Wer war’s? Unheimlicher Masken-Fotograf vor Helene Fischers Baustelle

Masken-Bilder in „Bild“ Ausriss: Bild

Da klettern also in aller Herrgottsfrühe irgendwelche Personen auf das Baugrundstück von Helene Fischer und einen Tag später erscheinen davon perfekte Fotos in der Presse. Hat man ja auch nicht alle Tage. Und was für ein Reporterglück! Stand da am Zaun, so gegen 7 Uhr, zufällig ein Fotograf herum, als es passierte? Und was waren das überhaupt für Eindringlinge?

Es ist eine merkwürdige Geschichte: Mitte Juli, an einem Mittwochmorgen, erreicht die Polizei im bayerischen Herrsching am Ammersee ein Notruf. Jemand weist darauf hin, dass sich Personen Zugang zu einem Grundstück verschafft hätten. Vermummte Personen. Als die Beamten an der Baustelle eintreffen, können sie nichts feststellen: keinen Mensch, keinen Schaden. Auch denjenigen, der sie alarmiert hatte, treffen sie nicht an.

So weit, so gewöhnlich. Normale Polizeiarbeit, passiert jeden Tag irgendwo in Deutschland. Nur erscheint von normaler Polizeiarbeit selten kurze Zeit später ein großer Bericht in der größten Boulevardzeitung der Republik, inklusive Fotos des mutmaßlichen Täters. Das wunderte auch die Beamten.

Unheimliche „Bild“-Titelseite vom 16.7.2020 Ausriss: Bild

„Unheimlicher Masken-Mann auf Helene Fischers Grundstück“, titelte „Bild“ auf der Donnerstags-Ausgabe. Erstmals berichtet hatte „Bild.de“ bereits Mittwochmittag, rund sechs Stunden nach dem Vorfall. Okay, könnte man jetzt sagen, spricht sich halt rum, ist ja das Grundstück, auf dem Helene Fischer eine „Traum-Villa“ baut. Trotzdem bleiben Fragen offen, etwa zu den Fotos.

Berühmt, berüchtigt: Paparazzo Hans Paul

„Bild“ berichtet von „zwei vermummten Männern“, die über den Zaun geklettert seien. „Einer von ihnen wird dabei fotografiert.“ Weshalb das Blatt davon ausgeht, dass es „Männer“ waren, steht nicht im Text; auch nicht, wer die Fotos gemacht hat. Aber das steht ja im Foto-Credit, und da wird es interessant: Als Urheber ist „Hans-Paul Enterprise“ angegeben. Ein Name, der in der Branche berüchtigt ist. Berüchtigt für seine Methoden, an Fotos zu kommen.

Hans Paul ist der bekannteste deutsche Paparazzo. Auch deshalb, weil er Jahre lang von Medien gebeten wurde, doch mal von seiner aufregenden Arbeit zu berichten. Prominente jagen, um sie dann abzuschießen – wie spannend! Herr Paul, Jahrgang 1954 und ewig im Geschäft, gibt gerne damit an: mit dem Auto, in das er ein Guckloch gesägt hat, für die Kamera; mit seinem Mini-Moped, das er immer im Auto hat; mit dem Gummiboot, dem Gleitschirm, der Mülltonne, in der er zuweilen sitzt. Hans Paul findet das ganz geil.

Würde so jemand alles tun, um an Fotos zu kommen, zum Beispiel auch das Gesetz brechen? Ja. Oder in seinen Worten: „Natürlich, klar, sicher.“ Das hat der Selbstdarsteller vor einem halben Jahr dem ProSieben-Magazin „Galileo“ erzählt. Wenig überraschend. Denn es ist bekannt, wie Paul arbeitet.

