Dürfte man mit diesem T-Shirt zu einer Pressekonferenz ins Kanzleramt?


Berlin, 28. September 2018, Pressekonferenz im Kanzleramt mit dem türkischen Staatspräsidenten. Der akkreditierte Journalist Ertuğrul Yiğit sitzt in der zweiten Reihe. Er trägt über seinem Hemd ein weißes T-Shirt mit der Aufschrift „Gazetecilere Özgürluk – Pressefreiheit für Journalisten in der Türkei“. Irgendwann steht er auf und beginnt Fotos zu machen. Zwei Sicherheitskräfte packen ihn an beiden Armen und führen ihn ab. Während er rauskomplimentiert wird, ruft Yiğit noch: „Was habe ich gemacht? Ich habe nichts gemacht!“ Alle verfolgen das Geschehen. Die Fotografen fotografieren. Manche filmen. Als wieder Ruhe einkehrt, wenden alle Anwesenden ihre Blicke wieder nach vorn. Die Befragung von Erdoğan und Merkel geht weiter.

Später wird Regierungssprecher Steffen Seibert erklären:

„Wir halten es bei Pressekonferenzen im Kanzleramt wie der Deutsche Bundestag: keine Demonstrationen oder Kundgebungen politischer Anliegen. Das gilt völlig unabhängig davon, ob es sich um ein berechtigtes Anliegen handelt oder nicht.“

Politikberater Jonathan Hillje wird feststellen, dass die Abführung des Erdoğan-kritischen Journalisten der einzige Moment gewesen sei, bei welchem Erdogan gelächelt hat.

Auf „Tichys Einblick“ wird man von einem Offenbarungseid der anwesenden Journalisten sprechen: „Niemand von den so tapferen und kritischen ‚Journalisten‘ protestiert, niemand steht auf, schon gleich gar nicht verlassen sie geschlossen den Saal, wie es sich eigentlich gehört.“

Jürgen Klöckner, der parlamentarische Korrespondent der „Huffington Post“, der die kurze Sequenz der Abführung gefilmt und getwittert hatte, wird einen heftigen Shitstorm ernten. Kritik kommt auch von Journalisten: Man habe durch die ausbleibende Empörung versäumt, Solidarität mit dem abgeführten Kollegen zu bekunden.

In seinem sehr lesenswerten Blog-Eintrag versucht Klöckner die Situation zu erklären:

„Ich verstehe mich nicht als Aktivisten, der seinen Notizzettel oder das Smartphone hinwirft und den Saal verlässt, um ein politisches Zeichen zu setzen. Meine Aufgabe ist es, vor Ort zu bleiben, vor allem in solchen Situationen – und darüber zu berichten und die richtigen Fragen zu stellen.“

Auch der Parlamentskorrespondent Florian Gathmann von „Spiegel Online“ betont:

Liebe Kollegin, kleiner Tipp: Setzen Sie sich mal mit einem Protest-T-Shirt auf die Pressetribüne im Bundestag und schauen, was dann passiert. Wir sind JOURNALISTEN, keine Aktivisten.

Boom! Willkommen bei der sich immer wieder stellenden Neutralitätsdiskussion rund um die Arbeit des Journalisten.

Und es stellen sich hier einige Fragen: Wieso dürfen Journalisten in Pressekonferenzen nicht solch ein harmloses T-Shirts tragen, das vermutlich untergegangen wäre, wenn man Yiğit nicht abgeführt hätte? Agierte Yiğit hier als Aktivist und vermischte er seine professionellen Rollen? Dürfen Journalisten bei ihrer Arbeit grundsätzlich keinen (stillen) Protest äußern? Dürfen sie keine Aktivisten sein, weil das der arbeitsethischen Notwendigkeit zur Unbefangenheit widerspricht?

Mit keinem Hanns-Joachim-Friedrichs-Zitat gemein machen

Normalerweise folgt an dieser Stelle das bekannte Zitat von Journalist und Fernsehmoderator Hanns Joachim Friedrichs:

„Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten.“

Leider zitieren ihn die meisten jedoch missverständlich, weshalb ich die Gelegenheit nutzen möchte, um dieses inflationär verwendete Mantra eines jeden Journalistenschule-Erstsemesters neu einzuordnen, und empfehle das ganze, wunderbare Interview zu lesen, aus dem dieser viel zitierte Satz stammt:

SPIEGEL: Hat es Sie gestört, daß man als Nachrichtenmoderator ständig den Tod präsentieren muß?


Friedrichs: Nee, das hat mich nie gestört. Solche Skrupel sind mir fremd. Also, wer das nicht will, wer die Seele der Welt nicht zeigen will, in welcher Form auch immer, der wird als Journalist zeitlebens seine Schwierigkeiten haben. Aber ich hab‘ es gemacht, und ich hab‘ es fast ohne Bewegung gemacht, weil du das anders nämlich gar nicht machen kannst. Das hab‘ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein. Nur so schaffst du es, daß die Zuschauer dir vertrauen, dich zu einem Familienmitglied machen, dich jeden Abend einschalten und dir zuhören.

Friedrich plädiert hier nicht für eine Parteilosigkeit um der journalistischen Professionalität willen; er erklärt vielmehr, wie man es als Journalist schafft, sich nicht von dem Tagesgeschehen zu sehr emotional mitnehmen zu lassen. Es ist also kein Empfehlungsdogma zu mehr journalistischer Neutralität, sondern – ganz unpolitisch – eine Handlungsschablone des Besonnenen, die das Arbeiten als Journalist überhaupt erst möglich machen kann.

