TikTok-Kanal von Funk

Nix gecheckt trotz Faktencheck

Das Funk-Format „Fakecheck“ will „Bullshit“ auf Social Media aufklären. Doch die Faktenchecks verlieren sich immer wieder so sehr in aufregenden Recherche-Storys und unnötigen Details, dass sie dabei verpassen, die eigentliche Frage zu beantworten.
Titelbild mit Screenshots des TikTok-Formats „Fakecheck“
Screenshots: Fakecheck/TikTok

Achtung, Achtung, Leitungswasser wird nicht mehr als Trinkwasser empfohlen! Das behauptet zumindest ein Video auf TikTok und verbreitet eine angebliche Warnung der Gesundheitsbehörden. Doch schon bald bekommt die Falschinformation Widerspruch: Nachdem verwirrte Nutzer in den Kommentaren den Account von „Fakecheck“ markiert haben, tritt das öffentlich-rechtliche Faktencheck-Format auf den Plan. Die Redaktion fragt beim Umweltbundesamt nach, überprüft die Trinkwasserverordnung und gibt schließlich in einem eigenen Video Entwarnung: „Das ist Quatsch.“

„Fakecheck“ gehört zu Funk, dem Jugendangebot von ARD und ZDF, und wird vom MDR verantwortet.  Und wie das Beispiel der falschen Trinkwasserwarnung zeigt, ist die Idee dahinter zunächst gar nicht verkehrt: Vermuten Leute in einem Video auf Social Media Unsinn, können sie den „Fakecheck“-Account direkt darunter markieren. Die Redaktion recherchiert dann dazu und veröffentlicht die Ergebnisse auf Instagram, TikTok, YouTube und Snapchat. 

Warum es das braucht, begründet Funk damit, dass es auf diesen Plattformen „ziemlich viel Bullshit“ gäbe. Das „Fakecheck“-Versprechen lautet daher: „Wir recherchieren ergebnisoffen und differenzieren für euch, wir haken nach und konfrontieren. Besonders dort, wo es unbequem wird.“ Dabei würden „alle relevanten Rechercheschritte“ gezeigt und „ausgewogen und nuanciert“ erzählt. 

Faktenchecks auf Social Media sind eine Herausforderung

Das ist ein ziemlich hoher Anspruch für ein Format, dessen Videos meist keine Minute lang sind. Mehr ist nämlich nicht drin. Denn wenn „Fakecheck“ auf Instagram und TikTok erfolgreich sein will, muss es sich der Erzählweisen bedienen, die auf diesen Plattformen funktionieren: schnell, aufregend, bitte nicht zu kompliziert. Die Videos müssen emotionalisieren, eine packende Story erzählen oder ein Thema so pointiert behandeln, dass fast notwendigerweise jegliche Tiefe fehlt.

Für ein Format wie „Fakecheck“ ist das eine Herausforderung, wenn nicht sogar ein Dilemma – widersprechen diese Eigenschaften doch genau den Qualitäten, für die Faktenchecks stehen möchten. Zumal die vielen Diskussionen um herkömmliche Faktencheck-Formate gezeigt haben, wie schwierig es ist, komplexe Sachverhalte mit dem einfachen Aufkleber „wahr“ und „falsch“ zu versehen.

Schaut man sich nun die Videos von „Fakecheck“ an, ist das Ergebnis stellenweise ziemlich ernüchternd. Denn statt differenzierter Aufklärung liefert die Redaktion immer wieder verwirrende Videos, die gar nicht die Fragen beantworten, die man eigentlich hatte.

Verwirrende Zusatzinfos übertönen Faktencheck

Da ist zum Beispiel das „Fakecheck“-Video über amerikanische Lebensmittel. Dahinter steckt ein Trend, bei dem TikToker behaupten, Essen aus den USA bestünde angeblich nur noch aus „Ölen und Chemie“. Als Beweis dafür knüllen sie Toastscheiben zusammen, die daraufhin wieder ihre ursprüngliche Form annehmen. Oder biegen Bananen, die nicht zerbrechen. Oder zeigen Schokolade, die in der Mikrowelle nicht schmilzt, sondern sich bloß zu einer gummiartigen Masse verformt.

