Mehr über Ostdeutschland
Wer häufiger mit dem ICE zwischen Berlin und Hamburg unterwegs ist, fährt aktuell über Stendal, Salzwedel, Uelzen, Lüneburg, weil die Züge umgeleitet werden. Und an diesen „Unterwegsbahnhöfen“ hält der ICE dann auch. Das war 2021 schon einmal der Fall. Und wie schon 2021 hat auch dieses Mal ein Journalist für eine überregionale deutsche Zeitung eine Art „Ortsbegehung“ in einer dieser Städte vorgenommen.
2021 hatte Martin Machowecz für die „Zeit“ ein paar Stunden in Stendal verweilt, Anfang Dezember berichtete nun Fabian Stark für die „taz“ aus der ebenfalls altmärkischen Stadt Salzwedel. Die ursprüngliche, inzwischen geänderte Überschrift von Starks Text lautete: „Was hat Salzwedel zu bieten?“ Das ist zwar ein weniger eindeutiger Titel als der mit „Halt im Nirgendwo“ überschriebene „Zeit“-Betrag von Machowecz – die Haltung ist aber weitestgehend identisch.
Es beginnt schon mit dem Einstieg des „taz“-Textes: Im Mittelpunkt steht demnach ein Journalist, der „zu tieferer innerer Ruhe“ gelangen will durch einen Ausflug „in eine deutsche Mittelstadt“ – und das natürlich „von einer Großstadt“ aus.

Das ist natürlich nicht das Schlimme an Starks Artikel. Ein ernst gemeinter Tipp für einen Wochenendausflug in eine weniger bekannte Region oder Stadt ist durchaus interessant und hilfreich. Ein Titel wie „Halt im Nirgendwo“ lässt so einen Service eher nicht erwarten, bei „Was hat Salzwedel zu bieten?“ kann man immerhin noch hoffen. Der herablassend-ironische Tonfall von Starks Text enttäuscht diese Hoffnung freilich recht schnell.
Ins georgische Restaurant in Salzwedel gehe er nicht, schreibt er, denn „wir werden uns noch der lokaltypischen Küche zuwenden“. Von dieser Zuwendung bleibt dann allerdings einige Absätze später nur ein knapper Kommentar zur Altmärkischen Hochzeitssuppe als „einer diesigen Brühe mit drei Einlagen: Spargelstücken, Fleischklößchen, Eierstich“, gefolgt von einer, nennen wir sie: witzigen, Bemerkung, die andeutet, dass die Suppe versalzen war.
Nicht zu Unrecht auch jenseits der Altmark bekannt ist der Salzwedeler Baumkuchen. Für Stark ist allerdings vor allem das Maskottchen des Café Kruse (wo man diesen Baumkuchen bekommen kann) eine Anmerkung wert – wegen der „penetranten Wegweisungen“, die es ab dem Hauptbahnhof gibt. Nun ist das Café Kruse leider geschlossen, als Stark dort ankommt. Also keine Baumkuchenverkostung. Das ist nicht schlimm, denn: „Für Kaffee und Kuchen wäre es aber ohnehin noch zu früh.“ Und bevor die Kuchenzeit erreicht ist, ist der Journalist ja auch schon wieder weg. (Man könnte den Baumkuchen in Salzwedel übrigens nicht nur im Café Kruse kaufen, wenn man das wollte.)
Ähnlich lustlose Bemerkungen liefert Stark dann noch über die fachdurchwerkte Altstadt und verschiedene Gebäude wie Wasserturm und Kirchen. Die sind laut Stark „natürlich aus Backstein“. Warum das „natürlich“ so ist, erschließt sich nicht unbedingt. Aber es dient wohl auch nur als Vorlage, damit später das „Autonome Zentrum Salzwedel“, „rebellischerweise ohne Backsteinfassade“, als irgendwie nonkonform charakterisiert werden kann.

