„Tatort Kunst“: True Crime mal ohne Blut und Leichen
True-Crime-Podcasts zählen zu den beliebtesten Audioformaten. Doch einigen Hörern ist das zu brutal oder zu voyeuristisch. Die Deutschlandfunk-Reihe „Tatort Kunst“ zeigt, dass man das Genre auch anders angehen kann – und eröffnet dabei spannende Einblicke in den Kunstmarkt.
Thumbnail des DLF-Podcasts „Tatort Kunst“Screenshot: Deutschlandfunk
Wer den Begriff True Crime hört, denkt vermutlich zuerst an Frauenleichen, die im Wald gefunden werden. Oder Kinder, die verschwinden. Oder Serientäter, deren Psyche man irgendwie verstehen will. Oder man will von True Crime einfach nichts wissen, weil es so unendlich viel davon gibt und das alles zu brutal ist.
Auch wenn sich erfolgreiche Podcasts wie „Zeit Verbrechen“ immer wieder anderen Formen der Kriminalität widmen, etwa Betrugsfällen in der Fleischindustrie oder tagtäglichen Delikten wie Fahrerflucht, ist das Gros der Geschichten, die man zu hören bekommt, doch blutig. Zwei der beliebtesten deutschen True-Crime-Formate tragen das schlimmste Verbrechen sogar im Namen: „Mord auf Ex“ und „Mordlust“.
Geht doch!
Als aufmerksame Medienkritiker sind wir vor allem eins: kritisch. Diese Serie ist deshalb für Lob reserviert. Wenn Sie in Fernsehen, Internet, Radio oder Zeitung etwas positiv überrascht hat – lassen Sie uns das gerne wissen! Alle Folgen finden Sie hier.
Dass man True Crime auch ganz anders interpretieren und aufbereiten kann, zeigt der Podcast „Tatort Kunst“ des Deutschlandfunks, dessen dritte Staffel im November gestartet ist. In der Reihe, die es bereits seit 2023 gibt, erzählen die Hosts Rahel Klein, Journalistin und Moderatorin, und Stefan Koldehoff, Chefreporter Kultur beim Deutschlandfunk, von aufsehenerregenden Museumsdiebstählen und dreisten Fälschungen einerseits, aber zum Beispiel auch vom Umgang deutscher Museen mit mutmaßlicher Raubkunst.
Nicht nur die klassischen Verbrechen
Der Begriff True Crime ist dabei sehr weit gefasst. Es geht eben nicht nur um klassische Verbrechen, bei denen am Ende ein Dieb oder Fälscher vor Gericht steht, sondern auch um Fragen wie: Was ist gerecht im Umgang mit den Nachfahren von NS-Verfolgten und den Kunstwerken, die einmal ihrer Familie gehört haben? Wie kann es sein, dass mit Kunsthandwerk, das in Konzentrationslagern entstanden ist, immer noch Geld gemacht wird? Warum haben es Einbrecher in den vergangenen Jahren ausgerechnet auf chinesische Sammlungen abgesehen? Und wie kommt das Grabmal eines Herero-Führers nach Wuppertal?
Wir haben bei Übermedien schon häufiger True-Crime-Formate kritisiert. Die, bei denen es nur um die Story geht, nicht um das Ergebnis einer Recherche. Die, die Täter verkulten. Und die, die das Leid der Opfer oder ihrer Angehörigen zur Unterhaltung ausschlachten. Und nicht selten erzählen True-Crime-Podcasts einfach das nach, was in anderen Medien schon ausführlich durchgekaut wurde. Die Erkenntnis dabei: oft eher gering.
Bei „Tatort Kunst“ ist das anders. Was auch daran liegt, dass hier Fälle nicht einfach nur nacherzählt, sondern ausführlich und differenziert recherchiert werden – wie zum Beispiel, in der ersten Staffel, die Geschichte der Familie Dittmayer, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurde und die ihre Kunstsammlung in Prag zurücklassen musste.
Wem gehört der Corinth?
In Staffel zwei geht das Recherche-Team der Frage nach, warum im Landesmuseum in Hannover ein Blumenbild des Impressionisten Lovis Corinth aufbewahrt wird, obwohl die jüdische Familie Levy davon überzeugt ist, dass es ihnen von den Nazis gestohlen wurde. Das „Tatort Kunst“-Team sammelt akribisch Belege in alten Dokumenten und im Austausch mit Anwälten – und versucht auch mit Verantwortlichen in Hannover ins Gespräch zu kommen. Das dortige Landesmuseum hatte sämtliche Gemälde vom fragwürdigen Kunstsammler und NSDAP-Mitglied Conrad Doebbeke nach dem Zweiten Weltkrieg gekauft, das Blumenbild von Corinth war auch dabei.
