Funk-Jubiläum

Da geht noch was!

Vor zehn Jahren ist das Jugendangebot von ARD und ZDF mit dem Ziel an den Start gegangen, junge Leute zu erreichen. Das ist gelungen. An der Umsetzung gibt’s aber immer wieder Kritik. Unsere Autorin hat Funk einen ehrlichen Geburtstagsbrief geschrieben – mit fünf medienkritischen Wünschen für die Zukunft.
Barockes Gemälde einer Prinzessin mit Partyhut und Tröte neben Funk-Logo
Nur das Beste zum Wiegenfeste!Illustration: Canva, Funk / Montage: Ü

Hey Funk, 

alles Gute zum 10. Geburtstag! 

In den vergangenen zehn Jahren habt ihr das geschafft, was ARD und ZDF ohne euch nicht geschafft hätten: Ihr habt die Öffentlich-Rechtlichen jünger gemacht. Ihr habt sie bunter und schneller, aber auch meinungsgeladener und oberflächlicher gemacht. Ihr habt Social Media verstanden – und manche journalistischen Qualitätskriterien noch immer nicht. Ihr habt das Vertrauen junger Leute gewonnen – und an mancher Stelle wieder verloren. Damit es euch auch in zehn Jahren noch gibt, kommen hier fünf medienkritische Wünsche zum Geburtstag: 

Bleibt jung

Alle brauchen sie, ihr habt sie: die jungen Leute zwischen 14 und 29 Jahren, die eure Inhalte im Internet schauen, hören, liken. Es ist ein bisschen witzig und traurig zugleich, dass ARD und ZDF vor euch daran gescheitert sind. Denn eigentlich hätte man sich nur mal umschauen müssen, wo Jugendliche und junge Erwachsene so unterwegs sind, was sie beschäftigt und was sie zu sagen haben. Ziemlich bitter, dass es dafür extra einen neuen Auftrag im Medienstaatsvertrag gebraucht hat. Aber, seit 2016 steht er da, Paragraph 30c: 

„Das Jugendangebot soll inhaltlich die Lebenswirklichkeit und die Interessen junger Menschen als Zielgruppe in den Mittelpunkt stellen und dadurch einen besonderen Beitrag zur Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags nach § 26 leisten.“

Wäre es nach den alten Fernsehmachern gegangen, wärt ihr ja ein Fernsehkanal geworden. Aber die Ministerpräsidenten, die damals darüber entschieden, hatten wohl weiter gedacht. Sie haben ARD und ZDF stattdessen mit etwas viel Revolutionärerem beauftragt: einem Jugendangebot nur im Internet. Klang damals unvorstellbar, zumindest für TV‑Liebhaber. Heute sehen die Sorgen von damals aber ziemlich lächerlich aus, oder?

To be fair: Auch ihr seid damals noch auf Facebook unterwegs gewesen (wer hatte eigentlich diese Idee?), aber immerhin auch auf YouTube und Instagram (und Snapchat). Rund 45 Millionen Euro pro Jahr habt ihr damals von ARD und ZDF bekommen, heute sind es 800.000 Euro mehr. Klingt erstmal nach viel Geld, ist es aber dann auch wieder nicht, wenn man vergleicht: Das Erste produziert für ungefähr so viel Geld gerade mal zwei Dutzend Tatorte. 

Und auch abgesehen vom Geld wurdet ihr viel diskutiert: Die einen hielten euch für einen „Glücksfall“ für ARD und ZDF, die anderen meinten, ihr hättet vor eurem Start bereits verloren und könntet unmöglich überzeugen. Aber: Ihr habt nicht verloren. Zumindest nicht, wenn man den Umfragen in eurer Zielgruppe glaubt, die ihr jedes Jahr stolz verbreitet: 75 Prozent von ihnen nutzen eure Formate, mehr als ein Drittel wöchentlich. Die Marke Funk kennen mittlerweile fast alle in dem Alter. 

Screenshot eines Instagram-Posts von Funk. Darauf steht: Relatable Zitate aus Literaturklassikern. Crush schreibet: Wir müssen reden. Literaturzitat: "Ich spürte (...) daß man einen Magen hat, ein blödes Gefühl." aus Homo Faber von Max Frisch.
Screenshot: Funk auf Instagram

Ich glaube, das funktioniert, weil ihr eure Zielgruppe versteht und ihre Probleme kennt. Ihr nehmt sie ernst und diskutiert in den Kommentaren mit. Ihr habt witzige Formate, versteht Memes und Trends, und seid nicht cringe. 