Friedrichs ist tatsächlich nicht einmal ein Verfechter des betont unengagierten Journalisten. Er benutzte seine Position als prominenter Medienschaffender, um die Menschen von der Wichtigkeit von Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu überzeugen; das war ihm ein ganz persönliches Anliegen:

SPIEGEL: Trotzdem haben Sie Ihren Moderatoren-Job – in einem überparteilichen Sinne – politisch verstanden. Sogar Ihre Naturfilme „Wunderbare Welt“ bezeichnen Sie als Beiträge zur politischen Bildung der Menschen in diesem Lande. Ist das nicht ein bißchen überzogen? (…)

Friedrichs: Die Sendung hat eine grüne Botschaft: Wenn der Mensch sich weiter so bemüht, dann kriegt er das auch noch kaputt.

Selbst der fälschlicherweise immer als Apologet des neutralen Journalismus verehrte Hanns Joachim Friedrichs hat also mit seiner dokumentierenden Arbeit nicht nur eine klare Haltung zum Thema Ökologie eingenommen, sondern auch versucht, den Zuschauer für sein Anliegen zu sensibilisieren.

Dürfte man ein T-Shirt mit Art. 5 Grundgesetz tragen?

Zurück zur aktuellen Pressekonferenz: Ein türkischstämmiger, Erdoğan-kritischer, in Deutschland lebender Journalist fordert auf einer Pressekonferenz stumm Freiheit für Journalisten in der Türkei und wird deswegen abgeführt. Das ist erstmal, geschützt vom Grundgesetz, nichts anderes als die Ausübung seines Rechts auf freie Meinungsäußerung, und in zweiter Konsequenz seines in Deutschland normalerweise gewährleisteten, pressefreiheitlichen Rechts.

Mir leuchtet ein, dass politische Demonstrationen im Bundestag, in der Bundespressekonferenz und eben auch im Bundeskanzleramt unerwünscht sind, aber ich halte es für hochgradig irritierend, dass Pressefreiheit schon als „politisches Anliegen“ wahrgenommen wird und der türkische Journalist Yiğit dementsprechend als politischer Aktivist. Was wäre passiert, wenn jemand das H&M-Shirt mit der Aufschrift „Feminism“ getragen hätte? Ein T-Shirt mit einem Aufdruck von Art. 5 Absatz 1 Satz 2 des Grundgesetzes? Oder einen Hoodie mit dem Slogan „Lebe so, dass Jens Spahn etwas dagegen hätte“?

Und wie hätte man auf ein #FreeDeniz-Shirt reagieren müssen? Müsste man dieses als historischen Slogan nicht ebenso tolerieren wie ein Che-Guevara-Konterfei?

Pressefreiheit ist kein politisches Anliegen, sondern ein demokratisches Grundrecht – zumindest stand das noch so im Grundgesetz, last time I checked.

Eine weitere Frage, die sich stellt: War die Reaktion verhältnismäßig? Hätte es, wenn ein Eingreifen unabdingbar war, nicht gereicht, Yiğit zu bitten, sein T-Shirt auszuziehen? Wie kann die deutsche Bundesregierung jemals wieder die schlechten Bedingungen für Journalisten in der Türkei kritisieren, wenn sie vor Augen des türkischen Präsidenten einen kritischen Journalisten bei der Ausübung seines Rechts auf Pressefreiheit abführen lässt? Vielleicht war dieser Vorfall die beste Demonstration dafür, wie fragil und kontextsensitiv die Pressefreiheit selbst hierzulande zu sein scheint – und wie wichtig ihre beständige Verteidigung.

Schade war meiner Ansicht nach doch tatsächlich auch, dass niemand der anwesenden Journalistinnen und Journalisten direkt auf diesen Zwischenfall reagiert oder nur beunruhigt nachgefragt hat. Zumal die Regierung sich normalerweise auch so beherzt für das hohe Gut der Meinungsfreiheit einsetzt:

Dürfen Journalismus demonstrieren?

Es drängt sich eine Folgefrage auf: Dürfen Journalisten aktive Agenten ihrer Haltung sein, wenn diese sich mit ihrem Gegenstand der Berichterstattung überschneidet?

Eine interessante Debatte über die Vereinbarkeit der Rollen eines Journalisten entzündete sich neulich an der Frage, ob Journalisten auf No-AfD-Demos gehen dürfen, wenn sie gleichzeitig über die Partei berichten. Stellt eine Teilnahme ihre professionelle Integrität und Gewissenhaftigkeit infrage? Darf man einen Journalisten aufgrund seiner Wahrnehmung des Bürgerrechts auf freie Meinungsäußerung mangelnde Glaubwürdigkeit unterstellen?

Der Leipziger Büroleiter „Zeit“ fragte im Mai dieses Jahres, ob man am nächsten Tag wirklich glaubwürdig über die AfD schreiben könne, wenn man am Abend zuvor auf einer Demo Namens “AfD wegbassen” war.

Sein „Zeit Online“-Kollege Tilman Steffen antwortete entschieden: „Wer demonstrieren will, sollte nicht Journalist sein”.

Mit dem Anspruch des Objektivitätsgebots ist das eine valide Aussage. Aber in einer ausdifferenzierten Welt auch eine sehr privilegierte.

Wie kann man als Christ unvoreingenommen über Missbrauchsvorwürfe in der Katholischen Kirche berichten? Wie als Person mit Migrationshintergrund über die Ausschreitungen in Chemnitz? Als Frau über den Fall Kavanaugh? Als Homosexueller über die Verfolgung der LGBTQ-Community im Iran und Saudi Arabien? Wie kann man sich als Journalist nicht gegen die Zensur der Presse in der Türkei einsetzen wollen? Vor allem: Wer, wenn nicht die türkischen Journalisten?