Die Ergebnisse der „Tatort-Kunst“-Recherchen mag für einige Hörer teilweise unbefriedigend sein, weil sie nicht immer Konsequenzen haben. Weil zum Beispiel Werke am Ende nicht dort landen, wo sie vermutlich hingehören – aber das ist ja auch nicht die Aufgabe von Journalisten, auch wenn sie sich hier manchmal humorvoll „Kunstkommissare“ nennen.
Stattdessen bekommt man in jeder Folge einen umfangreichen kritischen Einblick hinter die Kulissen des Kunstmarkts und der Museen. Das liegt unter anderem auch an Host Stefan Koldehoff, der seit Jahrzehnten als Kunstreporter arbeitet, mehrere Sachbücher geschrieben hat und sich im Kunstmarkt außergewöhnlich gut auskennt.
Facettenreiche Produktion
Der Podcast überzeugt aber nicht nur inhaltlich, sondern auch durch eine aufwändige und facettenreiche Produktion. Das Gespräch zwischen den beiden Hosts Klein und Koldehoff bildet den roten Faden, ergänzt durch Reportage- und Interview-Elemente, in denen auch das Reporter:innen-Team von „Tatort Kunst“ zu hören ist.
Und immer wieder erfährt man Dinge, von denen man bisher nicht wusste, dass sie einen interessieren: Als ich etwa sah, dass es in den ersten beiden Folgen der neuen Staffel um den Diebstahl eines keltischen Goldschatzes geht, war meine Begeisterung erstmal nicht so groß. Vielleicht, weil meine Faszination für verschwundene Van Goghs oder Kunstfälschungen einfach größer ist.
Doch auch die Keltenmünzen-Story hat mich schließlich gepackt. Gerade weil sie meine Erwartungen durchkreuzt und einen Aspekt des Kunstmarkts beleuchtet, der Museen in den vergangenen Jahren zunehmend beschäftigt: dass immer öfter Gold gestohlen wird und viele Einrichtungen offenbar nicht ausreichend gesichert sind. Wie beim Juwelen-Raub im Pariser Louvre vor einigen Wochen.
Und da hoffe ich natürlich, dass die „Kunstkommissare“ schon dabei sind zu ermitteln, wo der Schatz der Franzosen jetzt ist – und das vielleicht dann in der nächsten Staffel erzählen.
Die Autorin
Foto: Yvonne Michailuk
Lisa Kräher ist Redakteurin bei Übermedien. Sie hat bei der „Mittelbayerischen Zeitung“ volontiert und von 2013 an als freie Journalistin und Filmautorin gearbeitet, unter anderem für epd. Sie ist Autorin für die „Carolin Kebekus Show“ und Mitglied der Grimme-Preis-Jury.
Das klingt hochinteressant! Danke für den Beitrag. Immer wieder erstaunlich, wie manche Leute bei dem Einheitsbrei in den notorischen Genres doch nochmal ganz was Neues rausholen.
Das klingt tatsächlich interessant, aber die meisten Menschen, die bei True Crime sowieso nur an „Frauenleichen im Wald“ denken, interessieren sich für das Genre eher weniger.
Habe nun die erste Staffel aus 2023 durchgehört. Nach der letzten Folge zur Kunstsammlung von Gurlitt habe ich direkt selber Lust bekommen, mich mit der Aufarbeitung der gefundenen Daten zu beschäftigen, dabei ist das überhaupt nicht mein Bereich. Klare Hörempfehlung.
Einspruch: diese bemühten und inszenierten Detektiv-Talks der Macher*innen und die Unterlagen aus dem Geräuscharchiv empfinde ich als unangenehm und eher verliebt in sich selbst. Warum müssen sich heute in jedem Podcast die Hosts so extrem ins Zentrum stellen? Ich habe das auf einer Autofahrt nicht mehr ausgehalten und musste Radio aus machen. Was ich normalerweise beim Deutschlandfunk nie mache.
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Das klingt hochinteressant! Danke für den Beitrag. Immer wieder erstaunlich, wie manche Leute bei dem Einheitsbrei in den notorischen Genres doch nochmal ganz was Neues rausholen.
Das klingt tatsächlich interessant, aber die meisten Menschen, die bei True Crime sowieso nur an „Frauenleichen im Wald“ denken, interessieren sich für das Genre eher weniger.
Habe nun die erste Staffel aus 2023 durchgehört. Nach der letzten Folge zur Kunstsammlung von Gurlitt habe ich direkt selber Lust bekommen, mich mit der Aufarbeitung der gefundenen Daten zu beschäftigen, dabei ist das überhaupt nicht mein Bereich. Klare Hörempfehlung.
Einspruch: diese bemühten und inszenierten Detektiv-Talks der Macher*innen und die Unterlagen aus dem Geräuscharchiv empfinde ich als unangenehm und eher verliebt in sich selbst. Warum müssen sich heute in jedem Podcast die Hosts so extrem ins Zentrum stellen? Ich habe das auf einer Autofahrt nicht mehr ausgehalten und musste Radio aus machen. Was ich normalerweise beim Deutschlandfunk nie mache.