Wochenschau (100)

Danke.

Ein Journalist mit Helm auf dem Kopf auf einer Demo
Foto: engin akyurt/Unsplash

Ich werde häufiger irgendwo als Journalistin angekündigt, gebauchbindet oder vorgestellt, obwohl ich den Begriff auf mich selbst nicht anwenden würde. So breit ich die Berufsbezeichnung auch auslege, so wenig nehme ich mich selbst als eine Journalistin wahr.

Das ist keine Koketterie oder falsche Bescheidenheit. Journalist*innen, das sind für mich Entdeckende, Pionier*innen, wagemutige Menschen, ausgestattet mit einem gewissen Grad an Entschlossenheit (habe ich nicht), den es braucht, um sich unterbezahlt von Demonstrierenden und Trotteln im Netz beschimpfen und angreifen zu lassen. Mit einem ebenso großen Grad an Hartnäckigkeit (habe ich auch nicht), um sich nicht von Politiker*innen, Prominenten und Anwält*innen einschüchtern zu lassen. Und einem wahrscheinlich noch größeren Grad an Optimismus (hab ich ein bisschen), etwas Sinnvolles zu dieser Wirklichkeit beitragen zu können und zu wollen, durch eine bestenfalls irgendwie qualifizierte und wahrhaftige Abbildung.

Journalist*innen sind hier gesunde Idealist*innen: Sie glauben an die Kraft ihrer Berichterstattung. Denn wären sie gekränkte Idealist*innen, kurz vor der Schwelle der sarkastischen Zyniker*innen, hätten sie sich à la Tucholsky wahrscheinlich schon längst Kunstformen zugewandt, mit der sie ihrer Ohnmacht besser Ausdruck verleihen könnten – und sie würden vielleicht satirisch gemeinte Videos drehen, um ihrem inneren Bestreben nach Welterklärung besser beikommen zu können.

Journalist*innen haben den Anspruch zu reportieren, abzubilden, Dinge zu veranschaulichen, zu recherchieren, investigativ nachzuforschen, zu graben, zu wühlen, um schließlich all diese Arbeit in einen Text zu kanalisieren, dem hoffentlich ein bisschen Wahrheit über die Welt innewohnt.

Oft wird die Frage gestellt, ob Journalist*innen, die sich gesellschaftspolitisch positionieren noch Journalist*innen sind, widerspricht doch jede Form von Parteilichkeit dem journalistischen Ethos, dem Selbstbild des Journalismus. Über die hierbei notwendige Unterscheidung zwischen Objektivität und Neutralität sowie zwischen Aktivist*innen und Journalist*innen hatten wir hier schon gesprochen, aber nochmals zusammengefasst: Man kann als Journalist*in einem Sachverhalt nicht neutral gegenüberstehen, man kann sich zu einer Position bekennen und trotzdem objektiv berichten. Das geht. Fragen sie mal Journalist*innen of Color, die über die AfD schreiben oder queere Journalist*innen, die sich mit der Kirche beschäftigen.

Und es gibt Situationen in denen sich auch für Journalist*innen eine wie auch immer definierte Neutralität verbietet, wie zum Beispiel bei antidemokratischen Bestrebungen. Was für eine neutrale Position sollte man gegenüber Rechstextremen einnehmen? Man kann dem Faschismus nicht unkritisch begegnen, denn genau diese Kritiklosigkeit widerspräche der journalistischen Aufgabe.

Über Wahrheit zu berichten, ist kein Aktivismus

Und dann gibt es Themen, bei denen gerne so getan wird als sei das alleinige Berichten darüber schon parteiisch, wie im Falle des Engagements für den Klimaschutz, weil da zufällig eine Partei besonders federführend ist. Dieses ideologische Verschreien tut so als seien Fakten eine Meinung, die man einnimmt, so wie in „Ich bin der Meinung, die Erde ist rund“ und als wäre die Berichterstattung über Klimaschutz dementsprechend politischer Aktivismus.

Das ist natürlich Quatsch. Wissenschaftsjournalist*innen sind keine Aktivist*innen einer naturwissenschaftlichen Agenda.

Anders ausgedrückt: Journalist*innen sind natürlich schon immer Aktivist*nnen, wenn es Aktivismus ist, über die Wahrheit zu berichten.