Die nachrichtliche Abbildung der Außenwelt ist ein Produkt dessen, was passiert, wenn sich Berichterstatter an der Wirklichkeit abarbeiten und versuchen, bei ihrer Deutung wahrhaftig, transparent und rechtschaffen zu bleiben. Diesen Bestrebungen wirken immer entgegen: Zeitdruck, Kostendruck, Komplexität – und eben die eigene Sicht der Dinge.

Was bedeutet das für die aktive Arbeit als Journalist? Sollte man sein Streben nach Unvoreingenommenheit als journalistische Norm aufgeben, nur weil sich aus konstruktivistischer Perspektive die Realität nicht unabhängig vom mitfühlenden Subjekt erfassen lässt?

Die Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger und Wolfgang Donsbach kommen in ihrer Forschung zum Schluss, dass Objektivität vielleicht nie erreicht werden könne, der Wille zur Objektivität aber dennoch niemals als Handlungsmaxime aufgegeben werden dürfe. Denn dieses innere Bestreben schützt den Berichtenden davor, willentlich aus Eigeninteresse zu handeln. Es genügt tatsächlich, ehrlich zu versuchen, so unvoreingenommen wie möglich zu bleiben.

Das Streben nach einer möglichst großen Objektivität unterscheidet den Journalisten vom Werber, PR’ler oder Verschwörungstheoretiker. Es ist auch das, was in der öffentlichen Meinung einen Journalisten von einem Nicht-Journalisten unterscheidet: die relative Neutralität.

Journalisten versuchen die Realität nachrichtlich zu vermitteln, weil sie ihnen etwas bedeutet, weil ihnen die Welt, in der sie leben und die Menschen und Ereignisse über die sie berichten, wichtig und berichtenswert sind. Zu wichtig, um nicht nicht darüber berichten zu können. Sonst wären sie keine Journalisten geworden, so gut ist die Bezahlung dann ja doch nicht. Dementsprechend müssen Journalisten das Weltgeschehen ein bisschen persönlich nehmen, wie Harald Welzer in der „Zeit“ sagte:

„Wenn die Demokratie angegriffen wird und man sich selbst als Demokrat versteht, sollte man sich auch selbst gemeint fühlen und die Sache persönlich nehmen. Dann versteht man sofort, dass es sich bei alldem um einen gesellschaftspolitischen Konflikt handelt, nicht um ein pädagogisches Problem.“

Ich will ein Angebot zur Versöhnung zwischen dem Begriff Aktivist und Journalist machen. Journalismus bedeutet nicht nur, die Öffentlichkeit schlicht über Vorgänge zu informieren; guter Journalismus hilft ihr, unpädagogisch und ohne Manipulation, sich ein kritisches Urteil über diese Welt zu bilden. Wenn das schon als revolutionärer Akt gilt, dann sind Journalisten durch ihre Arbeit per se Aktivisten der Wahrheit und Pressefreiheit.

Journalisten müssen permanent öffentliche Interessen und das Recht der Öffentlichkeit auf Informationen verteidigen – und das taten die Kollegen in der Pressekonferenz indem sie da saßen und weiter dokumentiert haben, was dort geschah. Sie kämpften für die Pressefreiheit durch Ausübung ihrer pressefreiheitlichen Rechte.

Jürgen Klöckner beschreibt die Situation in seinem Blogeintrag so:

„Und statt aufzustehen, haben meine Kollegen Erdogan Fragen gestellt, für die es sonst so schnell keine weitere Gelegenheit gegeben hätte. Etwa über den im Exil lebenden Journalisten Can Dündar und, ob sich Erdogan für die Nazi-Vorwürfe gegen Deutschland entschuldigt hat.

[…] Statt aufzustehen, haben wir berichtet. Und das war gut so. So verstehe ich jedenfalls meinen Beruf.


Wenn aber selbst wir Journalisten uns gegenseitig anfeinden, weil wir unseren Job erledigen, dann haben die Feinde der Pressefreiheit schon gewonnen.“

Wenn Journalisten untersagt wird, ob aus Unvereinbarkeit mit ihrer Arbeit oder aufgrund eines pragmatischen Pressekonferenzprotokolls, sich für die Meinungsfreiheit einzusetzen, wünsche ich mir von der Regierung, die beständig die Meinungsfreiheit betont, dass sie in Zukunft umso deutlicher Signale setzt und sich umso mehr für diese einsetzt – ganz besonders, wenn jemand zu Besuch ist, dem dieses Recht nicht nur gleichgültig zu sein scheint, sondern der Journalisten nur aufgrund einer anderen Meinung verfolgt.

(Achtung, nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk tragen)

36 Kommentare

  1. Das T-Shirt war offensichtlich ein Statement und als solches eindeutig. Bei Erdogan sind (leider) auch Hinweise auf Grundrechte ein „politisches Anliegen“. Wenn ausdrücklich darauf verzichtet werden soll, sowohl zB im Bundestag als auch auf so einer PK, dann sollen Journalisten auch daran halten. Alles T-Shirts, die in der Kolumne gezeigt werden (auch Art 5 GG) sind daher nicht tolerabel, wenn der „passende“ Staatsgast kommt. Es hängt nicht von der Selbstverständlichkeit der Botschaft ab, sondern von der beabsichtigten Wirkung. Es geht um die Regel, die eingehalten werden soll, auch wenn selbst die Kanzlerin und Steffen Seibert gerne laut ausrufen würden, was Erdogan für ein schlimmer Autokrat ist.