Hans Paul verkauft sich bei „Galileo“ Screenshot: ProSieben

Im vergangenen Jahr wurden zwei seiner Mitarbeiter vom Landgericht Köln verurteilt, nachdem sie Herbert Grönemeyer am Flughafen belagert hatten, um den dann aufgebrachten Sänger zu filmen und zu fotografieren. Die Methode, Promis zu reizen, um deren Reaktion einzufangen, beschreibt Paul in seinem Buch „Erwischt! Der Promi-Jäger von Hollywood packt aus“.

Oder die Sache im Kölner Dom, 2013, als eine Femen-Aktivistin barbusig auf den Altar sprang. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete damals, wie auch Hans Paul in die Inszenierung involviert war. Die Fotos vertrieb er zwar nicht exklusiv, aber dennoch weltweit, ein gutes Geschäft. Paul räumte das gegenüber der „Süddeutschen“ damals alles freimütig ein. So ist er.

Und die Fotos des „Masken-Manns“ stammen auch von ihm? Oder von einem seiner Mitarbeiter? Oder hat sie doch jemand ganz anderes gemacht?

„Bunte“: Ein Urlauber im Gebüsch?

Eine Woche nach „Bild“ berichtet auch „Bunte“ über den Vorfall, ebenfalls auf dem Titel. Alles ist sehr dramatisch: „Helene Fischer: Böser Fluch über ihrer Traum-Villa“, orakelt das Blatt und rührt Ärger mit der Baugenehmigung, „die ‚übereifrigen‘ Nachbarn“, die alles im Auge hätten, und die angeblich bedrohlichen „Maskierten“ zusammen, damit auch alles ganz schlimm wirkt:

„Angesichts dessen stellt sich mehr denn je die Frage: Möchte man so leben? Fühlt man sich jemals sicher? Verwandelt sich der Traum des Paares von einem Heim für die ganze Familie bereits vor dem Einzug in einen Albtraum?“

„Bunte“ hat auch eine überraschende Erklärung, wer die Fotos, die man „sonst nur aus Fernsehkrimis“ kenne, gemacht haben soll: ein „Urlauber“, der einen der angeblich zwei Eindringlinge „zufällig beim Verlassen des Grundstücks“ ablichtete.

„Der Mann, der die Polizei alarmierte, hatte sich im Gebüsch versteckt und die gruseligen Szenen mit seinem Handy dokumentiert.“

Spannend: Handy-Fotos eines „Urlaubers“, aus dem Gebüsch geschossen, in dieser Qualität? Und von jemandem, der die Polizei rief, dann aber nicht aus dem Gebüsch kroch, um sich und seine wirklich exklusiven Bilder zu zeigen, als die Polizei eintraf – sondern auch die Beamten aus der Ferne fotografierte?

Seltsam ist an dieser Version auch, dass der Notrufer nach Informationen von Übermedien ein Jogger gewesen sein soll, der kein eigenes Handy dabei hatte. Er lieh es sich von einem Nachbarn, um die Polizei zu verständigen.

„Das Neue Blatt“: Hätte „sogar tödlich“ enden können

Wer der Fotograf ist, weiß offenbar auch „Das Neue Blatt“ aus dem Bauer-Verlag nicht. Dort ist die Rede von einem „Augenzeugen“, der die Fotos machte, und von „Nachbarn“, die „die unbekannten Täter“ beobachtet hätten. Auch diese Zeitschrift legt es darauf an, die Angst ins Unermessliche zu steigern. Der Vorfall, steht da, verändere „alles“ im Leben der berühmten Sängerin:

„Was war das da gerade für ein Geräusch? Ist da etwa jemand im Haus? Solche Gedanken könnten Helene nun immer wieder durch den Kopf schießen.“

Und: „Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn die Verbrecher Helene in ihrem neuen Haus“ – das noch gar nicht fertig ist – „überrascht hätten“, schreibt das Klatschblatt. Um es sich dann blutrot auszumalen:

