Verantwortungslos im Kinderzimmer

Es gibt Momente im Journalismus, die durch so eine krasse Selbstvergessenheit und funktionale Anstandslosigkeit gekennzeichnet sind und einen derartig professionellen Tabubruch darstellen, dass sie in die nationale Mediengeschichte als komplettes Versagen medienethischer Standards eingehen müssen. Solche extremen Fälle scheinen gegeben, wenn eine Berichterstattung eine derartige Attacke auf die Werte einer Gesellschaft darstellt, dass sie zum Verbrechen wird, was zum Beispiel dann geschehen kann, wenn Opfer oder Schutzbefohlene nicht geschützt werden oder eine unentschuldbare Pietätlosigkeit vorliegt.

Die Abbildung des Amoklaufs in Winnenden war so ein Moment. Die Interviews mit den Geiselnehmern von Gladbeck ebenfalls. Und die Berichterstattung über den überlebenden elfjährigen Jungen aus Solingen, dessen Mutter seine Geschwister mutmaßlich getötet hat – ein neuer Tiefpunkt.

Die Aufmachung der Bild zu Solingen
Screenshot: Bild (alle Verpixelungen von uns)

Die „Bild“-Zeitung veröffentlichte am Freitag seine Whatsapp-Dialoge, die er mit einem ebenfalls minderjährigen Freund führte, nachdem er vom Tod seiner Geschwister erfahren hatte. Auch RTL beutete den traumatisierten Jungen aus, natürlich vor der Kamera, im Interview. Dieses Fleddern persönlichster Trauer ist ein Augenblick größter journalistischer Verantwortungslosigkeit und von einer so verstörenden Ignoranz, dass ich gar nicht mehr wütend sein kann, sondern nur noch entsetzt.

Was bringt das regelmäßige Echauffieren noch?

Natürlich ist ein derartiges Spiel mit dem Entsetzen und das beständige Kritisiertwerden programmatischer Teil des Marketings von „Bild“. Wie es funktioniert, beschreiben MedienkritikerInnen seit Jahrzehnten und vor allem der tschechisch-brasilianische Medienphilosoph Vilém Flusser hat diese perfide Funktionsweise 1986 in einem Gespräch mit dem Filmemacher Harun Farocki anschaulich seziert.

„Bild“ führt uns immer wieder an die Grenzen einer sinnvollen Medienkritik: Weil (m)ein regelmäßiges Echauffieren nutzlos ist, heiße Luft, welche die Windmühlen, gegen die man anredet, nur schneller drehen lässt. Insbesondere „Bild“, aber auch andere Erzeugnisse des Springer-Verlags, sind kritikresistent, was die Aufregung über sie angeht.

Denkt man zum Beispiel jüngst an den Kommentar in der „Welt“, in dem der Umgang mit Nazis in der deutschen Gesellschaft nach Kriegsende mit der Idee der Cancel Culture in Zusammenhang gebracht wird; oder an den Aufruf von „Bild“, dass sich Menschen, die mit Reichsflaggen die Treppen des Reichstagsgebäudes stürmten, direkt bei ihnen melden sollen – für ein Interview.

Anderseits läuft eine Kritik am Boulevardjournalismus, die ihn als Journalismus ernst nimmt, zwangsläufige immer auf ein Scheitern der eigenen, idealistischen Maßstäbe hinaus, da der Boulevard offensichtlich ja gar kein Journalismus sein möchte. (Ich weiß auch nicht, wie der „Bildblog“ das durchhält.)

Der Journalismus ist für mich die faszinierendste Form der Wirklichkeitsabbildung wie der Wirklichkeitsbildung, denn er befindet sich wie keine andere Disziplin – zum Beispiel Kunst, Politik oder Wissenschaft – in einem nur dem Journalismus eigenen Spannungsfeld. Er muss als Instrument drei Anforderungen gleichzeitig gerecht werden: dem Handwerk, über das sich seine Qualität mitdefiniert, der Ethik seines Schaffens und den ökonomischen Restriktionen.

Journalisten sind Künstler, Handwerker und Verkäufer

Ein magisches Dreieck aus Ästhetik, Ethik und Wirtschaftlichkeit, in dessen Mitte irgendwo Wahrheit recherchiert, beschrieben und vertrieben wird. Zum Vergleich: Politik kann, aber muss nicht rentabel sein, um zu überleben; Kunst muss nicht ethisch sein, um Kunst zu sein; und Wissenschaft muss nicht ästhetisch überzeugend sein.

