Ausschreitungen bei Dynamo Dresden

„Sächsische Zeitung“ opfert der Nähe zur Polizei die journalistische Distanz

Embedded Journalism? Nach den heftigen Krawallen beim Aufstieg von Dynamo Dresden in die 2. Bundesliga übernimmt die Lokalpresse weitgehend die Perspektive der Polizei. Ihrer Aufgabe wird sie so nicht gerecht.


Dynamo-Dresden-Fans randalieren auf der Lennestrasse, die Polizei setzt Wasserwerfer ein. Foto: Imago / Jan Huebner

Am 16. Mai hat sich Dynamo Dresden mit einem Knall zurück in die 2. Bundesliga gemeldet. Allerdings sorgte dafür weniger der entscheidende 4:0-Sieg gegen Türkgücü München, sondern die Auseinandersetzung zwischen Fans und Polizei, die es bis in die „Tagesschau“ schaffte.

Die offizielle Bilanz der schwersten Krawalle bei einem Heimspiel der Dresdner seit über einem Jahrzehnt: 185 verletzte Polizeibeamte, 44 verletzte Zivilisten. 40 Personen wurden am selben Tag in Gewahrsam genommen, aber wieder freigelassen. 156 Tatverdächtige sind identifiziert worden, mindestens 40 werden noch gesucht. Fünf Personen sind wegen der Ereignisse derzeit in Untersuchungshaft.

Zwei Monate später steht die Aufarbeitung der Ereignisse weiter im Fokus der lokalen Öffentlichkeit. Dabei machen auch einige Mythen die Runde: Schon am Spieltag behauptete MDR-Sportreporter René Kindermann in einer ersten Schalte, möglicher Hooligan-Tourismus aus Westdeutschland sei für die Ereignisse verantwortlich. Er wiederholte diese These später noch einmal in einem Livestream bei „Sport im Osten“.

Die örtliche Boulevardpresse übernahm die Darstellung und berief sich später auf nicht näher benannte „Szenekundige Beamte“. Der Leiter der Sonderkommission „Hauptallee“ (so heißt die Straße mit den heftigsten Krawallen) widersprach in einem ersten Zwischenbericht und sagte: „Von einem Gewalttourismus nach Dresden kann keine Rede sein“.

Von Beginn an berichtete auch die „Sächsische Zeitung“ über die Ereignisse. Die Zeitung ist das Leitmedium der Region: Wie die Boulevardmedien „Dresdner Morgenpost“ und das Onlineportal „Tag24“ gehört sie zur DDV Mediengruppe. Damit dominiert der Verlag die Berichterstattung. Daneben gibt es in der Stadt nur noch die örtliche „Bild“-Redaktion sowie die kleineren „Dresdner Neuesten Nachrichten“, die als Lokalredaktion der „Leipziger Volkszeitung“ fungieren.

Eine „Rekonstruktion“ – aus Sicht der Polizei

Am 3. Juni erscheint in der „Sächsischen Zeitung“ ein Artikel des Politik- und Investigativ-Redakteurs Tobias Wolf über fünf Beamte einer Leipziger Beweis- und Festnahmeeinheit. Unter dem Titel „Unter Beschuss“ schildert Wolf im Reportagestil, wie die Beamten den Einsatz erlebt haben. „So etwas hab ich in Zusammenhang mit Fußball noch nie erlebt, und ich war bei G20, bei Castor-Transporten und vielen anderen Fußballspielen dabei“, berichtet einer von ihnen.

Annette Binninger, Leiterin der Politikredaktion der „Sächsischen“ bewarb den Artikel im Politik-Newsletter der Zeitung und bezeichnete die Ereignisse als „Krieg auf den Straßen“, bei dem „nicht nur mal wieder der Ruf Dresdens heftig darunter [litt], sondern gleich der von ganz Sachsen“. Laut Binninger hätten wieder „Frauen und Männer in Polizeiuniform zwischen allen Fronten“ gestanden.

Nachdem sie vom sozialpädagogischen Dresdner Fanprojekt auf Twitter darauf hingewiesen wurde, dass die Kriegsrhetorik angesichts realer Kriege etwas deplatziert wirke, antwortete Binninger, das Wort sei ihr „im Zorn über diese brutalen Attacken gegen Polizisten“ entfahren.