Ihr sortiert aber auch streng aus. Formate, die nicht funktionieren und die Zielgruppe nicht (mehr) erreichen, müssen gehen. Es ist hart, wenn gute Kanäle eingestellt werden. Ich verstehe, dass ihr nun mal nur das Budget für die 14- bis 29‑Jährigen habt und es unfair wäre, wenn dann ausgerechnet diese Inhalte vor allem Ältere erreichen. Eure Kernaufgabe, die junge Zielgruppe zu erreichen, habt ihr auf jeden Fall erfüllt. Dazu möchte ich euch irgendwie gratulieren, weil es davor niemand geschafft hat. Irgendwie aber auch nicht, ist schließlich das bare minimum eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der für alle da sein soll. Trotzdem wünsche ich euch, dass ihr weiter jung bleibt. Dass ihr auch die nächste Generation versteht. 

Lasst euch nicht alles von Social Media diktieren

Mittlerweile seid ihr nicht mehr auf Facebook (besser ist das), dafür aber auf TikTok. Keine coole Plattform, den Nutzern ist das aber weitestgehend egal. Ist schließlich jeder da. Euch kann es aber nicht egal sein. Junge Leute erreichen ist schön und gut, aber wenn Social-Media-Plattformen etwa zum US-Wahlkampf politische Inhalte drosseln, merkt ihr das auch: Eure Videos werden nicht mehr gut ausgespielt, der Algorithmus verdrängt sie aus den Feeds. Die Konzerne bestimmen, was wie oft gesehen wird, und ihr könnt nix dran ändern. Kann man so überhaupt junge Leute mit Politik auf diesen Plattformen erreichen? 

Gleichzeitig passt ihr eure Formate so sehr an die Schnelligkeit und emotionsgeladene Erzählweise von Social Media an, dass sie öfter mal an Tiefe verlieren: Euer Faktencheck-Kanal verpasst es immer wieder, Fakten zu checken, weil er sich lieber in spannenden, aber irrelevanten Storys verrennt. Euer ehemaliges YouTube-Format „Leeroy will’s wissen“ war reißerisches Clickbait ohne Einordnung.

Funk-Youtuber Leeroy Matata
Ex-Funk-Creator Leeroy MatataScreenshots: Youtube / "Leeroy will's wissen"

„Vicas Takes“ und „wyn.wyn“, eure politischen Stimmen auf Instagram und TikTok, produzieren knackige Meinungsvideos, die so knackig sind, dass sie eine politische Debatte oft kaum fair abbilden, was in den Kommentaren auch immer wieder kritisiert wird. 

Wie kann man unabhängig werden von den Logiken einer Plattform, von der man abhängig ist? Gar nicht. Eure Präsenz auf Social Media ist derzeit „alternativlos“, sagen uns eure Chefs. Trotzdem probiert ihr es immerhin woanders. Seit neuestem seid ihr auf Mastodon, im Fediverse – auch wenn da niemand aus eurer Zielgruppe ist, aber gut. Dabei arbeiten im ZDF ja schon Leute an einer öffentlich-rechtlichen Debattenplattform, die ohne fragwürdige Algorithmen, shit postings & Co. auskommen soll. Da müsst ihr mitmachen! Und eure Zielgruppe auch. 

Steht zu euren Fehlern

Immer wieder macht ihr Fehler. Besonders bitter sind die, die ihr euch mit ein bisschen besserer Kommunikation hättet sparen können. Das mit „Strg_F“, zum Beispiel. YouTuber Rezo hatte die Arbeitsweise eurer Kollegen damals ziemlich hart kritisiert und hatte recht. Ihr habt so viel Glaubwürdigkeit verloren, weil ihr eure Fehler erst nicht einsehen wolltet und dann doch zähneknirschend zugegeben habt. Langwierige und miese Aufarbeitung beim zuständigen Sender NDR inklusive. 

strg_f Framing, Lügen, mehr Framing, mehr Lügen
Rezo zerstört Strg_FScreenshot: Youtube / Rezo

Wäre cool, wenn das nicht nochmal passiert. Bringt schließlich nichts, wenn 75 Prozent der jungen Leute eure Inhalte nutzen, ihr Vertrauen unter sowas aber enorm leidet. 

Nebenbei haben in der Vergangenheit auch andere Formate journalistisch versagt. Ich denke da zum Beispiel an „Der Biograph“, der historischen Unsinn in einem Video über Adolf Hitler verbreitete. Auch da habt ihr die Kritik daran in den Kommentaren erst mal abgewiegelt – bis sich der deutsche Historikerverband gemeldet hat. 

In eurem mittlerweile eingestampften Esoterik-Format „karmaregelt“ fehlte regelmäßig eine wissenschaftlich fundierte Einordnung von weirden Eso-Trends. Warum macht ein öffentlich-rechtliches Angebot überhaupt einen Eso-Kanal? 