Journalismus indes muss formalen Ansprüchen genügen, einen Mehrwert in der Gestaltung haben, verantwortungsbewusst und genau recherchiert sein, um Journalismus genannt werden zu können. In der Suche nach der überzeugendsten Form darf nichts manipuliert oder erfunden werden – Ästhetik und Ethik hängen eng zusammen –, und rentabel muss das Ganze auch sein. In diesem Dreieck sind die meisten journalistischen Erzeugnisse verortet, mal artistischer als Kolumne, mal besonders publizistisch verantwortungsbewusst als politische Enthüllungsreportage, mal ökonomischer als Clickbait-Strecke. JournalistInnen bewegen sich darin also immer irgendwo als KünstlerInnen, HandwerkerInnen, VerkäuferInnen ihrer Inhalte wie auch als Wahrheitssuchende.

Herausragender Journalismus hilft uns, ganz unpädagogisch, ein reflektiertes, aufgeklärtes Urteil über diese Welt zu bilden – und bei der Rezeption und durch die Rezeption aufgeklärte, informiertere, inspiriertere Menschen zu werden.

Ohne Medienethik hört Journalismus auf, zu sein

Das bedeutet: Medien tragen zur Herzensbildung der LeserInnen, HörerInnen und ZuschauerInnen bei; sie sind eine von allen freiwillig aufgesuchte Schule der Empfindsamkeit. Und weiter gedacht: Journalismus trägt in der Summe der erreichten Individuen dazu bei, wie frei, intellektuell und emotional gebildet, aufgeklärt, ja, schlussendlich wie humanistisch eine Gesellschaft ist.

Das ist eine noble Verantwortung und eine anmutige Pflicht, dem nur ein sich über seinen Anstand definierender Journalismus gerecht werden kann. Ohne diese wichtige Säule, ohne die Medienethik, ohne eine permanente Besinnung auf den Pressekodex, ist dies nicht möglich und hört in dem Moment auf, Journalismus zu sein. Wenn nur die Ökonomie und das Handwerk bleiben, wird er zur reinen Konsumware, Fastfood, ein in Yellow Press verpackter, uns für dumm verkaufender und unseren Geist verfettender Cheeseburger.

Es bleibt dann nur ein manipulatives und menschenverachtendes Produkt, das durch den Missbrauch journalistischer Mittel hergestellt wurde, weil Geschichten verkaufen, vor allem wenn einem alles andere egal ist, ein lukratives Geschäft ist.

Der Pressekodex schützt Kinder im Besonderen

Im Pressekodex steht, dass bei Berichterstattung rund um Kinder eine „besondere Zurückhaltung“ an den Tag zu legen sei und weiter, dass dies besonders zu berücksichtigen ist, wenn Personen „sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen oder körperlichen Kräfte befinden oder einer seelischen Extremsituation ausgesetzt sind, aber auch Kinder und Jugendliche“.

In Ziffer 11 heißt es zudem:

„Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid. Die Presse beachtet den Jugendschutz.“

Der Pressekodex ist ein bisschen wie der hippokratische Eid der Journalisten, doch wenn in dieser Analogie alle BerichterstatterInnen so etwas wie nachrichtliche ÄrztInnen sind, die der Gesellschaft helfen wollen, dann ist „Bild“ nicht mal ein Scharlatan des Boulevards sondern ein Metzger, der Organe und Innereien verkauft.

Vielleicht war daher auch der Clash zwischen Christian Drosten und der Zeitung so paradigmatisch. Ein Virologe, der die öffentliche Wissenschaftsvermittlung durch Besonnenheit, Differenzierung und Abwägung revitalisiert hat, im Konflikt mit einem Schlagzeilen-Schlachter, der ihm für die Beantwortung komplexer epidemiologischer Fragen mit erpresserischem Gestus nur eine Stunde Zeit lässt.

