Das ganze Gedöns (3)

Alles irgendwie psycho: Viele „Psychotherapeuten“ in Medien sind gar keine

Die Redaktion braucht mehr Klicks? Dann interviewt man am besten schnell einen Psychotherapeuten. Ob der wirklich einer ist – geschenkt. Denn bei Therapie-Anbietern verwechseln Journalisten langjährige professionelle Berufsausbildungen oft mit Coaching-Selbstbezeichnungen.

Wer in Deutschland eine Psychotherapie machen möchte, muss oft lange suchen und manchmal noch länger warten. Wer allerdings etwas von, über oder mit einem Therapeuten lesen möchte, kann eine x-beliebige Medienseite aufrufen und wird dort jederzeit versorgt. Eine Stichprobe am 28. Dezember 2025:

Bei der „Süddeutschen Zeitung“ schreibt „Psychotherapeutin und Paarberaterin“ Daniela Geiger einen Text über eine Beziehung zwischen gegensätzlichen Menschen.

Die „Zeit“ befragt die französische „Psycho- und Sexualtherapeutin“ Cécilia Commo dazu, wie Paare die Lust wiederfinden.

Auf der Homepage des „Spiegel“ gibt „Paartherapeutin Louisa Scheel“ Tipps für Intimität im Wochenbett.

Und in der FAZ rät Ute Kraft, Leiterin der „Psychotherapeutischen Beratungsstelle Frankfurt“, wie Psychotherapie gelingt. 

Frage: Welche dieser Expertinnen ist wirklich eine Psychotherapeutin? Zur Antwort komme ich gleich.

Bei der Berichterstattung über Psychotherapie machen Medien drei Fehler:

  1. Sie benutzen Begriffe falsch.
  2. Sie lassen die LeserInnen im Unklaren über die genaue Expertise ihrer InterviewpartnerInnen.
  3. Sie suggerieren: Alles ist Therapie und Therapie hilft gegen alles.

„Psychologischer Psychotherapeut“ klingt nach Sprachfehler

Um sich in Deutschland PsychotherapeutIn nennen zu dürfen, braucht man eine staatliche Approbation. Diese bekommt nur, wer nach einem Master oder einem Diplom in Klinischer Psychologie oder einem Medizinstudium eine mehrjährige Weiterbildung an einem staatlich anerkannten Institut durchlaufen hat. 

Der offizielle Titel lautet dann „Ärztlicher Psychotherapeut“ oder „Psychologischer Psychotherapeut“. Besonders letzteres klingt für journalistische Ohren wie ein Sprachfehler und wird sofort zum Psychotherapeuten gekürzt. Schreibt man einen Text, in dem das Wort öfter als einmal vorkommt, suchen Redakteure nach Synonymen. Die gibt es allerdings nicht: Mir sind schon oft die Bezeichnungen „Psychologe“ oder „Therapeut“ in meine Texte hineinredigiert worden. Die Begriffe bedeuten aber etwas anderes.

Andersherum ist nicht jeder, der sich zu seelischen Belangen äußert oder mit Menschen in Lebenskrisen Gespräche führt, ein Psychotherapeut. Von den oben interviewten Expertinnen trägt ihren Homepages zufolge keine einzige diesen Titel. Okay, Cécilia Commo ist Französin, in die dort gültigen Gesetze und Definitionen kann und will ich mich hier nicht einarbeiten.

Viele „Psychotherapeuten“ sind Heilpraktiker für Psychotherapie

Die drei deutschen Interviewpartnerinnen sind aber jedenfalls keine Psychotherapeutinnen – anders als die SZ behauptet, die Daniela Geiger hier und hier als solche bezeichnet. lhrer Homepage zufolge bietet Geiger zwar Psychotherapie an. Wer genauer nachliest, findet jedoch heraus, dass sie das „nach dem Heilpraktikergesetz“ tut und daher den Titel „Psychotherapeutin“ eigentlich nicht führen darf (und auch nicht führt. Es ist die SZ, die ihn ihr verleiht.)

Wer als Heilpraktiker zugelassen ist, darf „Psychotherapie nach dem Heilpraktikergesetz“ anbieten und sich selbst „Heilpraktiker für Psychotherapie“ nennen. Im journalistischen Bestreben nach kurzen Sätzen und einfachen Worten verschwindet der Heilpraktiker aber schnell. Dabei ist der Begriff eine wichtige Information. Für die Tätigkeit als HeilpraktikerIn braucht man in Deutschland lediglich eine Erlaubnis des Gesundheitsamts, für die man einen Multiple-Choice-Test wie diesen bestehen muss – ein großer Unterschied zur mehrjährigen Weiterbildung nach einem abgeschlossenen Studium, die ein Psychotherapeut absolvieren muss.

