Hasswort (63)

Die Schwächsten der Gesellschaft

Arme, Alte, Kranke und Menschen mit Behinderungen als „die Schwächsten der Gesellschaft“ zu bezeichnen, klingt moralisch, sogar tröstlich. Aber genau das ist das Problem: Der Ausdruck lullt uns ein. Er lässt uns glauben, dass wir schon auf der richtigen Seite stehen, wenn wir Mitleid empfinden.

Die „Tagesschau“ schreibt, dass ein Korruptionsskandal in Argentinien „die Schwächsten der Gesellschaft“ treffe. Friedrich Merz würdigt den verstorbenen Papst, der sich für „die Schwächsten der Gesellschaft“ eingesetzt habe. In Österreich zitiert der „Standard“ eine Betroffene, dass das Sozialministerium „bei den Schwächsten“ spare.

Ich lese diesen Ausdruck ständig. In Schlagzeilen, Politiker*innenreden, Kirchenpredigten. Meist klingt er wohlwollend, nach Mitgefühl. Aber jedes Mal, wenn ich „die Schwächsten der Gesellschaft“ lese, zieht sich in mir etwas zusammen.

Ich bin ein Mensch mit Behinderungen. Und ich frage mich dann: Meinen die mich?

Der Ausdruck teilt die Gesellschaft in zwei Gruppen

Der Ausdruck soll schützen, trösten, Empörung wecken. Doch er macht etwas anderes: Er grenzt aus. Er teilt die Gesellschaft in Starke und Schwache, in Helfende und Geholfene. Wenn man immer wieder liest, man sei schwach, dann glaubt man das irgendwann selbst. Dann traut man sich auch weniger zu.

Dabei ist schwach kein anderes Wort für behindert, arm oder alt. Schwach ist ein Urteil, und dieses Urteil sagt mehr über die Gesellschaft aus, die es fällt, als über die Menschen, die es trifft.

Es klingt harmlos, fast zärtlich. Wer von den Schwächsten spricht, will ja niemandem wehtun. Aber genau das passiert. Worte formen Bilder in unseren Köpfen und diese Bilder prägen, wie wir andere und uns selbst sehen.

Wenn ich lese oder höre, dass Menschen mit Behinderungen zu den Schwächsten gehören, fühle ich mich nicht gesehen. Ich brauche keine Sonderbehandlung und kein Mitleid. Ich brauche Respekt, Zugang, Barrierefreiheit. Ich will als Teil dieser Gesellschaft wahrgenommen werden, nicht als ihr Rand.

Schwach ist ein System voller Barrieren

Schwach bin ich nicht, weil ich manchmal Hilfe brauche. Schwach ist ein System, das Barrieren aufrechterhält, das uns Zugänge, Informationen, Arbeit oder Mobilität vorbehält. Schwach ist eine Politik, die bei uns spart und sich gleichzeitig gerne als besonders fürsorglich darstellt.

Ich kenne viele Menschen mit Behinderungen, die täglich kämpfen, improvisieren, organisieren, weil die Welt nicht für sie gemacht ist. Wer das sieht, müsste eigentlich sagen: die Stärksten der Gesellschaft.

Mir fällt auf: Der Ausdruck „die Schwächsten der Gesellschaft“ taucht fast nie in Texten auf, die Betroffene selbst geschrieben haben. Es sind andere, die ihn verwenden. Politiker*innen, Kirchenleute, Journalist*innen – Menschen mit Mikrofon, Macht oder Mandat.

Nahezu niemand sagt: „Wir alle sind manchmal schwach.“ Oder: „Manche sind nur deshalb schwach, weil andere ihnen die Kraft nehmen.“ Wenn Medien oder Politiker*innen über die „Schwächsten“ sprechen, meinen sie oft: die Verlierer des Systems. Aber selten fragen sie, wer das System eigentlich so gestaltet hat.

Statt zu fragen, warum Menschen ausgeschlossen werden, wird ihre Lage zu einem Naturzustand erklärt. So als wäre es einfach ihr Schicksal, schwach zu sein.

Die von der Politik allein Gelassenen

Und so entsteht ein seltsames Paradox: Je öfter über „die Schwächsten“ geschrieben wird, desto weniger kommen sie selbst zu Wort. Der Begriff macht sprachlos, statt sichtbar.

Ich glaube, es geht gar nicht darum, ein perfektes neues Wort zu finden. Es geht darum, anders zu denken.

