Journalisten können Leben retten – oder sie leichtsinnig riskieren

Eine Stadt wie Cottbus: weg. Oder Kaiserlautern: nicht mehr da. Hildesheim: komplett ausgestorben, in nur zehn Jahren. Ist das nicht schockierend?

Vielleicht muss man sich das mal so vorstellen, um das Ausmaß zu begreifen: Rund 100.000 Menschen, so viele wie in einer dieser zufällig gewählten Städte, begehen innerhalb von zehn Jahren Suizid. Also um die 10.000 in einem Jahr, nur in Deutschland. „Das ist mehr als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen zusammen“, sagt der Psychologe Georg Fiedler. Diejenigen, die einen Suizidversuch überleben, teils schwer geschädigt, nicht mitgerechnet.

Trotzdem sind Suizide immer noch ein Tabu-Thema, über das man allenfalls tuschelt, und normalerweise wird über Suizide auch nicht berichtet. Nimmt sich allerdings ein prominenter Mensch das Leben, gibt es kein Halten mehr. Das steht dann überall, im Internet, in Zeitungen. Details, Gerüchte, mögliche Gründe – alles wird ausgewalzt. Dabei ist das bekanntlich mindestens genau so gefährlich wie Schweigen. Wie geht man also richtig damit um?

Ein Mann geht aus einem dunlen Tunnel heraus. Draußen ist Tag.
Medien können raushelfen aus dem Tunnel Marco Verch/Flickr CC BY 2.0

Im Pressekodex, Ziffer 8.7, steht:

„Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Dies gilt insbesondere für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände.“

Hier geht es nicht darum, etwas zu vertuschen, sondern um Prävention. „Es soll auf keinen Fall verschwiegen werden“, sagt Fiedler. Im Gegenteil. Er und seinen Kollegen von der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) wünschen sich, dass über Suizidalität als Phänomen berichtet wird, gerade weil es ein komplexes, wichtiges Thema sei. Aber es kommt eben darauf an, wie darüber berichtet und öffentlich diskutiert wird. Journalisten fällt hier eine wichtige Rolle zu, eben weil sie Menschen beeinflussen können.

Belegt: Zurückhaltend zu berichten, kann Suizide verhindern

Seit vielen Jahren schon ist belegt, dass zu detaillierte Berichte über Suizide andere Menschen darin bestärken können, denselben Weg zu gehen. Dies hier ist auch nicht der erste Text dazu, aber man muss es offenbar immer wieder sagen. Das heißt nicht, dass sich jemand das Leben nimmt, nur weil er davon in der Zeitung gelesen hat. Die Sache ist vielschichtiger. Trotzdem ist der mediale Einfluss beachtlich; auch die Weltgesundheitsorgansisation (WHO) hebt deshalb Medienarbeit als wichtigen Faktor der Suizidprävention hervor.

Ein Beispiel für die Wirksamkeit zurückhaltender Berichterstattung wird dazu immer wieder genannt, eigentlich müsste es jeder Journalist kennen. Es geht auf eine gut 30 Jahre alte Erkenntnis zurück. 1978 wurde die Wiener U-Bahn eröffnet. Suizide wurden dort anschließend zu einem Problem – und Medien in Österreich berichteten intensiv darüber.

Nachdem der Österreichische Verein für Suizidprävention in den 1980er Jahren um Zurückhaltung bat, um weniger Details und große Titelseiten-Artikel dazu, ging auch die Zahl der U-Bahn-Suizide zurück – um rund 75 Prozent! Für jeden Journalisten sollte es eigentlich ein Ansporn sein, so etwas zu bewirken.

Trauriges Beispiel hingegen: der Suizid des Fußball-Nationaltorhüters Robert Enke vor fast zehn Jahren. Die Berichterstattung kannte damals kaum Grenzen. Journalisten gingen so weit, dass sie die Stelle, an der Enke zu Tode kam, auf Landkarten einzeichneten und veröffentlichten.

So etwas kann dann zur Folge haben, dass ein solcher Ort zum Hotspot wird, den auch andere deswegen aufsuchen. Oder generell die Methode übernehmen, wie auch im Fall des Schauspielers Robin Williams. Nach seinem Suizid stieg die Zahl der Suizide an. Das haben Forscher der Columbia University herausgefunden. Einen kausaler Zusammenhang ist sehr wahrscheinlich.