„Das hätte richtig schlimm enden können, sogar tödlich.“

Angst und alte Fotos: „Das Neue Blatt“ (31/2020) Ausriss: Das Neue Blatt

Sowieso müssen wir jetzt alle „Angst um ihr Baby“ haben, wie es in der Überschrift steht. Auch wenn laut Text nicht mal eine Schwangerschaft bestätigt ist, aber, aaaaaber: „unter ihrer Jacke wölbt sich ein sichtbares Bäuchlein“, wissen die Bauer-Bauchbeobachter. Gemeint ist wohl die angebliche Auswölbung auf einem Foto, das „Das Neue Blatt“ neben dem Maskierten zeigt: Fischer in Begleitung an der Baustelle, wie sie „nach dem Rechten schaut“. Sieht aus, als wäre es kurz nach dem Vorfall. Aber diese (Paparazzo-)Fotos sind schon älter, sie erschienen bereits Mitte Juni in der Zeitschrift „Closer“.

Ironischerweise ist es ausgerechnet ein anderes Klatschblatt, das Zweifel an der Geschichte hat: die „GlücksPost“ aus der Schweiz. „Mysteriöser Einbruch bloß ein böser Scherz?“, steht über dem Artikel, in dem ein anonymer „Insider“ zitiert wird. Er sagt: „Ich glaube, dass diese Bilder gestellt sind. Es ergibt alles keinen Sinn.“ Dass ein Fotograf an der „versteckten Fluchtstelle“ stehe, um den mutmaßlichen Täter „in flagranti“ zu knipsen, halte der Insider für unwahrscheinlich. Zumal der Fluchtweg, der auf einem der Fotos zu sehen ist, „eine Sackgasse“ sei. Wo sie endet, beginne gleich der Ammersee.

Nachfrage bei den Redaktionen

Was ist also dran an der Geschichte? Die berichtenden Medien müssten das ja erklären können, also: von wem die Fotos stammen, wie sie entstanden, wie es zu den Widersprüchen kommt und worauf ihre Recherche fußt.

Erste (erwartungslose) Anfrage bei „Bild“. Die überraschende Antwort:

„Bitte haben Sie Verständnis, dass wir die Berichterstattung von ‚Bild‘ in dieser Sache nicht kommentieren.“

(„Bild“ antwortet fast nie auf Fragen zur Berichterstattung.)

Nächste Anfrage beim Burda-Verlag, in dem „Bunte“ erscheint. Die scheinheilige Antwort:

„Für ‚Bunte‘ ist es eine Selbstverständlichkeit journalistische Beiträge mit größter Sorgfalt zu recherchieren und dabei immer im Rahmen der journalistischen Standards und Prinzipien zu agieren. Wie im Pressekodex festgelegt, gibt ‚Bunte‘ weitere Details zum Rechercheablauf und seinen Quellen nicht preis.“

(„Bunte“ wollte nicht mal die schlichte Frage beantworten, wer den Artikel verfasst hat. Der Text ist einer der wenigen „Bunte“-Artikel, der nicht mit einer Autor*innen-Zeile versehen ist. Nach Informationen von Übermedien soll die stellvertretende Chefredakteurin Tanja May an der Recherche beteiligt gewesen sein.)

Nächste Anfrage beim Bauer-Verlag, in dem „Das Neue Blatt“ erscheint. Die Antwort:

„Wir haben wie viele andere Medien auch über einen allgemein bekannt gewordenen Vorfall im Zusammenhang mit Helene Fischer in unserem Heft berichtet. Zu einzelnen Passagen, unseren Recherchen und Quellen äußern wir uns nicht.“

(Der Bauer-Verlag wollte leider auch nicht erklären, um welches Baby man nun Angst haben sollte, und worauf die Redaktion die Annahme stützt, alles hätte „sogar tödlich“ enden können.)

Bleibt noch einer, der aufklären könnte, wie die Fotos entstanden sind.

Wo ist Hans Paul?