Man könnte sagen: die am meisten Benachteiligten, die von der Politik allein Gelassenen, die Ausgegrenzten, die mit den schlechtesten Startbedingungen. Diese Begriffe benennen nicht die Menschen als Problem, sondern die Strukturen, die sie benachteiligen.

Vielleicht sind die „Schwächsten“ gar nicht die, über die so oft gesprochen wird. Vielleicht sind es die, die andere schwach machen durch ihre Sprache, ihre Politik, ihr Schweigen.


Der Autor hat über dieses Hasswort zuerst in einfacher Sprache im Freitagmorgen-Newsletter von andererseits geschrieben.

27 Kommentare

  1. Ok, es liegt vielleicht an mir, aber ich verstand bis dato unter der obigen Formulierung „Obdachlose und minderjährige Vollwaisen“, evt. ergänzt um verfolgte Minderheiten.
    Ich räume aber ein, dass sie vermutlich oft oder meistens auf die kritisierte Art gemeint und, noch schlimmer, verstanden werden kann.

  2. Danke für den Artikel.
    Die Sichtweise von Menschen mit Behinderung ist wichtig auch außerhalb von Projekten wie andererseits oder Sozialheld*innen. Man hat bei vielen Medien oft das Gefühl es wird ein-zweimal in Jahr ein Raul Krauthausen eingeladen/interviewt und schon denkt man Teilhabe gefordert zu haben.
    Sorry war off topic, musste aber raus.

    Zu den „Schwächsten der Gesellschaft“
    Ich habe diese Formulierung in einem anderen Kontext kennengelernt, weiß aber nicht mehr von wem der Spruch kam: „Der wahre Fortschritt einer Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit den Schwächsten der Gesellschaft umgeht“
    Für mein Verständnis waren daher die“Schwächsten der Gesellschaft“ jene die keine echte Lobby haben.
    Habe die Schwäche also so verstanden dass deren Einfluss zu schwach ist.

    Aber es ist natürlich verständlich es genau so zu verstehen wie es der Autor tut. Und das ich diese Sichtweise bisher nicht erkannt hab finde ich persönlich schon etwas beschämend da ich als Heilerziehungspfleger mit Menschen mit Behinderungen arbeite.
    Daher nochmals danke für ihre Sichtweise Herr Scheucher.

    Und dir für die anderen hier zum drüber nachdenken die (sinngemäße) Sichtweise eines meiner ehemaligen Dozenten:
    Letztlich sind wir alle behindert. Aber ein Teil der Gesellschaft hat sich seine Umwelt so geschaffen/gestaltet dass ihre Behinderung nicht auffällt. Wenn wir also wollten, könnten wir das sollten Menschen ermöglichen. (Stichwort Barrierefreiheit und Inklusion)

  3. Ich habe einmal eine Anthropologin auf die Frage, welche evolutionäre Errungenschaft für sie entscheidend auf dem Weg zum Menschsein gewesen sei, antworten hören: Für sie war es die Epoche, aus der die ersten Funde menschlicher Skelette stammen, die schwere Brüche aufweisen, die vollständig verheilt sind. Das war der Punkt, an dem die anderen Mitglieder der Gruppe sich um den Verletzten kümmerten, ihn mitnahmen und versorgten, bis der Bruch komplett ausgeheilt war.

    Im Gegensatz dazu haben viele bis heute diesen infantilen Sozialdarwinismus im Kopf, wenn sie an Evolution denken: Der, der alle verkloppen kann, ist der evolutionäre Gewinner und führt die Entwicklung an.

    Oder, etwas abgewandelt im Kapitalismus: Der, der das meiste Geld hat, ist Alpha-Kevin und Krone der Schöpfung.

    „Survival of the fittest“ bedeutet aber das Überleben der am besten angepassten Art. To fit – passen. Die Gesellschaft, die sich anpassen kann an die Erfordernisse des Lebens.

    Das bedeutet, dass sich jedes Mitglied nach seinen Möglichkeiten entfalten können sollte. Wer jedes Individuum als Einzelkämpfer auf dem Weg zur Spitze begreift, verschenkt die Fähigkeiten all derjenigen, die zufällig keinen Bock auf Muskeln oder große Keulen haben – aus welchen Gründen auch immer.