  2. Nein, Selbstverständlichkeiten wie bestimmte Rechte dürfen nie wieder zu „politischen Anliegen“, zu Verhandelbarkeiten degradiert werden. Sie müssen verteidigt werden. Es war ein Armutszeugnis, ein unsäglicher Fehler, den Betreffenden abzuführen.
    Andererseits: ‌“ein harmloses T-Shirts […], das vermutlich untergegangen wäre, wenn man Yiğit nicht abgeführt hätte“ – Man konnte Yiğit wohl keinen besseren Gefallen tun, als ihn abzuführen. Nur so wurde das Anliegen öffentlich, nur so hat die Welt davon erfahren.

    BTW: Sehr schöner Text.

  3. Lange her, dass man mal wieder das so oft aus dem Kontext gerissene Zitat von Friedrichs in den tatsächlich gesagten Zusammenhang stellt.
    Wird aber nicht helfen. Trotzdem gut erklärt.
    Ansonsten wird es sich nie vermeiden lassen, dass Menschen, die berufsbedingt zur Objektivität verpflichtet sind, dennoch eine eigene Haltung haben. Es sind nicht nur Journalisten, die in ihrem Berufsalltag gezwungen sind, hier einen Kompromiss immer wieder hinzukriegen.
    Wenn Kevin (16) in einen Pfirsich beißt und dann verkündet, der Apfel schmecke nach Eistee, kann ihn der Lehrer auch nicht rauswerfen, obgleich der Impuls verständlich wäre, er muss ihn behandeln wie jeden anderen Schüler.
    Ärzte müssen dem nörgelnden Patienten ebenso gelassen gegenüber treten, wie dem Patienten, dem wirklich etwas fehlt.
    Da hat es der Journalist eigentlich viel einfacher. Er muss mit seiner Meinung gar nicht hinter dem Berg halten. Es genügt, wenn er diese klar erkennbar in seiner Arbeit von den Fakten trennt und dabei möglichst keine Fakten weglässt, die der eigenen Haltung wenig gefällig sind.

  4. „Es genügt, wenn er diese klar erkennbar in seiner Arbeit von den Fakten trennt (…)“
    Na, das sehen viele Lügenpresse-Schreihälse aber nicht so.
    Merke: Privatperson darf beleidigen, Unwahrheiten verbreiten und seine Meinung unbelegt und ungefragt kundtun, während „der Journalist™“ gefälligst neutral zu bleiben hat, immer und überall.

  5. @ Lars (3)
    Sie schreiben: „Nein, Selbstverständlichkeiten wie bestimmte Rechte dürfen nie wieder zu „politischen Anliegen“, zu Verhandelbarkeiten degradiert werden. Sie müssen verteidigt werden. “. Was heißt das in der Sache für Journalisten in der PK? Dass diese nicht nur ein T-Shirt mit entsprechender Aufschrift tragen dürfen, sondern müssen? Oder noch besser: Dürfen (oder sollen) Journalisten in der PK mit Erdogan statt zu sitzen lieber stehen und durchweg „Pressefreiheit“ alle paar Sekunden halblaut sagen? Oder das besser rufen? Oder besser schreien? Wo beginnt und endet das dürfen (oder gar müssen)? Daher: Nur kritisch fragen in der PK, sonst gar nichts! Oder aber nicht da hingehen.

  6. @ 5 Anderer Max
    Ja, das ist was dran. Wenn es aber Journalismus gäbe, der sich ausschließlich an die Kriterien des reinen Berichtes hält, und sich auf das „Wann, was, wer, wo“ beschränkt, dann würde es beizeiten alle langweilen, mit großer Wahrscheinlichkeit auch die Kritiker, die ihren Unmut so gern mit dem Skandieren von „Lügenpresse“ kundtun.

  7. Die meisten Kritiker sind doch gar keine.
    Die „Kritik“ dient größtenteils nur als Deckmantel für die eigene Agenda.
    Da ist Medienkritik nur das Vehikel für einen ideologischen Rundumschlag gegen Andersdenkende.
    Und dann ist auch der Anlass egal: Zu knallig oder zu dröge, zu grün oder zu bunt.

    Sachliche, faire Kritik mit dem Ziel einer Verbesserung, das findet man nicht häufig. Umso höher muss man Stefan Niggemeier und Co. loben!

  8. Samira el Ouassins Kolumnen sind eine Bereicherung in Übermedien, nur eine Frage am Rande: Wie wird man „durch Zufall“ Bundeskanzlerkandidatin und lässt sich das vielleicht zu gegebener Zeit wiederholen?

  9. Ich stimme Jens‘ Kommentaren zu. Der Artikel wirkt auf mich ein bisschen scheinheilig.

    Egal wie harmlos die T-Shirt-Aufschrift an sich war, natürlich war das eine geplante Provokation gegen Erdogan. Und „Irgendwann steht er auf und beginnt Fotos zu machen.“ Naja, er wird vermutlich vor allem aufgestanden sein, um Erdogan sein T-Shirt zu zeigen. Und dann ruft Yiğit beim Abführen „Was habe ich gemacht? Ich habe nichts gemacht!“ Doch, er hat was gemacht und weiß das auch ganz genau und hatte das geplant. Insofern ist es doch nur folgerichtig, dass er aus der PK gewiesen wurde. Und der Effekt, also dass jetzt alle drüber reden, der ist doch gelungen, also ist für Yiğit alles gut.