Grandios gescheitert ist auch euer Läster-Podcast „Brave Mädchen“, den ihr nach massiver Kritik an respektlosen Äußerungen kurz nach dem Start erst pausiert und dann ganz abgeschaltet habt. 

Eine Instagram-Story eures Politikformats „Die da oben“ stellte AfD und CDU/CSU politisch auf dieselbe Stufe und wurde dafür sogar vom damaligen ARD-Vorsitzenden Kai Gniffke kritisiert. ZDF-Intendant Norbert Himmler versprach danach zusätzliche Mitarbeiter in eurer Zentrale, die die journalistische Kompetenz stärken sollen. 

Denkt auch an die Älteren

In den zehn Jahren habt ihr um die 300 Formate verantwortet, nicht alle davon waren schlecht. Einige sind sogar ziemlich gut: Die Parodien von „Coldmirror“ begeistern seit eurem Start hunderttausende Leute auf YouTube, „Strg_F“ hat sich nach kleineren und größeren Pannen zusammengerissen und für ziemlich gute Recherchen Preise gewonnen, die kluge und witzige Interviewsendung von „smypathisch“ wurde in diesem Jahr mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. 

Einige Formate sind von euch ins erwachsene Programm von ARD und ZDF rübergekommen: Eva Schulz mit „Deutschland3000“, Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, das Gebärden-Format „Hand drauf“, die Reportagen von „Y‑Kollektiv“. Aber andere erfolgreiche Formate, deren Zuschauer zu alt für euch werden, lasst ihr einfach sterben. 

Das ist doch für alle frustrierend: für euch, die diese Formate aufgebaut haben. Für die Hosts, für die Zuschauer. Für ARD und ZDF, die ein von euch fertig getestetes und bei Zuschauern beliebtes Format einfach übernehmen könnten – und es nicht tun. So geschehen etwa beim Landwirtschaftsformat „Hundert Hektar Heimat“ und dem Satireformat „Walulis“. 

Wie genau sollt ihr aus dem überalterten Fernsehpublikum eigentlich ein jüngeres machen, wenn Produkte immer wieder sterben, statt woanders weiterzuleben? Sicher spielt Geld, bzw. die Abwesenheit davon, eine Rolle. Und manche Formate funktionieren vielleicht nur bei YouTube oder TikTok und nicht in eurer statischen Mediathek, in der man übrigens immer noch nicht kommentieren kann. 

Screenshots ehemaliger Funk-Formate: MaiLab, Deutschland3000, Walulis, Mädelsabende, Y-Kollektiv
Waren alle mal bei Funk.

In der Theorie klingt die Strategie für einen jungen öffentlich-rechtlichen Rundfunk doch aber so toll. ZDF-Intendant Norbert Himmler erklärt das so: Für die Kinder gibt’s Kika, für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt’s Funk, für die ein bisschen älteren jungen Erwachsenen gibt es ZDF Neo und ZDF Info (in der Mediathek). 

Von Funk sollen wir direkt rüberwechseln zu ZDF Neo und Info? Das sehe ich nicht. Nur, weil ich 30 werde, schaue ich doch nicht auf einmal nur noch Filme und Serien in der Mediathek und verzichte komplett auf Social Media. Kein Wunder, dass die Zielgruppe von Funk immer älter wird, wenn entsprechende Nachfolge-Angebote für Ü30-Jährige fehlen. 

Natürlich gibt es mittlerweile auch Podcasts und Social-Media-Kanäle von ARD und ZDF, die man nutzen kann, wenn man nicht mehr in eure Zielgruppe reinfällt. Trotzdem habe ich aktuell das Gefühl: Zwischen Funk und Tatort gibt es keine klare Anlaufstelle für die mitteljungen Leute. Ich wünsche euch, dass ihr mit ARD und ZDF bessere Übergänge schaffen könnt zwischen den einzelnen Zielgruppen. Vielleicht könnten die Sender einfach mal grundsätzlich eure alten erfolgreichen Formate übernehmen. Müssen sie halt ein paar Krimis weniger produzieren. 

Bleibt innovativ

Wär schon cool, wenn es euch auch in zehn Jahren noch gibt. Mit mehr Tiefe, dafür mit weniger unnötigen Fehlern, mit ein bisschen weniger Meinung. Davon haben wir auf Social Media doch sowieso schon genug. Eure Zukunft könnte eine echte Herausforderung werden. Allein, wie viele dumme KI-Slops es schon jetzt auf Social Media gibt. Dazu noch KI-generierter Content von zig Leuten, der mit eurem Content konkurriert. Und das wird alles noch viel extremer werden.

