Der Chef der DKB empfiehlt im „Bild“-Interview vor allem: seine Bank
In einem „Bild“-Video darf der Vorstandsvorsitzende der DKB seine Produkte anpreisen. Ein gutes Beispiel dafür, wie Finanzjournalismus nicht aussehen sollte. Denn das angeblich journalistische Interview wirkt eher wie ein Werbeclip.
Aktienkurse rauf, Aktienkurse runter, Zinsentscheidungen, neue Gesetze, Verbrauchertäuschung. Es gibt zahlreiche Finanzthemen, die wichtig sind, viele unmittelbar für Verbraucher. Nur über sie zu berichten, ist nicht leicht.
Zum einen, weil die Finanzwelt zahlreiche erklärungsbedürftige und somit abschreckende Begriffe nutzt (kleiner Test: Wofür genau steht nochmal die Abkürzung ETF?). Und zum anderen, weil die Berichterstattung über Finanzen Menschen bei riskanten Entscheidungen beeinflussen kann. Finanzthemen brauchen also eine Menge Einordnung.
„Bild“-Video klingt nach Werbung
Oder man macht es einfach wie zuletzt „Bild“:
„Ab 2026! DKB greift Trade Republic und Co. an“
So lautet der Titel eines vierminütigen Videos, das „Bild“ im November veröffentlicht hat. Schon die Überschrift ist inhaltlich diskutabel, der Beitrag insgesamt noch viel mehr: Von Werbung ist er nämlich kaum zu unterscheiden. Tatsächlich hat „Bild“ hier eine eindrückliche Blaupause geschaffen, wie Finanzjournalismus nicht gehen sollte.
„Ich freu mich heute sehr“: So begrüßt der „Bild“-Moderators den DKB-Chef Sven DeglowScreenshot: Bild
Die DKB, die Deutsche Kreditbank, ist eine Direktbank. Als solche agiert sie vor allem online, Filialen gibt es keine. Sie steht damit in direkter Konkurrenz zu anderen Direktbanken wie etwa der ING Diba, Neobanken (also Bank-Start-ups) wie N26 und neuerdings auch Online- bzw. Neobrokern wie Trade Republic.
Wer bei „Bild“ nun eine kritische Analyse erwartet, was die DKB im Jahr 2026 vorhat und ob das Konkurrenten wie Trade Republic tatsächlich gefährlich werden kann, wird enttäuscht. Schon im Intro sagt „Bild“-Moderator Konstantinos Mitsis: „In diesem Jahr gab es viele Veränderungen bei den Banken. Was DKB-Kunden im Jahre 2026 erwartet, das erfahren wir jetzt.“
Der Autor
Foto: Privat
Jan Schulte ist freier Journalist und Mitgründer des dreimaldrei Journalistenbüros. Er schreibt unter anderem für den Tagesspiegel Background Sustainable Finance, die ZEIT, die WirtschaftsWoche und FinanceForward.
Warum genau es solch einen Beitrag im, sagen wir mal, journalistischen Kontext braucht, bleibt schleierhaft. Die DKB kann schließlich selbst ihre Kunden informieren, was sich 2026 bei ihr ändern wird: per E-Mail, Informationen auf der eigenen Homepage oder aber mit einer geschalteten Anzeige. Aber für die Unternehmens-PR ist es natürlich hilfreich, darüber auch bei „Bild“ zu sprechen.
Erschienen ist das Interview in der wöchentlichen Videoreihe „Money Mittwoch“. Die gibt es laut Webseite seit Mai 2025. „Bild“ bewirbt sie bei Anzeigenkunden als „wegweisendes Finanzformat“. Die einzelnen Folgen sind für interessierte Zuschauer eher umständlich aufzufinden. Vor allem soll die Reihe wohl eine „hochattraktive Bühne für Werbekunden“ sein, die Anzeigenplätze rund um das Webvideo kaufen können. Die jüngste Folge wird direkt von einem Kryptoanbieter präsentiert.
Moderator verzichtet auf Gegenfragen
Für das Video über die DKB fährt die Direktbank groß auf: Der Vorstandsvorsitzende Sven Deglow höchstpersönlich ist zu Gast. Der kann im Anschluss erzählen, was er möchte, mit freundlicher Unterstützung durch Moderator Mitsis. „Was kann man 2026 erwarten?“, fragt er Deglow. Die Frage ist so breit formuliert, Mitsis hätte auch direkt sagen können: „Erzählen Sie doch einfach mal!“
Deglow nimmt das dankbar an. Es geht ein bisschen um 2026 und noch einmal um einen Rückblick auf 2025. Widerspruch vom Moderator gibt es keinen, Zwischen- oder gar Gegenfragen auch nicht. Dabei hätte man einiges klarstellen und hinterfragen können.