Ein Screenshot eines „Fakecheck“-Videos über „Fake-Schokolade“
Ist Essen in Amerika fake? Das erfahren die Zuschauer leider nicht. Screenshot: Fakecheck/TikTok

„Fakecheck“ will nun herausfinden, ob die Schokolade „wirklich fake ist“. Dafür werden erst mal allerlei Leute aufgezählt, die die Redaktion dafür angefragt hat: „Die zuständige US-Behörde, die Süßwaren-Lobby, eine Ingredient-Inspector, den Schokopapst und die Firma Hershey’s aus den USA.“ 

Moment mal, wer ist denn „eine Ingredient-Inspector“? Oder der „Schokopapst“

Egal, es geht direkt weiter: Die Redaktion bereitet einen Schokoladen-Selbsttest für die Mikrowelle vor und schreibt den Experten: Ist in Hershey’s Schokolade „echt kein Kakao mehr“? Oder besteht „sie sogar nur aus ‚Ölen und Chemie‘“? Und warum schmilzt sie „anscheinend nicht“? All das ist sehr schwammig formuliert – schließlich besteht so ziemlich alles auf dieser Welt aus Chemie. Statt also den pauschalen Vorwurf aus den TikToks zunächst zu differenzieren, übernimmt „Fakecheck“ einfach die Formulierung und macht sie zur wackeligen Ausgangslage des eigenen Faktenchecks. 

Als Beleg präsentiert die Redaktion schließlich die Antwort von einem der angefragten Experten. Gelb markiert sind darin die Worte „keine belastbaren Hinweise“, „kein Kakao mehr“ und „Ölen und Chemie“. Leider immer noch ziemlich nichtssagend. Macht aber nichts, denn „Fakecheck“ klärt gleich danach auf, was der wahre Grund für die gummiartige Schokolade ist, und beendet das Video so: 

„Wenn Schokolade warm wird und dann gleich abkühlt, verändert sich die molekulare Struktur von jeder Schokolade. Auch der aus Deutschland – kurz so, dass sie wird wie Gummi.“

Das ist zwar plausibel, aber eine Erklärung dafür wird den Zuschauern nicht geliefert. Als Quelle dient plötzlich auch nicht mehr die kurz zuvor eingeblendete Experten-Mail, sondern ein Ralf Kettner von TER Chemicals. Dass er Fachmann für Stabilisatoren und Verdickungsmittel ist, und nicht etwa ein Vertreter der Süßwaren-Lobby, erfährt man nur, wenn man ihn googelt. Dabei ist es ja durchaus relevant, wer etwas sagt. 

Was bzw. ob die anderen angefragten Quellen geantwortet haben, erfahren die Zuschauer nicht. Bleibt die Frage: Warum zählt „Fakecheck“ sie am Anfang des Videos so akribisch auf, wenn sie am Ende gar nicht zum Faktencheck beitragen? Ach ja, man will ja laut Selbstbeschreibung „alle relevanten Rechercheschritte, […] die zum Ergebnis des Checks führen“ zeigen. In der Theorie klingt das durchaus lobenswert. In der Praxis führt es aber dazu, dass der Faktencheck mit unwichtigen Namen und Details gespickt ist, die wenig beweisen und dafür umso mehr verwirren. 

Am eigentlichen Kern wird vorbeigecheckt

Zudem bekommen die Zuschauer erst in den letzten sieben Sekunden eine Antwort auf die Frage nach der gummiartigen Schokolade. Das ist zwar geschicktes Storytelling – schließlich bleibt man so bis zum Ende dran. Aber inhaltlich funktioniert das leider nicht. Denn obwohl die Redaktion so sehr mit der eigenen Recherche angibt, verpasst sie es, die eigentliche Frage zu „checken“. 

Den TikTok-Nutzern geht es schließlich nicht darum, was genau mit Schokoladenmolekülen passiert. Sie wollen wissen, wie hochverarbeitet und vielleicht auch gesundheitsschädlich Lebensmittel in den USA sind. Und sie fragen sich nach dem Schokoladen-Check weiterhin: Was ist denn jetzt mit der Banane, die sich um 90 Grad biegen lässt und dabei nicht bricht? 

Ein Blick in die Kommentare bestätigt das: „Was soll uns jetzt dieses Reel sagen?“, fragt eine, „Gute Ausrede bei der Schokolade und jetzt versucht es mit Obst“, schreibt ein anderer. 

Fragen über Fragen in den Kommentaren. Screenshots: Fakecheck/TikTok

Das Schokoladen-Video ist nicht das einzige, bei dem „Fakecheck“ den eigentlichen Kontext außer Acht lässt. In einem mittlerweile offline genommenen TikTok sieht man, wie ein Polizeibus einen E-Scooter-Fahrer rammt und dieser daraufhin vom Roller fällt. „Fakecheck“ sagt dann: „Das Ganze hier war rechtlich okay – aber why?“ 

Tja, das erfahren die Zuschauer leider nicht. Erst mal wird erzählt, dass das Video in Bremen aufgenommen wurde, der Mann auf dem Scooter einer Frau an den Po gefasst haben soll und Leute daraufhin die Polizei gerufen haben, die den Mann auf dem Roller verfolgt und schließlich zu Fall gebracht hat. Das sei in dem Fall das „mildeste Mittel“ gewesen, zitiert „Fakecheck“ einen Professor für Polizeirecht.