Sie sehen, ich habe trotz all der spitzfindigen Medienkritik hier eine hohe Meinung von Journalist*innen. Mein süffisanter Unmut speist sich aus meiner Bewunderung für das, was sie alles leisten, wenn sie es richtig und gut machen: Sie schaffen mit ihrer Arbeit eine öffentliche Wahrnehmung, die eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft braucht, um überhaupt in dieser Form existieren zu können.

Journalismus dient dem politischen Apparat als permanentes Korrektiv und sorgt für die politische Aufklärung von uns allen; er schenkt oder verkauft uns in der besten aller Welten Klugheit und Wissen, und damit die Fähigkeit mündig zu sein. Journalist*innen weben mit ihrer Arbeit täglich mit an dieser, unser aller Freiheit.

Es war einmal in Marokko

Stellen sie sich eine Welt ohne Journalist*innen und unabhängige Medien vor. Was würden Sie lesen? Online wie analog? Was wäre auf Twitter und Facebook zu sehen? Was würden Sie auf dem Weg zu Arbeit im Radio hören? Was im Fernsehen schauen, um sich zu informieren? Wie würden Sie sich über die Regierung informieren? Auf der Website der Bundesregierung? Wie würden Sie von der Welt um Sie herum erfahren, von den nationalen Problemen und den internationalen Konflikten? Wie wäre diese Pandemie ohne freie, plurale, unabhängige Medien und Journalist*innen verlaufen, die beständig und vielstimmig über aktuelle Entwicklungen aufklären?

Vielleicht bin auch deshalb so begeistert von diesem Berufsbild, weil ich in meinem familiären Kontext schon als Kind ein anderes Land mitbekommen habe, in dem Journalist*innen nicht gefahrlos berichten dürfen – und es dennoch aus Pflichtbewusstsein und Liebe zum Beruf tun. Ein Teil meiner Familie kommt aus Marokko, vieles hat sich dort seit meiner Kindheit verbessert. Es ist progressiver und liberaler geworden. Mit dem neuen König Mohammed VI, dem „Reformkönig“, präsentiert es sich der Weltöffentlichkeit kosmopolitischer.

Aber ich weiß noch, wie es war, als ich klein war, und das Land von einem strengen, konservativen Mann regiert wurde, dem Vater dieses Reformkönigs. Ich erinnere mich noch an monarchiekritische Bücher und Artikel, die nur in Frankreich erscheinen durften. Und ich erinnere mich an das plötzliche und ungeklärte Verschwinden von Berichterstattern in diesem Königreich. Ich erinnere mich, an Gespräche der Erwachsenen, denen ich heimlich aus dem Kinderzimmer lauschte, das Entsetzen und das Spekulieren, die Unwissenheit und die Wut, und ein Name von einem Ort, welcher immer in den leisen Gesprächen fiel: Tazmamart.

Ein Zementklotz als Bett

Ich lernte erst später, was es mit diesem Foltergefängnis im Atlasgebirge auf sich hatte. Einerseits durch die fiktionalisierte Verhandlung dieser Strafkolonie durch den marokkanischen in Frankreich lebenden Autor Tahar Ben Jelloun, der in seinem Roman „Cette aveuglante absence de lumiere“ (deutscher Titel „Das Schweigen des Lichts“, wörtlich übersetzt jedoch: „Die blendende Abwesenheit von Licht“) den Bericht des Inhaftierten Aziz Binebine verarbeitete sowie Aziz Binebines Memoiren. Und dann gab’s da natürlich auch die halbherzige Aufarbeitung durch die marokkanische Regierung.

Die Zellen waren zwei mal drei Meter groß, fensterlos. Die Insassen schliefen auf einem Zementklotz, in der Ecke ein Loch, die Toilette. Wenn es regnete, standen sie knöcheltief im Wasser. Kakerlaken, Ratten, Skorpione wurden zu Freunden. Sie wuschen sich mit dem eigenen Urin, weil dieser steril war. Diese unmenschlichen Sarkophage für Regierungskritiker waren die Rache des Königs nach einem erfolglosen Putschversuch in den Siebzigern.

Wer dort inhaftiert wurde, der galt als „spurlos verschwunden“ und tot, ohne gestorben zu sein.