    Wir sind keine Jäger und Sammler mehr, und in Zeiten, in denen jeder per Knopfdruck töten kann, sind die größten Muskeln eher ein modisches Accessoire als ein echtes Asset.

    Trotzdem überladen wir das Wort Schwach immer noch mit irgendwelche antiquierten Vorurteilen und verteilen es großzügig an alle, die nicht auf den ersten Blicken diesen Stereotypen entsprechen.

  4. Wenn man Menschen dazu ermutigen will, sich um Hilfbedürftige zu kümmern – statt um sich selbst, oder um die eigenen Freunde und Verwandten, oder um die „Stärksten der Gesellschaft – wird man nicht umhinkommen, diese Hilfsbedürftigen irgendwie zu „markieren“.
    Irgendeine Ambiguität muss man tolerieren.

  5. @Mycroft
    Wow
    Menschen markieren
    auch wenn sie es in Anführungszeichen gesetzt haben können sie sowas doch echt nicht bringen. Das kann in keinem Kontext irgendwie akzeptabel sein.
    Sie wollen doch gerade provozieren.

    Und um die von mir genannte Hilfe zu bewerkstelligen brauch es so etwas auch gar nicht. Wir wissen schon lange was wir benötigen um echte Barrierefreiheit zu gewährleisten, Deutschland hat sich auch verpflichtet dies zu leisten (UN Behindertenrechtskonvention 2007) und sieht dabei sehr schlecht aus.
    Wir haben hier 10 Jahre gebraucht um ein einigermaßen passendes Gesetz zu entwickeln (Bundesteilhabegesetz 2017)
    Und erst die letzten zwei drei Jahre bemerken wir (die mit Menschen mit Behinderungen arbeiten) die Änderungen/Erleichterungen für unsere Arbeit. Trotzdem ist es meistens noch ein Kampf mit Behörden, bis es oft vor Gerichte geht.

    Wenn man beruflich seit Jahren immer wieder kämpfen muss das die Klienten die man unterstützt endlich dieselben Rechte bekommen wie alle anderen auch und nicht mehr diskriminiert werden und sie dann dann daherkommen und einen von „die muss man dann aber irgendwie markieren wenn man ihnen helfen soll“ raushauen, da geht mir grad echt der Hut hoch.

    Und um hier doch nochmal die Kurve zum Hasswort zu bekommen…
    meine Klienten gehören in diesem Fall leider tatsächlich zu den „Schwächsten der Gesellschaft“
    Wenn man mit dem Rollstuhl vor dem Bus steht aber nicht mitfahren kann weil der mehrere Treppenstufen hat, wenn man am Bahnhof steht und Aufzug funktioniert mal wieder nicht, wenn man unterwegs kurz was im Laden kaufen möchte der aber ein zwei Stufen am Eingang hat usw.

  6. „Das kann in keinem Kontext irgendwie akzeptabel sein.“ Das akzeptieren _Sie_ in keinem Zusammenhang.
    Aber gut, markieren ist sicher auch ein Hasswort.

    Also anders: Das obige Hasswort wird verwendet, wenn jemand dafür gelobt werden soll, der sich aktiv um bestimmte Menschen kümmert. Damit will man erreichen, dass sich umso mehr Leute um bestimmte Menschen kümmern. Nun führt das leider zu den genannten Assoziationen und Konnotationen, also muss man das wahlweise anders formulieren, und dann ist die Frage „Wie?“, oder aber man lässt das Lob sehr vage bzw. ganz weg.
    Falls Sie jetzt sagen, dass man Gutes auch dann tun solle, wenn man nicht dafür gelobt wird, schön, aber mit Lob erreicht man das wünschenswerte oder notwendige Umdenken in der Gesellschaft wohl schneller.
    Rollstuhlrampen sind generell sehr praktisch.

  7. Ich habe das genannte Hasswort noch nie als Lob wahrgenommen bzw aufgefasst.
    Es war für mich immer eine Zustandsbeschreibung, wie die von mir genannten Beispielen zeigen, von Menschen die nicht ohne Hilfe an unserer Gesellschaft teilhaben können. Aber ganz viele dieser Hindernisse (denn nur durch diese werden die Menschen behindert) können wir beseitigen.

    Und für den Autor war das Hasswort wohl einfach nur eine demütigende Zuschreibung.