Trotzdem bleibt unklar, „zwischen“ welchen Fronten die Polizei an diesem Tag gestanden haben soll. Da es sich nicht um eine Auseinandersetzung zweier Fanlager gehandelt hat, war sie vielmehr selbst eine der Fronten.

Erbost über die Darstellung der Ereignisse waren einige Dynamo-Fans, die an diesem Tag aus ihrer Sicht nicht nur um ihre Aufstiegsfeier gebracht, sondern durch Tränengas und andere polizeiliche Maßnahmen verletzt wurden. Übermedien hat mit mehreren Fans gesprochen, die sich an die „Sächsische Zeitung“ gewendet hatten, um ihre Erlebnisse und ihre Sicht der Dinge einzubringen.

Die 40-jährige Altenpflegerin Melanie* stand nach eigenen Angaben mit ihrer Freundin Annette* auf der Hauptallee, unbeteiligt und entfernt von der Eskalation. Sie hätten den Aufstieg ihrer Mannschaft mit Mundschutz und Abstand gefeiert. Etliche Minuten später seien auf einmal Polizisten unvermittelt auf sie und andere Fans zugestürmt. Die beiden Frauen erzählen, dass sie daraufhin von Polizisten geschlagen worden seien. Ein älterer Mann, der nur auf einer Bank gesessen habe, sei ohne Vorwarnung von dieser gestoßen worden. „Man hatte richtige Angstzustände“, beschreibt Melanie ihre Erlebnisse. (*Namen geändert.)

Die Polizei habe sie schließlich von der Hauptallee in die angrenzenden Parkanlagen gedrängt – mitten in Pyrotechnik- und Tränengaswolken. „Das zog richtig auf uns zu und wir konnten nicht ausweichen“, sagt Melanie. Ihre Freundin habe einen Asthmaanfall und Atemnot bekommen und zeitweise das Bewusstsein verloren. Längere Zeit lag die Frau im Park, ehe sie erstversorgt werden konnte, wie weitere Zeugen bestätigen.

Ihre Schilderungen werden gestützt von zahlreichen Videos im Netz, die zeigen, wie im Park vor der Randale ausgelassen gefeiert wurde. Einige Fans haben ihre Kinder dabei, Frauen und ältere Fans sind zu sehen – und jede Menge Jugendliche, viele offenbar minderjährig.

Auch das sozialpädagogische Dresdner Fanprojekt stützt diese Darstellung:

„Das polizeiliche Handeln wirkte willkürlich und war für die allermeisten Fans nicht nachvollziehbar. Diese Situation hat die Solidarisierungseffekte gegen die Polizei wesentlich verstärkt. So breiteten sich die Eskalationen aus. (…)

Es folgten direkte polizeiliche Gegenmaßnahmen. Dabei kam es jedoch auch zu hartem und ziellosem Vorgehen, Verweigerung erster Hilfe bis hin zu klarer Polizeigewalt.

Gescheiterte Gesprächsversuche

Melanie erzählt, die Reportage der „Sächsischen Zeitung“ habe sie vor allem aufgeregt, „weil ich da selber mit drin war“. Deshalb habe sie in der Redaktion angerufen. Das Gespräch mit dem Autor Tobias Wolf beschreibt sie so: „Ich habe ihm geschildert, dass ich den Artikel schlecht recherchiert finde.“ Der Autor habe ihr geantwortet, dass er dieses Verhalten von Dynamo-Fans schon kenne: „Ihr macht eh immer nur Ärger.“ Sie habe ihm daraufhin berichtet, dass sie ein Video aufgenommen habe, in dem Polizisten unvermittelt auf sie und andere Fans losgerannt seien, und sie dabei verletzt hätten, „obwohl wir nur dagestanden haben“.

Doch Wolf habe sich nicht für das Video interessiert, sondern sie „abgekanzelt“ und ihre Glaubwürdigkeit in Zweifel gezogen: „Ich konnte sagen, was ich wollte, ich wurde sofort niedergemacht.“ Für ihn sei sie nur ein „randalierender Dynamofan“ gewesen. Dabei räumt selbst die Polizei ein, dass zumindest gegen drei Beamte wegen Körperverletzung im Amt ermittelt wird.

