Jörg Wagner

„Es braucht immer jemanden, der dich beschützt und gute Argumente hat, zu sagen: Lass mal den Wagner machen“

Mehr als 30 Jahre lang hat er im Hörfunk über Medien berichtet: immer kritisch, immer mit großer Hingabe zum Medium Radio – und nahezu ohne Urlaub. Nun hört Jörg Wagner nicht ganz freiwillig auf mit seinem „Medienmagazin“ bei Radio Eins. Wir haben mit ihm auf seine Karriere geblickt, bis zurück zu den Anfängen im legendären DDR-Jugendradio DT64.
Der Medienjournalist Jörg Wagner in seinem Studio. Hinter ihm ein Mischpult und diverse Verstärker und ein Tonbandgerät.
Aufnahme läuft: Jörg Wagner in seinem Studio.Foto: privat

„Vom Mund zum Ohr, auf dem Strahle der elektrischen Kraft!“ – unter diesem mehr als 100 Jahre alten Hörfunk-Motto beginnt Jörg Wagner jeden Samstag um 18 Uhr sein „Medienmagazin“ auf Radio Eins vom rbb. Wagner ist in jeder Hinsicht eine Institution. Seit über 30 Jahren berichtet er für den rbb und seinen Vorgänger ORB kritisch über Medien. Nun hört er auf.

Ein Abschieds-Interview über Freiheiten und Kontrolle, prekäres Arbeiten, die Lehren aus der DDR- und Wende-Zeit und die Reform-Unfähigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.


Übermedien: In den Podcast-Folgen deines Medienmagazins tauchten vor ein paar Wochen plötzlich Nummern im Titel auf. Ich habe einen Moment gebraucht, um zu kapieren, was das ist: Du zählst einen Countdown bis zur letzten Sendung runter. 

Jörg Wagner: Ja, ich habe da etwas versteckt, ein Easter Egg. Weil es bisher* keine offizielle Mitteilung gibt, dass ich aufhöre, obwohl das seit April feststeht. Die Beendigungskultur im rbb ist unterirdisch. Deshalb habe ich mir diesen Spaß erlaubt.

(*Wir haben das Interview am 10. Dezember geführt. Am 16. Dezember veröffentlichte der rbb eine Pressemitteilung.)

Wie fühlt es sich für dich an, nach so langer Zeit aufzuhören?

Anders als ich gedacht hatte. Ich wollte als letzte Sendung eigentlich eine schöne Hör-Collage machen. Und ich habe mir immer schon letzte Musiken bereitgelegt, seit 30 Jahren, die man dann verwenden kann. Damit man nicht, wenn der letzte Tag kommt, in Hektik verfällt.

Aber jetzt hast du den Plan geändert.

Ja. Durch die unschönen Umstände hole ich jetzt noch Christine Heise, Johannes Paetzold und Helmut Heimann mit in die Sendung, die bei Radio Eins auch beendigt werden, wie ich. Wir reden aber nicht über das Beendigen, sondern feiern nochmal das Medium Radio. Die Geschäftsführerin der rbb Media, Anja Mellage, hat mir angeboten, das in der 14. Etage des Hauses zu machen.

Die neuerdings so genannte „Dachlounge“.

Das war früher der Ort, an dem ich sehr viel Zeit verbracht habe, bei den Sitzungen des Rundfunkrates des rbb und vorher schon des SFB. Das war, wenn man mich jetzt fragte, die größte Zeitverschwendung in meinem Leben. Seit 1991 bin ich bei fast jeder Rundfunkratssitzung dabei. Und kennst du eine, kennst du alle. Ausnahmen sind die Sitzungen nach der rbb-Krise in den Jahren 2022 und 2023.

Warum hörst du auf?

Weil man mir das Studio nicht mehr öffnet.

Jetzt stelle ich mir vor, wie du am Samstag um 18 Uhr am Tor stehst und rüttelst …

Da man mir gesagt hat, dass die Schranke nicht mehr hoch geht, muss ich auch nicht rütteln. Anton Rainer vom „Spiegel“ hat im Zusammenhang mit dem Streit um die Moderatorin Julia Ruhs geschrieben: „Niemand hat das Recht, sich am Studio festzuketten.“ Da stimme ich ihm zu. Also wenn man als Freier in diese Welt tritt, dann weiß man, dass man auf einem Schleudersitz ist, dass das Rodeo ist, dass das jederzeit zu Ende sein kann.

Andererseits hast du doch geradezu beamtenähnlich gearbeitet. Du machst seit 30 Jahren dieselbe Sendung. Du bist 66 – als Festangestellter würdest du jetzt auch sachte aus dem Studio geschoben.

