Polizeieinsatz gegen Reichsbürger

Stell dir vor, es ist Razzia und alle Medien sind schon da

Fotografen dokumentieren, wie Prinz Reuß abgeführt wird Screenshot: „Brennpunkt“ / Das Erste

Die dpa-Eilmeldung kam am Mittwoch um 7:38 Uhr: „25 Festnahmen bei Razzia in Reichsbürgerszene“. Als Quelle nannte die Nachrichtenagentur eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft.

Erstaunlicherweise konnte man zu diesem Zeitpunkt auf zahlreichen Nachrichtenseiten schon ausführliche Berichte über die Durchsuchungen lesen, die am frühen Morgen stattgefunden hatten.

  • Der Rechercheverbund von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ hatte bereits um 7:30 Uhr eine Pressemitteilung versandt, die viele Informationen über die Razzia, die Beschuldigten und die Vorwürfe enthielt.
  • Ebenfalls um 7:30 Uhr berichtete die „Tagesschau“ unter Berufung auf ARD-Hauptstadtstudio und SWR zahlreiche Details über die Ermittlungen.
  • Um 7:31 Uhr veröffentlichte die „Zeit“ einen ausführlichen Bericht „Der Prinz, die Richterin und ein geplatzter Staatsstreich“, der sogar schon eine markante schwarz-weiß-rote Optik enthielt, in der das Blatt auch weitere Artikel zum Thema gestaltete.
  • Um 7:33 Uhr verschickte der „Spiegel“ seine Eilmeldung in der Sache und verlinkte auf einen ausführlichen Artikel mit Hintergründen.

Die ARD verschickte intern sogar schon um 7:13 Uhr einen Audio-Beitrag des SWR-Terrorismusexperten Holger Schmidt über die „Razzia gegen Reichsbürger“ – mit einer Sperrfrist bis 7:30 Uhr.

Gut vorbereitet

Es ist offenkundig: Die Presse war auf diese Razzia gut vorbereitet. Sie wusste vorab, wann sie stattfindet und gegen wen sie sich richtet. Sie konnte Fotografen und Kamerateams zu den Orten der Zugriffe schicken, und war teilweise schon dabei, bevor sie begannen. Sie hatte Zeit zu recherchieren und zu formulieren.

Und noch etwas wird beim Blick auf die Veröffentlichungstermine deutlich: Alle hielten sich ganz offenkundig an eine mit irgendwem vereinbarte Sperrfrist.

Und so erreichte die staunende Öffentlichkeit die Neuigkeit von der riesigen Razzia, die soeben erst stattgefunden hatte, nicht als karge Meldung, der nach und nach weitere Details hinzugefügt wurden, sondern als fertiges Paket zahlreicher Analysen und Hintergründe. Es wirkte fast wie eine konzertierte Aktion, so wie bei den Großenthüllungen von Investigativteams, bei denen zeitgleich ein Dutzend Medien aus aller Welt eine Recherchebombe platzen lassen.

Nur dass hier Partner dieser Kooperation auch in irgendeiner Form die ermittelnden Behörden zu sein schienen.

Gut informiert?

Die Presse war auf diese Razzia gut vorbereitet. Waren es diejenigen, die den Umsturz planten, womöglich auch?

Wenn so viele Leute vorab von einer solchen Polizeiaktion wissen, wie groß ist die Gefahr, dass auch die Verdächtigen und Beschuldigten selbst davon erfahren? Und wieso wussten es überhaupt so viele Journalisten?

Der „Tagesspiegel“-Reporter Julius Geiler schrieb gestern auf Twitter:

„Angesichts des wirklich großen Personenkreises, dass seit Mitte vergangener Woche von der Reichsbürger-Razzia weiß, ist es nicht auszuschließen, dass auch Beschuldigte im Vorfeld informiert wurden. Ich finde das irritierend.

Auf der einen Seite ist es angesichts der Gefahr, die von dem Netzwerk ausgeht, befremdlich, dass die Sicherheitsbehörden im Vorfeld diversen großen Medien sogar konkrete Adressen von Verdächtigen mitteilten.

