Kampagne gegen Korrespondentin

Alles andere als substanzielle Journalismuskritik

ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann wird derzeit scharf für ihre Berichterstattung aus Israel kritisiert. Doch die Angriffe ihrer Gegner leiden unter einem erheblichen Mangel an belastbaren Belegen.
Sophie von der Tann zu Gast bei „Hart aber Fair“. Foto: WDR/Oliver Ziebe

Will man die Auseinandersetzung um die ARD-Journalistin Sophie von der Tann zusammenfassen, bietet sich vielleicht eine Äußerung Sandra Maischbergers als Ausgangspunkt an. Maischberger ist Jury-Vorsitzende des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises, den von der Tann am vergangenen Donnerstag für ihre Arbeit als Israel-Korrespondentin erhalten hat. Zu diesem Anlass sagte Maischberger nun, von der Tann habe sie und ihre Co-Juror*innen mit ihrer „allen Seiten gegenüber kritischen Berichterstattung beeindruckt“.

Und genau das sehen die Kritiker der 34-jährigen Preisträgerin ganz anders – und bewerten die Entscheidung der Jury mindestens als einen „Skandal“. „Kaum jemand verkörpert die Einseitigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so wie die Israel-Korrespondentin der ARD“, schrieb die „Welt“ im Vorfeld der Preisverleihung. Die NGO „WerteInitiative – deutsch-jüdische Positionen e.V.“ meint, bei von der Tann „antisemitische Narrative“ zu erkennen. Esther Schapira, früher leitende Redakteurin beim Hessischen Rundfunk, schreibt in der FAZ, von der Tann stehe stellvertretend für eine öffentliche-rechtliche „Verzerrung“, in der „das Leid der traumatisierten israelischen Gesellschaft“ nicht sichtbar werde. Und am Rande der Preisverleihung fragten Protestierende auf einem Schild: „Ist die ARD die Pressestelle der Hamas?“.

Druck von israelischen Offiziellen

Eine maßgebliche Rolle in dieser Kampagne gegen die ARD-Korrespondentin spielen israelische Offizielle. Der Reserve-Armeesprecher Arye Shalicar, der auch als Buchautor und Journalist tätig ist, bezeichnete von der Tann bei X als „das Gesicht vom neu-deutschen Juden- und Israelhass“.

Ron Prosor, der israelische Botschafter in Deutschland, schrieb ebenfalls bei X: Wenn sie „lieber Aktivistin wäre, sollte sie den Job wechseln.“ Prosor hat in den vergangenen Monaten auch andere Journalisten polemisch kritisiert, Übermedien berichtete darüber.

Israelischer Botschafter Ron Prosor bei einer Rede
Der israelische Botschafter Ron Prosor.Foto: Imago / Michael Bahlo

Nach Einschätzung in Tel Aviv ansässiger deutscher Journalist*innen, die sich gegenüber der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ anonym äußerten, liegt die Besonderheit des Falls in dieser Art des staatlichen Drucks. Sie sehen die Angriffe auf von der Tann „als Wendepunkt“. Zum ersten Mal sei eine vor Ort in Israel arbeitende Korrespondentin von israelischen Offiziellen ins Visier genommen worden. Zum Umgang mit von den Tann zitiert die Zeitung einen der deutschen Journalist*innen mit den Worten: „Sie versuchen, an ihr ein Exempel zu statuieren.“

Kuriose Kurzzeitbündnisse

Im hiesigen publizistischen Spektrum sind die Positionen zu von der Tann teilweise jenseits der klassischen Lagerlinien verteilt. Die „Jüdische Allgemeine“ und die „Welt“ sind contra von der Tann. Unter den mehr als 70 Journalist*innen, die sich in einem offenen Brief von Reporter ohne Grenzen mit von der Tann solidarisiert haben, finden sich allerdings auch Mitarbeitende der „Welt“.