Nach Enke habe sich die Zahl der Suizide auf dieselbe Art, gerade unter jungen Männern, „drastisch erhöht“, sagt Fiedler. Bis heute sei sie nicht wieder unter das Niveau gesunken, das sie vorher hatte. Die Berichterstattung sei „fatal“ gewesen, sagt Fiedler, „bei vielen Medien.“ Danach habe es eine Diskussion darüber gegeben, auch im Journalismus selbst. Das weiche dann aber nach einer Zeit wieder auf. Ein Indikator sei etwa, sagt Fiedler, ob der Begriff Selbstmord oder Suizid verwendet werde.

Empfehlungen der Gesellschaft für Suizidprävention

Von Selbstmord zu sprechen, oder auch von einem Freitod, davon rät die DGS ab. Weil Mord eine kriminelle Handlung ist, Suizid aber nicht. Und frei ist ein Suizident auch nicht in seiner Entscheidung. Er oder sie befindet sich in einem psychischen Ausnahmezustand: „Wer Suizidgedanken hat, möchte nicht unbedingt sterben“, sagt Reinhard Lindner von der Universität Kassel. „Er oder sie weiß bloß nicht, wie es mit dem Leben besser weitergehen kann.“

„In dieser Situation können Medienberichte sowohl den Entschluss und Impuls zum Suizid, als auch die Suche nach Hilfe beeinflussen – beides ist möglich“, sagt Fiedler. Er und die DGS werden deshalb nicht müde, immerzu darauf hinzuweisen. „Wir möchten Journalisten bitten, die sensible Natur ihrer Berichte zu berücksichtigen.“ Zumal sie nicht nur gefährdete Menschen lesen, sondern auch Hinterbliebene, und sie nehmen das eben nicht nur vom Informationsgehalt her wahr“, sagt Fiedler, „sondern auch emotional.“

Deshalb hat die DGS, schon vor Jahren, Empfehlungen für Journalisten herausgegeben, wie eine verantwortungsvolle Berichterstattung zum Thema aussehen kann. Anlässlich des Welttags der Suizidprävention Anfang September hat die DGS ihr Medienportal noch mal aktualisiert, mit guten und schlechten Beispielen aus Berichten der vergangenen Jahre. Denn dass der Tod einer prominenten Person eine Nachricht ist, darum geht es gar nicht. Es geht aber darum, wie groß, wie reißerisch, wie dramatisch man die Ursache thematisiert.

Weshalb, zum Beispiel, ist es wichtig, wie und wo genau sich jemand das Leben genommen hat? Dies zu betonen, es etwa in Überschriften, Bildern, Landkarten besonders herauszustellen, kann nachweislich zu Folgesuiziden führen. Bisher eher unbekannte Methoden verbreiten sich, und werden sie genau beschrieben, möglicherweise sogar als sicher oder besonders bizarr, regt das ebenfalls an. Genau so wie jede romantisierende oder positive Darstellung, die einen Suizid etwa als letzten oder logischen Ausweg aus einer Krise verklärt.

Dasselbe gilt für Abschiedsbriefe. Wen gehen sie etwas an? Die Öffentlichkeit? Oder womöglich einfach nur Menschen, die dem Verstorbenen nahe standen, also Partner, Eltern, Freunde? Journalisten, die solche Briefe veröffentlichen, nehmen damit billigend in Kauf, dass sich andere in einer Notsituation mit deren Inhalt identifizieren. Ist das wirklich die Schlagzeile wert?

Und was bringen Ferndiagnosen irgendwelcher Experten? Natürlich können Psychologen allgemein Auskunft geben über das Phänomen an sich und über Auswege, aber was können sie über den Verstorbenen sagen? Nichts. Jedenfalls nicht mehr als hinspekulierte Möglichkeiten, weshalb es dazu nur kommen konnte. Der Erkenntniswert solcher Aussagen ist gleich null.

Ebenso wie die „Warnung“ vor Internetforen, in denen es um Suizid geht. Die „Warnung“, sagt die DGS, ist eher eine „Werbung“. Wer solche Portale finden will, findet sie ohnehin. Wieso also noch darauf hinweisen?