Auf der anderen Seite verwirrt mich, dass Kollegen auf dieser Plattform bereits gestern Abend kryptische Andeutungen zu möglichen Durchsuchungen machten. Nennt mich konservativ, aber finde das aus journalistischer Perspektive fragwürdig.“

Zu denen, die „kryptische Andeutungen“ machten, gehörte „Kontraste“-Redaktionsleiter Georg Heil, der am Dienstag twitterte:

„Mir schwant, morgen wird es viele ‚exklusiv‘-Meldungen geben.“

Er hat seinen Tweet inzwischen gelöscht.

Die Linke Bundestagsabgeordnete Martina Renner schrieb auf Twitter nach der Razzia, sie sei „seit mindestens einer Woche ein offenes Geheimnis“:

„Wenn ein Ministerium oder eine Behörde dafür sorgt, dass eine Woche vorher sogar die Adressen der Razzien bei der Presse bekannt sind, ist es schwer vorstellbar, dass niemand der Durchsuchten Bescheid wusste. (…)

Ein solches Vorgehen gefährdet den Erfolg der Ermittlungen und vor allem gefährdet es die eingesetzten Beamt*innen.“

„Geraune im Netz“

Für das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ sind die Fragen, die sich um die außerordentliche Vorabinformiertheit vieler Journalisten stellen, keine berechtigten Fragen; es ist nur „Geraune im Netz“. Als solches tat es Jörg Diehl ab, einer der beteiligten Reporter. Sein ebenfalls vorab informierter Kollege Roman Lehberger mokierte sich über die „Sorgen der Twitteria“.

Man kann ja der Meinung sein, dass es auf diese Fragen gute Antworten gibt, aber der „Spiegel“, der gerade mit dem Slogan „Nie aufhören zu hinterfragen“ für sich wirbt, meint offenbar, dass schon die Fragen unanständig sind. Nach dem Motto: Wir machen das hier schon mit den Sicherheitsbehörden, wir sind da bestens vernetzt, lasst uns mal, macht euch da keine Gedanken.

Diehl wurde im „Spiegel“-Newsletter mit den Worten zitiert:

„Wenn Ministerien in elf Ländern und dem Bund, wenn Dutzende Verfassungsschutzbehörden, Landeskriminalämter und Justizdienststellen involviert sind, Tausende Beamtinnen und Beamte, bekommen Reporter mit guten Beziehungen in der inneren Sicherheit das mit. Das ist keine Besonderheit dieses Falls und nicht bemerkenswert.“

Der „Spiegel“ entscheidet selbst, was „bemerkenswert“ ist. Dabei ist weder die Größe der Razzia an sich alltäglich, noch der Umfang der vorab informierten Berichterstattung. Bemerkenswert sind auch manche Szenen, bei denen sich eine Vielzahl von Reportern und Fotografen in unmittelbarer Nähe des Zugriffs tummelt, so als sei das ein Spektakel und keine reale gefährliche Situation.

Zugriff bei der ehemaligen AfD-Bundestagsabgeordneten Birgit Malsack-Winkemann
Screenshot: Das Erste

Eine Art Volksfestcharakter

Woher wussten also Redaktionen von der geplanten Razzia? Folgendes ist nach Aussagen von Journalisten, die in diesem Bereich recherchieren, nicht ungewöhnlich: Man bekommt zum Beispiel bei der Recherche zu bestimmten Personen von Beamten und Informanten den Hinweis, sich gerade bitte zurückzuhalten mit Berichterstattung – da stehe eine polizeiliche Maßnahme an. Dann sehen es die meisten Journalisten als ihre Verantwortung an, solche Maßnahmen tatsächlich nicht zu gefährden, und man einigt sich vielleicht darauf, nicht sofort zu berichten, dafür dann aber über die anstehenden Maßnahmen vorab informiert zu werden, um einen Vorsprung vor der Konkurrenz zu gewinnen oder sogar dabei sein zu können.