Im linken publizistischen Lager hat sich „Belltower News“, das Portal der Amadeu Antonio Stiftung, gegen von der Tann positioniert – mit einem Beitrag, den Anetta Kahane, die Gründerin der Stiftung, dort veröffentlicht hat. So kommt es als Fußnote zu kuriosen Kurzzeitbündnissen: Der CDU-Politiker Armin Laschet, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschuss des Deutschen Bundestages, lobte bei X Kahanes Beitrag als „bemerkenswert“ – obwohl die Amadeu Antonio Stiftung für Politiker seiner Partei sonst ein rotes Tuch ist.

In der FAZ kommen verschiedene Stimmen zu von der Tanns Arbeit zu Wort. Christian Meier, Israel-Korrespondent der Zeitung, hat dort Schapira widersprochen. Mit von der Tann solidarische Kommentare sind zudem im „Spiegel“ (von Auslandsreporter und Friedrichs-Preis-Jurymitglied Christoph Reuter) und in der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen.

Viel Polemik, kaum Belege

Bemerkenswert ist nun, was passiert, wenn man sich mit dem inhaltlichen Fundament der Angriffe beschäftigt. Denn dann zeigt sich, dass viele dieser „Vorwürfe“ gar nicht als Argument gedacht sind, sondern nur auf größtmögliche Wirkung abzielen. Konkrete Belege gibt es kaum.  

Ein Beispiel ist der bereits zitierte X-Post von Botschafter Prosor, in dem er von der Tann einen Jobwechsel nahelegte. Hintergrund war, dass die Journalistin bei Instagram einen in der „New York Times“ erschienenen Artikel geteilt hatte. Der Autor des Artikels, Omer Bartov, ist Professor für Holocaust- und Völkermordstudien und war in den 1970er Jahren als Soldat für die israelische Armee in Gaza im Einsatz. Die Überschrift seines Beitrags lautete: „I’m a Genocide Scholar. I Know It When I See It.” Es gibt zwar Forscher, die das anders sehen, viele Fachkolleg*innen teilen aber Bartovs Einschätzung.

Den Artikel eines Wissenschaftlers zu teilen, der in seiner Zunft anerkannt ist, ist selbstverständlich weder unjournalistisch noch aktivistisch. Dennoch wirkte Prosors X-Post wie ein Katalysator für weitere Angriffe auf von der Tann.

Ein angeblicher Eklat

Einen entscheidenden Schub erhielt die Aufregung nun zuletzt durch einen Text in der „Welt“, der einige Tage vor der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises erschienen war. Darin geht es um einen angeblichen „Eklat“ bei einem Hintergrundgespräch, das im ARD-Studio Tel Aviv mit dem bayerischen Antisemitismusbeauftragten Ludwig Spaenle stattfand.

Zwar ist es üblich, dass Teilnehmer von Hintergrundgesprächen keine Inhalte daraus öffentlich machen, dennoch heißt es im Artikel unter Berufung auf „Gesprächsteilnehmer“: „Von der Tann soll dann im Verlauf der Diskussion plötzlich gesagt haben, dass das Massaker der Hamas am 7. Oktober an 1200 Israelis ‚eine Vorgeschichte’ hätte.“

Christoph Reuter bemerkt in seinem „Spiegel“-Kommentar, dass sich „andere Gesprächsteilnehmer weder in dieser Form an das angeblich Gesagte erinnerten, noch an einen Eklat“. Und schreibt: „Selbst wenn Sophie von der Tann festgestellt hätte, dass dieses Massaker eine Vorgeschichte hatte: Was sollte es sonst haben?“

Korrespondentin ohne „Quellen und Belege“?

In beiden genannten Fällen geht es also nicht einmal um von der Tanns Berichterstattung. Anders verhält es sich mit der Einschätzung Anetta Kahanes in ihrem „Belltower News“-Beitrag. Sie schreibt, die Jury belohne „eine Berichterstattung, die (…) nicht an Quellen und Recherchen interessiert ist“.

Nun kann und muss man immer wieder die ARD kritisieren – die Besetzung von Korrespondentenstellen, die Qualität einzelner Beiträge, auch kontinuierliche Fehlleistungen in bestimmten Formaten. Aber wer den Eindruck erwecken will, man könne vier Jahre lang als ARD-Korrespondentin arbeiten, ohne ein Interesse „an Quellen und Recherchen“ zu zeigen, zeichnet dann doch ein allzu unterkomplexes Bild. Um es mal zurückhaltend zu formulieren.

