RTL und „Bunte” lassen Helene Fischer in ihrem neuen Haus nicht allein

Wer sich, warum auch immer, heute noch ein ePaper der vorletzten „Bunte“-Ausgabe kauft, wird sich vielleicht ärgern. Ist das ein Fehler? Wieso sind da gar keine Bilder von Helene Fischer? Kann ich mein Geld zurückverlangen?

Graue Zukunft? „Bunte“-Doppelseite über Helene Fischer Ausriss: Bunte

Wo ursprünglich mal viele Fotos zu sehen waren, ist jetzt nur noch tristes Grau und der permanente Hinweis:

„Aus rechtlichen Gründen darf dieses Bild nicht mehr veröffentlicht werden. Wir bitten um Ihr Verständnis.“

Nun liegt es an den Leserinnen, ob sie Verständnis dafür haben, dass „Bunte“ Fotos veröffentlicht hat, die das private Richtfest im gerade entstehenden Privathaus der Sängerin Helene Fischer zeigten – und die nun offensichtlich von deren Medienanwalt abgemahnt wurden.

„Bunte“-Methoden

Dass Bilder nachträglich entfernt oder Textstellen geschwärzt werden, kommt dauernd vor bei „Bunte“; das ist offenbar eingepreist beim Burda-Verlag: erst mal drucken, notfalls wieder löschen. Die Ordner mit solcherlei juristischen Vorgängen dürften dick sein inzwischen, und manchmal kosten „Bunte“ ihre Methoden auch Geld: Für einen schamlosen Titel über Michael Schumacher („Er kann wieder gehen“) musste das Blatt 50.000 Euro Entschädigung zahlen.

Die Autorin damals war, wie jetzt beim Richtfest: Tanja May, die stellvertretende Chefredakteurin. Sie schreibt, als wäre sie auf der Baustelle dabei gewesen und zitiert auch „sehr private Worte“, die Helene Fischer an die „Festgesellschaft“ richtete. „Selbst gestandene Bauarbeiter wischen sich in diesem Moment kurz über die Augen.“

Woher May weiß, wie es beim Richtfest war und wer was sagte? Wahrscheinlich aus den Videos, die irgendwer bei der Feier gedreht und dann weitergegeben hat. Mehrere Fotos in „Bunte“ waren Standbilder aus diesen Aufnahmen. Und ausgestrahlt wurde das Filmmaterial auch: natürlich bei RTL.

In „Guten Morgen Deutschland“ liefen Ausschnitte und bei „Exclusiv“, dem Starmagazin mit Frauke Ludowig, was wiederum andere Medien aufgriffen: „Bild der Frau“ schrieb die RTL-Berichte ab, „Focus Online“ auch, „Das Neue Blatt“ berichtete ebenfalls über das Richtfest, und die Resterampe „Intouch“ zeigte wiederum die Doppelseite aus dem „Neuen Blatt“, quasi als Zitat. Teilweise sind auch diese Berichte nun wieder verschwunden.

„Hereinspaziert, hereinspaziert!“, grölte „Intouch“ zunächst ganz unverhohlen und lud – ganz investigativ – zum gemeinschaftlichen Glotzen ein, auch das Ordnungsamt. „Ohne Mundschutz und ohne Abstand“ hätten Familie und Handwerker da gesessen! Dabei habe Frau Fischer als „Superstar“ doch eine „Vorbildfunktion“, mahnte die „Intouch“-Redaktion scheinheilig.

„Für einen ganz kleinen Kreis“

Wobei sich das alles natürlich noch unterbieten lässt, und dafür ist naturgemäß „Die Aktuelle“ zuständig, eine klebriges Heftchen aus der Funke-Mediengruppe, die mit so etwas Geld verdient. „Das war’s!“, steht groß auf dem Titel der Zeitschrift. Und: „Kann sie jemals wieder jemandem vertrauen?“

„Die Aktuelle“ vom 26.9.2020

Alles soll so aussehen, als wäre Helene Fischers Beziehung zu dem Akrobaten Thomas Seitel endlich im Eimer. Klatschblätter versuchen das seit Monaten herbei zu schreiben, auch „Die Aktuelle“ nun wieder.