    Und Lob hört vermutlich jeder gerne aber ehrlich gesagt kann man sich das Lob auch sonst wo hinschieben. Wenn sich die Bedingungen und Strukturen nicht ändern ist Lob eigentlich nichts als Hohn.
    Hat mich schon während Corona angekotzt als uns Pflegekräfte applaudiert wurde, aber danach durfte man weiter unter beschissenen Umständen arbeiten weil sich nahezu nichts geändert hatte.

  8. „Ich habe das genannte Hasswort noch nie als Lob wahrgenommen bzw aufgefasst.“
    Natürlich kommt das fast ausschließend in Lob und Laudationen vor, gelegentlich aber natürlich auch in Kritik.
    Über einen Bürgermeister, der sich jahrzehntelang für barrierefreie Gebäude engagierte, wird zu seiner Ruhestandsfeier gesagt, er habe sich für [Hasswort] eingesetzt. Damit soll nicht nur der Bürgermeister gebauchpinselt werden, sondern der Nachfolger motiviert, sich ähnlich zu verhalten. Sonst heißt es, er hätte [Hasswort] vernachlässigt.
    Wenn man Hilfe für eine Gruppe loben will, andererseits diese Gruppe gar nicht als hilfsbedürftig bezeichnen will, erzeugt man so eine ganz komische Doppelbindung.

    „Und für den Autor war das Hasswort wohl einfach nur eine demütigende Zuschreibung.“ Das habe ich verstanden. Meinetwegen kann man gerne darauf verzichten, aber Demütigung ist nicht die Intention dahinter.

    „Und Lob hört vermutlich jeder gerne aber ehrlich gesagt kann man sich das Lob auch sonst wo hinschieben. Wenn sich die Bedingungen und Strukturen nicht ändern ist Lob eigentlich nichts als Hohn“
    Das Lob richtet sich ja an die Leute, die die Bedingungen und Strukturen verbessern, also bspw. den Bürgermeister. Ob das dann jedesmal verdient ist, ist natürlich eine andere Frage, aber solche Lobreden sind das Haupteinsatzgebiet von [Hasswort].

  9. Es spricht natürlich auch nichts dagegen, einen Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin dafür zu loben, dass sie sich für Menschen mit Behinderungen, Rentner, Kranke, Arme, etc. besonders eingesetzt haben. Je konkreter, desto besser. Nur ein Gedanke dazu, dass sich das Hasswort recht einfach vermeiden ließe. Der Autor nennt ja auch einige Alternativvorschläge.

  10. Lob für jemand der/die Strukturen verbessert ist natürlich sehr angebracht.
    Und in den Fällen in denen speziell die strukturell benachteiligten erwähnt werden müssen sind die Alternativen Begriffe des Autors empfehlenswert.

    Sprache ist oftmals der erste/vorderste Teil der Diskriminierung.
    Wer mit MmB arbeitet lernt als eine der ersten Sachen die Dinge positiv zu formulieren.
    Und dass auch ich das Hasswort nicht direkt als diskriminierend wahrgenommen habe obwohl ich mittlerweile 10 Jahre in dem Beruf arbeite, zeigt wie schwer es ist alte Sprachgewohnheiten zu hinterfragen.
    Zudem zeigt es noch viel mehr dass wir mit den betroffenen Menschen reden müssen und nicht über sie um unser Verständnis zu erweitern.

  11. Ich denke, „die Ausgegrenzten unserer Gesellschaft“ ist wirklich ein besserer Begriff, weil hier drin steckt, was passiert, wenn Barrieren nicht beseitigt werden oder auf bestimmte Bedürfnisse keine Rücksicht genommen wird. Er erzeugt auch eher ein Bewusstsein von falschem Handeln, was notwendig ist, um dieses zu ändern. Es klingt auch danach, dass hier Rechte von jemandem verletzt werden, Stichwort „Teilhabe“. Er wirft auch die Frage nach Verantwortlichkeit auf.
    Wenn man von den Schwächsten spricht, dann ist das eher so als ob man denen ab und zu halt mal ein Almosen geben kann, um sich gut zu fühlen oder aber auch nicht – je nach Lust und Laune.
    Ich habe selber jetzt eine Weile gebraucht, um zu verstehen, warum „die Schwächsten“ eben keine neutrale Zustandsbeschreibung ist, was meine erste spontane Antwort beim Lesen des Intros dieses Artikels gewesen wäre.

  12. @#5 Warum markieren wir dann Kinder nicht als schwach, denn sie sind ja hilfsbedürftig und Hilfsbedürftige muss man ja markieren?!