    Als Aktivist kann man natürlich so eine Aktion machen. Dient ja einer guten Sache. Wenn man das als Journalist macht, habe ich vor allem deswegen ein Problem damit, weil dieses Opfergehabe drumherum dann doch unaufrichtig oder eben scheinheilig ist. Und unaufrichtig sollte ein Journalist auch im Dienste einer guten Sache nicht sein. Finde ich.

  10. Toller Artikel!
    Bei

    Wie kann man als Christ unvoreingenommen über Missbrauchsvorwürfe in der Katholischen Kirche berichten? Wie als Person mit Migrationshintergrund über die Ausschreitungen in Chemnitz? Als Frau über den Fall Kavanaugh? Als Homosexueller über die Verfolgung der LGBTQ-Community im Iran und Saudi Arabien?

    fällt mir ein: „Wie kann man als Moslem, Protestant oder Atheist unvoreingenommen über Missbrauchsvorwürfe in der Katholischen Kirche berichten? Wie als Sachse oder Wessi über die Ausschreitungen in Chemnitz? Als Mann über den Fall Kavanaugh? Als Araber oder Iraner über die Verfolgung der LGBTQ-Community im Iran und Saudi Arabien?“ Die „Beschränkung“ der eigenen Objektivität ist ja quasi immer da. Und wenn man überhaupt keinen Bezug zum Thema hat, wieso darüber berichten wollen? Bspw., wäre ein Journalist, der sich absolut rein gar nicht für Fußball interessiert, nach dem Kriterium der „ideale“ Reporter fürs nächste Revierderby.
    Die einzige Lösung, die mir dazu einfällt, ist – wie dargestellt – das eigene Bemühen, möglichst dicht an der Wahrheit zu sein und möglichst ehrlich die eigene (mögliche) Voreingenommenheit anzugeben.
    Wobei ich es jetzt etwas übertrieben finde, jedesmal zu posten: „Offenlegung: als Journalist/In hängt mein komplettes Berufsfeld von der Pressefreiheit ab.“, wenn man über Erdogan berichtet.

  11. Ingo:

    „Egal wie harmlos die T-Shirt-Aufschrift an sich war, natürlich war das eine geplante Provokation gegen Erdogan.“

    Wenn sich jemand von einer Selbstverständlichkeit provoziert sieht, sehen Sie also absolut kein Problem darin?

    Sollen Journalisten also in Zukunft alles unterlassen, was provozieren könnte?

  12. Stefan:

    Naja, wo würden sie die Grenze ziehen? Sollen jetzt Journalisten bei Pressekonferenzen mit Putin Regenbogen-T-Shirts anziehen oder LGBT-Flaggen schwenken? Sollen beim spanischen Staatsoberhaupt Katalonien-T-Shirts zulässig sein? Ab wann werden Pressekonferenzen dann zu Politaktionsshows?

    Ich bestreite ja nicht, dass die Aufschrift harmlos bzw. eine Selbstverständlichkeit war. Aber natürlich war das eine geplante Aktion, weil jeder weiß, wie dünnhäutig Erdogan (unter anderem) auf diesem Gebiet ist. Ich glaube, dass eine Pressekonferenz der falsche Ort für so eine Aktion ist.

    Und nochmal: Ich hätte auch viel weniger Probleme damit, wenn Yiğit das als politische Aktion verkauft hätte, was es ja schließlich war. Sich stattdessen als Opfer zu gerieren, so nach dem Motto „Huch, ich weiß gar nicht, warum ich hier unterdrückt werde“, das missfällt mir vor allem deswegen, weil es, naja, schon ein bisschen verlogen ist. Und das will ich bei Journalisten nicht.

  13. @ Jens/Ingo S:

    Bin ganz eurer Meinung. Angenommen, da wäre jemand mit einem AKP-Slogan auf dem T-Shirt aufgetreten, wir würden hier nicht diskutieren. Und es würde vielleicht auch einem Journalisten mit AfD-Gesinnung gelingen, dort einen vermeintlich unverfänglichen Spruch mit sich herumzutragen. Der ach so tapfere Tichy wiederum hätte gewiss anders geurteilt, wenn auf einem Journalisten-T-Shirt ein wie auch immer gestaltetes Migranten-freundliches Zitat gedruckt wäre.

    Wir müssten also darüber befinden, welche Botschaften selbstverständlich sind und welche nicht. Nun, die Hausordnung dort mag konservativen Charakter haben, aber sie hat sich bewährt. Die Bitte, den Saal zu verlassen, mit den Zuständen in der Türkei zu vergleichen – das ist absurd und verharmlost das, was Erdogan treibt.

  14. Egal wie harmlos die T-Shirt-Aufschrift an sich war, natürlich war das eine geplante Provokation gegen Erdogan.

    Dass sich Herr Erdogan von der Forderung nach Pressefreiheit möglicherweise provoziert fühlt sollte aber allein Herrn Erdogans Problem sein. Und bleiben.
    Er fühlt sich vielleicht auch von einer weiblichen Regierungschefin provoziert. Sollte man dem dann auch nachgeben?

  15. @4 Jub
    „Wenn Kevin (16) in einen Pfirsich beißt […] kann ihn der Lehrer auch nicht rauswerfen, […] er muss ihn behandeln wie jeden anderen Schüler.“

    Essen während des Unterrichts ist untersagt. „Raus!“ :P

  16. @16: Volle Zustimmung.
    Was ist hier los? Seit wann müssen Journalisten in einer Demokratie den Befindlichkeiten autokratischer Staatsoberhäupter nachgeben?
    Auf diese Provokationen waren „wir im Westen“ mal stolz – Wir konnten zeigen, was bei uns alles erlaubt ist, ohne Repressalien erfahren zu müssen.
    Wisst ihr noch, dieses Exportgut „Freiheit“, prominent am Hindukusch verteidigt und so?
    Und jetzt muss sich der deutsche Journalist schon das Shirt vom Leib reißen, weil dort ein Grundrecht unserer Verfassung abgedruckt ist?