Sowohl Kahane als auch Esther Schapira kritisieren zudem einen Beitrag von der Tanns aus dem Februar 2024, weil die Korrespondentin darin Angaben der israelischen Armee anzweifelt. Es handelt sich um eine Reportage für das „Morgenmagazin“ (Moma) der ARD. Kahane schreibt dazu: „Selbst als sie in einem Tunnel direkt unter einer Schule der UNWRA stand, bezweifelte sie, was sie mit eigenen Augen sah und was ihr die israelischen Soldaten über palästinensische Zivilisten sagten, die diese Tunnel nicht betreten durften, sondern als menschliche Schutzschilde herhalten mussten.“

Kahane und Schapira erwähnen aber nicht, dass von der Tann hier embedded mit der israelischen Armee in Gaza unterwegs war. Das heißt: Was die Korrespondentin zu sehen bekam, bestimmte allein die Armee, sie konnte sich auf diesem Trip nicht frei bewegen. Immer dann, wenn man als Journalist Bilder verwendet, die unter solchen Bedingungen entstehen, muss man diese Bedingungen transparent machen und auch Zweifel artikulieren. Und genau das hat von der Tann in dem „Moma Reporter“-Film getan. So sagt sie etwa: „Ob der Strom von den UN-Gebäuden kam, kann ich nicht überprüfen.“

Machen Gesichtsausdrücke jetzt guten Journalismus aus?

Kritikwürdig? Sophie von der Tann hört den Schilderungen einer israelischen Geisel bei „Maischberger“ zu.Screenshot: Youtube/tagesschau

Ein wiederkehrendes Motiv ist auch der Vorwurf, von der Tann zeige zu wenig Empathie für die israelische Bevölkerung. Kahane erhebt ihn in ihrem Beitrag mit Verweis auf eine „Maischberger“-Sendung aus dem Oktober 2024, in der neben von der Tann in einer Schalte die ehemalige Geisel Aviva Siegel zu Gast war. Kahane beschreibt von der Tanns Reaktion auf das, was Siegel schilderte, unter anderem als emotional unangemessen. Das liest sich dann so:

„Die ehemalige Geisel Aviva Siegel schilderte in einer Schalte ihr eigenes Martyrium und das einiger junger Frauen, die geschlagen und vergewaltigt wurden. Sophie von der Tanns Gesicht blieb vollkommen reglos, während Frau Siegel weinend um Worte rang. Sie war kaum fertig, als die Moderatorin und Frau von Tann übergangslos Netanjahu beschuldigten, sich kein bisschen um die Geiseln zu scheren. In diesem Moment löste sich die Starre und ein zynischer Lacher huschte über das Gesicht von Frau von der Tann.“

Abgesehen davon, dass dieser Eindruck wirklich alles andere als zwingend ist, wie der zu Politikkommunikation forschende Daniel G.B. Weissmann in seinem Newsletter darlegt: Die Beschreibung eines vermeintlich unangemessenen Blicks ist sicher vieles, aber keine substanzielle Journalismuskritik.

Zeigt sich hier ein bekannter Effekt aus der Forschung?

Wer von der Tanns Berichterstattung über das Jahr hinweg verfolgt hat, kann sich über Vorwürfe, sie würde das Leid der israelischen Bevölkerung nicht angemessen berücksichtigen, ohnehin nur wundern*. Anlässlich des zweiten Jahrestages drehte sie zum Beispiel für den „Weltspiegel“ einen Beitrag über den hundertjährigen Chaim Shilo. Sie begleitete ihn dabei, wie er aus einem Seniorenheim in Tel Aviv ins Kibbuz Nirim zurückkehrt, den er einst mit aufgebaut hatte, nachdem er aus Deutschland vor der Nazis geflohen war. Shilo überlebte das Massaker der Hamas, bei dem weite Teile des Kibbuz zerstört wurden, weil er sich in einem Schutzraum versteckt hielt. Der Beitrag ist eine sehr bewegende Würdigung eines Mannes, der zweimal infolge antisemitischen Terrors seine Heimat verlassen musste.