Und auch Graffiti der Salzwedeler Antifa-Szene („die hier sehr stabil zu sein scheint“) und der – damals verschwundene, seit Anfang Dezember zurückgekehrte – „Puparschbierbrunnen“ sind lediglich Anlass für banale Beobachtungen. Immerhin enthält der Text einen Verweis auf Mascha Schilinskis Spielfilmdrama „In die Sonne schauen“: Das zeige, dass „die altmärkische Hutzeligkeit auch einen gewissen Horror“ in sich berge, also vielleicht gar nicht so niedlich-doof ist, wie sie Stark erscheint.
Kurz gesagt gilt für Starks Beitrag dasselbe wie für den von „Zeit“-Autor Machowecz: Er ist ärgerlich. Und er ist ignorant.
Ignorant ist er, weil er so viel mehr hätte sein können, wenn es nicht wieder einmal um die Selbstinszenierung eines Großstadtjournalisten gegangen wäre, der sich als (vorgeblich) interessierter, aber natürlich ironisch-distanzierter Beobachter der Provinz gibt. Und hier geht es nicht einmal darum, dass auch Salzwedel mehr für Touristen zu bieten hätte als eine mehr oder weniger belebte Innenstadt mit ein paar alten Häusern und Kirchen. Neben dem wenigstens kurz erwähnten Jenny-Marx-Haus zum Beispiel das Danneil-Museum mit dem Weinberg-Altar Lucas Cranach des Jüngeren, aber auch mit sehenswerten Objekten zu DDR-Zeit, Friedlicher Revolution und Nachwendezeit in Salzwedel.
Das Antifa-Graffiti hätte man zum Anlass nehmen können, um einen nicht lange zurückliegenden Beschluss des Stadtrats von Salzwedel zu diskutieren. Das Gremium hatte Landesmittel für Demokratieförderung abgelehnt, weil man den Verdacht hatte, dass da „die Linken“ von profitieren könnten. Die „Zeit“ hat hierzu vor einiger Zeit einen längeren Beitrag gebracht. Zumal auch die Altmark die Baseballschlägerjahre durchlebt hat, wenngleich Salzwedel in den Neunzigern eher als „links“ galt (im Gegensatz etwa zu Klötze oder Kakerbeck und Umgebung). Und auch in der Altmark sind einige von denen, die damals „Sieg Heil!“ geschrien und nicht-rechte Jugendliche überfallen haben, mittlerweile Mitte 40 und mit Job und Familie „gut situiert“, wie man so sagt. Womöglich wäre das „Autonome Zentrum Salzwedel“ also nicht allein wegen seiner Nicht-Backsteinfassade interessant.
Oder der Autor hätte zum Salzwedeler Baumkuchen recherchieren können. Das hätte interessante Einblicke erlaubt, wie schwierig es für kleine Betriebe in strukturschwachen Regionen ist, sich wirtschaftlich über Wasser zu halten. Das beginnt mit der – in diesem Falle zum Glück erfolgreichen – Suche nach Menschen, die solche Betriebe übernehmen und ihre Traditionen weiterführen. Und es endet mit den Möglichkeiten, die das Internet ihnen für den Vertrieb ihrer Produkte bietet. (Ja, Sie können Baumkuchen in unterschiedlicher Ringstärke und mit verschiedenen Glasuren online bestellen und sich per Post schicken lassen.)
Vor allem aber ist dieser Beitrag mit seinem „Ach guck, ist das alles doof und langweilig und so provinziell hier“-Tonfall wirklich sehr, sehr ärgerlich. Denn natürlich hätte man ihn genauso gut über eine westdeutsche Klein- oder „Mittelstadt“ schreiben können. Dass diese Option nicht einmal ansatzweise präsent ist, dass man also von vornherein nicht vorhat, in Uelzen oder Lüneburg auszusteigen und drei Stunden dort die Einheimischen zu studieren (ironisch, versteht sich), macht schon der Auftakt des Beitrags deutlich:
„Lüneburg, Uelzen sowie Salzwedel verfügen nun über eine Direktverbindung in die beiden größten deutschen Städte. Die Chance also auf viele Millionen neue Tagestourist:innen. Sind sie darauf vorbereitet?“
Die Frage der Massentourismus-Kompatibilität stellt sich für Uelzen sicherlich ähnlich wie für Salzwedel. Aber für Lüneburg? Der Universitätsstadt nahe der touristisch recht gut erschlossenen Lüneburger Heide, in Tagesausflugsnähe zu Hamburg und zum Heide-Park? Eher nein. Das sollte auffallen, wenn die Frage ernst gemeint wäre und nicht nur einen launigen Einstieg liefern soll.