Es habe ein Fest „für einen ganz kleinen Kreis“ sein sollen, „nicht für die Öffentlichkeit bestimmt“ – was „Die Aktuelle“ jedoch nicht davon abhält, ebenfalls Fotos von der Feier zu zeigen, auch sie stammen offenbar aus dem verbotenen Video. Die Gesichter von Helene Fischer und Thomas Seitel, neben denen steht, dass es die Gesichter von Helene Fischer und Thomas Seitel sind, hat irgendein ganz heller Kopf in der Redaktion, jawohl: verpixelt.

„Offensichtlich hatte jemand einen Maulwurf eingeschleust. Was für ein Schock muss das für Helene Fischer gewesen sein?“, heuchelt „Die Aktuelle“ und spekuliert schon mal, so irrsinnig es auch ist, ob Helene Fischer vielleicht „sogar mit dem Gedanken spielt, dass ihr Thomas dafür verantwortlich sein könnte“. Das wäre doch dann mal ein Trennungsgrund! Und: „Kann ihr Ex-Freund Flori [Silbereisen], 39, sie jetzt aus ihren Zweifeln befreien?“

Es ist alles so billig, so durchschaubar.

„Bunte“ vom 17.9.2020

Rücksicht auf die Privatsphäre von Prominenten ist solchen Medien fremd. Thomas Seitel, der sich voriges Jahr im „Zeit-Magazin“ ausführlich über all die Berichte, die Belagerung beklagte, wird von RTL nun mit einem Satz aus diesem Interview zitiert. Es sei ein „Gefühl von Ohnmacht“, auf einmal in Medien stattzufinden, „ohne wirklich etwas geleistet zu haben“. Eine Ohnmacht, die Medien wie „Bunte“, RTL und andere hemmungslos ausnutzen.

Wer das Video und die „Exklusiv-Fotos!“ („Bunte“) tatsächlich gemacht hat, ist unklar. Natürlich findet sich nirgends der übliche Hinweis auf den oder die Urheber*in. Aber „Bunte“ ist die Herkunft von Fotomaterial ohnehin ein bisschen egal.

Kürzlich erst veröffentlichte das Magazin schon einmal Fotos aus einer zwielichtigen Quelle: Angeblich war ein maskierter Mann über den Zaun einer Baustelle geklettert, am helllichten Tag, und ganz zufällig stand irgendwer daneben und knipste. Vieles deutet darauf hin, dass es ein für Medien inszenierter „Einbruch“ war, was „Bunte“ (und auch „Bild“) aber offenbar nicht störte.

Es war jene Baustelle, auf der Helene Fischer nun Richtfest feierte.

9 Kommentare

  1. Corona sei Dank, ist dieser unsägliche Müll mittlerweile aus Wartezimmern und sonstigen Wartebereichen bei Frisören u.a. verbannt. RTL und sonstige liessen sich bei mir nur durch einen neuerlichen Sendersuchlauf reaktivieren und das Zeitschriftenregal im Supermarkt meiner Wahl ist durch allerlei Zeugs weitestgehend Blickdicht zugestellt.
    Nur beim Bezahlen an der Kasse, wenn man neben den üblichen Verdächtigen steht, lässt sich noch ein Blick auf die Cover erhaschen.

  2. Sehr guter Artikel. Danke dafür. Besser kann man die Situation nicht darstellen. Ich frage mich, warum dürfen diese bunten Blätter ihren Müll immer weiter verbreiten.

  3. Ich frage mich:
    Mit welcher gut durchdachten Strategie, die das notwendige Recht einer unzensierten Presse nicht beschädigt, könnte der Missbrauch derselben unterbunden werden.
    Auch wenn mich viele der „Prominenten“ nicht interessieren, haben diese inzwischen mein Mitgefühl. Dieser ständige Kampf um ein bisschen Privatsphäre, stelle ich mir sehr zermürbend vor.

  4. @3: Durch Erziehung?
    Ich bin noch während des Lesen lernens mit einem Dampflok gezogenen Personenzug zur Schule gefahren. Raucherabteile inbegriffen. Die B*** lag schon damals dort überall zerfetzt rum.
    Mutter wurde regelmässig sauer, wenn wir Geschwister aus den Schlagzeilen zitiert haben. B*** zu lesen war uns verboten.
    Sowas prägt…
    Ich frage mich aber immer(wieder), ob es Spiegel gibt, die beim hineinschauen morgens nicht blind werden.
    Gibt es wohl…

  5. @3: indem die nicht ganz so unanständige Presse deutlich und schmerzhaft Position bezieht? Diese ***-Blätter komplett ignoriert, ihre Themen nicht aufgreift, ihre Mitarbeiter, Herausgeber, Verleger konsequent ausschliesst, auslädt, abweist?