Michael Götschenberg aus dem ARD-Hauptstadtstudio, hat es in einem Youtube-Format des Senders gestern so erklärt:

„Meine Aufgabe als Terrorismus-Sicherheitsexperte für die ARD ist es, mich permanent mit solchen Themen zu beschäftigen. Da führt man ständig Hintergrundgespräche in den Sicherheitsbehörden, und bekommt dann gelegentlich mal Tipps und Hinweise, mit denen man dann an eine andere Stelle geht und versucht, dann auf diese Weise mitzukriegen, was läuft und dann eigene Recherchen anzustellen. Das ist auch in diesem Fall so gewesen. Da bin ich auch nicht alleine gewesen. Es gab auch andere Medien, die relativ früh schon, vor Wochen und Monaten, mitbekommen haben, dass da so eine Geschichte sich entwickelt.

Wir machen das so, dass wir das dann sehr vertraulich behandeln, dass wir damit nicht hausieren gehen, schon gar nicht bei den Leuten, die im Fokus dieser Ermittlungen stehen. Damit die davon nichts mitbekommen, denn wir wollen ja die Ermittlungen nicht gefährden.“

Andere involvierte Journalisten schildern es ähnlich: Durch eigene Recherchen im Milieu sei man vor längerer Zeit auf den Fall aufmerksam geworden. Nachdem man den Generalbundesanwalt mit den eigenen Erkenntnissen konfrontiert habe, sei von dort die Bitte gekommen, die Razzia abzuwarten – mit einem entsprechenden Abstand zum Termin am Mittwochmorgen. Die Sprecherin des Generalbundesanwalts habe sich bis zum letzten Moment extrem zurückgehalten, überhaupt irgendwelche Informationen herauszugeben oder zu bestätigen. Erst am Mittwochfrüh habe es von ihr für Redaktionen, die sich im Vorfeld aufgrund eigener Recherchen an sie gewandt hatten, Informationen über den Einsatz gegeben – mit der Bitte, mit der Veröffentlichung bis 7:30 Uhr zu warten.

Wiederum andere Journalisten schildern den Ablauf weniger organisiert und deuten an, dass es durchaus beunruhigende Lecks von einigen der beteiligten Ämter gegeben habe, die zu gefährlichen Journalistenaufläufen an den Schauplätzen führten.

ARD-Experte Götschenberg sagt:

„Tatsächlich ist es so gewesen, dass bei dieser Geschichte auch zu meinem Erstaunen in den letzten zwei Wochen eine ziemliche Dynamik in Gang gekommen ist, dass doch sehr viele Personen, Journalisten, mitbekommen haben, was da im Busch ist und auch wann diese Razzia stattfindet. Ich meine, man muss da schon aufpassen, dass das am Ende nicht so eine Art Volksfestcharakter bekommt, dass da die Kameras aufgebaut werden, vor den Orten, wo die Zugriffe geplant sind, weil das können dann ja auch die Personen mitbekommen. Wir haben es hier mit Leuten zu tun, die potentiell sehr gefährlich sind. (…) Da muss man sicherlich aufpassen, auch wir als Medien, dass man nicht am Ende eine Situation herbeiführt, die dann dazu führt, dass diese Personen wissen, was auf sie zukommt und es am Ende eine Schießerei, ein Blutbad gibt.“

Glaubt man den „Spiegel“-Sicherheitsexperten, muss man aber über mögliche Risiken des breiten Mitwisserkreises nicht nachdenken, weil ja nichts passiert sei. Jörg Diehl sagt:

„Kein Verdächtiger war gewarnt, hatte sich abgesetzt oder konnte sich dem Zugriff der Polizei widersetzen.“

Das ist intellektuell und logisch eine etwas dürftige Begründung: Weil – angeblich – nichts passiert ist, hätte auch nichts passieren können.

Vor allem aber ist gar nicht (oder noch nicht) bekannt, ob die Beschuldigten womöglich irgendwelche Beweismittel wegschaffen konnten. Insofern ist auch das „Ist ja nichts passiert“ ohne Beleg nicht weniger ein „Geraune“ als die gegensätzlichen Mutmaßungen.