Ja, der Sprecher des rbb sagte zu mir: Herr Wagner, Sie werden jetzt gleichgestellt mit Festangestellten. Ich meinte: Aber das trifft ja nicht für die Rente zu. Dann sagte er: Da haben Sie einen Punkt – und drehte sich um und ging.

Jörg Wagner im kleinen Sendesaal des rbb an einem Tisch mit Mikrofon und Mischpult.
100 Jahre Radio: Jörg Wagner 2023 im Sendesaal des rbb.Foto: Philipp Nitzsche

Warum arbeitest du denn überhaupt als Freier?

Ich hatte im September 1987 in der DDR als festangestellter Journalist und Moderator beim Jugendradio DT64 angefangen. Zwei Jahre nach dem Beitritt zur Bundesrepublik wurde ich vom MDR übernommen. Ich musste feststellen, dass bundesdeutscher Journalismus festangestellt kein Journalismus ist, sondern Verwaltung von Journalismus. Also bin ich in dieses Risiko gegangen und habe mich als Freiberufler durchs Leben geschlagen und bereue es bis heute nicht. Es gibt mir nicht unbedingt Unabhängigkeit, aber immer wieder das Gefühl, etwas ablehnen zu können.

Ist dein Alter der Grund dafür, dass du aufhören musst?

Die Begründung ist vielschichtig. Am 30. Januar 2025 hat die Intendantin verkündet: Wir brauchen einen „Befreiungsschlag“, weil angeblich 9 Millionen Euro fehlten, um die Rechnungen für 2026 zu bezahlen, und 13 Millionen Euro, um den digitalen Fortschritt in den rbb zu tragen. Als ich sie später traf, sagte sie zu mir: Herr Wagner, Sie sehen ja jünger aus, als Sie sind. Da wusste ich, sie hatte meine Akte auf dem Tisch, und ich dachte, oh, jetzt passiert irgendwas.

Im März wurde dann der legendäre Reporter Ulli Zelle offiziell beendigt mit seinen 73 Jahren. Man hätte ihm hinter vorgehaltener Hand gesagt, wenn sie ihn nicht rausschmissen, dann könnten sie die anderen auch nicht rausschmeißen.

Später habe ich dann erfahren, dass man mich nur noch bis zum Jahresende beschäftigen wollte. Ich hatte zwar das mündliche Versprechen, noch zwei bis vier Jahre weitermachen zu dürfen. Aber es hieß nun, darauf hätte ich keinen Anspruch. Letzten Endes bin ich ein Opfer der Sparmaßnahme, weil es einfacher ist, die Leute zu screenen, die im Renteneintrittsalter sind, als die, die faul sind.

Der rbb erklärt auf Anfrage, sein Direktorium habe „angesichts der Konsolidierungsmaßnahmen entschieden, dass künftig keine Personen mehr beschäftigt werden dürfen, die die gesetzliche Regelaltersgrenze (Renteneintritt) erreicht haben“. Dies gelte für Feste wie für Freie.

Aber die Sendung soll ja weitergeführt werden, von einer jüngeren Kollegin. Inwiefern spart dann der rbb Geld?

Es sollen wohl weniger Folgen im Jahr und auch nicht mehr live produziert werden. Und der Podcast wird wohl auch nicht mehr extra honoriert. Das hatte ich mir nach 24 Jahren erstritten.

Der rbb bestätigt, dass das Medienmagazin aus Kostengründen „künftig zehn Mal im Jahr zu Ferienzeiten pausieren“ werde. „Diese Maßnahme war notwendig, um das Medienmagazin überhaupt weiterführen zu können und bei dieser arbeitsintensiven und verantwortungsvollen Sendung nicht am Honorar sparen zu müssen – was vermutlich ebenfalls ein Aus bedeutet hätte. Der Erhalt eines der bundesweit wenigen Medienmagazine im Hörfunk ist radioeins und dem rbb sehr wichtig.“ Da die neue Moderatorin Teresa Sickert „aus familiären Gründen nicht regelmäßig am Wochenende arbeiten kann, wird die Sendung in der Regel am Freitag aufgezeichnet. Es besteht jedoch stets die Möglichkeit einer Aktualisierung durch die Moderatorin.“

Warum hast du die ganze Arbeit gemacht? Fürs Geld offenbar nicht.

