„Es gibt keinen Beweis, dass er sich das Leben genommen hat“

Herr Fiedler, wie finden Sie die Berichterstattung über Daniel Küblböck?

Zunächst einmal verwunderlich.

Weshalb?

Weil es bislang überhaupt keinen Beweis gibt, dass sich Herr Küblböck das Leben genommen hat. Wir wissen, dass er über Bord gegangen ist, wie vermutlich rund 30 Passagiere auf Schiffen pro Jahr weltweit. Mehr wissen wir bislang nicht. Es gibt ja auch zum Beispiel keinen Abschiedsbrief. Aber sein Promi-Status führt anscheinend dazu, dass viele darüber spekulieren. Woran sich auch nicht alle Medien beteiligen, sondern vor allem Boulevard- und Regenbogenblätter. Dort wird das nun ausgeschlachtet. Andere haben lediglich geschrieben, dass er über Bord gegangen ist. Das wäre die korrekte Berichterstattung nach jetzigem Stand des Wissens.

Manche Journalisten werden Sie jetzt wahrscheinlich etwas naiv finden. Küblböck soll doch angeblich über die Reling gestiegen sein.

Kann sein. Aber wurde das bestätigt? Nein.

Der Fall Küblböck ist ja schon außergewöhnlich: Es geschah auf hoher See, es gab die Suchmeldung. So etwas verbreitet sich ja schnell.

Ja, aber wie gesagt: Ein Suizid ist bislang ausschließlich nur Spekulation, von Medien und in sozialen Netzwerken aufgeworfen. Vor diesem Hintergrund wirkt dann der Satz unter den Artikeln, dass man ja eigentlich nicht über Suizide berichte ein wenig zynisch. Die Notwendigkeit, diesen Hinweis unter die Artikel zu setzen, wurde ja durch diese Beiträge selbst erst konstruiert.

Sie bleiben also dabei, dass es vielleicht kein Suizid war?

Ja. Das ist nicht der erste Fall, indem angesichts eines prominenten Todesfalls spekuliert wird, ob es sich um einen Suizid handle. Aber das muss generell zunächst untersucht werden. Deswegen wird in der Regel die Polizei eingeschaltet, um zu klären: War es Suizid? Oder ein Tötungsdelikt? Oder ein Unfall? Das liegt nicht unmittelbar auf der Hand. Die Sängerin der Cranberries zum Beispiel: Da gingen manche auch erst von einem Suizid aus, die Ermittler sagen aber nun, dass es ein Unfall war und sie in der Badewanne ertrunken ist. Oder der Musiker Prince: Da wurde auch über einen Suizid gemutmaßt, es war aber wohl ein überdosiertes Medikament, mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht in suizidaler Absicht genommen. Und auch wenn man auf einem Bild oder Video sehen könnte, dass Küblböck über die Reling klettert, weiß man doch gar nicht, in welchem psychischen Zustand er gehandelt hat.

Was meinen Sie genau?

Es heißt ja, er habe Probleme gehabt, sei häufig desorientiert gewesen. Darin könnte spekulativ ebenso eine Erklärung liegen. Das muss eine Untersuchung ergeben. Alles andere sind konstruierte Phantasiegebilde. Das Fatale daran ist, dass sich das auch in den sozialen Netzwerken ausbreitet. Zumindest wurde in den Medien darüber berichtet, dass es dort heftig zur Sache ging.

Ja, es gab viel Spott und Häme. Schockiert Sie das?

Das ist eine gewisse Verrohung, sozusagen. Ich frage mich auch, weshalb das sein muss. Offenbar scheint Herr Küblböck polarisiert zu haben, das ist auch nicht weiter schlimm. Dass man aber jemanden, der gestorben ist, Beschimpfungen hinterher ruft, ist etwas, das genau so übel ist wie das, was in der Politik derzeit teilweise verbreitet wird. Aber hier geht es ja um einen Todesfall. Da halte ich es für wenig verantwortlich, mit anderen Menschen so umzugehen. Und ich möchte auch anmerken, dass der ein oder andere Prominente, der sich mit seinen Thesen einmischt, vielleicht vorher überlegen sollte, was er von sich gibt und welche Wirkung das auf andere hat, wenn er oder sie auch Spekulationen anfeuert. Einer Aufklärung dienlich ist das nicht.