Bemerkenswert ist auch diese Behauptung Diehls:

„Wir berichten, umfassend, unabhängig und uneingeschränkt, wenn aus unserer Sicht der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.“

Das lässt die Frage bemerkenswert offen, warum so viele Redaktionen exakt um 7:30 Uhr den „richtigen Zeitpunkt“ gekommen sahen, über die Razzia zu berichten. Dass der richtige Zeitpunkt aus „Spiegel“-Sicht auch der richtige Zeitpunkt aus Bundesanwalt-Sicht war, wollte er so deutlich wohl nicht formulieren. Auf Nachfrage wollte sich der „Spiegel“ dazu nicht äußern.

Alles nur inszeniert?

Mit der besonders gut informierten Presse, die bei den Razzien dabei sein konnte und entsprechende Bilder und großflächige Berichte lieferte, ist auch ein anderer Verdacht verbunden: Die Behörden haben natürlich ein Interesse an einer möglichst großen Berichterstattung über ihr Vorgehen gegen die Reichsbürger und Rechtsextremisten. Insofern liegt der Gedanke nah, dass sie aktiv Redaktionen vorab informiert haben.

Das wirft neben den Fragen oben auch die auf, inwieweit sich Medien in die PR-Strategie der Behörden willig einspannen lassen. Die Linken-Abgeordnete Renner formuliert es im Interview mit ntv so: „Die Infos waren derart breit gestreut, dass es wie eine PR-Aktion wirkt.“

Von diesem Vorwurf gibt es noch eine deutlich verschärfte Version, die ins Verschwörungstheoretische abkippt: Es sei nicht nur darum gegangen, gegen eine tatsächliche Gefahr möglichst PR-wirksam vorzugehen, sondern es gebe gar keine Gefahr, sondern ausschließlich eine Inszenierung derselben. Gegen diese Form des Raunens kommt vermutlich tatsächlich keine Erklärung an, wie Journalisten und Behörden hier zusammengearbeitet oder sich wenigstens abgesprochen haben.

Aber daneben gibt es eben auch Fragen, die nicht aus Deep-State-Spinnerei motiviert sind, sondern, im Gegenteil, Ausdruck einer Zivilgesellschaft, die sich wünscht, dass solche Anti-Terror-Maßnahmen dann auch den größtmöglichen Effekt erzielen, wie es der NDR-Journalist Marcus Engert formuliert, „und zwar gemessen an der Beweissicherung, nicht an der Berichterstattung“. Deshalb ist es falsch, denjenigen, die kritische Fragen stellen, eine Art Beweislast aufzuerlegen. Und deshalb ist es ärgerlich, wie Engert zu recht kritisiert, wenn Journalisten auf solche Fragen, kluge und blöde, mit einer Wagenburgmentalität reagieren. Und so tun, als ginge es nur so wie gestern oder gar nicht.

Manuel Bewarder, der für das Investigativteam von NDR und WDR arbeitet, twitterte am Donnerstagmorgen:

„Schon interessant, dass heute fast lauter darüber diskutiert wird, warum Journalisten von Durchsuchungen wussten (was ihr Job ist) – und irgendwie leiser über die Gefahr von Rechtsaußen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung.“

Das kleine Wort „fast“ muss sehr viel Arbeit leisten in diesem Satz. Noch mehr Last liegt nur auf der beiläufigen Klammer „was ihr Job ist“. Ist das wirklich so? Machen Journalisten, die nach einer Razzia über diese berichten und ab da weiterrecherchieren, also ihren Job nicht? Welcher Preis ist damit verbunden, vorab informiert zu sein? Wie embedded sind Journalisten, die so berichten? Was wäre zu gewinnen, zu verlieren, wenn man aus größerer Distanz über solche Aktionen berichtete und sie analysierte? Es gäbe da viel zu streiten und zu erklären, aber mit einem „Ist halt unser Job“ ist es sicher nicht getan.

Der stellvertretende „Zeit“-Chefredakteur Holger Stark sagt dazu:

„Wer glaubt, bei der Recherche seien im Vorfeld freigiebig Namenslisten verteilt oder Reporter gezielt informiert worden, hat erkennbar eine blühende Fantasie. Die Wirklichkeit war ganz anders: Es war ein mühseliges und sehr zähes Geschäft, im Vorfeld mehr zu erfahren, was da im Busch war. Aber genau das ist doch unser Job: den Sicherheitsbehörden auf die Finger zu schauen, zu gucken, was sie tun, sich nicht nur auf Pressemitteilungen zu verlassen. Von den meisten Kolleginnen und Kollegen, die berichtet haben, war es genau kein embedded journalism – sondern gute eigene Recherche.“

Die Einschränkung „von den meisten“ muss man wohl ernst nehmen. Und nicht alle, die an der Berichterstattung am Mittwoch beteiligt waren, finden den Ablauf und Informationsfluss unproblematisch. Das betrifft sowohl die Quellen von Informationen, als auch das Gerede von Journalisten untereinander.

