Interview mit Strumpf-Unternehmer

Völlig von den Socken

Ein „Spiegel“-Interview mit Paul Falke gerät zum Gipfel für Strumpffetischisten. Der Firmenchef darf sich dabei über kostenlose Werbung für seine Produkte freuen und andere Hersteller abwerten. Fehlen nur noch die Affiliate-Links.
Weiße Socken vor rotem Hintergrund
Foto: Canva

Der „Spiegel“ hat seinen Reporter Felix Dachsel einen Nachmittag lang dorthin geschickt, wo es wirklich wehtut: ins Sauerland. Genauer gesagt, in die Sockenfabrik.

„An einem Februartag setzt in Schmallenberg im Sauerland starker Schneefall ein. Die Temperatur fällt unter den Gefrierpunkt. Der Himmel verdunkelt sich. Frost zieht ins Hosenbein.“

Mit dieser düsteren Szenerie beginnt ein bemerkenswerter Text, über den vor allem einer sich freuen dürfte: Paul Falke. Denn anders, als es die Dramatik des Einstiegs vermuten lässt, ist der Text nichts anderes als ein launiges und nicht enden wollendes Interview mit dem Sockenfabrikanten.

Ein Interview, in dem es um Socken geht.

Und auch ein wenig um Kniestrümpfe, um Strumpfhosen und um Löcher. Der „Spiegel“ jedenfalls nennt das Ganze „Sockengipfel“. Spannung kommt dann vor allem an einer Stelle auf:

„Es ist der Moment gekommen, in dem Paul Falke sein Hosenbein lüftet.“

So heißt es in einem der kurzen Einschübe, mit denen Dachsel das Interview immer wieder unterbricht. Und bevor Sie sich vor Spannung nicht mehr auf dem Hocker halten können, lösen wir auf: Unter dem Hosenbein trägt Paul Falke Falke-Socken in Hellblau – mit, Achtung, den rot eingestickten Buchstaben P. und F. darauf.

Für die „schönen Seiten des Lebens“

„Spiegel“-Interview mit Socken-Unternehmer Falke: „Wer will denn im Winter bleiche Männerbeine sehen? Ich nicht“
Screenshot: Spiegel.de

Ein Wochenende lang präsentierte der „Spiegel“ das Interview online, prominent hervorgehoben auf seiner Startseite. Es ist die aktuelle Ausgabe des „Weekender“ – so nennt das Nachrichtenmagazin seine Rubrik, in der es „um alle Wochenendgefühle“ gehen soll, die da bekanntermaßen wären: „Ruhe und Rausch, Ordnung und Zerstreuung, Abschluss und Anfang.“ Während sich die Weltlage oft „wie ein niemals endender Montag“ anfühle, will der „Weekender“ anders sein: „Die Redaktion blickt auf die guten Nachrichten der Woche und widmet sich den schönen Seiten des Lebens.“

Und, klar: Nichts läge da näher als ein Interview über käsebleiche Männerbeine im Winter.

Nur geht es im „Weekender“ gerne magazinig zu, also: lang. Auch das Falke-Interview zieht sich wie eine Laufmasche aus purem Elastan. Weit über 20.000 Zeichen und 3.300 Wörter werden es am Ende – zum Vergleich: Eine „Bilanz“ zum Zustand des transatlantischen Verhältnisses nach dem Auftritt von US-Außenminister Rubio auf der Münchener Sicherheitskonferenz handelt der „Spiegel“ am selben Wochenende in einem nicht annähernd halb so langen Text ab.

Kann man schon machen, aber warum so?

Um all den Platz zu füllen, erfahren die Leser:innen, was „Spiegel“-Redakteure bei Videokonferenzen im Home-Office „untenrum“ (also an den Füßen) tragen, und dass zwar die Firma Falke seit 131 Jahren Socken herstellt, aber Paul Falke „persönlich“ natürlich noch nicht so lange dabei ist. Sie lernen, dass der Firmenchef eigentlich immer Kniestrumpf trägt, „auch im Hochsommer“, nur nicht im Bett. Dass er ein Faible für Dresscodes hat und dennoch an einer Neuinterpretation der Tennissocke arbeitet.