    Kinder werden nicht ausgegrenzt, sie werden als Teil der Gesellschaft gesehen, daher markiert man sie nicht mit ausgrenzenden Begriffen.

  13. „Es spricht natürlich auch nichts dagegen, einen Bürgermeister oder eine Bürgermeisterin dafür zu loben, dass sie sich für Menschen mit …, etc. besonders eingesetzt haben. Je konkreter, desto besser.“
    Ja, man kann das Hasswort selbst schon umgehen. Aber wenn man jemanden öffentlich lobt, will man meist auch Dritte zum gelobten Verhalten motivieren. Und da kommt der Balance-Akt ins Spiel, wenn man einerseits sagen will, dass es gut sei, wenn Gruppe XY Hilfe bekommt, aber andererseits kommunizieren will, dass Gruppe XY nicht hilfsbedürftig sei.

    „Und in den Fällen in denen speziell die strukturell benachteiligten erwähnt werden müssen sind die Alternativen Begriffe des Autors empfehlenswert.“ Alternative Begriffe sind ja ok, aber bei „strukturell Benachteiligten“ denke ich eher an Frauen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Assoziationen und Konnotationen sind eben nicht bei allen Menschen gleich.

    „@#5 Warum markieren wir dann Kinder nicht als schwach, denn sie sind ja hilfsbedürftig und Hilfsbedürftige muss man ja markieren?!“ Wer ist jetzt „wir“? Warum Sie das nicht tun, weiß ich nicht. Ich dachte bei obigen Hasswort bis dato eher an Obdachlose und verwaiste Kinder. Aber ja, noch ein Grund, die jeweilige Gruppe konkret zu benennen.

  14. @Mycroft
    Wenn der Staat für Barrierefreiheit sorgt (also die strukturelle Benachteiligung beseitigt) Dann leistet er in erster Linie das wozu er sich selbst verpflichtet hat. Das ist also nicht „Hilfsbedürftigen Hilfe zukommen lassen“ sondern einem Teil der Gesellschaft seine Rechte gewähren. Da muss also niemand als hilfsbedürftig geframed werden.

    Z.B. haben alle Kinder ja auch ein Anrecht auf eine funktionale Schule. Wenn also von den bestehenden baufälligen Schulgebäuden endlich wieder welche funktional gemacht werden, werden diese Kinder ja auch nicht zu Hilfsbedürftigen. Und trotzdem kann man den Verantwortlichen ein Lob aussprechen endlich dieses wichtige strukturelle Problem angegangen zu haben.

    Es müssen hier keine Gruppen insbesondere genannt werden.
    Jede strukturelle Verbesserung zugunsten von Rollstuhlfahrern kommt z.B. auch Eltern mit Kinderwagen und älteren Menschen mit Rollator zugute.

  15. „Das ist also nicht „Hilfsbedürftigen Hilfe zukommen lassen“ sondern einem Teil der Gesellschaft seine Rechte gewähren. Da muss also niemand als hilfsbedürftig geframed werden.“
    Framing hieße, dass es eine Lüge wäre.
    Der Staat – oder „wir“ – hat einen Straftatbestand „unterlassene Hilfeleistung“ (bei Opfern einer Notlage) eingeführt. Bedürfen bspw. Unfallopfer Hilfe? Ja. Wertet das Gesetz diese Menschen wegen deren Hilfsbedürftigkeit ab? Nein. Macht es die Hilfsbereitschaft eines Erstretters weniger lobenswert, dass er sich andernfalls strafbar machte? Sagen Sie es mir.

    „Es müssen hier keine Gruppen insbesondere genannt werden.
    Jede strukturelle Verbesserung zugunsten von Rollstuhlfahrern kommt z.B. auch Eltern mit Kinderwagen und älteren Menschen mit Rollator zugute.“ Wenn jemand sogar mehreren Gruppen, also mehr Leuten hilft, aber nicht gesagt werden soll, wem das alles helfen sollte, wie sieht so ein Lob dann aus?
    „Frau XY hat sich dafür stark (sic) gemacht, dass am Finanzamt für (fünfstelliger Betrag) ein Aufzug außen an die historische Fassade angebaut wurde. Steuerzahler und Finanzbeamte gelangen nun viel leichter vom Parkplatz ins 3. Obergeschoss.“ Falls Frau XY auch noch selbst beim Finanzamt arbeitet, klingt das gar nicht mal so nett, oder? Wenn Worte verletzen können, geht das in alle Richtungen.