Ich hoffe, ihr habt kluge Ideen, damit umzugehen. Ihr wollt vor allem schneller werden, mehr neue Formate testen. Vielleicht lohnt es sich aber auch, in einer Welt, die immer schneller und immer mehr von KI getrieben wird, stattdessen langsamer zu werden? Vielleicht sogar weniger Formate gleichzeitig zu machen? 

Schon heute kennt niemand alle eure 57 Formate. Statt ständig neuen Trends hinterher zu hechten, einen Läster-Podcast zu machen, weil das gerade gut klickt, das x-te Streitgespräch zu entwickeln, weil das gerade jeder macht, könntet ihr doch auch mal ruhiger werden. Und euch auf die Langzeit-Formate besinnen, die die TikTok-Trends der vergangenen zehn Jahre überlebt haben. Ich denke da an „Coldmirror“, „die.da.oben“, „Datteltäter“, „Strg_F“, euren eigenen Instagram-Kanal „Funk“ oder „Wumms“. 

Macht’s besser und feiert gut! 

3 Kommentare

  1. „(…) stellte AfD und CDU/CSU politisch auf dieselbe Stufe (…)“
    Wie kann sie es wagen! Das hier Bowling, Donny, da gibt es Regeln!
    Eine davon ist, dass man Konservativen anscheinend nicht den Spiegel vorhalten darf, sonst werden die pampig und sagen dem ÖRR, was er sagen darf.

    „Wir von Funk verstehen, dass diese Darstellung problematisch ist, weil sie konservative demokratische Parteien mit extremistischen Haltungen auf eine Ebene stellt. (…)“
    „(…) … was aber inhaltlich dennoch richtig ist.“ steht zwischen Zeilen.
    Eigentlich sagt sagt der auch nur „Wir wissen, dass die CDU nicht hören will, dass ihre Positionen oftmals sehr nah an denen der afd sind.“

    Ich erinnere mich an eine Kommentarspalte hier bei übermedien, in der jemand forderte, den Wahl-O-Mat abzuschaffen, weil bei ihm afd rauskam und das könne ja nicht sein!
    Man muss da wirklich nur zuhören und verstehen.

    Oder wie Pispers damals sagte: „Mir ist noch keine bessere Möglichkeit eingefallen Angela Merkel zu beleidigen, als sie wörtlich zu zitieren.“

  2. Ich verfolg die Funk Kanäle beinahe seit der Gründung und kann mich dem hier geäusserten nur anschliessen, finde aber man hätte den Fakt mit dem in meinen Augen lächerlich geringen Budget durchaus nochmal klarer rausheben können. Ich finde es skandalös, die Zielgruppe sind keine 100.000 Leute, wo man so ein Budget rechtfertigen könnte. Schade, hat es die Politik bisher nicht bemerkt und zB eine 5 oder gleich 10% Vorgabe gemacht, verbunden mit „Leitplanken“ dass man das Geld dann auch sinnvoll nutzt. Oder halt jährlich steigernd bis man bei 5 oder 10% der Rundfunkgebühren ist.

    Am Ende kostet vermutlich ein einzelnes Format wie Markus Lanz oder ZDF Fernsehgarten mehr als diese ganzen tollen Kanäle wo man hat (vorallem ATLAS oder das von der FAZ produzierte Was kostet die Welt fehlt hier noch ;))
    So gesehen beeindruckend was die mit dem geringen Budget hinbekommen. Und die Kritik mit dem „Wird eingestampft statt fortgeführt“ ist hier genauso 10000% berechtigt und regt glaub ich jeden auf wo ein „Unser Abschied ….“ Video sah wo dann gesagt wurde „Unser Publikum ist zu alt, daher hat Funk entschieden …“ Nein so eine Verschwendung – da kriegt man leichte Verachtung gegenüber dem örr und wenn ein Jugendlicher solche Zahlen liest weiss er auch direkt, was der ÖRR von jungen Menschen als Zielgruppe hält – während die hundertste ü60 Sendung läuft.

    Funk hätte noch viele Möglichkeiten wo nichts kosten, zB stör ich mich sehr daran das man von neuen Kanälen nichts mitbekommt ausser durch Zufall oder man ruft jedesmal die Funk Seite auf – es wäre ein leichtes am Abspann in der Abmoderation gegenseitig auf die anderen Kanäle zu verweisen, vorallem wenn diese neu sind – das wird viel zu selten gemacht und hat zur Folge das ein Youtube Format wie trasherchiert bei nichtmal 10.000 Views pro Video landet, sehr schade.

  3. Wenn man hört, dass sich CDU und AfD ähneln, heißt das dann, dass AfD- Wähler lieber CDU wählen sollten oder umgekehrt?
    Dass ein langjähriger CDU-Wähler plötzlich SPD wählt, um nicht für AfD-nah gehalten werden, ist ja eher unwahrscheinlich…

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