    Dieses Argument mit dem „natürlich hat er provoziert …“
    Ja toll. Das ist das Mädchen mit dem Minirock. Hätte sich ja ne Hose anziehen können, wenn sie nicht vergewaltigt werden will, hmpf.

  17. „Dieses Argument mit dem „natürlich hat er provoziert …“
    Ja toll. Das ist das Mädchen mit dem Minirock. Hätte sich ja ne Hose anziehen können, wenn sie nicht vergewaltigt werden will, hmpf.“

    Ich sehe jetzt wirklich keinen Grund für derart geschmacklose Unterstellungen.

  18. Interessant übrigens, dass Sie das Emtionalisierende skandalisieren und den eigentlichen Inhalt ignorieren.
    Den Grund für die gewählte Analogie habe ich sogar genannt.
    Was genau verstehen Sie daran nicht?

  19. Das ist jetzt ein bisschen anstrengend.

    Ich habe in meinen Kommentaren infrage gestellt, ob eine Pressekonferenz der richtige Ort für solcherart Aktionen ist (und bitte, es ist doch offensichtlich, dass das eine geplante Aktion war) und ob es richtig ist, dass ein Journalist (in seiner Rolle als Journalist) dann solche Reaktionen provoziert und sich dann als Opfer darstellt, was einfach unaufrichtig ist. Darüber kann man sicher diskutieren.

    Stattdessen unterstellen Sie und andere Kommentatoren mir lauter Behauptungen, die ich nie gemacht habe. Natürlich ist die Forderung auf dem T-Shirt harmlos, das habe ich doch wiederholt geschrieben. Wo genau habe ich irgendein Einverständnis mit Erdogan gezeigt? An welcher Stelle habe ich Verständnis für die Vergewaltigung von Frauen bekundet?

    „Interessant übrigens, dass Sie das Emtionalisierende skandalisieren und den eigentlichen Inhalt ignorieren.“ Äh, ich? Habe ich hier irgendwen beleidigt?

    Auch wenn Ihr das sowieso wieder überlest: Ich habe Verständnis für alle möglichen Proteste gegen Erdogan und seine Politik. Herr Yiğit hätte von mir aus die PK als Forum für eine Protestaktion nutzen können, wenn er dabei aus seiner Rolle als Journalist ausgetreten wäre und damit aufrichtig geblieben wäre. Ich fand z.B. Böhmermanns Schmähgedicht großartig, weil Jan Böhmermann in seiner Rolle geblieben ist und das alles als Satire gekennzeichnet hat. Man muss kein Erdoganversteher sein, um für die Einhaltung bestimmter Regeln zu sein.

    Das gilt auch für Kommentarspalten wie diese hier. Ich fänd es ja besser, wenn wir hier auf Unterstellungen und Beleidigungen verzichten würden. Zumal, wenn wir in den eigentlichen Zielen vermutlich vollkommen einig sind und es nur darum geht, wie diese Ziele verwirklicht werden können. Euer Beißreflex nervt einfach.

  20. @22:
    „Ich fänd es ja besser, wenn wir hier auf Unterstellungen und Beleidigungen verzichten würden“
    Ich auch, dann lassen Sie es doch bitte.

    „als Opfer zu gerieren“,
    „Huch, ich weiß gar nicht, warum ich hier unterdrückt werde“
    „es ein bisschen verlogen ist.“
    „aus seiner Rolle als Journalist ausgetreten und damit aufrichtig geblieben wäre.“

    Sie sind bisher der Einzige hier, der Herrn Yigit Unaufrichtigkeit, Opferinszenierung und Verlogenheit unterstellt.
    Darauf basiert dann Ihre restliche Argumentation.

  21. Anderer Max:

    Das habe ich aber auch begründet. Herr Yiğit hat dieses T-Shirt doch nicht zufällig angezogen, oder glauben Sie, seine anderen T-Shirts waren alle in der Wäsche?

    Natürlich war das eine bewusste Provokation, oder bestreiten Sie das?

    Das Thema Pressefreiheit in der Türkei ist doch nun wirklich seit längerem ein Streitpunkt, das wird ja aus Deutschland schon seit Monaten scharf kritisiert (zurecht natürlich) und von der Tükei/AKP/Erdogan bestritten (verlogen natürlich). Insofern ist eine solche Aufschrift provozierend, das wusste Herr Yiğit, und dann darf er sich über den Rauswurf einfach nicht beklagen. Einfach so zu tun, als sei das alles ganz überraschend gekommen, ist unglaubwürdig, und das gilt auch für den Artikel hier, zumindest die einleitenden Absätze.

    Ich verstehe nicht, warum Sie das veranlasst, mir zu unterstellen, ich würde die Vergewaltigung von Frauen befürworten oder inwieweit sie diesen Vergleich für angemessen halten?

    Es geht doch darum, dass wenn man sich nicht an bestimmte Grundsätze hält, man dies auch vom poitischen Gegner nicht einfordern kann. Und bevor sich jetzt linke und rechte Journalisten in Pressekonferenzen gegenseitig mit (natürlich ganz unverfänglichen) politischen Forderungen zu übertreffen versuchen, sollte man das vielleicht besser gleich zu Beginn unterbinden. Ist halt meine Meinung.