  16. „Framing hieße, dass es eine Lüge wäre.“
    Inwiefern eine Lüge.
    Der Staat hat sich dazu verpflichtet Barrierefreiheit zu schaffen. Hier kommt nicht anderen ein Hilfeleistung zugute, es wird einfach nur die verpflichtende Arbeit gemacht.
    Es wird auch dringend bezahlbarer Wohnraum benötigt. Wenn er bereitgestellt wird sieht das auch niemand als Hilfe für uns Bürger an sondern betitelt es eher als „der Staat kommt endlich seinen Verpflichtungen nach.

    Und der Vergleich mit Unfallopfern passt auch nicht außer sie wollen außer sie wollen MmB mit Unfallopfern gleichsetzen.
    Noch einmal – Sie wollen die ihnen zustehenden Rechte. Das ist keine Hilfe.

    „„Frau XY hat sich dafür stark (sic) gemacht, dass am Finanzamt für (fünfstelliger Betrag) ein Aufzug außen an die historische Fassade angebaut wurde. Steuerzahler und Finanzbeamte gelangen nun viel leichter vom Parkplatz ins 3. Obergeschoss.“ Falls Frau XY auch noch selbst beim Finanzamt arbeitet, klingt das gar nicht mal so nett, oder? Wenn Worte verletzen können, geht das in alle Richtungen.“

    Bei diesem Beispiel wird`s jetzt langsam lächerlich.
    Man kann zum Beispiel einfach sagen: Frau XY hat sich dafür stark gemacht einen Aufzug an der historischen Fassade des Finanzamts anzubringen damit dieses auch endliche Barrierefrei ist.

  17. Nachtrag
    Nach „Inwiefern eine Lüge“ sollte eigentlich noch stehen:
    Nach ihrem Verständnis/Argumenten muss da jemand als Hilfsbedürftig betitelt (geframed) werden. Seine Rechte zu bekommen ist keine Hilfsbedürftigkeit

  18. „„Framing hieße, dass es eine Lüge wäre.“
    Inwiefern eine Lüge.“
    Wenn jemand so täte, als wären – willkürliches Beispiel – Motorradfahrer hilfsbedürftig, ist das Främing, weil Motorradfahrer keine Barrieren zu überwinden haben, keinen unterdurchnittlichen Anteil am gesellschaftlichen Leben haben, auf dem Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt, Heiratsmarkt etc. nicht benachteiligt sind und auch sonst keine „Hilfe brauchen“.

    „Und der Vergleich mit Unfallopfern passt auch nicht außer sie wollen außer sie wollen MmB mit Unfallopfern gleichsetzen.“ Es gibt bestimmt Unfallopfer, die danach mB sind, aber das war nicht mein Vergleich – Hilfe ist Hilfe, egal, ob die Helfer aus Pflicht oder Neigung tun.

    „Frau XY hat sich dafür stark gemacht einen Aufzug an der historischen Fassade des Finanzamts anzubringen damit dieses auch endliche Barrierefrei ist.“ Oder auch: „Frau XY gibt einen fünfstelligen Betrag aus, um ein sechsstelliges Bußgeld abzuwenden.“ Klar, kann man machen. Sagen Sie bei Ihren Mitarbeitern auch jedesmal: „Das ist ja wohl das mindeste, was ich erwarten kann!“?

  19. Sie wollen es nicht verstehen.
    Seit wann werden Menschen dafür gelobt wenn sie die gesetzlichen Vorschriften befolgen.
    Und die Schaffung von Barrierefreiheit ist nun mal gesetzlich festgeschrieben.
    Und wenn die gesetzlich vorgeschriebene Barrierefreiheit und Teilhabe (Inklusion) geschaffen wurde sind MmB nicht hilfsbedürftiger als jemand ohne Behinderung.

    „Oder auch: „Frau XY gibt einen fünfstelligen Betrag aus, um ein sechsstelliges Bußgeld abzuwenden.““
    Und in welcher Realität werden solche Aussagen getätigt.
    Sie konstruieren hier realitätsfremde Beispiele.