Auf Anfrage von Übermedien erklärt die Chefredaktion der „Sächsischen Zeitung“ dazu, die Schilderungen seien „unzutreffend“:

Richtig ist, dass es in der Tat einige Anrufe bei unserem Reporter gegeben hat, in denen sich mutmaßliche Dynamo-Anhänger in aggressiv-beschimpfender Weise und teilweise brüllend ausschließlich zu einem von ihm verfassten Text äußerten. Unser Reporter hat trotz der unsachlichen Ansprachehaltung der Anrufenden versucht, in den Gesprächen zu übermitteln, wie dieser Text entstanden ist. Den Vorwurf des „Abkanzelns“ oder „Niedermachens“ weisen wir zurück. Selbstverständlich haben unser Reporter und weitere Kollegen im Zusammenhang mit den Ausschreitungen vom 16. Mai 2021 rund um das Aufstiegsspiel der SG Dynamo Dresden in alle Richtungen recherchiert. Aus unserer gesamten Berichterstattung wird deutlich, dass wir alle Perspektiven, einschließlich die der Fans und der des Vereins dargestellt haben und darstellen, ebenso wie die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Gewalttäter.“

Letztlich kann nicht geklärt werden, wie das Telefongespräch verlief – und ob und wie es eskalierte. Doch dass die Perspektive der Dynamo-Fans gleichrangig in die Berichterstattung eingegangen wäre, ist nicht erkennbar: Ein Abgleich der Schilderungen der Beamten mit Berichten anderer Augenzeugen oder kritische Nachfragen zur Einsatztaktik erfolgen nicht – auch nicht in den folgenden Wochen.

Vorverurteilung statt Aufarbeitung

So wird in mindestens 26 weiteren Artikeln, darunter mehrfach auf dem Titel und der Seite 3, wieder und wieder vor allem ein Blick perpetuiert: der der Polizei. Das Fanprojekt etwa kommt bloß zweimal zu Wort.

Tobias Wolf verfasst am 5. Juli einen weiteren Text, der einen „Blick hinter die Kulissen der Polizeiarbeit“ wirft. Es ist ein Blick auf die Arbeit der Sonderkommission, vor allem aber ist es der Blick der Sonderkommission auf das Geschehen.

Spektakulär war am 16. Mai auch der Einsatz von Tränengas. Innerhalb einer Stunde verschoss die sächsische Polizei fast so viel Tränengas wie 2017 bei den mehrtägigen schweren Auseinandersetzungen des Hamburger G20-Gipfels. Dazu finden sich in der „Sächsischen Zeitung“ keine weitergehenden Recherchen.

Die Polizei Sachsen bestätigt auf Nachfrage von Übermedien, dass auch die von Tobias Wolf befragte Leipziger Einheit Tränengas verschoss. Seit dem 12. Juli ist der Tränengaseinsatz auch Teil einer parlamentarischen Aufarbeitung: Er ist Thema einer Kleinen Anfrage der Abgeordneten Marika Tändler-Walenta (Linke) im Sächsischen Landtag. Kein Thema für eine vertiefende Berichterstattung ist er bislang in der „Sächsischen Zeitung“ und anderen Lokalmedien.

Die SoKo Hauptallee nutzte auch das Mittel der Öffentlichkeitsfahndung. Dabei wurde sie natürlich von den Medien unterstützt, die Fotos von Verdächtigen zeigten. So trugen sie dazu bei, Betroffene öffentlich vorzuverurteilen. Später stellte sich heraus, dass mindestens zwei der gesuchten Personen minderjährig waren. Das erste, medial groß angekündigte Schnellverfahren gegen einen der Gewalttäter endete mit einer Bewährungsstrafe.

Es gab für die Öffentlichkeitfahndung natürlich eine richterliche Anordnung. Doch spätestens im Nachhinein wäre es angebracht gewesen zu fragen, ob die Voraussetzungen für dieses gravierende Mittel angesichts der Vorwürfe wirklich erfüllt waren. Eine solche Diskussion fand aber nicht statt.

Polizeiliche und mediale Legendenbildung

Kurz vor Saisonbeginn fand am vergangenen Donnerstag dann eine der größten Razzien in Sachsen in Zusammenhang mit einem Fußballspiel statt: 800 Polizisten durchsuchten 56 Wohnungen und vollstreckten Haftbefehle gegen fünf Personen (eine sechste stellte sich). Die Berichterstattung der „Sächsischen Zeitung“ darüber ist ein weiteres Beispiel dafür, in welchem Maß sie embedded ist und für einen exklusiven Zugang auf kritische Nachfragen verzichtet.