Es war der ideale Arbeitsplatz für meine Kreativität, für meinen Biorhythmus, für mein Weltbild. Ich bin gerne unabhängig, habe mir sehr früh, 1993, ein eigenes Studio zusammengespart, mithilfe einer Existenzgründerprämie des Berliner Senats. Heute ist es mein Wohnzimmer, das umgebaut ist als Studio und auch ein bisschen videotauglich ist.

Du hast eine Leidenschaft für das Medium Radio.

Und für das Thema Medien. Ich bin da zufällig reingestolpert. Es fing an mit der Frage: Wer kann im Radio den Drehkondensator so manipulieren, dass die 102,6 Megahertz hörbar ist? Jahrelang wurden Radios nur produziert bis 100 Megahertz. DT64, der DDR-Jugendsender, für den ich schon 1982 freiberuflich tätig war, sendete jedoch sukzessive auf einer neuen UKW-Kette, die erst ab 100 Megahertz begann.

Ich bastelte mir schon als Schüler Detektoren und Radios selbst. So kannte ich den Trick, wie man den Empfangsbereich verstellt, so dass man DT64 hören konnte, mit dem Nachteil, dass der amerikanische Soldatensender AFN verschwand.

DT64 wurde während der Wendezeit legendär.

Damals überschlugen sich die Ereignisse. Es ging darum, den DDR-Rundfunk abzuschaffen oder ihn in föderale Strukturen zu überführen. Keiner von uns hatte von der bundesdeutschen Medienpolitik Ahnung. Dann wurde mir gesagt: Du kannst ja ein Radio reparieren, kümmer dich doch mal darum. Die Wendezeit war ein Crashkurs in Medienpolitik. Meine Mutter schrieb damals an den Bundeskanzler, um gegen die geplante Abwicklung von DT64 zu protestieren. Ich sagte ihr: Du, ich habe jetzt rausgefunden, der ist gar nicht dafür zuständig. Du musst den Brief nochmal an die Ministerpräsidentenkonferenz schreiben.

Das klingt nach dem idealen Einstieg in dieses trockene Thema, als persönlich Betroffener mit der maximalen Leidenschaft und dem Gefühl, um was es da geht.

Ja, ich war eigentlich Aktivist, im besten Sinne. Unsere Hörer waren völlig entsetzt, dass DT64 abgeschaltet werden sollte und die Frequenzen den neuen Privatradios zugesprochen wurden. Wir waren überrascht und fühlten uns dann plötzlich für unsere Hörer verantwortlich, nicht nur für uns.

Jörg Wagner im Studio des DDR-Jugendradios DT64, das bis 1993 bestand. Die Aufnahme entstand im Jahr 1991.
Jörg Wagner im DT64-Studio, 1991.Foto: Jörg Wagner / Archiv

Deine Zeit bei DT64 war auch die Zeit größter Freiheiten in deinem Leben. 

Wir haben zu Demonstrationen aufgerufen, ständig durchgegeben, wo Hörerinitiativen Abgeordnete belagert oder Sitzblockaden gemacht haben. Beim Nachfolgesender MDR Sputnik ging sowas alles nicht mehr. Da haben wir nicht nur gelernt, wie man eine Sendung fährt und alle drei Minuten den Sendernamen sagt. Selbst im Verkehrsfunk durften wir nicht sagen, dass wegen einer Großveranstaltung des DGB folgende Straßen gesperrt sind. Wir mussten sagen: wegen eines Straßenumzugs.

Eine strenge Auslegung des Neutralitätsgebotes. 

Ja, das sich über die Jahre abschwächte. Heute fühle ich mich bei diesem Thema näher an der BBC als an der ARD-Praxis. Also weniger Haltung, mehr Informationen, mehr Fakten: zur Meinungsbildung beitragen. Die Leute sind nicht so dumm, wie sie sehr oft dargestellt werden. Diese Position ist nach meiner Beobachtung nicht der Trend in der ARD. Obwohl es sicherlich viele Kollegen gibt, die genau so denken wie ich. Die ganze Diskussion um Julia Ruhs hat ja bewiesen, dass zu viel Kraft reingeht, jetzt konservative Meinungen reinzuholen, anstatt mal durchzukämmen: Wie sind denn die Regeln des Journalismus? Ein Kommentar ist ein Meinungsbeitrag, aber der Rest sollte klar wie Wasser sein.

Von deinem Kampf bei DT64 ist deine Leidenschaft fürs Thema Medien und Medienpolitik geblieben.

