchte in die Luft, befeuere täglich die Gerüchte und behaupte dann, die Gerüchte nähmen zu.

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