Dass Salzwedel und Stendal es in dieser Form in die überregionale Presse schaffen, liegt letztendlich vor allem daran, dass sie in Ostdeutschland liegen. Sicherlich finden sich auch über andere Provinzen hin und wieder Berichte in großen Tageszeitungen oder Magazinen. Aber derart herablassende Darstellungen gibt es vor allem über die ostdeutsche Provinz.
Starks Beitrag erinnert in dieser Hinsicht an ein Schreiben über das ländliche Ostdeutschland, wie wir es auch bei dem FAZ-Autor Simon Strauß in seinem kürzlich erschienenen Buch „In der Nähe“ und bei Juli Zeh in mehreren Romanen finden. Juli Zeh lehnt letztlich jeden kritischen Blick auf ihre Wahlheimat ab, und Simon Strauß projiziert, ähnlich unkritisch, das auf den ostdeutsch-ländlichen Raum, was er sich anscheinend als wohlig-heimatliche Ruhe wünscht.
Starks Text ist so etwas wie die ironisch-pseudokritisch gedrehte Variante davon. Sozusagen ein weiteres Kapitel der Deutschbodenisierung des Schreibens über „den Osten“. Und wie diese anderen Texte sagt auch „Was hat Salzwedel zu bieten?“ wenig über die ostdeutsche Provinz, aber viel über seinen Verfasser aus. Wer dort lebt, wird sich ärgern, wer dort nie war, schlimmstenfalls in bereits vorhandenen Vorurteilen bestärkt. Guter Journalismus sieht anders aus. (Humoristischer übrigens auch.)
Genau solche Artikel verstärken in eben der ostdeutschen Provinz, von der sie angeblich berichten, den Eindruck, dass eine westdeutsch dominierte Medienlandschaft – vulgo: „die Medien“ – nur Verachtung, Hohn und Spott für „den Osten“ übrig hat. Dass sie sich gar nicht wirklich interessiert für das, was dort tatsächlich passiert. Das bleibt hängen, selbst wenn es so nicht stimmt, wie etwa der „Zeit“-Beitrag zu der gefährlichen Posse um die abgelehnte Demokratieförderung zeigt.
Daher, liebe Hauptstadt- und Großstadtjournalist:innen: Wenn ihr ohnehin schon wisst, dass es woanders doof, langweilig, bestenfalls heruntergekommen, schlimmstenfalls gefährlich ist – dann bleibt das nächste Mal doch einfach zu Hause. Oder bleibt einfach im Zug sitzen, wenn er in einer ostdeutschen Kleinstadt hält.
Korrektur, 12.1.2026: Statt Klötze stand im Text zunächst ein falscher Ortsname. Das haben wir kurz nach Erscheinen des Textes korrigiert.
Korrektur, 20.1.2026: Lüneburg liegt nicht in, sondern nahe der Lüneburger Heide.
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Salzwedel kenne ich tatsächlich nur durch die Baumkuchen, wir bestellen öfter mal 1-2 davon, sind tatsächlich sehr lecker.
In Stendal war ich letztes und vorletztes Jahr, jeweils als Start bzw Ende einer Etappe Elbe-Radweg, fand es ganz nett dort, haben einmal gut, einmal nicht so gut gespeist, ein leckeres Frühstück gehabt und auf dem nahen Campingplatz in einer Hütte übernachtet.
