Mehr über Wetter
In Berlin läuft‘s bekanntlich öfter mal nicht so rund, und im Moment läuft es sich besonders schwer. Viele Gehwege sind zu eisigen Rutschbahnen geworden, weil sie kaum oder gar nicht geräumt wurden; die Krankenhäuser haben deshalb gut zu tun. Und die Lokalpolitik diskutierte tagelang über den eigentlich verbotenen Einsatz von Streusalz.

Der „Tagesspiegel“ hat darüber vorige Woche berichtet, und ich blieb gleich an dem Foto des Artikels hängen: Zu sehen ist eine Person, die soeben ausgerutscht ist. Der Oberkörper liegt schon, die Beine schweben noch in der Luft – ein eindrücklicher Schnappschuss, der die aktuelle Lage in Berlin gut illustriert. Ich spreche da aus eigener schmerzhafter Erfahrung. (Aua!)
Allerdings gibt es ein kleines Problem mit dem Foto. Eigentlich wollten wir nur herausfinden, wie solche Bilder frisch gestürzter Menschen entstehen – und dann entdeckten wir dabei noch etwas anderes.
Der Fotograf des Bildes heißt Uwe Zucchi und arbeitet seit Jahren freiberuflich für die Deutsche Presse-Agentur (dpa). Zucchi erzählt am Telefon, dass er unterwegs gewesen sei, um das Glatteis abzubilden – und die Gefahr, die davon ausgeht. Er selbst trug Spikes an den Schuhen, hatte also einen einigermaßen sicheren Stand. Und das sei natürlich ein bisschen gemein, sagt Zucchi: Dass er rumlaufe in der Erwartung, dass gleich jemand stürzt. Aber es sei eben sein Job, auch so etwas festzuhalten, wenn er das Wetter dokumentiere. So wie der von vielen anderen Fotografen und Kameraleuten auch.
Zucchi hielt also drauf, als die Person fiel. Danach sei er sofort hingegangen und habe sich erkundigt, ob alles in Ordnung sei. War es. Die anderen Leute, die auf seinem Foto zu sehen sind, hatten der Person bereits aufgeholfen, weiter ging‘s.
Das Problem mit dem Foto ist allerdings: Es zeigt gar keine Szene aus Berlin, sondern eine aus Kassel, wo Zucchi lebt und arbeitet. Und das Bild ist auch nicht aktuell, sondern im Dezember 2022 entstanden.
Frage also: Weshalb nutzt der in Berlin ansässige „Tagesspiegel“ zur Bebilderung eines Textes über die akute Glatteisgefahr in der Stadt ein Foto aus dem fast 400 Kilometer entfernten Kassel, das gut drei Jahre alt ist?
Eine „Tagesspiegel“-Sprecherin schreibt, der Redaktion sei „in der Tagesproduktion ein bedauerlicher Fehler“ bei der Auswahl des Bildes passiert. Daraufhin wurde es – nach unserer Anfrage – ausgetauscht gegen ein anderes dpa-Bild, aufgenommen Ende Januar in Berlin: Ein Fahrradfahrer ist gerutscht und gestürzt, Polizisten kümmern sich.
Das Bild aus Kassel hat sich zu einem beliebten Glatteis-Symbolbild entwickelt: Auch der rbb verwendet es, als wäre es eine aktuelle Szene aus Berlin, der „Berliner Kurier“ ebenfalls, und die „Berliner Zeitung“ hat es auch schon mal genutzt.
Immer wieder taucht das Foto im falschen Kontext auf – auch in den vergangenen Jahren: Die FAZ suggerierte, die Szene mit dem „Ausgeglittenen“ habe im Rhein-Main-Gebiet stattgefunden, die „Frankenpost“ verlegte sie ins Fichtelgebierge, bei der „Tagesschau“ ist sie das Symbolbild für Glatteis in Sachsen. Und der „Stern“ schrieb 2022 unter ein anderes Bild derselben Situation sogar die Falschinformation, man sehe dort Hamburg.
Nun kann man sagen: Naja, ein Glatteisbild – ist doch egal!
Ist es aber nicht. Weil von Medien zu erwarten ist, dass sie über die aktuelle Lage wahrheitsgetreu berichten, und zwar auch im Bild. Stellt man aber, wie hier, Fotos in einen falschen Kontext, beraubt man sie ihrer journalistischen Funktion, man illustriert dann lediglich einen Artikel mit einem passenden Bild. Wenn man das tut, müsste man das zumindest kennzeichnen, also dazuschreiben, dass es sich um ein Symbolbild handelt, das nicht aktuell ist. Alles andere weckt einen falschen Eindruck und – wenn man es erst mal weiß – grundsätzliche Zweifel daran, was denn nun stimmt und was nicht.
Und es stellt sich noch eine weitere Frage – zur redaktionellen Praxis. Denn gerade bei Lokalmedien denkt man ja, dass sie besonders nah dran sind. Das sagen sie auch immer wieder selbst. Aber wieso greifen sie dann für Geschehnisse, die sich direkt vor ihrer Redaktionstür abspielen, auf Agenturfotos zurück?
Womöglich sind es einfach Spargründe. Und selbst rausgehen, um ein Foto zu machen, wollte wahrscheinlich auch niemand – es war halt einfach zu glatt.
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Habe sogar erkannt, an welcher Stelle in Kassel das Foto aufgenommen wurde. Dort hinzufallen ist aufgrund des Verkehrs gar nicht mal so ungefährlich, und dass da noch drei weitere Menschen auf der Straße laufen, irritiert mich tatsächlich. Letztlich passt der Ort des Geschehens aber doch recht gut zur Geschichte, handelt es sich doch um den Brüder-Grimm-Platz.
Ok, HIER wäre KI vielleicht die humanere Lösung.
Liegt es an mir, dass ich tatsächlich denke „Naja, ein Glatteisbild – ist doch egal!“?
Wenn es um „wahrheitsgetreue Berichterstattung“ geht, empfehle ich, heute einmal nach dem Schlagwort „Bahnmitarbeiter“ (u. a. bei YT) zu suchen. Interessant ist hier vor Allem, was die neue rechte politische Korrektheit nicht sagt, z. B. den Namen des Opfers. Springers Weltzeitung ist ganz vorne dabei, dicht gefolgt von Clownskanälen mit ihrer unendliche Menge an selbstdenkenden Nachplapperern, die den Tod eines Menschen für ihre politsche Agitation missbrauchen.
#1: Die Fußgänger gehen wohl eben deswegen auf der Fahrbahn, weil der Gehsteig daneben aufgrund des Kopfsteinpflasters so glatt ist dass man dort ausrutscht.
Vielleicht muss man dafür einen Gesetzlichen Rahmen schaffen (wie in der Werbung) und das Foto mit dem Zusatz „SERVIERVORSCHLAG“ versehen.