    Aber die seinerzeitige von keinerlei Verantwortungsbewusstsein geprägte Reaktion auf das Caroline-Urteil quer durch alle Redaktionen des Landes und später die Wulffs-Jagd lassen jede Hoffnung darauf illusorisch erscheinen.

    Von Medien, die bei der kleinsten eingebildeten Gefahr ihre ach so grosse Bedeutung proklamieren, um dann auf ihre Verantwortung angesprochen sich mit „wir tun nix, wir berichten nur“ herauszureden, ist nichts zu erwarten — die hier kritisierten Presse-Produkte zeigen die verbreitete Presse-Ethik eben nur ganz nackt und ungeschminkt.

  6. @5: Ich meinte natürlich Strategien die nicht darauf angewiesen sind, dass wir andere Menschen haben. Apelle an Verantwortungsbewustsein oder moralische Haltungen funktionieren nur bei einem Teil. Ich dachte eher an das was diese Blätter mit dieser Berichterstattung anstreben. Geld und Gewinn. Sollte einer der „Promis“ ein Urteil erstreiten können, dann müsste die Konsequenz den gesamten Umsatz (nicht nur Gewinn) der Ausgabe betreffen. Ich vermute dann lässt sich das Geschäftsmodel nicht mehr lukrativ betreiben. Die Pressefreiheit wäre auch nicht beschädigt, weil die Basis ein Urteil durch ein unabhängiges Gericht wäre. Müsste man nur wollen, das effektiv zu unterbinden, den Missbrauch der Pressefreiheit.
    @3: Erziehung ist keine verlässliche Strategie :-)

  7. Tanja May, eine dieser herausragend dummdreisten Figuren im Schmierblätterwald, die einfach nicht begreifen wollen, wo Anstand, Moral und Gesetz Grenzen setzen. Unvergessen ihr widerliches Verhalten rund um den Kachelmann-Prozess: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/11404/sonnengruesse-von-der-tanja-may/

    Schade, dass solche Leute für ihre Verfehlungen nicht direkt und persönlich zur Verantwortung gezogen werden können, sondern die Verlage die Rechnung begleichen.

  8. Fatal finde ich, dass der Begriff „Lügenpresse“ im toitschen Blätterwald durchaus seine Berechtigung hat.
    Hier findet gelegentlich das Eichhörnchen seine vergrabenen Nüsse nicht mehr, wählt sich stattdessen den Marder zum Scheff.
    Tja…

  9. Hmm, „toitsch“, interessante Wortwahl.

    Nach Durchlesen einiger Google-Ergebnisse interpretiere ich das so:
    „teutsch“ ist ironische Überspitzung für sehr deutsche Ansichten / Verhaltensweisen, u. A. zu Hitlerzeiten. Hat bestimmt auch was mit der harten Aussprache des „t“ zu tun im Vergleich zum „d“.

    Ich vermute „toitsch“ soll dann die durchaus gängige linksalternative Schreibweise von „eu“ karikieren.
    Das soll, so meine Vermutung, dann wohl suggerieren, dass die deutsche Medienlandschaft eine linksalternativ geprägte sei, die mit ähnlich faschistoiden Methoden arbeitet, wie der „Teutsche“ vor mehr als 75 Jahren.

    Also das Standardnarrativ des dauerunterdrückten Nicht-mehr-Zigeunersoße-Sagendürfers, der bei jeder Gelegenheit darüber klagt, etwas nicht sagen zu dürfen, indem er es jedes mal sagt.

    „Lügenpresse“ hat m. E. auch eine Daseinsberechtigung, z. B. wenn es um erfundene Geschichten über tote Kinder durch Atemschutzmasken oder angeblich Reichskriegsflaggen-mitbringende WDR-Mitarbeiter als agent provocateurs auf besorgte-Bürger-Demos geht.
    https://www.volksverpetzer.de/corona-faktencheck/afd-hetzt-wdr/

    „Durch solche völlig unbelegten Anschuldigungen erzeugen die AfD und ihre “alternative” Mediengefolgschaft die Bilder, die sie als in großen Teilen rechtsextrem Partei benötigen, um die unabhängige Presse und den Öffentlichen Rundfunk anzugreifen und das Narrativ der “Lügenpresse” zu zeichnen.“

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