Nicht nur das. Uns DDR-Bürgern wurde ja immer nachgesagt, wir seien Jammer-Ossis und würden freiwillig zur Schlachtbank laufen. Was für mich geblieben ist aus dieser Zeit, ist der Satz: Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Einige westliche Kollegen, die plötzlich in Potsdam-Babelsberg Jugendradio machen mussten, fanden das eine extreme Zumutung. Sie führten sich auf, als wüssten sie, wo im Kühlschrank der letzte Käse ist. Das war ein Clash der Kulturen und dabei habe ich gelernt: Zurückhaltung ist nicht angebracht.

Ist es nicht auch ein Fluch, wenn man solche Freiheiten mal erlebt hat, dann mitzubekommen, wie gerade auch das Medium Radio immer stärker formatiert und glatt gemacht wird?

Ich hatte Spaß daran, diese enge Formatierung in einem fast spielerischen Sinne auszudehnen. Ich bin gestartet mit einem Medienmagazin bei Radio Eins am Sonntagmittag, das zwei Stunden lang war und zwei Wortflächen à drei Minuten pro Stunde hatte. Irgendwann habe ich gesagt: Ich mache die Sendung gern, aber nennt sie bitte nicht „Medienmagazin“, sondern „Musik nach Tisch“. Das war eine Sendung von Radio DDR immer zur Mittagszeit gewesen. Dann bekam ich eine dritte Wortinsel, auch drei Minuten lang, dann habe ich daraus mal vier Minuten gemacht, dann 4:30, dann sieben.

Das ging?

Ich wusste, dass da am Sonntag keiner mit der Stoppuhr sitzt. Ich hatte 50.000 Hörer in einer Stunde, vor mir war die Hörerzahl quasi nicht messbar, danach ging sie auf zehntausend Hörer runter. Ich war ein Einschaltformat. Aber es wurde kritisiert, weil ich nicht an den Audience-Flow denken würde. Es würden nur die „Wort-Nerds“ einschalten. Deshalb wurde ich auf den Samstagabend, 18 Uhr, verlegt und auf eine Stunde reduziert.

Aber dafür musstest du keine Musiksendung mit ein paar kurzen Wortbeiträgen mehr machen?

Meine Bedingung war, dass ich das sogenannte Zebrastreifen-Prinzip machen darf. Ein Beitrag, eine Musik, ein Beitrag, eine Musik.

Die Sendung fand auch am Samstagabend schließlich ihr Publikum.

Ein Höhepunkt war 2011 in der Affäre um den Moderator Ken Jebsen, dem Antisemitismus vorgeworfen wurde. In meiner Sendung kamen alle zu Wort: Henryk M. Broder, der den Fall öffentlich gemacht hatte, Ken Jebsen, rbb-Chefredakteurin Claudia Nothelle. Das war für den rbb ungewohnt, dass diejenigen, die rausgeschmissen werden, im Programm noch mal zu Wort kommen. Aber irgendwie habe ich die Verantwortlichen überzeugen können, dass es nicht geht, nur die Programmdirektorin zu interviewen.

Das scheint eine Methode deiner Arbeit zu sein: alle Leute zu Wort kommen zu lassen. Das klingt so banal, aber es ist ja keine Selbstverständlichkeit. War es das für dich?

Das ist die journalistische Neugier in mir. Ich habe auch sonst in meinem Leben oft festgestellt, schon als DDR-Bürger, dass es sich lohnt, andere zu hören und verschiedene Perspektiven zuzulassen.

Wie groß sind die Widerstände dagegen? Zum Beispiel, wenn es im Extremfall darum geht, gerade geschasste rbb-Mitarbeiter vor das Mikro zu holen?

Es braucht immer jemanden, der dich beschützt. Der in einer Hierarchie gute Argumente hat, zu sagen: Lass mal den Wagner machen.

Es gab 2004 den Fall eines aufmüpfigen „Abendschau“-Moderators Jan Lerch. Der machte einen Sitzstreik und saß sichtbar für alle im gläsernen Info-Radio-Pavillon. Bei der Berichterstattung darüber kam ich mir vor wie ein Parlamentär. Erst interviewte ich ihn, dann bin ich zur Intendantin Dagmar Reim und habe ihr das vorgespielt. Sie hat darauf geantwortet, dann bin ich wieder zurück zu Lerch. Ich habe Reim gefragt: „Wäre es nicht einfacher, wenn wir gemeinsam ein Interview an Ihrem Tisch oben machen?“ Aber sie sagte Nein.

Aber sie sagte auch nicht: Der kommt mir nicht auf den Sender.

Richtig. Und das fand man auch in der Belegschaft gut. Ich wollte einfach sauber und fair sein, damit sich keine Seite begünstigt fühlt.