Über Felix Dachsel erfährt man wiederum, dass ihm Socken eigentlich „immer egal“ waren. Der stellvertretende Leiter des Reporter-Ressorts pflegt sonst offenbar eher eine Leidenschaft für Luxusuhren, die er beim Nachrichtenmagazin in einer eigenen Kolumne mit dem Titel „Uhrensohn“ ausleben darf.

Nun also Socken, und einerseits: Warum nicht? Denn natürlich darf man als „Sturmgeschütz der Demokratie“ neben investigativen Recherchen, bohrenden Interviews und knallharten Analysen auch locker-unterhaltsame Texte zu Lifestyle-Themen veröffentlichen und dazu mit einem Sockenfabrikanten plaudern. Die Frage, andererseits, ist: Warum so?

Nur die Affiliate-Links fehlen

Denn für Falke ist das unbezahlbare und vor allem unbezahlte Werbung. Der „Spiegel“-Reporter macht es seinem Interviewpartner denkbar leicht: Die Modellnamen führt er gleich selbst ein, er fragt den Firmenchef nach dem Preis der Falke-Socken und bittet ihn um die Bestätigung, ob Hollywood-Star George Clooney auch wirklich Kunde ist – nur um in der nächsten „Frage“ offenzulegen, dass Paul Falkes Frau, die PR-Chefin des Unternehmens, das selbst schon in einem Podcast erzählt habe. Eigentlich fehlen nur die Affiliate-Links zum Falke-Shop. 

Noch anzüglicher wird es, als sich Falke auf die Stichworte des „Spiegel“ auch noch über seine Wettbewerber auslassen darf. Hudson, Puma, H&M, Louis Vuitton, Hermès. „Ich will die Konkurrenten gar nicht schlechtmachen“, sagt Falke an einer Stelle, und man hört beim Lesen das „Aber“ schon, bevor er es im nächsten Satz tatsächlich ausspricht: Aber wenn er am Flughafen „immer nach unten“ schaue, sehe er nur selten Produkte der Marke „Happy Socks“.

Bei der Konkurrenz wird nicht gekettelt

Als Dachsel Falke dann noch ein Paar alte, durchgescheuerte Socken von Ralph Lauren auf den Tisch knallt, ist der Sockengipfel endgültig auf seinem Höhepunkt angekommen.

„Falke stülpt die lädierte Socke um und zieht sie über seine Faust, er inspiziert das Loch in der Ferse wie ein Veterinärmediziner, mit handfester Zärtlichkeit.“

Man muss dankbar sein, dass Dachsel die Metapher vom Tierarzt und den Löchern nicht weiter ausbaut – es bleibt beim vernichtenden Urteil Falkes über das Produkt der Konkurrenz („billigste Baumwolle“, „nicht mal gekettelt“).

Ganz ohne Politik kommt aber selbst der „Weekender“ nicht daher. Friedrich Merz (auch ein Sauerländer!), rote Socken, ein Minister mit unterschiedlichen Socken, ein Regierungschef mit Comic-Socken, ein Weltbank-Chef mit löchrigen Socken beim Moscheebesuch. Auch ein paar ernste Themen klingen an: Standortprobleme in Deutschland, die schwierige Suche nach geeigneten Arbeitskräften.

Den Reporter des „Spiegel“ – ehemaliges Kampagnenmotto: „Nie aufhören zu hinterfragen“ – verleitet das zu seiner kritischsten Frage: „Sind Sie als Arbeitgeber nicht attraktiv genug?“ Woraufhin sich Falke verzweifelt die Kniestrümpfe mit der „P.F.“-Stickerei von den Füßen reißt, bitterlich zu weinen anfängt und reumütig seine Unzulänglichkeiten als Arbeitgeber beichtet.

Also: nicht.

Die teuersten Socken der Welt – oder doch nicht?