Gut möglich also, dass in der Auseinandersetzung um Sophie von der Tann vor allem der sogenannte Hostile-Media-Effekt zu beobachten ist. So wird in der Kommunikationsforschung das Phänomen bezeichnet, dass Menschen mit besonders ausgeprägter Haltung zu einem Thema ausgewogene Berichte oft als gegen die eigene Seite gerichtet betrachten.

Doch auch so bleibt das vernichtende Urteil Kahanes aufgrund seines offensichtlichen Mangels an konkreten Belegen verstörend:

„Ich habe mir viele Beiträge von Sophie von der Tann angeschaut. Jeden einzelnen Beitrag empfand ich als belastend, manipulativ und oft auch unverschämt. (…) Alle Beiträge zusammen zeigen, wie erfolgreich eine Berichterstattung sein kann, die Hass und Aggressionen gegenüber Israel und Israelis generell zu schüren vermag.“

Das Schweigen der ARD-Führung

Angesichts solcher massiven Angriffe auf von der Tann ist es nicht zuletzt bemerkenswert, dass das Führungspersonal der ARD bisher nicht angemessen reagiert hat. ARD-Auslandskoordinator Jörg Schönenborn hat zwar bei der Friedrichs-Preisverleihung betont, man lasse es sich nicht gefallen, wenn Personen, denen es nicht um Kritik, sondern um Einschüchterung gehe, den „journalistischen Freiraum“ einschränken wollten. Und Thomas Hinrichs, Programmdirektor des Bayerischen Rundfunks, bei dem von der Tann angestellt ist, ließ sich in einer Pressemitteilung mit den Worten zitieren, man trete „Diffamierungen entschieden entgegen“.

Was aber fehlt, ist eine schlagkräftige Stellungnahme der ARD-Oberen an prominenter Stelle, ein von einer breiteren Öffentlichkeit wahrnehmbares Signal, dass angesichts von Grenzüberschreitungen (bspw. „das Gesicht vom neu-deutschen Juden- und Israelhass“) notwendig ist. Programmdirektorin Christine Strobl, ARD-Vorsitzender Florian Hager und Chefredakteur Oliver Köhr haben in Sachen von der Tann bisher geschwiegen.

Das befremdet. So saß Chefredakteur Köhr zuletzt bei einer Diskussionsveranstaltung zur Nahost-Berichterstattung auf dem Podium neben dem Publizist Meron Mendel. Dieser behauptete, in einer Sendung von „‚Monitor‘ oder wie heißt das“ seien „ziemlich offen Verschwörungstheorien“ verbreitet worden. Gemeint war eine im Juni veröffentlichte Ausgabe des „Monitor“-Gesprächsformats „Studio M“ zum Thema „Gaza und die Medien: Versagt der Journalismus?“, in der unter anderem die ebenfalls auf dem Podium sitzende Kommunikationswissenschaftlerin Nadia Zaboura zu Gast war. Köhr, der ranghöchste Informationsjournalist der ARD, sagte zu Mendels maximal unseriösem Angriff auf ein ARD-Informationsformat kein einziges Wort.

Sophie von der Tann selbst sagt hingegen: Man müsse klar unterscheiden zwischen „sachlicher Kritik“, mit der man sich auseinanderzusetzen müsse, um sich verbessern zu können, und „Diffamierungskampagnen und vollkommen haltlosen Unterstellungen“. Diesen müsse man „auch mit Selbstbewusstsein entgegentreten“.

*Der Autor des Textes ist Teil einer Dreiergruppe, die fürs Grimme-Institut über das gesamte Jahr die aktuelle TV-Berichterstattung, unter anderem die Arbeit der Auslandskorrespondent*innen, beobachtet.

20 Kommentare

  1. Seit zwei Wochen wird mir die Kontroverse immer wieder unterbreitet.
    Ich konnte mich ad hoc nicht erinnern, was mich an vdT gestört hätte. Vielen Dank daher für die Einordnung der Vorwürfe !