Damit ist zwar geklärt, dass das Video echt ist. Aber der Faktencheck endet, bevor die eigentliche Frage („aber why?“) beantwortet wird: Warum darf die Polizei zu solchen Mitteln greifen? Was war daran „mild“?

Weglassen, was nicht zur Story passt

Woanders lässt „Fakecheck“ sogar deutlich relevantere Informationen weg, etwa in einem Check zu Klimaszenarien. Die Redaktion überprüft darin die Aussagen eines „Nius“-Redakteurs. 

Nun gehört das rechte Portal „Nius“ nicht zu den Medien, die besonders ausgewogen oder journalistisch sauber an Themen herangehen. Stattdessen verbreitet das Portal immer wieder Lügen. Für Faktenchecker also ein gefundenes Fressen. „Fakecheck“ aber will laut den eigenen Guidelines „unvoreingenommen“ recherchieren und Menschen nicht „diskreditieren“. Genau das Gegenteil passiert aber in diesem Video. 

„Nius“-Redakteur Julius Böhm wird von „Fakecheck“ mit der Kritik an seinen Aussagen konfrontiert. Seine Antwort teasert „Fakecheck“ besonders dramatisch an und behauptet, stilecht im überdrehten Plattformsprech, sie sei „hilarious“ und er gehe „crashout“. 

Doch alles, was die Zuschauer am Ende von dieser Antwort zu sehen bekommen, ist der erste Satz. Der hat inhaltlich zwar gar nichts mit dem Thema zu tun, ist für „Fakecheck“ aber anscheinend trotzdem ein Beweis dafür, dass Julius Böhm zu all dieser Kritik nichts Sinnvolles zu sagen hat. Dabei geht er nach dem ersten Satz auch auf die inhaltlichen Fragen von „Fakecheck“ ein – das kann man im eingeblendeten Screenshot kurz sehen. Doch anstatt sich mit diesen Antworten inhaltlich auseinanderzusetzen und sie gegebenenfalls zu entkräften, lässt „Fakecheck“ sie einfach weg und beendet das Video.

Nur der erste Satz von „Nius“-Redakteur Julius Böhm schafft es in den Faktencheck.Screenshot: Fakecheck/TikTok

Erst Stunden später und nach Protest in den Kommentaren postet „Fakecheck“ die ganze Antwort von Böhm kommentarlos unter das Video und lässt die Zuschauer mit den komplizierten Details allein. Hat der „Nius“-Redakteur jetzt also doch einen Punkt? 

Wo ist die Relevanz? 

In anderen Fällen wiederum sind die gecheckten Fakten schlicht so banal, dass es gar keinen weiteren Kontext gibt.

Zum Beispiel dann, wenn „Fakecheck“ das Video einer unbekannten Twitch-Streamerin einer Schattenanalyse unterzieht und prüft, ob sie denn wirklich – wie behauptet – in dem Video geblitzt wurde. Sogar die Polizei wird dafür angefragt. Stellt sich raus: Das Blitzer-Video ist ein Fake. Na, zum Glück hat das mal jemand überprüft!  

Die Irrelevanz beschreiben auch die Kommentare unter dem „Fakecheck“-Video: „es juckt auch ernst niemanden ob das jetzt fake oder echt war“, schreibt einer und bekommt für seinen Kommentar über 1000 Likes. „Fakecheck“ antwortet darauf nur mit: „285K widersprechen😘“.

Damit bezieht sich die Redaktion auf die Aufrufzahl des Videos. Die sagt aber nichts darüber aus, wie gut oder inhaltlich wertvoll der Beitrag für die Nutzer war. Sondern nur, wie vielen Leuten das Video im Feed angezeigt wurde. Die kritischen Kommentare und wenigen Likes jedenfalls geben einen Hinweis darauf, dass dieser Faktencheck den Leuten relativ egal war. 

Nach welchen Kriterien recherchiert „Fakecheck“ überhaupt?

Dabei hat die „Fakecheck“-Redaktion ja grundsätzlich recht: Auf Social Media herrscht nun wirklich kein Mangel an „Bullshit“-Videos, die überprüfenswert wären. TikTok und Instagram sind voll mit relevanter Desinformation: Kriegspropaganda, Klimawandel-Leugnungen, Holocaust-Verharmlosungen, rechtsextremer Populismus. Und eigentlich sind das auch genau die Themen, die „Fakecheck“ checken will. Zum Superwahljahr 2024 kündigte der MDR jedenfalls eine Kooperation mit „Fakecheck“ und „MDR Aktuell“ an, in deren Zuge sich das Format „ab jetzt verstärkt politische Fakenews“ vornehme.