Zahlreiche der in deutschen Qualitätsmedien interviewten Psycho-Experten sind keine approbierten Psychotherapeuten, sondern tragen lediglich den Heilpraktikertitel. Oder gar keinen.

„Paartherapeut“ darf sich jeder nennen

Selbst wenn Medien ihre InterviewpartnerInnen korrekt als Therapeut, Paartherapeutin, Sexualtherapeut, systemische Therapeutin, psychologische Beraterin, Beziehungscoach, Traumaexpertin oder so ähnlich bezeichnen, helfen sie ihrer Leserschaft kaum weiter. Denn keiner dieser Begriffe ist geschützt. Jeder und jede darf sich so nennen.

Für sich allein sind all diese Bezeichnungen daher als Information wertlos. Ich glaube nicht, dass das vielen Menschen bewusst ist. Meiner Erfahrung nach denken sie eher, dass eine Paartherapeutin eine Psychotherapeutin ist, die sich auf Beziehungen spezialisiert hat, und ein Traumatherapeut ein Psychotherapeut mit zusätzlicher Traumaexpertise. Das kann auch der Fall sein – ist es aber häufig nicht. 

„Rund um die psychische Gesundheit hat sich ein Wildwestmarkt entwickelt“, sagt Christina Jochim, Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, im Gespräch mit Übermedien. Für Laien sei es kaum zu durchschauen, wer im Gebiet der Psychotherapie tatsächlich Expertise hat und wer nicht. Die meisten Coaches, Berater und Heilpraktiker nennen Aus- und Weiterbildungen an Instituten mit gut klingenden Namen in ihren Lebensläufen und auf ihren Webseiten. Wie seriös diese wirklich sind, ist schwierig zu erkennen. Denn die Institute, an denen Psychologische Psychotherapeuten ihre Aus- und Weiterbildungen machen, heißen so ähnlich, und es gibt zu viele, als dass man sie alle kennen würde.

So erkennt man echte Experten

Redakteurinnen und Redakteure, die über psychologische Themen berichten, sollten allerdings schon wissen, wie die Ausbildung zum Psychotherapeuten abläuft und woran sie erkennen, wer tatsächlich einer ist und wer nicht. Um herauszufinden, wie fundiert die Ausbildung eines Interviewpartners ist, rät Christina Jochim: „Schauen Sie, ob irgendwo steht, dass das Institut staatlich oder von der Psychotherapeutenkammer anerkannt ist.“ Auch wenn der Therapeut selbst Mitglied der Kammer ist, sei das ein Qualitätskriterium.

Ein aktuelles Negativbeispiel ist nach Jochims Meinung das FAZ-Interview mit Ute Kraft, der Leiterin der „Psychotherapeutischen Beratungsstelle Frankfurt“. Psychotherapeutische Beratungsstelle Frankfurt, das klingt nach Behörde. Bei genauerem Hinsehen verbirgt sich aber lediglich Kraft selbst dahinter, die, so Jochim, „als Diplom-Soziologin nicht einmal die Voraussetzung hat, eine Ausbildung zur Psychotherapeutin machen zu dürfen“. 

Dass bei der Beratungsstelle keine approbierten Psychotherapeuten arbeiten, ist indes kein Fehler, sondern Absicht, erklärt Ute Kraft auf Anfrage von Übermedien am Telefon. Das Ziel der seit 30 Jahren bestehenden Stelle sei es immer gewesen, die ihrer Ansicht nach bestehende Lücke zwischen einer Psychotherapie und gar keiner Unterstützung zu füllen. Der FAZ-Leserschaft wird dieser Hintergrund allerdings nicht genauer erklärt.

Leserinnen und Leser lieben diese Themen

In Interviews über (Psycho-)Therapie zu sprechen, ohne PsychotherapeutIn zu sein, ist natürlich genauso wenig verboten wie als Heilpraktikerin Traumatherapie anzubieten oder sich mit systemischen Coachings selbstständig zu machen. Man darf auch auf Instagram über all das reden, einen Psycho-Podcast machen und Bücher darüber schreiben.

Ob es sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Und ob es sinnvoll ist, Menschen, die das tun, ständig zu interviewen, ist die Frage, die ich mit diesem Text stellen will – auch mir selbst. Denn ich habe in den vergangenen Jahren zahlreiche solche Gespräche geführt. Mit dem Psychiater Bessel van der Kolk zum Beispiel, mit der amerikanischen Paartherapeutin Esther Perel und der Traumaexpertin Maggie Schauer. Leserinnen und Leser lieben diese Themen, die Texte gehören zu meinen meistgelesenen.