Jörg Wagner steht etwa einen Meter hinter Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel und ARD-Moderator Thomas Roth.
Mittendrin im Hintergrund: Jörg Wagner zwischen Angela Merkel (l.) und ARD-Moderator Thomas Roth (r.) beim ARD-Hauptstadttreff 2005 in Berlin.Foto: rbb / Hans-Georg Gaul

Die Frage dominiert ja inzwischen viele Debatten: Wem darf man überhaupt ein Mikro hinhalten, eine Bühne geben?

Ich halte grundsätzlich jedem das Mikro hin, der sich interviewen lässt. Egal, ob man jetzt von links oder von rechts sagt, den darf man nicht interviewen. Es ist ja nicht mehr das Monopol der ARD, das Mikrofon hinhalten zu können. Und ich bin froh, wenn die Leute in mein Mikrofon sprechen. Weil ich dann die Möglichkeit habe, zum Beispiel den Kern von Aussagen aus der PR zu schälen.

Ich verstehe dich so, dass du verschiedene Positionen erstmal dokumentierst, bevor du als Journalist dann auch vielleicht einordnest und das gegenschneidest – im Idealfall mit O-Tönen von vor 20 Jahren, die du aus deinem eigenen Archiv rausgesucht hast. Du hebst alles auf.

Da hatte ich ein Schlüsselerlebnis beim DDR-Rundfunk. Ich suchte irgendeinen Originalton. Und dann hieß es: Den haben wir gelöscht. Wir haben nicht so viel Platz. Alles, was innerhalb von drei Wochen nicht nachgefragt wird, löschen wir. Es sei denn, die Archivare sagen, das hat historischen Wert.

Ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass man das nicht immer gleich erkennt. Ich habe als Jugendlicher komplette Radiosendungen aufgezeichnet. Und weil ich nichts wegschmeißen konnte, schon damals nicht, hatte ich plötzlich Nachrichten mitgespeichert, die erst 30 Jahre später interessant waren, weil sie eine Entwicklung festgehalten haben. Zum Beispiel habe ich die ganze Wende, den Sommer 1989, auf drei verschiedenen Wellen, 100,6, RIAS 2 und DT 64 dokumentiert, jeden Tag. Ich fing an, zu einer Zeit Nachrichten mitzuschneiden, als es noch gar nicht spannend war, Nachrichten zu hören.

Welche Freiheiten hattest du bei deiner Arbeit? Zu DDR-Zeiten durftest du bei DT64 bestimmte Dinge im Radio nicht sagen. Aber nach der Wende gab es dort das Gefühl: Jetzt ist alles möglich.

War es auch.

Anarchie oder Freiheit?

Wir waren uns schon unserer Verantwortung bewusst.

Aber es gab einen Raum zwischen zwei Systemen, als das eine weg war und das andere sich noch nicht etabliert hatte.

Ja, das war eine spannende Zeit, weil wir noch nicht formatiert waren, sondern zum Beispiel zwei Stunden Diskussionen gemacht haben, so eine Art Runden Tisch mit allen Jugendorganisationen, also auch mit den jungen Nationalen. Das hatte mir Unbehagen bereitet, aber dann dachte ich mir, nee, das gehört dazu. Wenn die legal sind, sollen die auch am Sprechertisch teilnehmen. Zwei Stunden, das geht heute im Radio nicht mehr. Das machen die Podcasts heute.

Wir haben das Radio nicht neu erfunden, aber entfesselt. Wir haben es in alle Richtungen gedreht. Wir haben auch mit versteckten Mikrofonen gearbeitet, Wallraff-mäßig, im Puff oder bei Waffenschiebern.

Das Medienmagazin war auch während der großen Affäre um Patricia Schlesinger ein Ort, an dem es schonungslos um die Probleme im eigenen Sender ging. 

Ich hatte mir damals eine eigene Compliance-Regel gegeben, sonst hätte ich es nicht machen können. Sie lautete: Ich kritisiere den rbb nur im rbb und nicht von außen, im „Business Insider“ etwa. 

Hast du da auch selbst kommentiert?

Ja, aber nicht in meiner eigenen Sendung, sondern in einem anderen rbb-Format. Da habe ich dem Chefredakteur empfohlen, eine Auszeit zu nehmen. Er könnte doch eine schöne Dokumentation in Frankfurt/Oder drehen über das Fischsterben und dann wieder zurückkehren und gucken, inwieweit er sich schuldig gemacht hat. Dann rief er mich an und meinte, wir müssten mal einen Kaffee trinken gehen. Ich hab ihm gesagt: Nee, möchte ich nicht, Sie können gerne in meiner Sendung darüber sprechen. Das hat er auch gemacht.