    Meine Mitarbeiter werden für eine bestimmte Tätigkeit angestellt und dafür bezahlt. Sie erwarten nicht jedesmal ein Dank dafür wenn sie ihre Arbeit machen.
    Sie etwa? Wo wir wieder beim realitätsfernen Beispiel wären.
    Und der Staat hat nun mal die Aufgabe die Gesetze umzusetzen. Dafür werden sie gewählt und bezahlt.
    Oder sind wir Bürger etwa Almosenempfänger und müssen dem Staat dafür danken dass sie ihre Arbeit erledigen.

  20. „Seit wann werden Menschen dafür gelobt wenn sie die gesetzlichen Vorschriften befolgen.“ Bei Leuten, die bei Unfällen helfen, kommt das durchaus vor. Unfallopfer sind keine Menschen zweiter Klasse, mit Unfallopfern verglichen zu werden, ist weder abwertend noch ehrabschneidend. Wenn Sie den Vergleich für eine Beleidigung halten, kann ich es nicht ändern.

    „Und wenn die gesetzlich vorgeschriebene Barrierefreiheit und Teilhabe (Inklusion) geschaffen wurde sind MmB nicht hilfsbedürftiger als jemand ohne Behinderung.“ Und wenn man das dem Unfallopfer gesetzlich garantierte Recht auf Leben umgesetzt hat, ist das Unfallopfer auch nicht hilfsbedürftiger als jemand ohne Unfall. Anders gefragt: wenn jemand SIE aus einem brennenden Auto zieht, sagen Sie also nicht „Danke“?

    „Meine Mitarbeiter werden für eine bestimmte Tätigkeit angestellt und dafür bezahlt. Sie erwarten nicht jedesmal ein Dank dafür wenn sie ihre Arbeit machen.“ Jedesmal vielleicht nicht, aber vermutlich nicht _nie_. Kriegen die eigentlich Weihnachtsgeld? Oder haben die das abgelehnt, weil sie das zu „Almosenempfängern“ degradieren würde?

    „Sie etwa? Wo wir wieder beim realitätsfernen Beispiel wären.“ Ich sag mal so: wenn ich für „Einsatzfreude“ genauso viel oder wenig Dank oder sonstige Wertschätzung kriege wie bei „Dienst nach Vorschrift“, warum sollte je ich einen Handschlag mehr machen als Dienst nach Vorschrift? Oder warum sollte ich bei dem Arbeitgeber bleiben?

    „Und der Staat hat nun mal die Aufgabe die Gesetze umzusetzen. Dafür werden sie gewählt und bezahlt.“ Und die Kellnerin hat nun mal die Aufgabe, mir was zu Essen zu bringen. Sie wird bezahlt und braucht meinen Dank nicht. Und die Krankenschwester hat die Aufgabe, mir Medikamente zu verabreichen. Und Ihre Mitarbeiter müssen halt für Sie arbeiten.

    „Oder sind wir Bürger etwa Almosenempfänger und müssen dem Staat dafür danken dass sie ihre Arbeit erledigen.“ Als Restaurantkunde bin ich auch kein Almosenempfänger. Es soll auch nicht der Staat oder das Restaurant gelobt oder bedankt werden, sondern die Mitarbeiterin, die vielleicht ja mehr macht als Dienst nach Vorschrift. Und es sollen vielleicht – warum auch immer – Leute motiviert werden, barrierefrei zu bauen, die nicht verpflichtet sind, das zu tun. Aber hey.

  21. Anekdotische Evidenz: Habe gerade Dank von Leuten bekommen, die nicht meine Auftraggeber sind und mich höchstens indirekt oder gar nicht bezahlen, die auf mich eine viertel Stunde warten mussten, und bei denen ich nichts weiter getan habe als etwas festzustellen, was für sie günstiger ist als für mich.
    Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass ich das trotzdem nicht des Dankes willen mache, sondern weil es mittelfristig besser für ist, wenn ich keine Probleme löse, die nicht da sind, um mir so einen guten Ruf aufzubauen, so dass letztendlich Dank und Lob auch nur Methoden zur Manipulation sind, die sich andere tatsächlich „stecken lassen können“, wie Klatschen bei Corona.
    Andererseits ist denen vielleicht auch klar gewesen, dass ich genau DEN Move hätte machen können, ohne, dass sie sich groß wehren könnten. Von daher, wen schert’s eigentlich noch.