Wenn nun in irgendeinem Ressort die Quote im roten Bereich ist, die Artikel also zu wenig geklickt werden, versucht man, schnell noch einen Therapeuten aufzutreiben. Psycho-Themen sind so en vogue, dass sich längst nicht mehr nur Fachressorts wie Wissenschaft und Psychologie damit beschäftigen, sondern alle. Gibt ja schließlich auch Sportpsychologen und Wirtschaftspsychologen, man kann Narzissmusexperten nach ihrer Meinung zu Donald Trump fragen, und wenn im Lokalteil noch ein klickträchtiges Thema fehlt, dann wohnt bestimmt auch in Hinterhuglhapfing noch eine Heilpraktikerin, die was zu Traumatherapie sagen kann. So sprechen nun manchmal Journalisten, die eigentlich ganz andere Interessen und Themenschwerpunkte haben, mit Experten, die eigentlich keine sind.

Am Ende ist alles irgendwie Therapie

Das Problem daran, wenn mehr oder minder ahnungslose Redakteure ständig Psychotherapeuten, Coaches und Berater dazu befragen, wie man Konflikte im Beruf managt, wie man mehr Sex hat und wie man Depressionen los wird: Alles verschwimmt zu einem substanzlosen Psycho-Brei.

Streit mit dem Chef und eine Flaute im Bett muss man aber nicht behandeln. Eine Depression schon. Coaches und Berater sind keine Heilberufe. Psychotherapeuten schon. Diese Differenzierungen gehen in der Masse unter, Krisen werden zu Krankheiten, Chaos wird weggecoacht und für mehr Romantik hätte man gerne Paartherapie auf Rezept. 

Um es mit den Worten von Christina Jochim zu sagen: „Nicht alles ist Therapie.“ Ich würde gerne noch hinzufügen: Und Therapie ist nicht alles.

6 Kommentare

  1. „Coaches und Berater sind keine Heilberufe. Psychotherapeuten schon.“ Müsste es nicht eher in diese Richtung gehen? Coach und Berater sind keine Heilberufe. Psychotherapeut ist es schon.
    Schade, gibt es kein Feld bei euch: Fehler melden.

  2. Medien brauchen ja immer schnell Ansprechpartner und natürlich greift man auch auf die mit einem gewissen Sendungsbewusstsein zurück, allein, weil sie eben zur Verfügung stehen und auch mediengerecht sprechen. „Gewöhnliche“ Therapeuten scheuen eher die Kamera oder den öffentlichen Auftritt.

    Und dann ist ein psychologischer Psychotherapeut alleine auch noch kein Garant für eine sinnvolle Aussage. Alleine die Zulassung sagt noch nichts über die Effektivität der Methoden aus. Die Psychotherapie hat ohnehin ein Problem mit dem Wirksamkeitsnachweis, denn eine Therapie gilt als erfolgreich, wenn sie beendet wird. Ob der Klient dann mit demselben Problem später erneut auf der Matte steht, spielt keine Rolle.

    Zudem ist der Bedarf an psychologischer Unterstützung so groß, dass es zwangsweise eine Parallelwelt neben den kassenärztlichen Therapeuten geben muss, sondern wäre das System noch überlasteter.
    Richtig ist sicher, dass auch ein Heilpraktiker für Psychotherapie viel Ausbildung genossen haben muss, um seriös zu sein. Aber neue Trends und Ansätze, wie z.B. in der Traumatherapie werden oft von den Therapeuten auf dem „freien Markt“ entwickelt und gepusht, bevor es dann im besten Fall in die Standardwerke übergeht.

    Es kommt also ganz drauf an, was ein Therapeut zu welchem Thema auf welchem Niveau sagt. Und das sollten Redakteure schon beurteilen können, dazu muss man kein Experte sein. Außerdem kann man ja nachfragen, wie er/sie zu einer Aussage kommt.

  3. Wow, vielen Dank, das finde ich auch ein extrem wichtiges Thema. Der Blick in die wirtschaftliche/monetäre Realität einer Redaktion und die entsprechende Betrachtung der journalistischen Arbeit ist auch mal interessant.

  4. Eine Menge False Balancing kommt vermutlich dadurch zustande, dass manche Journalisten nicht genug Expertise haben, um die Expertise von Experten einordnen zu können.
    Wobei ich beim „Psycho“-Thema fairerweise einräume, dass eine Zeitung sowieso nur als Lebensberatung und nicht als medizinische Zweitmeinung genutzt werden sollte, und dafür reicht ein (guter) Coach o.ä. sicher aus.

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