    Und nur weil ich ja grundsätzlich vermutlich mit Herrn Yiğit in Bezug auf die Pressefreiheit in der Türkei völlig einig bin, darf ich doch trotzdem Kritik üben, wenn ich seine Vorgehensweise für kontraproduktiv halte. Oder?

  22. Faschistischer Autokrat lässt hunderte Journalisten einsperren, faschistischer Autokrat gibt Pressekonferenz vor Journalisten.
    Was gibt es für einen besseren Ort, um für seine Berufskollegen einzustehen? Die Kollegen in türkischen Knästen haben sich auch immer an die Regeln gehalten und keine „bösen“ T-Shirts getragen. Hat prima geholfen.

  23. Schnellinger:

    Ja, genau, da bin ich ganz und gar Ihrer Meinung. Ein perfekter Ort für eine Protestaktion.

    Aber dann bitte nicht so tun, als hätte man gar nicht protestiert. Das ist mein Punkt!

  24. @24:
    „bestreiten Sie das?“
    Darum geht es nicht – Man kann den rosa fliegenden Elefanten nicht widerlegen.
    Sie nehmen diesen an und begründen damit (axiomatisch) den Rest.

    „Ich verstehe nicht, warum Sie das veranlasst, mir zu unterstellen, ich würde die Vergewaltigung von Frauen befürworten“
    Darum geht es nicht.
    Außerdem habe ich das nicht unterstellt, drehen Sie mir nicht die Worte im Mund um. Das war eine Analogie zur Sinnhaftigkeit des Arguments.
    Genauer geht es um die Verantwortung des Opfers bei der Ursache einer Straftat.
    Ich könnte Ihnen jetzt auch unterstellen, dass Sie das Emotionalisierende ganz bewusst nun weiter thematisieren, weil der Rest der Argumentation sehr sehr dünn ist. Aber das kann ich ja nicht belegen.

    „Oder?“
    Klar dürfen Sie, aber ich darf auch auf Schwächen in Ihrer Argumentation hinweisen.

    „darf er sich über den Rauswurf einfach nicht beklagen“
    Doch. Das darf er. So wie Sie sich darüber beklagen dürfen, dass er sich darüber beklagt. Darüber darf ich mich dann auch wieder beklagen.

    Siehe noch mal bitte #16:
    „Frau Merkel provoziert Herrn Erdogan mit ihrem Geschlecht, da muss sie sich nciht wundern, wenn sie ausgeschlossen wird.“
    Das ist das gleiche Argument, nur statt „T-Shirt Aufdruck“ ist das Geschlecht der ausschlaggebende Faktor.
    Oder eben der Minirock … Das ist doch nicht so schwer zu verstehen?

  25. Anderer Max:

    Nein, da komme ich jetzt nicht mehr mit, sorry. Muss daran liegen, dass ich den Ausschluss von Frau Merkel nicht mitbekommen habe. Und das mit der Straftat.

    Ich lass es dann auch mal gut sein.

    Allen noch einen schönen Tag!

  26. Frau Merkel wurde nicht ausgeschlossen.
    Müsste sich Frau Merkel denn wundern, ausgeschlossen zu werden, wenn sie das gleiche Shirt getragen hätte? Darf Frau Merkel unsere verfassungsmäßigen Freiheitsrechte vor Herrn Erdogan verteidigen, oder muss sie sich auch neutral verhalten, wie Journalisten?
    (Darf eine Politikerin politisch sein?)

    Die „Straftat“ war tatsächlich keine, schließlich ist das Ausschließen von unliebsamen Journalisten auf Pressekonferenzen anscheinend noch völlig legitim, sofern die Befindlichkeit eines türkischen Staatspräsidenten gestört wird.

    Das erinnert mich alles an ein neunmalkluges Zitat:
    „Erst wurden die Juden verfolgt. Ich bin nicht für die Juden aufgestanden, weil ich keiner bin.
    Dann wurden die journalisten verfolgt. Ich bin nicht für die Journalisten aufgestanden, weil ich keiner bin.
    (…)
    Jetzt werde ich verfolgt und es ist keiner mehr da, der für mich aufsteht.“

    Demokratische Solidarität ist keine, wenn sie nur in den Grenzen stattfindet, die wir mögen und gern haben.

    Schönen Tag zurück.

  27. @18
    „…und jetzt muss sich der deutsche Journalist das Hemd vom Leib reißen…“
    Ist hier die Staatsangehörigkeit des Journalisten relevant?
    Hat sich der Journalist das Hemd vom Leib gerissen? Wirklich?

  28. @30: Nein und nein.

    In der der siebten Klasse musste ich mal den Unterricht verlassen, weil auf meinem Shirt stand „Ich scheiß‘ drauf, deutsch zu sein.“
    Die Erklärung, dass ich das haargenau so meine, wie es da steht (Nationalität ist egal) und nicht etwa „Ich scheiß‘ auf Deutschland“ (wie mir untertellt wurde) wurde seitens des Lehrers als unglaubwürdig zurückgewiesen.
    „Oben ohne“ hatte er übrigens nicht als Alternativlösung akzeptiert.

  29. Anderer Max,

    vielleicht kommen Sie mal wieder auf den Teppich zurück.

    „schließlich ist das Ausschließen von unliebsamen Journalisten auf Pressekonferenzen anscheinend noch völlig legitim, sofern die Befindlichkeit eines türkischen Staatspräsidenten gestört wird.“

    Der Herr wäre wahrscheinlich auch ausgeschlossen worden, wenn er im selben Raum bei einem anderen Termin so aufgekreuzt wäre. Ich gehe sogar soweit bei meiner Vermutung, dass er evtl. enttäuscht gewesen wäre, wenn sich niemand um sein Outfit gekümmert hätte.