  2. Trick 17 mit Anschleichen. Kritik als „Kampagne“ geframed, dazu bei den Kritikern noch israelische Offizielle ausgemacht. Zack, fertig. Das Manko des „embedded Journalism“ gibt es übrigens bei allen Drehs im Gazastreifen: Bilder von Zerstörung, Klagende, die Teller schwenken usw. – das, was die Terrororganisation Hamas eben zeigen will.

  3. @3:
    Genau, die ausgelassen Straßenfeste und belebten Shopping-Malls im Gazastreifen will die Hamas einfach nur nicht zeigen. Die Bilder der Zerstörung sind eben keine Zerstörung, sondern Bilder. Tellerschwenkende Propagandisten sind das alle. /s

    „Zack fertig“ stimmt auch einfach nicht; Text entweder nicht gelesen oder nicht verstanden. „Zack fertig“ ist ihre Immunisierung gegen Sachargumente, den Rest übernimmt die Projektion.

  4. @Mycroft: [Zynismus an] Genau, wenn die Tafeln nichts bringen, weil sie die Zustände nur verwalten, warum schaffen wir sie nicht gleich ab? Sollen sie doch Kuchen essen! [Zynismus aus]

  5. Sie schreiben: ‚Den Artikel eines Wissenschaftlers zu teilen, der in seiner Zunft anerkannt ist, ist selbstverständlich weder unjournalistisch noch aktivistisch. Dennoch wirkte Prosors X-Post wie ein Katalysator für weitere Angriffe auf von der Tann.‘
    Bartov ist zwar Wissenschaftler, aber extrem aktivistisch unterwegs mit seinen unseriösen Genozid Thesen, ist höchst umstritten in seiner Zunft und lässt sich von Al Jazeera, Radio Türkei etc etc willig instrumentalisieren. Warum teilt vdT nicht den Artikel von Bret Stephens, der wenige Tage später in der NYT erschien: https://www.nytimes.com/2025/07/22/opinion/no-israel-is-not-committing-genocide-in-gaza.html
    So überzogen die Angriffe teilweise erscheinen mögen, sie sind auch eine Reaktion auf derlei ‚Aktionen‘ von vdT, die wissen müsste, wie parteiisch so ein like für Bartov interpretiert wird. Bitte checken Sie nochmal Ihre in diesem Punkt verkürzte Darstellung!

  6. „Genau, wenn die Tafeln nichts bringen, weil sie die Zustände nur verwalten, warum schaffen wir sie nicht gleich ab?“
    Tafeln „verwalten“ keine Zustände, und Tafeln bringen Essen an Leute, die sich sonst nichts leisten könnten. Ohne Tafeln würde sich die Situation für die Betroffenen verschlechtern. Spenden für Tafeln erfüllen einen Zweck.

    Embedded Journalism heißt offenbar nur, dass Reporter von einer befangenen (Kriegs-)Partei mit starken Eigeninteressen durch die Gegend geführt werden und nur das gezeigt bekommen, was dieser Partei nutzt. Ohne Embedded Journalismus würde die Partei einfach die Bilder selbst aufnehmen und ihren Pressesprecher um ein Statement bemühen, so das sich die Situation für niemanden verschlechtern würde. Geld für Embedded Journalismus auszugeben ist eher sinnlos.

  7. Tafeln sind eingepreist worden von der Politik und werden mittlerweile von den Gerichten mit einbezogen, wenn das Existenzminimum und damit einhergehend die entsprechenden Sätze der Leistungen kalkuliert werden.

    Sie haben also nur bewirkt, dass der Bedarf der Menschen niedriger kalkuliert werden kann, anstatt den Bedürftigen eine kleine Erleichterung zu bringen.

    In jedem Fall muss das genommen werden, was mensch bekommen kann.

  8. @Christoph Müller-Hofstede
    Natürlich lässt sich immer irgendein Artikel finden, den Frau von der Tann angeblich „hätte erwähnen müssen“, um ihren Bias zu beweisen. Nur: Es ergibt logisch überhaupt keinen Sinn, warum die Einschätzungen eines Historikers und Holocaust-Forschers zwingend mit einer NYT-Opinion-Kolumne eines Autors ohne besondere Fachkenntnisse in diesem Bereich abgeglichen werden müssten. Dieser Maßstab sagt am Ende mehr über den confirmation bias des Kritikers aus als über den der Autorin.