Mehr über Warnsignale, Risikofaktornen, Trauer berichten

In den meisten Medien ist es inzwischen Usus, in Beiträgen eine Telefonnummer anzugeben, unter der Menschen mit suizidalen Gedanken Hilfe bekommen. Das ist gut und wichtig. Aber oft scheint es, als würden Journalisten dies als Freibrief verstehen, drumherum alles dramatisch ausbreiten zu dürfen, immerhin hat man ja auf Hilfsangebote hingewiesen. Im Kontext reißerischer Darstellungen aber wirken diese Alibi-Kästen in Beiträgen eher geheuchelt.

Hilfe-Hinweis in einem RTL-Beitrag Screenshot: RTL

„Allen Menschen der Gesellschaft fällt bei der Suzidprävention eine Schlüsselrolle zu“, sagt Psychiater Lindner. Arbeitgeber, Kollegen, Verwandte, wir alle können helfen, dass Menschen nicht suizidal werden, sondern rausfinden aus dem Tunnel. Dass Suizide ausgelöst werden, wenn man jemanden darauf anspricht oder darüber allgemein berichtet, sei ein Vorurteil, so Lindner.

Journalisten können deshalb auch einen gegenteiligen Effekt erzielen, auch darauf weist die DGS hin. Wenn sie beispielsweise über Signale berichten, die auf eine Suizidgefährdung hinweisen, oder über Risikofaktoren. Wenn sie die Trauer und den Schmerz thematisieren, den Hinterbliebene nach dem Suizid einer nahestehenden Person empfinden. Oder wenn sie die Traumata solcher Menschen beschreiben, die auch von Suiziden anderer betroffen sind – zum Beispiel Lokführer, die das im Schnitt mindestens ein Mal erleben.

Etwas Empathie, etwas Verantwortungsbewusstsein, und bloß etwas weniger Klick- und Quotengeilheit: Das zusammen könnte im Zweifel Leben retten. Die Art, wie über Suizide berichtet werde, sei etwas, woran man ständig arbeiten müsse, sagt Fiedler. Die Verantwortung liege hier, neben den einzelnen Journalisten, auch bei Verlegern und Chefredakteuren. Sie müssten „darauf achten, dass ein gewisser Standard eingehalten wird“.

4 Kommentare

  1. Selbstverständlich darf man jeden Suizid für ein nicht-verhindertes Unglück halten, – wie es ja nun zahlreiche Organisationen tun. Und einzelne Journalisten dürfen sich selbstverständlich auf diese Seite schlagen. Aber die u.a. von Übermedien immer wieder vertretene Linie, jeder Suizid sei zu verhindern und jede Information, die eine „Nachahmung“ indizieren könnte, sei zu unterlassen, hat halt mit journalistischer Aufklärung nichts mehr zu tun, sondern ist schlicht PR für eine bestimmte Position.
    Es gibt zahlreiche Ausführungen dazu, ich mag das jetzt nicht in einem kleinen User-Kommentar versuchen aufzuarbeiten. Aber selbst wenn wir die Pathologisierung mancher Lebensunlust akzeptieren, bleiben jede Menge Konstellationen, in denen der Suizid schlicht und ergreifend Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts ist (das ja auch ansonsten juristisch unstrittig ist, weshalb bekanntlich die Beihilfe zur Selbsttötung in Deutschland nicht strafbar ist).
    Die dargestellten Empfehlungen für Journalisten laufen auf eine Stigmatisierung von Suizidenten hinaus (und deren Umfeld, das es nicht geschafft hat, die Selbsttötung zu verhindern), – was legitim wäre, wenn es eine nachvollziehbare Begründung dafür gäbe. Gibt es aber nicht. Und das ist eben unjournalistisch, wir hatten das vor zwei Jahren schon mal, und weil mein damaliger Entgegnungstext ausführlicher war, verweise ich darauf: http://spiegelkritik.de/2016/07/30/lebenspflicht-journalismus/

    Ja, ich gehöre zur Mehrheit der Bevölkerung, die ein Recht auf aktive Sterbehilfe fordert. Aber hier geht es mir tatsächlich nur um guten Journalismus, der eben nicht ausblendet, was er volkspädagogisch für störend hält: die missglückten Suizide, die grausam-leidvollen Suizide (weils die Leute nicht besser wissen, auch dank Medienschweigens), die glücklich geglückten Suizide usw.
    Die Materie ist sicherlich komplex, Juristen, Mediziner, Kleriker und sonstige haben ihr Terrain abgesteckt. Gerade deshalb ist ein ernsthaft aufklärender Journalismus notwendig.