Die öffentliche Debatte darüber wird nicht nur durch den Unwillen mancher Redaktionen erschwert, sich ihr zu stellen, sondern auch dadurch, dass alle ihre Quellen schützen wollen und müssen.

Nachtrag, 9. Dezember. Wir haben die „Welt“ nachträglich aus der Auflistung von Medienberichten herausgenommen, die gegen 7:30 Uhr, also schon vor der dpa-Eilmeldung, lange Hintergrundberichte veröffentlichten. Auch die „Welt“ wusste zwar offenkundig vorab von der Razzia und war mit Reportern vor Ort, ergänzte aber am Morgen erst nach und nach ihren Bericht.

16 Kommentare

  1. Wenig überraschend reicht die Reaktion der Rechten von „Staatspresse“ zu „Ablenkungsmanöver“ und „Inszenierung“.
    Recherchieren und einen Artikel in Grundzügen vorbereiten ok, aber den dann schon fertig haben wenn noch aktiv durchsucht wird, während die schon vorher bereitstehenden Kamerateams vermummte Polizisten filmen: Das macht tatsächlich den Eindruck von koordinierter Öffentlichkeitsarbeit der Polizei.
    Es ist ja auch beides Möglich: Gefährliche Terrorgruppe UND inszenierte Festnahmen, bei denen aus Sicht der Polizei vertrauenswürdige Journalisten vorher informiert wurden.
    Und ich sage mal so: Um vorab informiert zu werden, braucht es da keine Journalisten, dafür sind zu viele Polizisten in braune Abgründe verstrickt.
    Finde es also völlig richtig, die Art und Weise zu kritisieren – ohne dass ich das grundsätzliche Vorgehen in Frage stellen würde.

  2. Als ich am Morgen auf allen Medien über die „riesen Razzia“ las, war ich schon arg irritiert über die langen und bebilderten Artikel. Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass sogar die absichernden Polizisten erst unmittelbar vor dem Einsatz näheres erfahren – eben um nicht zu riskieren, dass Informationen an die Verschwörer durchsickern können (siehe Berichte über Nazis bei KSK, Polizei Hessen, etc.). Wenn aber so viele Medien vorab umfassend informiert sind, ist das natürlich unnötig.
    Die Frage ist, muss bzw. darf die Polizei so PR machen? Ist das nicht verantwortungslos?

    Grundsätzlich bin ich zunehmend enttäuscht von den Medien. Es gibt gefühlt nur noch Meinungsstücke und lediglich weitergetragene, unüberprüfte und unreflektierte, statt sauber recherchierte und mit Belegen bestücke Berichte. Man bekommt mehr Meinungen vorgesetzt, statt Informationen zur eigenen Meinungsbildung. Die Menge ist hier für mich ausschlaggebend. Und dafür bezahle ich teils ganz schön happige Abopreise!? Noch – wenn es so weitergeht. Meinungen könnte ich umsonst bei Twitter bekommen, schön bequem in der eigenen Bubble.

    Lieber wären mir vernünftig und in Ruhe recherchierte, reflektierte und unabhängige Artikel. Bei Spiegel, SZ, Taz und Zeit war ich zuletzt leider öfter enttäuscht von der Qualität.

    Bei Übermedien hatte ich zuletzt öfter das Gefühl, dass es weniger Links bzw. Quellen/Belege gibt. Besonders gut gefallen mir aber dennoch weiterhin die Artikel von S. Niggemeier. Für mich ist Übermedien eine sehr wichtige, ergänzende, oft einordnende Informationsquelle. Danke!