Bei der Frage nach Veränderungen bei der DKB erzählt Deglow zum Beispiel, dass 2025 Echtzeitüberweisungen live gegangen seien. Das sei ein großer Schritt für die Modernisierung des Zahlungsverkehrs gewesen. Dabei sind Echtzeitüberweisungen nun wirklich keine Errungenschaft der DKB. Vielmehr hat die Europäische Union die Neuerung mit einer Verordnung angestoßen. Seit dem 9. Januar 2025 müssen Zahlungsdienstleister wie Banken Echtzeitüberweisungen entgegennehmen. Diese dürfen auch nicht mehr teurer sein als klassische Überweisungen, die ein paar Tage brauchen. Seit dem 9. Oktober 2025 müssen Banken Echtzeitüberweisungen auch versenden. Die DKB hat hier also schlicht die Vorgaben aus Europa befolgt.
Bankenchef: „Ein ganz attraktives Angebot“
Für 2026 erzählt Deglow, dass man „sehr, sehr viel“ am Wertpapierangebot arbeiten wolle. Man arbeite dabei mit einem neuen Dienstleister zusammen. Man wolle auch „mehr in Bruchstücke gehen“. Was das heißt? Wird in dem Beitrag nicht erklärt.
„Das wird wirklich ein ganz attraktives Angebot werden, was wir dort hinstellen“, sagt Deglow. Er ordnet also einfach selbst ein, ob es gut oder schlecht ist, was die DKB vorhat.
Es geht dann noch darum, warum mehr Menschen in Deutschland in Aktien investieren sollten (da sind sich der Moderator und sein Interviewgast einig), und Deglow darf die DKB-App anpreisen. Das Ganze klingt mehr nach Werbung als nach Journalismus.
Zu Direktbanken könnte man viel fragen
„Bild“ wollte eine Reihe von Fragen gegenüber Übermedien nicht beantworten: warum der Moderator eben nicht erläutert hätte, dass die Einführung von Echtzeitüberweisungen 2025 von der EU getrieben wurde und nicht der DKB selbst, ob es sich bei der Videoreihe „Money Mittwoch“ grundsätzlich um ein Werbeformat handle – und warum sogar in der Videobeschreibung Echtzeitüberweisungen als Beispiel dafür genannt werden, dass die DKB „aufdreht“.
Dabei könnte man über die DKB und insbesondere den Konkurrenzkampf mit Neobrokern wie Trade Republic viel erzählen. Es gibt inzwischen zahlreiche Anbieter, über die sich auf dem Smartphone Wertpapiere handeln lassen. Experten rechnen mit einer Marktbereinigung. Dazu kommen neue Regulierungen, die auch das Geschäftsmodell der DKB betreffen könnten: Anbieter dürfen Aufträge von Privatanlegern bald nicht mehr an so genannte Market Maker weiterleiten, das Verbot von „Payment for Order Flow“. Es hätte also vieles gegeben, das man dem DKB-Chef hätte fragen können.
Viele Experten haben Eigeninteressen
Grundsätzlich haben viele der Experten, die im Finanzjournalismus befragt werden, eigene Interessen. Unternehmensberatungen zum Beispiel: Die blicken zwar von außen auf die Finanzwelt, beraten aber gleichzeitig Banken, Neobroker und Co. Das ist auch der Grund, warum Berater sich selten explizit über ein konkretes Unternehmen äußern: Sie könnten ja dessen Kunde sein oder mal werden.
Viele Finanzberater wiederum kennen sich zwar mit verschiedenen Produkten aus, empfehlen aber vor allem die, bei deren Vermittlung sie eine Provision bekommen; eine Ausnahme sind Honorarberater. Es gibt natürlich auch Fachleute, die ein Stück weit von außen auf die Branche schauen. Wissenschaftler zählen dazu, auch Verbraucherschützer.
Unternehmenschefs bitte kritisch befragen
Aufgabe von Journalisten wäre es, in Interviews die jeweilige Rolle und Interessen transparent einzuordnen – und im Zweifel kritisch nachzuhaken. Sonst erzählt uns demnächst der Volkswagen-CEO unhinterfragt, was für tolle neue Autos sein Konzern im nächsten Jahr auf den Markt bringen wird, und McDonald’s kündigt leckere neue Burgersorten an. Im Video-Interview, nicht als Werbung.
(Und der Vollständigkeit halber: ETF meint einen Fonds, der an der Börse gehandelt wird und einen Index wie zum Beispiel den Dax versucht nachzubilden.)
1 Kommentare
„Wofür genau steht nochmal die Abkürzung ETF?“ – exchange-traded fund. Bitteschön.
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„Wofür genau steht nochmal die Abkürzung ETF?“ – exchange-traded fund. Bitteschön.