    Der Hinweis auf die Juden-Verfolgung, nun ja… aus meiner Sicht (Enkel eines im KZ ermordeten Juden) ist das eher etwas, was durch inflationären Gebrauch relativiert wird.

    Aber mich würde es interessieren, ob Sie selbst jedweden T-Shirt-Spruch bei einer solchen Pressekonferenz dulden würden. Also auch irgendeinen Spruch, der – wie ich oben schon mal ausführte – zum Beispiel Ihren eigenen politischen Ansichten komplett widerspricht. Und falls nicht: Wer, denken Sie, sollte darüber befinden, welche Zitate zu tolerieren seien und welche nicht? Nach welchen Kriterien?

    Wenn man die Hausordnung kritisiert und das Verhalten einiger Journalisten dort, ist das doch die spannende Frage: wie sollte es besser laufen, Ihrer Meinung nach? Wie sieht die Regelung aus, die Sie empfehlen würden?

  30. Vom Grundsatz her könnte man auch einen Journalisten* im Minirock rausschmeißen. Wegen Hausrecht und so. (Und weil es evt. unfair gegenüber den vielen Demonstranten ist, die keine Journalisten sind und daher nie zu solchen Pressekonferenzen kommen. Das Kanzleramt steht allerdings nicht in der Bannmeile.)
    Auch darf man keine politischen Forderungen, und seien sie noch so legitim, an irgendwelche Häuserwände schreiben, ohne die Hausbesitzer um Erlaubnis zu bitten. Und ggfs. Miete zu zahlen.

    Aber ja, auch Journalisten dürfen provozieren, aber das Kanzleramt darf sich auch provozieren lassen. Und ich kann überlegen, ob ich jemanden, der sich von sowas provozieren lässt, wähle.

    * Journalist (m/w), wohlgemerkt. Gleiches Un/Recht für alle.

  31. Wahrscheinlich hätte ich in einem ersten Reflex den Rausschmiss des Journalisten empörend gefunden, hätte ich nicht vorher diesen Artikel und die ausführlich argumentierenden Kommentare dazu gelesen.
    Überzeugend finde ich, dass es bei einer PK auf präzise gestellte Fragen der Journalisten ankommt, die Antworten müssten dann für sich sprechen.
    Natürlich kann auch eine PK durch Aktionen „aufgemischt“ werden, die Reaktion der Ordner ist voraussehbar und von den Aktivisten klugerweise eingeplant.
    Wenn sich nun ein akkreditierter Journalist in der PK zum Aktivisten wandelt, kann und sollte eine solche Aktion auf ihre Wirksamkeit hin diskutierbar sein (Stichwort lächelnder Erdogan).
    Der Artikel hat diese Diskussion m.E. gut auf den Weg gebracht.

  32. Agierte Yiğit hier als Aktivist und vermischte er seine professionellen Rollen?

    a) Ja b) er beschränkte sich nicht mehr auf seine EINE professionelle Rolle. (Es sei denn sie unterstellen ihm, auch professioneller Aktivist zu sein)

    „Dürfen Journalisten bei ihrer Arbeit grundsätzlich keinen Protest äußern?“

    Doch. Und er hat meine uneingeschränkte Sympathie dafür. Gerade in einer bilateralen Pressekonferenz kann das aber nun mal dazu führen, dass man als Aktivist behandelt wird. Muss einem im konkreten Fall nicht gefallen, liegt aber nun mal in der Logik solcher Veranstaltungen.

    Ich glaube nicht, dass das für professionelle Journalisten eine überaus verblüffende Neuigkeit sein kann. Es dann in einem journalistischen Bericht anders zu verkaufen, ist mir persönlich dann wiederum zu -vorgeblich naiv- aktivistisch.

    Wenn man das durchbrechen will, müsste man halt -wenn schon nicht alle- zumindest den Großteil der anwesenden deutschen Journalisten dazu bringen, sich daran zu mitzubeteiligen. Das könnte dann spannend werden.

    Spannend wäre allerdings, wie das ganze bei einer Bundes-PK mit Rajoy gelaufen wäre, mit aufstehenden Journalisten mit T-Shirtaufdruck „Demokratie für Katalonien“. Gegen Demokratie wird ja hoffentlich auch keiner was haben.

    Ich fürchte, die Beurteilung von der persönlichen konkreten Sympathie für den T-Shirtaufdruck leiten zu lassen, springt einfach zu kurz. In anderen Worten: Das ist mir zu -vorgeblich naiv- unprofessionell.

  33. Durch jüngste Ereignisse (und Missverständnisse) ist Yigit ja wieder Thema in den Medien. Gerne in Verbindung mit Fotos aus der Pressekonferenz.

    Im Gegensatz zu den Beispielbildern hier im Artikel ist deutlicher das es sich um politischen Protest handelt. T-Shirt über Hemd? Das ist keine modischer Fauxpas sondern Absicht.

    Und auch bei der Abschiebung scheint Yigit Probleme zu haben die Regeln zu verstehen. Obwohl ihm in persönlichem Gespräch die Alternative aufgezeigt wurde macht seine Zeitung, nachdem der offizielle Teil per Post zugestellt wurde, ein Fass auf.

    Die genannte Alternative für ein Bleiberecht zieht er dabei wohl nicht mal in Betracht.

    Auch wenn ich Opposition gegen Erdogan grundsätzlich für nötig erachte, guter Journalismus war das nicht.

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