  3. Da gebe ich meinem Vorredner Recht: Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass im Zweifel die Zielpersonen solcher Maßnahmen eher von undichten Stellen in den Behörden gewart werden als durch vorab informierte Reporter. Was die Sache jedoch nicht besser macht.

  4. Es gibt auch in den Medien Personen, die dem rechten Milieu nahestehen. Das hätte durchaus auch den Beschuldigten gesteckt werden können. Früher gab es auch informierte Journalist*innen, wie man in den Berichten über den deutschen Herbst nachlesen kann, aber es waren sehr wenige. Hier waren es offenbar viele, und ich kann nur hoffen, dass kein Beweismaterial verschwunden ist und die Staatsanwaltschaft bei Prozesseröffnung nicht mit leeren Händen dasteht.

  5. Ich finde gut und wichtig, dass Herr Niggemeier auf Twitter und in diesem Artikel diese Fragen stellt.

    Gleichzeitig bin ich von diesem Artikel auch etwas enttäuscht. Von Übermedien hätte ich erwartet, dass nicht nur solche Fragen aufgeworfen und die öffentliche Diskussion zusammengefasst wird, sondern das auch aus dem Inneren der Branche heraus eingeordnet wird, wie plausibel die Aussagen sind, dass Journalisten, die in Themengebiet arbeiten, vorab erfahren, was in Gange ist.
    Für mich aus Außenseiter klingt das plausibel und dass Journalisten und Redaktionen Stillschweigen bewahren, womöglich im Tausch für mehr Informationen/Bilder, wenn dann der Zugriff erfolgt, auch.
    Aber klingt es nur plausibel, oder ist es branchenüblich?

  6. Beste Nazitheorie: Das wurde inszeniert, um von Illerkirchberg abzulenken.

    Eine Frage, die ich noch nirgendwo gelesen habe: Wieso der Medienrummel ausgerechnet bei dieser Aktion?
    Muss man zeigen, dass man auch was gegen rechts tut, ja?

    Der Postillon hatte es schön formuliert:
    „Entwarnung! Reichsbürger planten nur bewaffneten Umsturz, hatten aber nicht vor, sich irgendwo festzukleben“
    https://www.der-postillon.com/2022/12/reichsbuerger-letzte-generation.html

  7. Bezeichnend finde ich die Aussage von Holger Stark: „Aber genau das ist doch unser Job: den Sicherheitsbehörden auf die Finger zu schauen…“

    Das tun sie ja eben nicht, wenn sich Zeit und Kollegen von der Polizei zu einem für die Polizei aus PR-Sicht wichtigen Einsatz lotsen lassen. Sie lassen sich vielmehr zum Werkzeug machen. Kritisch beleuchtet hat die Polizeiarbeit doch niemand der anwesenden Journalistinnen und Journalisten.

    Jeder Kommentar in dieser Richtung erscheint mir nur als Rechtfertigungsversuch. Es ging halt um Klicks und darum, der Konkurrenz keinen Vorsprung zu lassen. Der Rest wird wegdiskutiert.

    Ich erwarte ebenfalls, wie ein paar der Vorredner, gründlich recherchierte Beiträge, von den sogenannten Qualitätsmedien sowieso. Live-Bilder vom Einbrechen der Wohnungstür eines Verdächtigen sind was für Youtube, nicht für einen vernünftigen Artikel.

  8. @Jochen: „Branchenüblich“ ist ein großes Wort, aber dass das häufiger passiert, haben mir Kollegen so geschildert. Und mir haben auch Journalisten die (unterschiedlichen) konkreten Recherchethemen erzählt, in deren Rahmen sie auf diese bevorstehende Razzia aufmerksam wurden.