  9. „In jedem Fall muss das genommen werden, was mensch bekommen kann.“
    Im Fall der Tafeln gibt es Menschen, die darauf angewiesen sind. Und das Essen dort hat jedenfalls Nährwert.
    Der Embedded Journalism hat im Unterschied dazu – wie das oben dargelegt wird – keinen „Nährwert“. Eine Journalistin schaut sich was an und kann dann dazu nichts weiter sagen als „Ich kann das nicht überprüfen.“
    Wohlgemerkt, ich verstehe ihre Skepsis, aber wenn das alles ist, was das hergibt, dann _muss_ das nicht genommen werden.

  10. @3 (Christian Knatz):
    Hier wäre dann der Punkt gewesen um auf den Hauptkritikpunkt des Artikels, die fehlenden Belege, einzugehen und vielleicht welche nachzuschieben. Dadurch, dass man sich wieder auf eine Nebensächlichkeit bezieht zeigt man, dass da wohl nicht mehr viel zu erwarten ist!

  11. @Frank Gmein
    Jeffrey Herf oder Philip Spencer sind zB angesehene Wissenschaftler, die total über Kreuz liegen mit Bartov, und das NYT Stück von Bartov war auch nur ein Op Ed. Ich erwarte einfach mehr Ausgewogenheit und Neutralität von einer Korrespondentin, die von allen bezahlt wird. Zum Thema ‚Genocide‘ gab es eine ausführliche Untersuchung, die ebenfalls, soweit ich weiß, nie von ARD Tel Aviv erwähnt wurde, allerdings auch nicht von der deutschen Presse: https://besacenter.org/debunking-the-genocide-allegationsa-reexamination-of-the-israel-hamas-war-2023-2025/

  12. Ich glaube nicht, dass irgendjemand ernsthaft verlangen würde, bei der Bewertung des Genozidvorwurfs zwingend auch Studien eines nachweislich Hamas-nahen Thinktanks zu berücksichtigen.

    Die BESA-Studie arbeitet zwar weitgehend sauber mit Zahlen und Quellen, ist aber nicht peer-reviewt, was ihren wissenschaftlichen Aussagewert klar einschränkt. Die Autor:innen kommen aus einem IDF-nahen, klar rechts-zionistischen Umfeld.
    Zugleich gibt es in der deutschen Berichterstattung über diesen Konflikt eine eklatante Schieflage bei den herangezogenen Quellen – und diese fällt deutlich zugunsten Israels aus.

    Zu Ihrer Methodik: Sie können selbstverständlich weiterhin gezielt diejenigen Berichte herauspicken, die ARD oder vdT nicht berücksichtigt haben, und das dann als „Beweis“ deklarieren. Methodisch ist das allerdings mehr als fragwürdig – letztlich nichts anderes als der Einsatz anekdotischer Evidenz als Argument.

  13. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand ernsthaft verlangen würde, bei der Bewertung des Genozidvorwurfs zwingend auch Studien eines nachweislich Hamas-nahen Thinktanks zu berücksichtigen.“ Außer den hamas-nahen Thinktanks natürlich. Und der Hamas. Und generell Antisemiten.

  14. @Frank Gmein
    ‚Methodisch‘ ist es wahrscheinlich problematischer, IDF und Hamas gleichzusetzen, keine weiteren Fragen dazu. Die anekdotische Evidenz, die ich anführe, will nichts ‚beweisen‘, sondern nur auf blinde Flecken und unterkomplexe Sichtweisen hinweisen, und für einen Moment die Komfortzone des Schwarz/Weiß Denkens zu überwinden, aus dem Sie mit Ihrer IDF/Hamas Gleichsetzerei wohl nicht rauskommen wollen.

  15. Ich habe überhaupt nichts „gleichgesetzt“. Wenn es 2 Kriegsparteien gibt, sind denen nahestehende Quellen problematisch.
    That’s a fact. Nicht umsonst wird ja jeglicher Kritik an Israel sofort unterstellt, die Quelle stünde der Hamas nah und sei obendrein noch antisemitisch.
    So muss man sich inhaltlich nicht mehr auseinandersetzen. Ad Hominem Rhetorik aus dem Lehrbuch.
    Bei Professor Bartov ist es da nicht ganz so einfach. Aber der ist dann eben „voller Selbsthass“ ( Prosor ).