War diese Zeit, als es dauernd neue Enthüllungen über den rbb gab, auch eine gute Zeit? Es wirkte, als ob viele Journalisten im Sender plötzlich den Ehrgeiz hatten, zu beweisen, dass sie auch in eigener Sache kritisch und investigativ Journalismus betreiben.

Das wird leicht missverstanden, wenn ich das so formuliere, aber es hat mich erinnert an die Wendezeit. Nicht als DDR-Vergleich, sondern weil es ein Machtvakuum gab. In diesem Machtvakuum können sich die eigene Verantwortung und die eigenen Ideen viel stärker einen Weg bahnen. Das eigene Gespür für die Wichtigkeit von Informationen. Dann entwickelt man auch die Kraft, gegen eine Pressemitteilung aus dem eigenen Haus zu argumentieren. Es ist ja verständlich, dass die Unternehmenskommunikation das Thema dominieren möchte. Und dann auch erst mal lernen musste, dass man auch journalistisch arbeiten kann im Haus zum Thema rbb. Es gab sehr viele Konfrontationen mit dem Unternehmenssprecher, der jedoch meine Rolle respektierte.

Welche Versuche der Einflussnahme gab es? Dass jemand gesagt hat, das Thema hätten wir jetzt aber ungern oder den Gesprächspartner?

Beim rbb gab es bis zum Herbst 2023 alle fünf Jahre mal einen versteckten Hinweis, natürlich immer als Verbesserungsvorschlag gelabelt oder gemeint. Das finde ich okay.

Das hätte ich mir viel dramatischer vorgestellt. Medienjournalismus ist ja immer noch ein Politikum: Man berichtet über das eigene Haus oder die Konkurrenz, überall lauern vermeintliche Interessenskonflikte. 

Wie gesagt: Es braucht jemanden, der einen beschützt. Und ich merke jetzt, unter der neuen Intendantin gibt es da keinen mehr.

Das ist Ulrike Demmer, die seit zwei Jahren rbb-Intendantin ist.

Seitdem ist die Beobachtung dieser Sendung umgeschlagen in eine Betreuung. Das Medienmagazin wird jetzt nach der Live-Ausstrahlung nochmal abgenommen, um es für den Podcast freizugeben.

Wird die Live-Sendung nicht vorher ohnehin abgenommen?

Die Themenplanung wird durch zwei E-Mails und persönliche Kontakte mit dem jeweiligen Chef vom Dienst abgenommen. Wenn ich keinen Rückruf bekomme, dann heißt das immer: Du kannst das so machen. Manchmal gibt es Störgefühle bei bestimmten Themen, die man mir ausreden will. Und wenn es um rbb-Themen geht, ist immer die Frage, ob ich die Intendantin angefragt hätte. Dann muss ich sagen: angefragt ja, aber sie will nicht. Das ist der Standard. Sie hat sich im Januar 2024 zum letzten Mal von mir interviewen lassen. Seit sie an der Macht ist, ist alles sehr viel kontrollierter, was dazu führte, dass ich auch sieben Wochen mal Live-Verbot hatte.

Auslöser war ein kritischer Kommentar einer rbb-Kollegin in deiner Sendung, die die Rolle des rbb-Finanzchefs in der Schlesinger-Affäre kritisierte. Er war dagegen zeitweise juristisch vorgegangen, letztlich ohne Erfolg. Daraufhin wurden deine Sendungen vorab angehört und kontrolliert?

Richtig.

Der rbb erklärt auf Anfrage: „Auch die Intendantin schätzt Jörg Wagner sehr“, man könne sich seinen Eindruck, er sei unter ihr stärker kontrolliert und weniger beschützt worden, deshalb nicht erklären. Das „Medienmagazin“ unterliege einem journalistischen Abnahmeprozess durch den aktuellen Chef vom Dienst von Radio Eins. „Nach einem Konflikt um eine ‚Abnahme‘ einer Livesendung des ,Medienmagazins‘ hat die Wellenleitung entschieden, mehrere Ausgaben des ,Medienmagazins‘ nicht live auszustrahlen, um den Abnahmeprozess zu erleichtern.“

Aber nach sieben Wochen hattest du bewiesen, dass man dir trauen kann?

Als ich fragte, ob ich irgendwann mal die Gelegenheit bekomme, wieder live zu gehen, hieß es nur: Jaja, kannst du machen. Gut, dass du uns erinnerst.