  9. Und wie so oft liegt die Wahrheit vermutlich in der Mitte und es war von allen hergeleiteten Theorien etwas: die Generalstaatsanwaltschaft hat einige Redaktionen informiert, aber nicht genau gesagt, um was es geht, um sich formal nicht dem Verdacht auszusetzen, an dieser Stelle gegen Vorschriften zu verstoßen und die ganze Sache zu gefährden. Und dann gab es sicherlich Journalisten, die aufgrund dieser Info ihre Kontakte angezapft haben und deshalb schon mehr wussten, infolgedessen die zu diesem frühen Zeitpunkt schon sehr ausführlichen Geschichten parat hatten. Das Interesse des Generalstaatsanwalts, die Sache als Eigen-PR zu nutzen, war sicherlich ein starkes Motiv. Das macht ja üblicherweise auch die Polizei so, die – das kann ich jeden Tag hier im lokalen Bereich sehen – bestimmt 20 Pressemeldungen nur für die Stadt, in der ich arbeite, herausgibt. Und niemals steht da, dass etwas nicht so gut gelaufen ist. Ich erwarte übrigens nicht von Stefan Niggemeier, dass er zu diesem Zeitpunkt schon die Innensicht der Branche analysiert. Eine Branche, die sich an der Stelle selbst ungern in die Karten schauen lässt. Es wäre nämlich nicht alles positiv, was da rauskommen könnte.

  10. Danke für den Artikel!

    Was mich in diesem Zusammenhang zusätzlich befremdet: Bilder von Menschen, die in Handschellen abgeführt werden, womöglich noch wie in diesem Falle von schwer bewaffneten Sondereinsatzkommandos, führen bekanntermaßen zu einer öffentlichen Vorverurteilung der Personen.

    Wenn Sicherheitsbehörden die Presse im großen Stile zum Foto- und Filmtermin einladen, dann heißt das doch, dass sie so eine Vorverurteilung wünschen oder zumindest, dass sie sie wissentlich in Kauf nehmen.

    Mich irritiert das. Ich finde, es liegt in der Verantwortung der Behörden nicht nur dafür zu sorgen, dass solche Aktionen optimal funktionieren (also etwa die Beweismittelsicherung nicht gefährden ,wie im Artikel dargelegt), sondern auch behutsam mit solchen öffentlichkeitswirksamen Bildern umgehen und sie nicht auch noch aktiv ermöglichen.

    (Von den Journalist*innen erwarte ich erst gar nicht, dass sie auf solch starke Bilder aus rechtsstaatlichen Hygienegründen verzichten. Leider.)

  11. @Marcus Dischinger: Wobei mir alle, mit denen ich gesprochen habe, gesagt haben, dass der Generalbundesanwalt keine Informationen durchsticht. Ich wollte mit meinem Artikel auch keinen gegenteiligen Eindruck erwecken.

  12. Wäre ich ein Reichsbürger, würde ich mir nach dieser größten Razzia und dem Medienecho sehr wichtig und gefährlich vorkommen.

  13. „Inszenierung“ klingt schon nach VT, aber wenn da derartig breit informiert wurde, scheint mir dieser Putschversuch wenig Besorgnis zu erregen.
    Dass man einschlägig tätige Journalisten bittet, einen bestimmten Vorgang abzuwarten, sie bekämen dann dafür auch exklusive(re) Informationen, kommt mir ja noch wie ein guter Deal vor, aber man muss denen ganz sicher nicht sagen, wann und wo man zugreift.
    Bei der RAF wäre das eher nicht so abgelaufen…

  14. Wahnsinn! Morgen kaufen 20.000 Reichsbürger den SPIEGEL. Titelgeschichte: Operation Staatsstreich. Schon seit heute Mittag lesbar im „Weltnetz“ gegen entsprechende Gebühr umgerechnet in „Reichsmark“.

  15. Da auch hier so wenig der belustigte Ton in einigen Kommentaren anklingt, der die Akteure dieses vereitelten Coups als unzurechnungsfähige Rentner beschreibt und deren Gesinnung als nicht ernstzunehmende.
    Ja, dem mag so sein, aber Anders Breivik und Brenton Tarrant bspw. sahen sich als „Tempelritter“ und deren Ideologie ist sicher noch lächerlicher als die der meisten „Reichsbürger“. Dennoch ermordeten diese beiden in der Summe 128 Menschen.

  16. Solange diese Aktionen gegen Rechts nicht PR-Aktionen als Alibi miss(ge)brauchte sind ( und anschließend ein weiteres halbblindes Schauen auf dieses Übel stattfindet), ist mir das Vorgehen wichtiger als der Veröffentlichungszeitpunkt.

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