Heute verschwinden auch in Marokko kritische Journalist*innen nicht mehr unbemerkt. Tazmamart, diese Grabstätte für Lebende, wurde geschlossen. Aber das Königreich unterdrückt die freie Meinungsäußerung dennoch nachweislich sehr erfolgreich. Die Attacken sind heute andere und auch die Gefängnisse. Aber die Bedrohung des kritischen Journalismus bleibt. Wer unliebsam berichtet, begibt sich in Gefahr. Es ist nach wie vor gesetzlich verboten, den König zu kritisieren. Gesetzlich verboten. Auf der Rangliste der Pressefreiheit ist Marokko auf Platz 136 von 180.

Deutschland befindet sich, was die Pressefreiheit angeht, in einem ganz anderen Feld – und auch ist die Regierung nicht der Feind der Presse (bis auf diese Komischen da im Bundestag, die immer was von Staatsfunk fabulieren). Dennoch ist Deutschland im letzten Jahr aus der Gruppe der Länder gerutscht, die für Pressevertreter zu den sicheren zählen. Auf der Weltkarte der Pressefreiheit ist Deutschland nicht mehr weiß, sondern gelb.

„Aufgrund der vielen Übergriffe auf Coronademonstrationen mussten wir die Lage der Pressefreiheit in Deutschland von ‚gut‘ auf nur noch ‚zufriedenstellend‘ herabstufen: ein deutliches Alarmsignal”, erklärte Michael Rediske, Vorstandssprecherin von Reporter ohne Grenzen in seiner Bilanz.

Die frustrierende Ironie dieses Berufs

Hauptgrund der neuen Bewertung sind die Attacken auf Berichterstattende während ihrer Arbeit am Rande von Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Mit 65 gewalttätigen Angriffen im letzten Jahr gegen Medienschaffende hat sich die Zahl der Attacken verfünffacht. Journalist*innen seien geschlagen, getreten, zu Boden gestoßen, bespuckt, bedrängt, beleidigt, bedroht und an der Arbeit gehindert worden.

Die Tatsache, dass Demonstrant*innen, die für ihr Recht auf freie Meinungsäußerung auf die Straße gehen, um dann Medienschaffende anzugreifen, die anwesend sind, um eben auch diese Meinung abzubilden, erscheint wie eine frustrierende Ironie dieses Berufes.

Danke also für Ihre Arbeit, liebe Journalist*innen! Erlauben Sie mir diesen kleinen Pathos hinsichtlich ihres Berufes, der bei mir auch biografisch begründet ist – aber vor allem weil das hier meine 100. Kolumne ist und mir ein bisschen nach Feierlichkeit zumute ist: Ich wünschte, unsere Gesellschaft würden Sie und wofür Sie stehen ein bisschen besser schützen. Happy Tag der Pressefreiheit!

13 Kommentare

  1. Zuerst wollte ich eine geharnischte Entgegnung schreiben.
    Dann habe ich mir die Kolumne ein zweites mal durchgelesen. Und was soll ich sagen, Begeisterung pur.
    Eine geniale Satire, wie sie nur den ganz Großen gelingt.
    Schon der Einstieg hat es in sich

    Journalist*innen, das sind für mich Entdeckende, Pionier*innen, wagemutige Menschen, ausgestattet mit einem gewissen Grad an Entschlossenheit …, den es braucht, um sich unterbezahlt von Demonstrierenden und Trotteln im Netz beschimpfen und angreifen zu lassen.

    Das macht Appetit auf mehr, und das kommt auch

    Journalist*innen sind hier gesunde Idealist*innen: Sie glauben an die Kraft ihrer Berichterstattung.

    Schenkelklopfer.
    Der absolute Brüller gleich hinterdrein

    Journalist*innen haben den Anspruch zu reportieren, abzubilden, Dinge zu veranschaulichen, zu recherchieren, investigativ nachzuforschen, zu graben, zu wühlen, um schließlich all diese Arbeit in einen Text zu kanalisieren, dem hoffentlich ein bisschen Wahrheit über die Welt innewohnt

    Mag sein, dass einige das für überzogen halten. Aber bei solchen Sachen halte ich es mit Tucholski: Satire darf alles.