Für einen Museumsbesuch hatten wir leider keine Zeit, und für das beeindruckend aussehende Theater gab es so kurzfristig keine Tickets.
Gibt auch offensichtlich Touristen, die sich die Städtchen angucken – Lüneburg ist ja geradezu überlaufen!
Und sonst sind es halt ganz normale kleine Städte, wieso man sich da auf die Suche nach Langeweile machen sollte, um dann was drüber zu schreiben, erschließt sich mir nicht…
“ (im Gegensatz etwa zu Kölbe oder Kakerbeck und Umgebung)“
Ist tatsächlich ein Kölbe gemeint (das google nicht findet) oder doch eher KALBE in der Altmark ?
An den Zeit-Artikel zu Stendal erinnere ich mich mit Schaudern. Diese Mischung aus Herablassung und Gönnerhaftigkeit war schwer zu ertragen. Tenor: Ein ICE-Passagier (in der Wahrnehmung des Autors offenbar eine eigene, elitäre Klasse Mensch) „traut“ sich aus dem Zug in die ostdeutsche Provinzstadt – ein kleiner Schritt für ihn, ein großer Sprung für westdeutsche Großstädter, oder so. Überrascht stellte er fest, dass es dort tatsächlich Restaurants gibt und normale Leute und nicht nur grunzende Vollprolls. Fehlte noch der verblüffte Hinweis auf Strom und fließend Wasser…
Ironisch-distanzierte Haltung ist auch eine Haltung. Und Haltung soll ja angeblich das Vertrauen in die Medien erhöhen.
Frau Wittwer hat im SPIEGEL mal mit etwas mehr Fachkenntnis und noch weniger Humor sowas über das Sauerland geschrieben, und warum es schlimm ist, das Merz ausgerechnet da wech kommt.
Es heißt aber trotzdem „Wem höaste?“ statt „Wem hörste?“ Wenig verwunderlich, dass sie nie wirklich dort ankam.
Es kann sich nur noch um Stunden handeln, bis das Vertrauen in die Medien die Messgrenze übersteigt.
Zu #2:
Danke für den Hinweis! Gemeint ist weder Kölbe noch Kalbe, sondern Klötze. Ich korrigiere das.
Herzliche Grüße aus der Redaktion!
Annika Schneider
Aus meiner Erinnerung nicht das erste Mal, daß die taz eine/n ihrer Hauptstadtreporter/innen mit solcher Voreingenommenheit in die Provinz schickt, um ihren Lesern den Eindruck zu vermitteln, dass das failed bundesland # 1 in Deutschland, nämlich Berlin, der Nabel der Welt sei.
@D W G (#6):
Sie ersetzen das eine Klischee durch das nächste. Ganz toll.
Ich hatte einen taz-Artikel von vor 5-10 Jahren im Kopf, in dem genau das Thema auch aufgegriffen wurde. Konnte ihn nicht finden. Bin aber auf andere Schmuckstücke des taz-Journalismus gestoßen, die ich nicht vorenthalten möchte:
https://taz.de/Die-ostdeutsche-Provinz-bellt-zurueck/!1260514/
https://taz.de/Debuetroman-von-Manja-Praekels/!5472977/
https://taz.de/Furchterregende-Wirklichkeit/!357705
https://taz.de/Nicht-mehr-nur-mit-Maennern-abhaengen/!5667258/
https://taz.de/Zuhause-bleiben-statt-reisen/!5035438
Diese herablassende Haltung, mit der nicht nur Journalisten aus der Großstadt dem Osten und seinen Bewohnern begegnen, trägt auch einiges dazu bei, dass so viele hier im Osten so wenig von Bundesrepublik halten – mit den bekannten Ergebnissen bei den Wahlen. Das ist natürlich nicht der einzige Grund. Aber wenn man Jahrzehnte sich nach der Wiedervereinigung immernoch regelmäßig als exotische Kuriosität anstatt als integraler Teil der Gesellschaft betrachtet wird, dann ändert das die Perspektive.