Sie ist bei den Durchsuchungen dabei, von denen sie augenscheinlich im Vorfeld wusste. (Auf Anfrage teilt die Chefredaktion dazu mit: „Wie und wann wir von Polizeieinsätzen erfahren, dazu äußern wir uns grundsätzlich nicht.“)

Hinterher schwärmt sie in einer Seite-3-Reportage von einem „historischer Coup in der Ermittlungsgeschichte der Dresdner Polizei“. Sie berichtet, für den Großeinsatz habe sich die Polizei eine „Legende“ ausgedacht, um so sicherzustellen, dass im Vorfeld keine Informationen an die Öffentlichkeit dringen. Das klingt eindrucksvoll, aber stimmt das?

Dass es eine Razzia geben würde, war bereits vorher auch anderen Medienvertretern bekannt. Auch in der Stadt kursierte das Gerücht.

Auf Nachfrage von Übermedien teilt die Dresdner Polizei mit, dass viele auswärtige Einsatzkräfte, insbesondere der Bundespolizei, bereits am Vortag angereist und in Dresden übernachtet hätten. „Dies führte zu einer stark auffallenden Präsenz von Polizeifahrzeugen in der Dresdner Innenstadt“ und bereits am Mittwoch „zu mehreren Nachfragen von Medienvertretern“. Mit der Bitte um Vertraulichkeit habe die Polizei geantwortet, „dass die Einsatzfahrzeuge für einen Einsatz am Folgetag benötigt werden, über den wir dann auch die Öffentlichkeit informieren werden“.

Am Donnerstag um 7.20 veröffentlichten Staatsanwaltschaft und Polizeidirektion Dresden eine Pressemitteilung über die Razzien. Pressesprecher Thomas Geithner erklärt dazu: „Zwischen 07.10 Uhr und 07.20 Uhr habe ich besagte vier Dresdner Tageszeitungen auf die unmittelbar bevorstehende Veröffentlichung der angedeuteten Medieninformation hingewiesen. Der konkrete Inhalt der Medieninformation wurde nicht im Vorfeld kommuniziert.“ Doch waren die Fotografen der großen Lokalzeitungen erkennbar mit den Beamten vor Ort. Die „Sächsische Zeitung“ berichtete bereits um 7.20 Uhr auf der eigenen Webseite, also zeitgleich zur Veröffentlichung der Information durch die Polizei.

Die Zeitung ist ganz dicht dran und von der Polizei bestens informiert; sie ist offensichtlich Teil von deren PR-Strategie. Sie übernimmt die Erzählung vom besonders gut geheim gehaltenen Einsatz – und verhindert so Nachfragen, ob nicht durch die große, medienträchtige Aktion in Wahrheit Tatverdächtige im Vorfeld Bescheid wussten und sich vorbereiten konnten.

Politische Ziele und mediale Hilfe

Während die Sonderkommission auf lokaler Ebene dafür sorgt, dass in regelmäßigen Abständen Schlagzeilen zu Gunsten der Polizei und zum Nachteil von Fußballfans generiert werden, werden immer seltener Fragen dazu gestellt, warum der Aufstieg derart eskalieren konnte. Im September soll es dazu eine Anhörung von Sachverständigen geben.

In der Zwischenzeit wird mit den Ereignissen auch Bundespolitik gemacht: So nutzte Sachsens Innenminister Roland Wöller die Geschehnisse im Juni, um auf der Innenministerkonferenz (IMK) erneut personalisierte Tickets für Fußballspiele auf die Agenda zu setzen – einen schon lange diskutierten, aber immer wieder verworfenen Vorschlag, der von Fanvertretern vehement abgelehnt wird.

Zuerst äußerste er diesen Vorschlag wiederum in der „Sächsischen Zeitung“: In der Pilotfolge des Podcasts „Politik in Sachsen“ mit Annette Binninger. Wie genau personalisierte Karten Ausschreitungen vor dem Stadion verhindern sollen, erläutert Wöller nicht. Und Binninger fragt ihn auch nicht danach.

Wöllers Vorstoß wurde von den Agenturen aufgegriffen und am Folgetag vom Deutschlandfunk vermeldet. Der Sprung in die bundesweite Berichterstattung war geschafft. Nach der Tagung verkündete Wöllers Ministerium dann, dass die Innenministerkonferenz sich dem Vorschlag für sogenannte „Risikospiele“ angeschlossen habe.