  22. Der Vergleich mit den Unfallopfern passt einfach nicht.
    Aber ich habe mich auch undeutlich ausgedrückt.
    Durch mein Verweis auf gesetzliche Vorschrift befolgen kommen sie mit dem Gesetz das bei Unfällen Hilfe geleistet werden muss. Ich beziehe mich aber eindeutig auf die Erfüllung der Pflichten bei einer bezahlten Arbeit.
    Und ja auch ich bedanke mich regelmäßig bei meinen Kollegen.

    Und ja es gibt Berufe bei denen ein Danke des Kunden fast immer Standard ist wie den Kellnerin.
    Ich persönlich bedanke mich auch bei den Köchen wenn das Essen gut war, vermutlich weil ich selbst mal Koch war.

    Und da ich im Bereich Pflege arbeite, eine Zeit lang auch in der uns zugehörigen Epilepsieklinik, kann ich ihnen aus erster Hand berichten das Kranken-, Alten- und Heilerziehungspfleger nicht sehr oft ein Danke zu hören bekommen.
    Als Handwerker ist das Lob und der Dank auch sehr rar gesät, ebenso bei Müllwerkern.
    So gibt es also Berufe in denen der Dank häufiger und welche in denen er geringer ausfällt.

    Und wenn Dinge passieren die einen positiv überraschen bedankt sich vermutlich fast jeder (zu ihrer anekdotischen Evidenz)

    Also ja, ich danke Menschen viel und gerne, aber der eigentliche Grund meiner Schimpftirade war die Lahmarschigkeit der Regierung Barrierefreiheit zu gewährleisten.

    Beispiel
    Erst seit diesem Jahr ist das Barrierefreiheitstärkungsgesetz in Kraft getreten das die Barrierefreiheit digitaler Angebote vorschreibt. Es wurde aber schon 2021 erlassen. 4 Jahre!
    Und von 2002 bis 2021 gab es das Behindertengleichstellungsgesetz welches das geregelt hat aber die Privatwirtschaft außen vor ließ.
    Aber ist ja nicht so schlimm, sind doch nur MmB die keine richtige digitale Teilhabe erfahren können. Musste erst die EU kommen und sagen dass dieses Gesetz gegen die UN Behindertenrechtskonvention verstößt.

    Oder das Beispiel von Bayern (Ich vermute in anderen Bundesländern sieht es nicht so viel besser aus) das 2013 groß getönt hat innerhalb von 10 Jahren barrierefrei zu sein:

    https://www.sueddeutsche.de/bayern/bayern-barrierefreiheit-sozialverband-landtagsparteien-1.6052123

    Wenn nach 10 Jahren nur rund die Hälfte aller Bahnhöfe und Haltepunkte barrierefrei sind.
    Und dann soll ich ein Danke an die Verantwortlichen als akzeptabel erachten wenn der Großteil mit jahrelanger Verspätung passiert. Wenn viele MmB immer noch nur die Hälfte aller Bahnhöfe und Haltepunkte nutzen können.

    Oder um es mit ihren Beispielen zu zeigen. Bedanken sie sich auch noch für das Essen wenn es Stunden zu spät kommt.
    Oder wenn ihr Arbeitgeber ihnen ein Weihnachtsgeld vertraglich zugesichert hat, sie aber Jahr um Jahr vertröstet sie würden es bald bekommen.

    Sie haben vermutlich keine Ahnung wie es sich anfühlt oft vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen zu werden.

    Ich entschuldige mich noch für meinen vielleicht etwas harschen Ton, aber dieses Thema liegt mir sehr am Herzen.
    So das wars hier von mir wir entfernen uns nämlich schon wieder zu weit vom Thema.

  23. „Und dann soll ich ein Danke an die Verantwortlichen als akzeptabel erachten wenn der Großteil mit jahrelanger Verspätung passiert.“
    Das ist schon ein völlig anderer Sachverhalt wie der mit der eigentlichen Hasswort-Thematik.
    Wenn mein Essen im Restaurant Stunden zu spät kommt, ist das vermutlich nicht die Schuld der Kellnerin, insofern halte ich das Argument aufrecht. Aber ja, Sie müssen nichts loben, was Sie nicht lobenswert finden.

  24. Danke für diesen Austausch, @MT und @Mycroft. Wie schon von Ihnen angemerkt, sind Sie vom Kernthema etwas abgekommen. Ich würde mich freuen, wenn auch noch andere Menschen das eigentliche Hasswort kommentieren.
    Herzliche Grüße aus der Redaktion!

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