Auf eine Anfrage über das Kontaktformular seiner Internet-Seite, deren Impressum ein Postfach auf der Insel Anguilla in der Karibik nennt, antwortet Hans Paul nicht. Anruf auf einem Handy, das ihm gehört. Klingelt, geht aber niemand ran. Auch keine Mailbox. Also Nachfrage per Mail. Nichts. Noch mal anrufen. Mehrfach. Anfrage über andere Mail-Adressen. Keine Reaktion.

Wer weiß: Vielleicht sitzt Hans Paul seit Tagen irgendwo in einer Mülltonne und wartet auf Promis – und ist deshalb nicht erreichbar. Oder er mag nicht darüber reden, wie er an die Fotos gekommen ist. Was doch komisch ist: Der sonst stets gerne über seine Arbeit plaudernde Paparazzo schweigt?

Offenkundig hatten die Redaktionen, die die Bilder gekauft und verbreitet haben, kein großes Interesse, die irre Geschichte zu hinterfragen. Obwohl es doch eine Version gäbe, die mindestens genauso plausibel erscheint: Dass zum Beispiel der Fotograf, der die Bilder machte, den oder die „Eindringlinge“ gleich mitbrachte, um die Szene zu fingieren. Gut, damit hätten diese Personen möglicherweise eine Straftat vorgetäuscht. Aber was tun Leute nicht alles für Fotos, die sich gut verkaufen lassen. Manche brechen sogar das Gesetz.

6 Kommentare

  1. Kann man solche kriminellen Banden, die scheinbar aus dem Ausland operieren, nicht dahin abschieben, wo sie herkommen? Nach Anguilla?

  2. „Oder die Sache im Kölner Dom, 2013, als eine Femen-Aktivistin barbusig auf den Altar sprang. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete damals, wie auch Hans Paul in die Inszenierung involviert war.“

    Was war Franz Josef Degenhardt doch prophetisch: https://www.youtube.com/watch?v=4Z4ZkE8sQM8

    Der trockene Humor (oder auch einfach Dreistigkeit) gewisser Verlage verblüfft allerdings immer wieder aufs Neue: „Für ‚Bunte‘ ist es eine Selbstverständlichkeit journalistische Beiträge mit größter Sorgfalt zu recherchieren und dabei immer im Rahmen der journalistischen Standards und Prinzipien zu agieren.“

  3. Dass durch die Kopfmaske keinerlei Rückschluss auf die Identität des „Täters“ möglich ist, ist wohl noch so ein Randdetail bzw. weiteres Indiz, dass es gestellt ist.
    Wirklich schade, dass die ganze Aktion von Dritten nicht so sehr bezeugt werden konnte, dass man die Fotografen und den „Dieb“ wirklich aufgegabelt hätte. Das hätte dem Ganzen eine schöne, verdiente Wendung gegeben.

  4. Vielen Dank für das Durchhaltevermögen, immer wieder über das ganz alltägliche miese Treiben dieser Blätter zu berichten, deren Lügengeschäft für die seriösen Medien seltsamerweise gar kein Thema ist. Irgendwie regt sich kaum jemand darüber auf und das regt mich umso mehr auf.

  5. Bei „Für ‚Bunte‘ ist es eine Selbstverständlichkeit journalistische Beiträge mit größter Sorgfalt zu recherchieren … “ habe ich meinen Kaffee verschüttet. Vermutlich werde auch meine Nachbarn mein schallendes Gelächter gehört haben.

    Ansonsten bleibt die Erkenntnis, die nach jedem dieser irren Artikel bleibt: dass sich nämlich die skrupellosen unVerantwortlichen der Klatsch-Blödgelaber-Postillen mit den üblichen feigen, offensichtlich primitiven und faulen Ausflüchten aus der Affäre zu ziehen versuchen nachdem sie wieder mal beim dummdreisten Lügen erwischt wurden.

  6. „Nach Informationen von Übermedien soll die stellvertretende Chefredakteurin Tanja May an der Recherche beteiligt gewesen sein.“

    Haha, das ist eine witzige Retourkutsche. Genaus so arbeiten die Revolverblätter.

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