Medien als Verstärker mächtiger Stimmen

Wenn die Polizei nach spektakulären Auseinandersetzungen tätig wird, schreiben ihr Medien häufig die Rolle eines objektiven Schiedsrichters über das Geschehen zu. Doch das ist sie nicht: Sie ist Teil der Exekutive und agiert als Institution sowohl im staatlichen als auch im Eigeninteresse.

Die Aufgabe des Journalismus ist es eigentlich, mächtige Institutionen kritisch zu befragen – und dabei auch denjenigen Gehör zu verschaffen, die bislang nicht gehört wurden. Wenn die Perspektive der Polizei publizistisch dominiert, entsteht ein gegenteiliger Effekt: Eine ohnehin schon sehr machtvolle Stimme im öffentlichen Diskurs wird noch mächtiger.

Unter den Tatverdächtigen, deren Räumlichkeiten durchsucht wurden, waren auch bekannte Rechtsextreme. Dies wird von der Pressestelle der Polizei offensiv kommuniziert. So entsteht der Eindruck, man gehe gegen Neonazis vor, nicht so sehr gegen Fußballrandalierer. Am Aufstiegstag feierten nach unterschiedlichen Schätzungen 5.000 bis 10.000 Menschen. Darunter waren zweifellos Rechtsextreme – die meisten aber waren normale Fußballfans wie Melanie, die einfach nur feiern wollten. Selbst die Polizei gibt die Anzahl der Randalierer mit maximal 500 an – ein Bruchteil der Gesamtmenge und davon wiederum ein Bruchteil Neonazis.

Mehrere Widersprüche sind bislang unaufgeklärt: Am Spieltag standen Dutzende Polizeifahrzeuge in einem Ring ums Stadion Spalier – und die Einsatzkräfte warteten davor, weil man befürchtete, Fans könnten versuchen, ins Stadion durchzubrechen. Gleichzeitig wird medial jedoch weitgehend die polizeiliche Erzählung übernommen, wonach man mit den Ausschreitungen nicht habe rechnen können. Die „Sächsische“ zitiert in ihrer Reportage zum Beispiel einen Bereitschaftspolizisten mit dem Satz: „Wir hatten eigentlich keine große Erwartungshaltung, was Gewalt anging. Die meisten gingen davon aus, dass Dynamo aufsteigt, was soll da passieren?“

Im Vorfeld waren Pandemie-konforme Vorschläge, den Aufstieg zu feiern, unter Verweis auf die geltenden Corona-Maßnahmen abgelehnt worden. Dazu gehörte eine Dampferfahrt der Mannschaft auf der Elbe, bei der sich viele Fans in gebührendem Abstand entlang des Flusses über viele Kilometer hätten verteilen können. Dass dies den Frust vieler sehr junger Menschen, die in ihrer Lebenssituation seit Monaten extrem eingeschränkt waren, zusätzlich anfachen kann, hätte die Polizei wissen können – und zwar nicht nur von Dynamo-Spielen, sondern auch aus den Corona-Krawallnächten von Frankfurt, Stuttgart und anderen Orten.

Die Gewaltexplosion ist trotzdem nicht zu entschuldigen. Das entbindet aber keinen der staatlichen und medialen Akteure von der Pflicht, unvoreingenommen und gründlich nach Ursachen und Lösungen zu suchen. Stattdessen erschöpfen sich lokale Medien darin, es so zu beschreiben, als sei die Polizei das alleinige Opfer und das Geschehen mehr oder weniger vom Himmel gefallen. Ein paar Neonazis, denen man die Verantwortung zuschieben kann, passen dann bestens ins Bild.

Beim sozialpädagogischen Fanprojekt fürchtet man, dass die polizeilich und medial geforderten harten Strafen und langjährigen Stadionverbote gegen Jugendliche, die ihre Mittäterschaft bereuen, nur zu einer weiteren Verhärtung der Fronten führen. Ein insgesamt einseitiger Lokaljournalismus trägt dabei weder dazu bei, die Vorgänge aufzuklären, noch zukünftige Eskalationen zu verhindern.