Jörg Wagner am Mikro in seinem Studio. Vor ihm, auf einem Bildschrim, ist sein Interviewpartner zu sehen.
Homeoffice: Jörg Wagner beim Interview mit dem Rechtsanwalt Stephan Ory.Foto: Jörg Wagner

Man hat das Gefühl, dass der rbb gar nicht so professionell ist, wie man sich das vorstellen würde.

Ich glaube, er ist überlastet. Und in diesem Transformationsprozess, wie er gern beschrieben wird, überfordert. Man kann froh sein, dass überhaupt noch Ressourcen zur Produktion von Programmen vorhanden sind. Und dass es Menschen gibt, die trotz der Umstände immer noch hochwertige Programme produzieren.

Robert Skuppin, der neue Programmdirektor, hat in der „Süddeutschen“ gesagt: „Ich finde es extrem souverän, dass ein Laden zulässt, Missstände nicht nur hinter geschlossenen Türen zu verhandeln, sondern auch vor seinem Publikum. Wir kommen nur weiter, wenn wir die Konflikte besprechen. Das ‚Medienmagazin‘ hat den rbb mit seinen kritischen Berichten auch starkgemacht.“

Das hat mich überrascht.

Warum?

Weil es zeitgleich mit meiner Beendigung kommt. Wobei er in diesem Zitat unterschlägt, dass ich das von Anfang an mache, dass es da eine Kontinuität gibt, dass es nicht die Sendung an sich ist, sondern vielleicht auch was mit meiner Art Journalismus zu tun hat. Und dann frage ich mich, warum lässt man das nicht mehr zu?

Man könnte auch sagen, dass es nicht nur „souverän“ ist, wenn ein Sender Missstände vor dem Publikum – das ihn finanziert – verhandelt, sondern unverzichtbar. Aber es gibt kaum noch Medienmagazine in der ARD.

Mein Vorteil ist, dass ich nie ausgetauscht wurde. Während die anderen Sendungen auch daran krankten, dass die Präsentatoren zu oft wechselten, die Sendeplätze, die Formate. Da ist am Samstagabend, 18 Uhr, immer derselbe, der uns mit seiner Erfahrung und seinem Archiv davor bewahrt zu vergessen. Ich kenne zum Beispiel noch solche Reformideen wie den Stoiber-Biedenkopf-Plan von 1995 zur Reform der ARD. Es ist wichtig, dass man sein Sammelgebiet eben durchzieht, den Circle of Competence nicht verlässt, wenn man ihn einmal gefunden hat. Obwohl ich mich, ich gebe das zu, extrem langweile zur Zeit.

Warum?

Weil es immer wieder „Und täglich grüßt das Murmeltier“ ist. Man denkt, man hat eine positive Entwicklung in Gang gesetzt, zum Beispiel mit dem Zukunftsrat der Öffentlich-Rechtlichen, der installiert wurde von der Politik, und dann ignoriert man dessen Vorschläge.

Manchmal sorge ich mich um das Überleben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, aber dann denke ich wieder, der ist gar nicht tot zu kriegen.

Ja, der ist so konstruiert. Sein größter Vorteil ist zugleich der größte Nachteil. Dadurch, dass er nicht kaputt zu kriegen ist, ist er nicht reformierbar. Ich sehe es ja: Seit 35 Jahren redet die ARD von Reformen. Die ehemalige Verlagschefin Julia Jäkel, die auch im Zukunftsrat saß, hat es auf den Punkt gebracht: Die ARD ist reformwillig, aber nicht wirklich reformfähig. Weil die Strukturen so sind, dass die Länder mit 32 zu 0 Stimmen entscheiden müssen. Zunächst 16 Ministerpräsidenten, dann 16 Länderparlamente. So gibt es nicht die Möglichkeit, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wirklich zu reformieren. Aber dadurch ist er unkaputtbar und kann auch von der AfD nicht so einfach zerstört werden.

Was war dann dein Antrieb, Woche für Woche ein Medienmagazin zu machen? Du hast, wenn ich es richtig gesehen habe, auch keine Sendung ausfallen zu lassen: Es gibt 52 Sendungen im Jahr. Hattest du nie Urlaub?

Hatte ich mal, da war ich in Österreich wandern, dann rief man mich an, wann ich denn zur Sendung käme, es sei schon 5 vor 18 Uhr. Da musste die Kollegin der Sendung davor dann eine Stunde weiter moderieren.

Das kann ja noch nicht die Antwort sein.

Ich bin da bei Konfuzius: Such dir eine Arbeit, die dir Spaß macht, dann brauchst du nie Urlaub. Für mich ist der klassische Urlaub eigentlich anstrengender als Arbeiten.