Nach wie vor veröffentlicht „Fakecheck“ politische Faktenchecks. Auf Anfrage verweist die Redaktion auf entsprechende Videos – etwa zu Desinformationen über Klimawandel, irreführenden AfD-Behauptungen und möglicher Polizeigewalt. Doch es gibt auch einige Faktenchecks, in denen man die gesellschaftliche Relevanz verzweifelt sucht: Ohren aus Rippen, Mayonnaise als Instrument, Überlebensstory auf der Titanic. 

Wie die Redaktion ihre Themen auswählt, erklärt „Fakecheck“ in einem Video: Die Faktenchecker werden erst aktiv, wenn Nutzer den Kanal unter anderen Videos markieren. Die Redaktion prüft dann: Handelt es sich um Fakten, die man checken kann – oder um eine Meinung? Wie viele Menschen hat das Originalvideo erreicht? Und hat die Redaktion selbst Lust auf das Thema? „Fakecheck“ nennt das „journalistische Neugier“ und gibt im selben Atemzug zu, dass das „ziemlich subjektiv“ sei. 

Ein witziges Mayo-Video für zwischendurch tut einem Faktencheck-Format sicherlich keinen Abbruch. Trotzdem muss sich insbesondere ein öffentlich-rechtliches Angebot genau überlegen, für welche Recherchen es sein Geld ausgeben will: für die, die eine besonders wilde und spannende Geschichte erzählen? Oder für die, die gesellschaftlich relevant sind? 

Es ist auch keine schlechte Idee, sich die Themen direkt von der Zielgruppe vorschlagen zu lassen. Aber die Aufgabe von (Faktencheck-)Redaktionen ist eben auch, selbst Themen zu setzen. Gerade bei relevanter Falschinformation sollte man nicht darauf warten, bis genügend Leute darunter kommentiert haben. 

Interessante Faktenchecks gehen auch anders 

Dass Faktenchecks auf Social Media auch ohne emotionsgeladene Inszenierung funktionieren, zeigt das Format „Moment mal“ des Deutschlandfunks. Auch hier bekommen die Zuschauer zwar erst mal eine Portion Empörung geliefert: Am Anfang jedes Videos schauen die Hosts betont verwirrt oder ungläubig in die Kamera, während das zu überprüfende Video eingeblendet wird. Manchmal folgt dann auch eine Frage wie: „Aber warum redet keiner drüber?!“ Das ist wohl einfach der klassische Aufhänger, ohne den man auf Social Media tatsächlich nicht weit kommen würde.

Anschließend liefert „Moment mal“ aber Fakten, die über „wahr“ und „falsch“ hinausgehen und relevanten Kontext liefern, um den zugrundeliegenden Sachverhalt wirklich zu verstehen. Und all das ohne wichtigtuerische Details, wie die Redaktion das recherchiert hat. Zudem sind die Videos klar und knapp formuliert und betreffen eine große Bandbreite an Themen. Aber vor allem sind danach die wichtigsten Fragen auch wirklich geklärt. 

6 Kommentare

  1. ..es ist traurig.
    Ich MÖCHTE Funk richtig mögen und empfehlen können, halte es (die Idee dahinter) auch für sehr wichtig, aber die Ausführung enttäuscht fast immer

  2. @#1 — volle Zustimmung. Funk hat die Kunst sich selbst unnötig zu diskreditieren verwirklicht. Hilft weder der Aufklärung, noch der Demokratie oder dem Ruf des ÖRR, wohl aber deren Gegnern.

  3. Nennt mich pedantisch, aber ihr habt einen Link auf das Wort „Fakecheck“ in Anführungszeichen gesetzt. Das erste Anführungszeichen ist nicht im Link, das Zweite schon. Das sieht einfach nicht schön aus!

    (Kann nach Korrektur gern gelöscht werden)

  4. Ebenso habt ihr „einer Schattenanalyse unterzieht“ als Linktext. Also außer dem letzten T, das ist kein Linktext.

  5. Ich verstehe nicht, warum das Funk-Team sich so verzettelt.

    Nach 15 Sekunden Schattenanalyse lag ich eben kurz zuckend mit Schaum vor dem Mund am Boden.

    Wäre es nicht viel eindrucksvoller, z.B auf die Behauptung, Leitungswasser werde nicht mehr als Trinkwasser empfohlen einfach à la Postillion mit „Das ist falsch“, „Quatsch“ oder „Mööööp“ zu antworten? Von mir aus schlecht mit einer verwackelten Handkamera gefilmt, auf einem verknitterten Zettel mit Wachsmalstiften geschrieben, während im Hintergrund Grillen zirpen. Dann noch kurz „Trinkwasser ist gut“, dazu ein Link auf eine Website, wo die Fakten dann in einfacher Sprache übersichtlich dargestellt werden.

    Aber vielleicht bin ich nur ein alter, weißer, privilegierter, CIS normativer Mann (was sicherlich stimmt).

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