Hasswort (68)

Wohlstandsverwahrlosung

Eigentlich meinte die Diagnose „wohlstandsverwahrlost“ mal emotional vernachlässigte Kinder und Jugendliche. Heute ist daraus eine Phrase für moralische Verkommenheit geworden – zum Beispiel für die „wohlstandsverwahrloste“ Gen Z.

„Kinder haften für ihre Eltern“, titelte der Spiegel 1992. Die Jugendkriminalität stieg in der BRD zu dieser Zeit stark an. Entsprechend drastisch fiel der Artikel aus. Es geht darin um „Neunjährige als Dealer, Zehnjährige als Straßenräuber, Elfjährige als Autoknacker“. Als Ursache rückte dabei auch familiäre Vernachlässigung in den Fokus – zunehmend selbst in wohlhabenden Familien. Schnell prägte ein Begriff den Diskurs über die jugendlichen Straftäter:innen: Wohlstandsverwahrloste.

Die vernachlässigten Kinder der Reichen

Knapp fünf Jahre später untersuchte die Schweizer Psychologin Ulrike Zöllner in ihrem Buch „Die armen Kinder der Reichen“ das Phänomen wissenschaftlich. Ihre These: Materieller Überfluss geht nicht selten mit emotionalem Mangel einher. Viele beruflich stark eingespannten Eltern würden versuchen, fehlende Zeit und Nähe durch Geld, Konsum und Freiheiten zu kompensieren.

Inzwischen ist die „Wohlstandsverwahrlosung“ aus Debatten nicht mehr wegzudenken. Vor allem in den vergangenen zwei Jahren hat der Begriff eine steile Medienkarriere hingelegt. Von seiner eigentlichen Bedeutung ist dabei wenig übrig geblieben. Vielmehr ist das Wort zu einer Art Universalwaffe mutiert.

Besonders beliebt bei rechten Agitatoren

Immer mehr Jugendliche schummeln beim Führerschein? Wohlstandsverwahrlosung, findet das rechte Wutportal „Nius“. Eine neue Sitcom ist angeblich ideenarm und kreativ erschöpft? Das sei Wohlstandsverwahrlosung, steht im Feuilleton der NZZ. Berlin wird von Touristen und Einheimischen zugemüllt? Vielleicht „Wohlstandsverwahrlosung“, überlegt ein Kommentar in der „taz“.

Fast so grenzenlos wie seine Verwendungsmöglichkeiten scheint auch das Spektrum der Medien zu sein, die das Wort nutzen. Besonders beliebt ist es aber in der konservativen Ecke, auch bei rechten Agitatoren. Denn mit kaum einer anderen Floskel lässt sich ein beliebiges Thema moralisch so wunderbar zuspitzen.

Aus Opfern werden Täter

Die Perspektive wird dabei völlig verdreht. Aus einem Menschen, der ursprünglich als Opfer von Vernachlässigung verstanden wurde, wird ein Täter, der moralisch verurteilt werden soll. Um die tatsächlichen Hintergründe geht es nur noch selten. Gerade in Bezug auf Debatten über die „faule“ Gen Z fällt das immer wieder auf.

Die Debatten sollen vor allem polarisieren. Der Preis dafür ist hoch, denn am Ende bleiben von komplexen Zusammenhängen nur noch Gegensätze übrig. Dabei wären konstruktive Debatten wichtig. Auf die Fragen, warum immer mehr Jugendliche bei der theoretischen Fahrprüfung schummeln oder in Berlin Müll herumliegt, gibt es keine einfachen Antworten. Man muss über sie in den Diskurs kommen.

Medien könnten, anstatt moralisch zu polarisieren, Anhaltspunkte und Fakten für solche Diskussionen liefern. Dafür müssten sie den Begriff allerdings präzise verwenden, nämlich für die emotionale Vernachlässigung einzelner Kinder – nicht als moralisierende Floskel und schon gar nicht als pauschale Abwertung ganzer Gruppen.

8 Kommentare

  1. Das Wörter nach 35 Jahren eine gewisse Bedeutungsverschiebung erfahren – Sprache wandelt sich und so – ist ja nicht ungewöhnlich.
    Ich bezweifle aber, dass „Wohlstandsverwahrlosung“ früher wirklich Mitgefühl mit den Kindern reicher Eltern erwecken sollte, insofern hat sich die moralische Polarisierung des Wortes nicht so sehr geändert.

    Aber das Wort ist umso hassenswerter.

  2. Die Debatten sollen vor allem polarisieren. Der Preis dafür ist hoch, denn am Ende bleiben von komplexen Zusammenhängen nur noch Gegensätze übrig.

    Stimmt, aber warum macht der Text dasselbe? Die rich kids, die in den 90ern ihren Mitschülern die Markenjacken „abgezogen“ haben, mögen – klischeegerecht – von tennisspielenden Eltern vernachlässigt worden sein. Aber macht sie das einfach zu „Opfern“? Das wäre doch selbst wieder arg simpel gedacht. Umgekehrt prangert man wohl niemanden als „Täter“ an, nur weil man das von ihm verantwortete Stück Kulturindustrie als „ideenarm und kreativ erschöpft“ kritisiert.

    Eine Analyse zum Ausufern eines Begriffs wie „Wohlstandsverwahrlosung“ hätte ich interessant gefunden. Bekommen habe ich leider einen Text, der sich im Gestus der moralischen Verurteilung übers moralische Verurteilen mokiert. Und die Konstruktion einfacher Gegensätze beklagt, indem er einen einfachen Gegensatz konstruiert. Nun ja.