    Hier bei Übermedien sind wir auf der Metaebene – doch auch da wird das Thema völlig einseitig behandelt. Wie über „Selbstmorde“ berichtet werden kann, soll, darf, wird nicht diskutiert – es wird die Position eines Lobbyverbandes ausgewalzt (ja, und die des Presserats). Gegenreden, andere Sichtweisen, gar von „praktizierten Experten“ (Stichwort Herrndorf), aber vor allem von Journalisten, die das offenbar anders sehen und denen hier ungehört zu „etwas Empathie, etwas Verantwortungsbewusstsein, und bloß etwas weniger Klick- und Quotengeilheit“ geraten wird – Fehlanzeige.

  2. @ Timo Rieg, # 1:

    Ich kann dem Text nicht entnehmen, dass jeder Suizid zu verhindern und jede möglicherweise eine „Nachahmung“ indizierende Information zu unterlassen sei. Ersteres wird niemand ernsthaft behaupten und letzteres ist eben der schmale Grat zwischen Informationsinteresse und „Nachahmungsanreiz“, den es sicher zu beschreiten gilt. Der Werther-Effekt ist meines Wissens wissenschaftlicher Fakt und sollte daher unbedingt Berücksichtigung finden. Es wäre gar nicht so schwierig, viele der auch im Text genannten Trigger wegzulassen. Nur kommen die Nachrichten dann nicht mehr so reißerisch rüber, was nicht gewollt ist. Das ist doch das eigentliche Problem, dass man deshalb nichts an der Berichterstattung ändert und nicht, weil es nicht möglich oder sinnlos wäre.

  3. @1:

    Auch auf der Metaebene kann man doch einen Standpunkt haben und vertreten. Möglichst objektiv immer alle Meinungen darzustellen, ist wohl eher Anspruch an die Wissenschaft, nicht den Journalismus. Ich finde es auch arg bemüht, dem Verband oder dem Autor eine Pathologisierung bzw. Stigmatisierung vorzuwerfen. Beide plädieren auch nicht für drastische Maßnahmen gegenüber den Betroffenen.

    Und: Ich denke, die Kritik hier auf Übermedien zielt auf die reißerische Berichterstattung wie im Fall Enke oder Küblböck, die ihrerseits nicht einmal entfernt den Anspruch hat, journalistisch aufzuklären. Ich denke, man kann diese reißerische Berichterstattung kritisieren und dabei die Haltung eines „Lobbyverbandes“ wiedergeben, ohne sich dem Ruch auszusetzen, nur noch Pressearbeit für diesen Verband zu betreiben.

    Runtergebrochen von der Metaebene: Finden Sie die aktuelle, hier in anderen Beiträgen zitierte Berichterstattung zu Herrn Küblböck in Ordnung? Oder Ihrem Anliegen dienlich? Falls nicht, welchen Inhalt hätte Ihre Kritik abseits der vom Verband vertretenen Positionen?

  4. @1.: Zwar ist nicht jeder Mensch, der sein Leben beenden will, in seiner Entscheidungsfindung unfrei oder „pathologisch“, es gibt dessenungeachtet Menschen, die das tatsächlich sind. Inwiefern wird die freie Selbstbestimmung eines frei entscheidenden Menschen beeinträchtigt, wenn man aus Rücksicht auf die _beeinflussbaren_ Menschen die Berichterstattung über Enke, Küblböck oder sonstwen eher zurückhaltend gestaltet? Von Rücksicht auf Familie und Freunde der Toten mal ganz zu schweigen?
    Ist es weiterhin die Aufgabe einer Zeitung, einen „besonders schönen Ort zu Sterben“ zu finden?
    Drittens wird hier auf Übermedien zumindest nicht dafür plädiert, Menschen zu „pathologisieren“, die ihren Leben ein Ende setzen (wollen). (Dass bspw. Depression eine Krankheit IST, soll ja keine Verallgemeinerung sein.)
    Und zu guter Letzt, wenn jemand ihrem oder seinem Leben selbstbestimmt ein Ende machen will, wird sie oder er sich tatsächlich davon abhalten lassen, dass in der Zeitung über einen anderen Menschen, der sich aus evt. ganz anderen Gründen umgebracht hat, nicht steht, dass das „_der_ logische Ausweg“ gewesen sei?

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