Viele Grüße,
Eine Person, die nach der Wende im Osten geboren ist, und sich oft in ihrem Geburtsland wie eine Fremde fühlt.
Was das Ganze im Fall des Zeit-Artikels von Martin Machowecz noch unverständlicher macht, ist seine eigene Herkunft: Machowecz kommt aus Meißen. Die Meißner ärgern sich genau wie die Stendaler oder Salzwedeler über die oft herablassende Darstellung in überregionalen Medien, das weiß ich aus eigener Erfahrung.
# 7
Obwohl ich nicht in Berlin lebe (und auch nie dort gelebt habe), zählt der „Checkpoint“ des Tagesspiegels zu meiner regelmäßigen Lektüre. Und täglich grüßt dort das Murmeltier. Aber ich gebe gerne zu, daß meine Heimatstadt, Köln, in Sachen Dystopie die #2 in Deutschland ist
Den taz-Artikel rein durch die „Großstadt-vs-Land-Brille“ zu lesen und dann mit plumpen „Land ist ehrlich – Großstadt ist abgehoben“-Vorurteilen zu reagieren, zeugt nun auch nicht gerade von journalistischer Qualität.
Hinzu kommt der im öffentlichen Diskurs und in der Politik zementierte Opfer-Status aller Ostdeutschen, die von jeglicher Kritik verschont werden müssen. Wer es doch wagt, der muss (arroganter) Wessi oder zumindest Großstädter sein. Ob nicht auch die Ostdeutschen mal ihre Haltung zu bestimmten Dingen hinterfragen müssen, wird seltsamerweise nie gefordert.
Die Haltung hier im Artikel ist eben auch eine ideologische Haltung, die aber nur dem taz-Autor attestiert wird.
Dabei ließe sich einiges an Kritik finden, die wirklich berechtigt ist: z.B. die oft sehr eingefahrenen Speisekarten von Restaurants im ländlichen Raum, die einem häufig seit 30 Jahren dasselbe bieten und die Dinge, die völlig normal sind in der häufigen Zeit, allzu oft ignorieren. Wenn man z.B. etwas ohne Laktose braucht (und ich meine wirklich brauchen, weil man nicht nach jedem Essen eine Stunde auf dem Klo verbringen will) oder wenn man eben nicht den Fleisch-Overkill will. Und das hat auch nichts mit Großstadt-Allüren zu tun, sondern mit einem Wunsch nach etwas Abwechslung, den man in vielen Lokalen „auf dem Land“ schmerzlich vermisst. Hier haben die Wirte teilweise noch nicht verstanden, dass Kunden heute auch mal was fordern und der Laden nicht wie früher immer automatisch voll ist, egal, was man anbietet.
Ganz abgesehen von fehlender Möglichkeit zur Kartenzahlung, die sich auch noch nicht überall herumgesprochen hat, in Zeiten von weniger werdenden Bankautomaten aber notwendig ist. Ganz abgesehen davon, dass es nur deswegen nicht gemacht wird, um Schwarzgeld zu sammeln (ist in der Gastro ja ein offenes Geheimnis), denn die Transaktionsgebühren der Kartensystembetreiber sind ganz sicher nicht das Problem, das wird gerne als Alibi-Argument gebracht. Genügend Restaurants bieten das an und sind dann auch nicht plötzlich pleite (und in anderen Ländern haben sogar die Straßenmusiker ein EC-Gerät dabei).
Man könnte weitermachen über unattraktive Stadtplanung, die oft nicht fußgängerfreundlich ist und dann eben auch weniger Touristen anzieht.
Oder generell eine Gastfreundschaft und fehlende Kundenfreundlichkeit, die auch ein bisschen eine deutsche Eigenart ist, im Osten wie im Westen.
Gewinnbringender als ein Ad-hominem-Rundumschlag mit Stadt-Land-Klischees in CSU- und AfD-Manier wäre also eine etwas differenziertere Analyse der taz-Reportage gewesen. So wird es zum Kulturkampfthema gemacht.