Und ich brauche das Geld. Ich komme sonst nicht übers Jahr. Null Ersparnisse, es verbraucht sich alles. Ich will mich jetzt nicht ärmer machen, als ich bin, aber die ARD spart auf Kosten der Freien. Früher war das Funkhausprinzip so, dass die ARD die Produktionsmittel zur Verfügung stellt. Heutzutage wird man an der Arbeit behindert, wenn man keine eigene Technik hat.

Der Preis, den du für deine Freiheiten zahlst, ist eine prekäre Beschäftigung.

Ich habe lieber ein Lachsbrötchen weniger gegessen und mir Quark auf die Stulle geschmiert, als mir diese Sendung nehmen zu lassen.

Jetzt wird sie dir trotzdem genommen. Was machst du ab Januar?

Ich habe lange darüber nachgedacht, ob der Hinweis, der mir gegeben wurde, dass ich zu alt sei, vielleicht stimmt. Ich glaube, ich werde erstmal tatsächlich die Leere spüren wollen, aber gleichzeitig starten wir schon mal ein Projekt: „Die Medienhölle“. Das ist ein Podcast, den ich mit dem Radio-Kollegen Philipp Nitzsche mache, in dem wir uns um Medieninnovation kümmern und dadurch einen Mehrwert schaffen wollen. Es wird eine Nullnummer geben am 3. Januar, wohlwissend, dass Radio Eins an jenem Samstag kein Medienmagazin ausstrahlt.

Und wie wird das finanziert?

Es ist erstmal ein Selbstausbeutungsprojekt. Und dann gibt es ja verschiedene Möglichkeiten, etwas in die Kaffeekasse zu werfen oder Abonnent zu werden. Im Online-Audio-Monitor wurde gerade festgestellt, dass die Zahlungswilligkeit in Berlin für Podcasts extrem hoch sei. Das sehe ich mal als Hoffnung: Warum das nicht mal ausprobieren?


Der rbb flicht Jörg Wagner zum Abschied Kränze: Er habe sich „in seiner rund dreißigjährigen Tätigkeit für ORB und rbb große Verdienste um die Medienberichterstattung beim rbb, aber auch in ganz Deutschland erworben. Gerade in den Zeiten der Schlesinger-Krise war eine kritische Begleitung der Geschehnisse in einer Sendung des rbb wichtig – auch für die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denen Jörg Wagner eine Stimme gab. Dass dies für die eigene Sendeanstalt nicht immer einfach war, ist für ein Medienmagazin durchaus als Auszeichnung zu verstehen. Durch den rbb infrage gestellt wurde die Sendung auch in dieser Zeit nie.“

4 Kommentare

  1. Wenigstens ihr von Übermedien würdigt Jörg Wagner mit diesem langen Interview; das Verhalten des RBB ist wirklich unterirdisch. Schon bitter hier zu lesen, was da alles im Hintergrund lief! Herrn Wagner danke ich als treuer Hörer des Medienmagazins auch ganz persönlich für seine emsige Arbeit! Ich sag nur in seinen eigenen Worten: Er war ein steter Einschaltimpuls! Alles erdenklich Gute für ihn in seiner zweiten Lebenshälfte!

  2. Schön, dass ihr Jörg Wagner und seine Arbeit gewürdigt habt und Hut ab! Die lange Geschichte der Sendung war mir gar nicht bewusst.

  3. Habe als (nicht-Berliner) Podcast-Hörer im Instagram-Kanal von Teresa Sickert vom anstehenden „Wechsel“ erfahren. Schön, dass es hier die ganzen Hintergründe gibt. Ich werde dem Medienmagazin erst mal treu bleiben, freue mich aber schon auf das neue Podcast-Projekt von Jörg Wagner. Alles Gute für die Zukunft!

  4. Vielen Dank an Stefan Niggemeier und Übermedien für das spannende Interview mit Jörg Wagner! Ich bedaure das Ende seiner Sendung wirklich sehr – gerade weil das Medienmagazin so „selbstgemacht“ und nicht linear gestaltet war und auch eher wenig bekannte Themen (und manchmal auch -ganz positiv gemeint- skurril-nerdige Inhalte) ihren Platz in der Sendung gefunden haben. Besonders eindrücklich empfand ich Jörgs Begleitung des rbb-Skandals: sachlich, kritisch, mutig – im besten Sinne journalistisch.
    Ich wünsche Jörg Wagner alles Gute und freue mich, an anderer Stelle wieder von ihm zu hören!

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