  2. Wie immer grossartig, vielen Dank fuer den Beitrag!
    Und herzlichen Glueckwunsch zur 100sten – bitte weiter so!

  3. Halleluja und herzlichen Glückwunsch!

    Bitte weiter so und ich muss mich allen anderen kommentierenden Menschen vor mir anschließen – Erinnerung, auf welcher Art auch immer, tut gut!

  4. So schwer es Journalisten haben, sie geniessen ein Privileg, das das alles aufwiegt. Sie können ihren Zugang zur Öffentlichkeit stets dazu nutzen, sich selber ungehemmt zu beweihräuchern. Das darf dann auch gerne ein wenig geschmacklos sein. Zb wenn sich hiesige Journalisten in eine Reihe mit denen stellen, die in Marokko gefoltert wurden, weil sie die Regierungs kritisierten. Das sind wirkliche Helden. Wer hier am Rande einer Demonstration von Polizeigewalt, die eigentlich, zu Recht oder Unrecht den Demonstranten galt, etwas abbekommt, der sieht sich gleich als Held in einer fensterlosen Zelle. Und wer im Netz für allzu parteiliche Berichterstattung oder die selten dämliche Auffassung, bei veröffentlichter Wissenschaft ginge es immer und vor allem um unwiderlegbare objektive Fakten, hart kritisiert wird, der wähnt sich im steten Kampf für die Meinungsfreiheit. Von dieser schäbigen und geschmacklosen Grundverlogenheit kommt die Daueraufgeblasenheit der Georg Restles. Frau Ouassil will sich damit gar nicht gemein machen, das ist ihr zu glauben. Dann sollte sie es aber auch nicht tun.

  5. @#5 Dass Ihnen beim Thema Journalismus und den selbst gewählten Stichworten „schäbige und geschmacklosen Grundverlogenheit“ sowie „Daueraufgeblasenheit“ nur der in rechten und anti-ÖR Kreisen geframte Georg Restle einfällt und sonst kein anderer, liegt bestimmt an den mangelnden Beispielen, die Sie gerade zu Hand hatten, stimmts? ;-)

  6. Frau Ouassil schreibt für Übermedien, den Spiegel, den Deutschlandfunk und wohl noch für weitere Medien.
    Also scheint sie ja eine gewisse Relevanz zu haben.
    Es muss also an mir liegen, wenn ich ihren meisten Beiträgen nichts abgewinnen kann. Sie sind mir zu langatmig, zu bildungshuberisch, zu mainstreamig, zu deutsch.

  7. Ich lese die Texte von Frau El Ouassil sehr gerne und kann in den allermeisten Fällen auch etwas damit anfangen. Herzlichen Glückwunsch zum 100. Für mich ist diese Kolumne eines der Highlights von Übermedien (wobei ich auch Herrn Niggemeiers Arbeit schon zu Bildblogzeiten und später in seinem eigenen Blog mit Interesse verfolgt habe).

  8. Glückwunsch zu 100 Kolumen, Frau Ouassil! Ich lese sie gern, Sprache und die persönliche Reflexion beeindrucken mich besonders.

    Dem Dank an die Journalist:innen schließe ich mich an!

    Das persönliche Beispiel macht mir bewußt, dass die größeren Zusammenhänge da sind und von täglichem Handeln beeinflusst werden.

  9. Sehr schön geschrieben, hoffen wir dass wir der 100 irgendwann noch eine 0 anhängen können!

  10. „Journalist*innen haben den Anspruch zu reportieren, abzubilden, Dinge zu veranschaulichen, zu recherchieren, investigativ nachzuforschen, zu graben, zu wühlen, um schließlich all diese Arbeit in einen Text zu kanalisieren, dem hoffentlich ein bisschen Wahrheit über die Welt innewohnt.“

    Leider erlebe ich das in vielen Medien immer seltener. Ich habe gerade mein Spiegel-Abo gekündigt, weil viele Beiträge dort für mich einen zunehmenden moralischen Unterton haben, mit dem ich nichts mehr anfangen kann. Ich möchte sachlich informiert, nicht belehrt werden, welche Meinung die moralisch „richtigere“ ist. Insofern interpretiere ich Frau Ouassils Text als eine Wunschvorstellung eines Berufsbildes, das ich persönlich jedoch in immer weniger Texten und Medien finde. Und das ist für mich das eigentliche Problem!

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.