Offenlegung: Edgar Lopez war bis 2011 aktives Mitglied der Fanszene von Dynamo Dresden. Trotz seines bereits erfolgten Rückzugs aus einer aktiven Rolle wurde er 2015 gebeten, für die Fanszene in einer Anhörung im Innenausschuss des Sächsischen Landtags zu sprechen. Er ist seit Jahren im Themenfeld Fußballfans und Ultras journalistisch tätig, und hat für die „Zeit“ einen Essay über den gewaltsamen Tod eines Fußballfans geschrieben.

12 Kommentare

  1. In meinen Augen ist es leider so, dass die Presse und der Rundfunk sobald es in irgendeiner Weise um Fußball geht sowieso alle Objektivität über Bord wirft und sich gerne mal „embedded“ gibt. Dies fängt bei Herunterspielen von unfairem Verhalten von Spielern auf dem Feld an, geht weiter über die Verteidigung jeder hahnebüchenen Schiedsrichterentscheidung, setzt sich dann im Herumhacken auf vielen durchaus auch kritisch zu sehenden Aktionen im Fanblock fort (während man alles positive aus den Fanblocks aber inzwischen konsequent ausblendet) und endet in solchen Berichten wie hier.

    Lustigerweise ist der Grund hierfür immer der selbe: Man hat Angst beim nächsten Mal nicht mehr dabei sein zu dürfen!

    Nicht umsonst werden solche Typen wie Ulli Hoeneß, der nicht nur ein Steuerhinterzieher ist sondern auch die eigenen Fans mehrfach massiv angegangen hat hofiert als wäre er der Papst persönlich. Bei der „rassistischen“ Attacke gegen Hopp (IIRC immer noch die einzige bei der der Dreistufenplan gegen Rassismus im deutschen Profifußball Anwendung fand) wusste der Reporter vorher bescheid (Übermedien berichtete IIRC) und es war ihm auch klar, sollte es so weit kommen auf welcher Seite er steht.

    Umgekehrt ist es übrigens auch nicht gerade selten, dass Medien, auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk den ich trotz allem für wichtig halte, die Polizei bei einer Auseinandersetzung als neutrale Stelle halten und nicht als Partei, was sie halt nun mal oft ist. Wer erinnert sich nicht an die Medienberichte über den unter Strom stehenden Türknauf in einem besetzten Haus (wenn ich mich recht entsinne. Es kann sein, dass ich hier gerade ein paar „unprezise Aussagen“ der Polizei durcheinander werfe)?
    Gerade wenn man sich diese Vorfälle betrachtet fällt einem auf, dass es gerne um die „unliebsamen“ Gegner geht. Gerne sind es Linke oder eben Fußballfans.

    Und bevor jetzt irgendwer damit kommt, natürlich sind auch nicht alle Informationen die von der jeweils anderen Seite kommen korrekt. Es ist allerdings scheinheilig wenn man sich hinstellt und bei der einen Partei jede Information hinterfragt, weil das ist ja journalistisch, bei der anderen Partei aber alles unnachgefragt hinnimmt. Denn das ist ja nicht wirklich eine Partei. Die besteht ja auch nicht aus Menschen mit ihren Schwächen, Menschen die Fehler machen können, Menschen die auch kriminell sein können und Menschen die Fehler vertuschen wollen, die besteht aus Polizisten.

    Sorry für den langen Text

  2. Ach so: Die Polizei ist Partei. Die Fans sind Partei. Und die spielen gegeneinander. Wie Bayern gegen Dortmund. Wie Deutschland gegen England. Und die haben alle einen Schiedsrichter. Wirklich alle? Wer ist der Schiedsrichter im Spiel Polizei gegen Fans?

  3. #4 Was meinen Sie mit ihrem Kommentar. Ich überlege seit 5 Minuten wie sie verstanden wollen werden, aber kann nur spekulieren.
    Ich nehme jedoch an das die Autoren mit Partei keine Analogie zum Fußball machen, sondern Akteur:innen in einem Konflikt herausarbeiten und deren Position sowie Kontext ihrer Handlungen.

  4. Der vorzügliche Artikel wird durch die Affinität des genialen Journalisten Andrej Reisin zur Ultràszene nobilitiert.

  5. Was bedeuten denn die Namen mit Sternchen* danach? Das wird im Artikel nicht aufgelöst. Dass sie umbenannt wurden und der reale Name den Autoren bekannt ist?

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