    Und noch einmal:
    Sie können ja gerne mal auswerten, wie oft Israelische Institutionen und oder Israel nahestehende Quellen zu Worte kommen, in der deutschen Medienabdeckung des Konflikts, und das dann damit vergleichen, wie oft es palästinensische- oder auch nur arabische Quellen sind. So wie hier geschehen.
    https://www.schantall-und-scharia.de/nahostnachrichten/ (auch methodisch angreifbar, deckt sich aber mit der vorhandenen Empirie)

    Ad Negativem aber das Fehlen eines oder mehrerer spezifischer Berichte aber als Beweis für irgendetwas anzuführen, grenzt an vorsätzlicher Verdummung, wenn es sich nicht um Arbeiten derartiger Prominenz und Bedeutung handelt, dass ein Auslassen tatsächlich ein Makel wäre. Dass das hier der Fall wäre, kann niemand ernsthaft behaupten. argumentum ex silentio.

  16. @Frank Gemein:
    Wir sprechen an einem entscheidenden Punkt aneinander vorbei. Mein Einwand richtet sich nicht gegen Quellenkritik an sich, sondern gegen eine methodische Gleichbehandlung von IDF und Hamas. Nähe zu einer Konfliktpartei pauschal als gleichartig „problematisch“ zu bewerten, blendet zentrale Unterschiede aus: hier die Armee eines völkerrechtlich anerkannten Staates mit formalen Verantwortungsstrukturen, dort eine Terrororganisation, deren Gewalt sich gezielt gegen Zivilisten richtet. Diese Differenz ist analytisch relevant und sollte nicht eingeebnet werden.

    Zum argumentum ex silentio: Es geht nicht darum, aus dem Fehlen einzelner Berichte Beweise abzuleiten. Sehr wohl ist es aber legitim, auf wiederkehrende Auslassungen bestimmter Perspektiven hinzuweisen. Das ist kein logischer Fehlschluss, sondern ein etablierter Ansatz der Medienkritik.

    Die Tonlage der Debatte ist stellenweise unnötig zugespitzt. Gleichwohl bleiben die blinden Flecken in der Berichterstattung – auch bei vdT – ein berechtigtes Thema, über das man sachlich sprechen sollte.

  17. @Christoph Müller-Hofstede
    Dass an die Armee eines völkerrechtlich anerkannten Staates andere Maßstäbe angelegt werden müssen als an eine Terrororganisation, ist eine Binse.

    Wenn der Regierungschef dieses Staates und der ehemalige Verteidigungsminister wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht werden – zusammen mit dem inzwischen getöteten Befehlshaber der Qassam-Brigaden, Mohammed Deif –, dann aus dem Grund, dass sich Gewalt gezielt gegen Zivilisten gerichtet haben soll.

    Völkerrechtlich anerkannte Staaten müssen sich auch dadurch hervortun, dass sie ihrerseits das Völkerrecht anerkennen – und da habe ich erhebliche Zweifel. Warum stellen sich die Beschuldigten dieser Frage nicht vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), um sie dort klären zu lassen?

    Ich stelle damit den Staat nicht auf eine Stufe mit der Hamas. Aber es gibt aus meiner Sicht entsprechend auch keinen Grund, regierungsnahen Quellen per se zu vertrauen.

    Im Übrigen sind laut der o. g. Studie israelische Quellen in der Tagesschau achtmal so häufig vertreten wie palästinensische, wenn es um die Berichterstattung über den Gaza-Krieg geht.

    Verteidiger der israelischen Regierung und des Vorgehens der IDF im jüngsten Konflikt würde ich im Übrigen nicht als „Freunde Israels“ bezeichnen. Freunde sollten nicht rechtfertigen, was Netanyahu und seine rechtsradikalen Koalitionspolitiker dort anstellen – denn es wird Israel auf lange Sicht erheblichen Schaden zufügen.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.