Die Frage ist ja auch, ob man jemals einen Beweis finden wird, der alles aufklärt. Jetzt werden erst mal Nachrichten veröffentlicht, die Küblböck zuvor privat verschickt hatte. Kollegen, Freunde, Bekannte werden befragt. Und mittels vieler Gerüchte wird eine Logik konstruiert, anhand der sich das Unerklärliche vermeintlich erklären lässt.

Ja. Aber das ist Stammtischlogik. Zusammenfabulieren kann man sich viel. Es kann ja auch sein, dass er zu viel Alkohol getrunken hat. Auch in so einem Zustand gehen Menschen über Bord. Nur eben nicht unbedingt in der Absicht, sich das Leben zu nehmen. Betrunken ist mancher unter Umständen durchaus jenseits von Gut und Böse. Es gibt so viele mögliche Erklärungen. Offenbar aber sehen viele Medien in einem Suizid einen besonderen Thrill, um damit Leser anzuziehen. Ich halte das für wenig seriös. Das ist keine Berichterstattung, die journalistischen Qualitätskriterien entspricht.

Manche Journalisten sagen ja auch gerne: Es steht doch eh alles im Netz, wieso sollten wir uns also zurückhalten, wenn es um einen Suizid oder mutmaßlichen Suizid geht?

Weil Medien keine Privatperson sind, sondern professionell journalistisch arbeiten sollten. Ein Medium, das sich in diesem Fall in Suizidspekulation steigert, lässt die journalistische Sorgfaltspflicht vermissen. Man kann natürlich schreiben, dass es Gerüchte gibt im Netz, dass es sich um einen Suizid gehandelt haben könnte. Aber man müsste auch schreiben, dass es dafür bislang keine konkrete Hinweise gibt. Das wäre korrekt.

Stattdessen wird nach möglichen Gründen für einen Suizid gesucht.

Das ist noch eine Spur unseriöser. Die einen sagen, er sei verwirrt und depressiv gewesen, andere sagen, er sei lebenslustig gewesen – das eine schließt das andere auch nicht unbedingt aus, nach außen. Aber ist das irgendwann mal von einem Fachmann festgestellt worden? Alles nur Gerüchte. Kein Laie kann und sollte eine Depression oder Psychose diagnostizieren, und ganz bestimmt nicht aufgrund von Aussagen in sozialen Netzwerken.

Deswegen fragen Journalisten ja Kollegen von Ihnen, also Psychologen, auch in diesem Fall. Und die sollen dann mal sagen, was sie so meinen.

Auch das ist natürlich in höchstem Maße unseriös. Man kann nur über Personen Aussagen machen, die man als Psychiater oder Psychologe kennt und mit denen man gesprochen hat. Ferndiagnosen sind sehr problematisch. Ich kenne das ja selber, dass man von Journalisten gedrängt wird, zu den Hintergründen eines Suizids etwas zu sagen. Aber das geht nicht. Es gibt zwar die Möglichkeit, eine Person post mortem zu beurteilen, aber dazu muss man eine psychologische Autopsie durchführen, ein nur von Fachexperten anzuwendendes aufwendiges und langwieriges Verfahren. Und das Ergebnis ist auch immer nur eine Wahrscheinlichkeit.

Eine zu detaillierte Berichterstattung über den – wenn auch nur mutmaßlichen – Suizid eines Prominenten, kann andere, die solche Gedanken haben, inspirieren. Muss man das in diesem Fall auch fürchten?

Das kann so einen Effekt haben, ja, es lässt derzeit aber nur schwer sagen. Die Population der Kreuzfahrer ist ja nicht besonders groß und es ist nicht billig, zur See zu fahren. Suizide gab es dort in der Vergangenheit aber durchaus.

2 Kommentare

  1. Zu „Das ist nicht der erste Fall, indem angesichts eines prominenten Todesfalls spekuliert wird, ob es sich um einen Suizid handle“, da fällt mir Jennifer Nitsch ein, da wurde auch von Suizid gesprochen, in einer längeren Analyse kam heraus dass sie zwar Probleme hatte, aber wohl eher betrunken vom Dach getorkelt ist.

  2. Im konkreten Fall wird es aber sehr wahrscheinlich keine weiteren Erkenntnisse mehr geben.

    Das heißt, man kann die „Spekulationen anheizen“ und sich gleichzeitig von ihnen distanzieren.

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