  3. Ich weiß nicht, ob es perfekt passt, aber es erinnerte mich an kürzliches Mathe-Fortbildungseminar. In kurz – auf die Gefahr fehlendes Kontextes – gab es da eine Diskussion, warum in Indien die naturwissenschaftliche Ausbildung auf einem höheren Niveau sei.
    (Ob dies eigentlich so ist, stünde noch auf einem anderen Blatt, aber die populistische Quelle, die uns präsentiert wurde als Diskussionsanlass hatte es nun mal gut verstanden, ein „ob“ scheinbar wegzuräumen, das hat jedenfalls kaum jemand im Raum hinterfragt.)
    Jedenfalls wurde dann von einem jungen Kollegen das Narrativ bemüht, dass die dortigen Kinder (und Menschen) aufgrund ihrer (Zitat) „ärmlichen“ Situation leistungsbereiter seien und 40h Schule klaglos hinnehmen, während wir hierzulande „faul werden, weil es uns so gut geht“.
    Das ist in praktisch jeder Dimension falsch meiner Meinung nach, aber hier jedenfalls passt es perfekt dazu, welche Loslösung vom eigentlichen Kontext das Narrativ „Wohlstandsverwahrlosung“ als quasi Komplize der „spätrömischen Dekadenz“ erfahren hat und wie leider sehr erfolgreich es ist, in die Köpfe einzusickern.

  4. @Peter Sievert (#3):

    Ja, die Variante „Euch geht es doch zu gut!“ gibt es zuhauf. Der Topos ist allerdings älter als der Begriff – Franz-Joseph Degenhardt hat ihn schon 1968 in „Vatis Argumente“ aufs Korn genommen (schöner Song, lohnt sich).

    Es gibt aber auch die andere Variante von „Wohlstandsverwahrlosung“ , wie sie zum Beispiel die Taz in dem verlinkten Text verwendet: Leute, die sich einen Dreck um ihre Umgebung kümmern, weil sie es gewohnt sind, das alles von anderen für sie gemacht wird. Ich habe da den SUV-Fahrer im Kopf, der den Gehweg zuparkt, weil er findet, als „Leistungsträger“ stehe ihm das zu.

    Und die Urvariante gibt es auch noch, freilich zum Klischee geronnen. Man findet sie regelmäßig im Fernsehkrimi: Jugendliche, die – von reichen, aber kalten Eltern unbeaufsichtigt – den ganzen Tag am Pool rumhängen, koksen und aus Langeweile Mitschüler drangsalieren. Quasi Bret Easton Ellis im Provinzformat, aber die Kritik findet sowas meist „alarmierend“ und „hochbrisant“. ;-)

  5. Der Begriff „wohlstandsverwahrlost“ bezeichnete einmal eine paradoxe Form der Vernachlässigung: materielle Fülle bei emotionaler, sozialer oder erzieherischer Leere. Im heutigen Sprachgebrauch wird daraus zunehmend ein moralischer Vorwurf gegen Menschen, denen man Dekadenz, Empfindlichkeit oder politische Weltfremdheit unterstellt. Gerade dadurch verliert der Begriff seine analytische Stärke: Er erklärt nicht mehr, wie Verhalten entsteht, sondern markiert nur noch, wen man verachten darf.

    Der heutige Zeitgeist ist dabei von einem eigentümlichen Widerspruch geprägt: Innerhalb dessen, was als westliche Kultur verstanden wird, dominiert häufig eine radikale Individualisierung. Verhalten gilt dann als Ausdruck persönlicher Haltung, Disziplin, Moral oder Schwäche. Zugleich werden Menschen außerhalb dieses westlichen Selbstbildes oft gerade nicht individualisiert, sondern als Träger kollektiver, ethnischer oder kultureller Eigenschaften beschrieben. Hier das autonome Individuum, dort die rückständige Gruppenidentität.

    Beides verengt den Blick. Denn in beiden Fällen wird Verhalten nicht wirklich verstanden, sondern politisch sortiert: Die einen sollen allein schuld sein, die anderen sollen angeblich ihrer Kultur nicht entkommen. So geht genau jene Perspektive verloren, die für wirksame Veränderung nötig wäre: der Blick auf Bedingungen, Milieus, Anreize, Bindungen, Institutionen und Erfahrungen, die Verhalten anlegen oder verstärken.

    Bestimmte Interventionen brauchen bestimmte Perspektiven. Diese Perspektiven sind immer partiell, aber nicht beliebig. Wer Verhalten verändern will, darf das Subjekt nicht gegen seine Umwelt ausspielen, sondern muss es als in ihr geformt begreifen. Eine Kultur, die diese Einsicht als „woke“ verspottet, beraubt sich eines zentralen analytischen Instruments — und wundert sich anschließend über die Erfolglosigkeit ihrer Maßnahmen.

    P.s.: Ich hätte einen ähnlichen Kommentar auch gerne zum letzten Übermedien Newsletter abgesetzt, mit dem ich ausnahmsweise so einige Probleme hatte.

  6. Zu #5:
    Lieber Frank Gemein,
    Sie können unsere Newsletter direkt auf Steady kommentieren, aber da es ja vermutlich um meinen Text geht, freue ich mich auch über eine direkte Rückmeldung per Mail.
    Herzliche Grüße
    Annika Schneider

  7. einmal mehr: ein herzliches Dankschön an Frank Gemein (#5) für den (für mich) erhellenden Kontext. Er liefert mir stets und zuverlässig Argumentationshilfen zum eigenen Gebrauch.

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