Stattdessen schleicht sich die Werbung auf leisen Sohlen zurück in das Interview. Es kommt auf die teuersten Socken der Welt zu sprechen. Zumindest führt Felix Dachsel sie so ein:

„Vor uns liegen in einer edlen Holzkiste die teuersten Socken der Welt.“

Falke „klappt die Box auf“ und „streicht über die Socken“. Zärtlich wie ein Veterinärmediziner, kommt man nicht umhin zu denken. Doch da ist nichts mit Romantik, denn die braunen Socken aus weicher Vicuña-Wolle rechnen sich nicht einmal, erklärt Falke, er habe nur halt „unbedingt die teuerste Socke der Welt herstellen“ wollen. 960 Euro müssen Kund:innen heute hinlegen.

Und auch wenn für den „Spiegel“ am Wochenende alles irgendwie gleich ist – „Ruhe und Rausch, Ordnung und Zerstreuung, Abschluss und Anfang“ – hätte der Reporter an dieser Stelle, wenigstens an dieser einen Stelle, in die Recherche einsteigen können, statt sich von dem Unternehmer umgarnen zu lassen.

Zwar hatte die „World Record Academy“ 2014 tatsächlich berichtet, dass Falke den Rekord für die teuerste Socke der Welt gebrochen habe. Doch einerseits ist das mit den Rekorden so eine Sache, wie der Kollege Mats Schönhauer für Übermedien bei seiner Suche nach der „Studentin mit den Superaugen“ erfahren hat. Andererseits hätte schon ein wenig Googeln enthüllt, dass die ausgiebig besprochenen Falke-Socken heute ganz sicher nicht die „teuersten der Welt“ sind. Das Luxus-Label Gabriela Hearst etwa verlangt für Kaschmirsocken einen Preis von schlappen 1.650 Euro das Paar.

Und auch wenn uns das der „Spiegel“ verschweigt: Dagegen kann auch der Sauerländer Paul Falke mit seinen peruanischen Vicuñas nicht anstinken.

5 Kommentare

  1. diese Art der Interviews gehören eigentlich nicht in den Spiegel. In der letzten Zeit häufen sich leider solche Yellow-Themen verbunden mit Schleichwerbung. heute erst das Interview mit Frau Grupp-Kofler: seichtes Geplaudere ohne echten Neuigkeitswert

  2. Ach ja, der Herr Dachsel. Normalerweise macht er Werbung für teure Uhren, jetzt für teure Socken. Soll er. Ein Gespräch über Kniestrümpfe ist ja fast schon eine angenehme Abwechslung zu dem indifferenten Lifestyle-Psycho-Mischmasch, der sonst die SPON-Startseite dominiert.

    Inhaltlich ist das alles völlig beliebig. Beispiel aus der letzten Woche: Artikel A belegt, was für ein Wundermittel Intervallfasten sei. Wird abgelöst von Artikel B, demzufolge Intervallfasten keinerlei nachweisbaren Nutzen über eine Standard-Diät hinaus habe. Wird wiederum abgelöst von Artikel A – Intervallfasten, es gibt nichts Besseres, experts say.

    Ich kann diese Content-Blödheit nicht mehr ertragen.

  3. Ich habe mich beim Lesen des Interviews gut unterhalten gefühlt. Ich freue mich über jedes deutsche Familienunternehmen, das dem zunehmenden Wettbewerbsdruck standhält, und dessen Vertreter nicht der AfD den Hof bereiten. Und ja, solche Artikel haben auch im Spiegel ihre Berechtigung.

  4. 960 EUR für die teuerste Socke der Welt ist vielleicht doch noch korrekt, denn 1.650 Euro kosten ein Paar Socken vom Mitbewerber.
    Entweder fehlt es dem Autor hier an Kenntnissen in Mathematik oder Grammatik, dennoch ein locker lesbarer Artikel, allerdings kommt die Medienkritik etwas kurz , wenn auch nicht so kurz wie der Anspruch des Spiegels, investigativen Journalismus zu bieten…

  5. zu #4: Beide Angaben beziehen sich natürlich auf den Paar-Preis, zu so viel Mathe reicht es noch :-) Im wörtlichen Zitat steht leider der Singular, wahrscheinlich daher die Missverständlichkeit.

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