Niemand ist mehr auf die „Bild“ angewiesen

Aber in dieser Episode ist vielleicht auch ein Verständnisschlüssel verborgen, für die Krassheit des Ausfalls in Bezug auf die privaten Nachrichten des Jungen aus Solingen. Nach der öffentlichen Kritik von Drosten erlitt die Zeitung einen Imageschaden (ja, das geht sogar bei „Bild“). Zudem wurde hier besonders sichtbar: Keine prominente Person ist heutzutage auf eine Zusammenarbeit mit „Bild“ angewiesen. Wo früher für die eigene Prominenz und politische Relevanz der Aufzug und das mit ihm Rauffahren unabdingbar waren, kommen Angela Merkel, Lena Meyer-Landrut, Joko und Klaas und weitere Personen des öffentlichen Lebens problemlos ohne das Medium aus. Sie sind ihre eigenen Multiplikatoren.

Bedeutungsverlust und Auflagenrückgang führten vielleicht zu einer systemisch bedingten, blinden Skandalpanik, doch selbst für „Bild“-Verhältnisse stellt die Solingen-Berichterstattung eine neue Tiefe unter vielen Tiefpunkten dar. Und die Rügen des Presserats bleiben leider genauso harmlos wie die gleichnamige Insel. Alles auf die Autorin abzuwälzen, deren Name gestern auf Twitter trendete, ist übrigens zu simpel und zu bequem gedacht, denn diese Berichterstattung entstand nicht in einem individuellen Vakuum, sondern im durchdachten System der zynischen „Bild“-Ökonomie. Diese berichterstatterische Arbeit ist Ergebnis einer ganzen Redaktionsstruktur im Zusammenspiel mehrerer Menschen.

Ich begreife nicht, wie keiner laut genug ein Veto eingelegt hat, sowas gesagt hat wie: „Lasst uns mal nicht das Seelenleben eines Schutzbefohlenen in der Öffentlichkeit verramschen, als sei gerade Sommerschluss-Verkauf der Traumata.“ Hat von den Redakteuren keiner Kinder, Patenkinder, Nichten oder Neffen? Welcher Erwachsene kann im Namen der Auflage gutheißen, dass da ein kleiner Junge in der reichweitenstärksten Zeitung Deutschlands seelisch nackt gemacht wird?

Und für wie schrecklich und geil auf vernarbte Kinderseelen halten sie eigentlich ihre eigenen Leser? Gehen sie wirklich davon aus, dass Rezipienten sich dankbar den Bauch reiben, weil ein ihnen unterstellter Turbo-Voyeurismus hier befriedigt wird?

Selbst für ein nachrichtliches Fast-Food-Angebot, dessen wichtigste Zutat Geschmacklosigkeit ist, schmeckt das bitter.

24 Kommentare

  1. Zwei kleine Anmerkungen zum Text, dem ich sonst durchaus zustimme:

    1. Nein, der Pressekodex schützt Kinder nicht. Er schützt niemanden. Denn er ist egal. Springer sagt zwar, sie würden ihm folgen, aber ignorieren ihn. Selbst wenn sie Rügen noch abdruckten (was sie meines Wissens nach seit einiger Zeit nicht mehr tun), haben diese keine Wirkung, keine Konsequenz. Der Pressekodex ist schlicht und ergreifend überflüssig und sogar schädlich, suggeriert er doch, dass es sowas wie Regeln gäbe, die es gar nicht gibt.

    2. Es wurde nicht alles auf die Autorin abgewälzt. Natürlich ist das System dahinter auch Schuld, aber wie Sie ja selbst schreiben, ist offenbar niemand, also auch und vor allem die Autorin, nicht auf die Idee gekommen, diesen Artikel nicht zu schreiben. Die Tatsache, dass sie also nicht nur bei Springer arbeitet, sondern auch bereitwillig deren Methoden anwendet, zeigt, dass jeder Shitstorm dieser Frau gegenüber gerechtfertigt ist.

  2. @Dominic Zander: Bei aller verdienter Kritik das unverpixelte Bild der BILD-Autorin bei Twitter einzustellen, ist trotzdem unverhältnismäßig. Wenn, dann doch Reichelt.

    Zum Text: diese Gegenüberstellung „idealisierte Sicht auf Joournalismus – das, was BILD so macht“ macht die ganze Sache sogar noch trauriger, obwohl die „Sache“ fünf tote Kinder sind. Doch-pädagogosche Herzensbildung.

    Jedesmal, wenn man denkt, die Latte kann unmöglich noch tiefer hängen, sagen die bei der BILD: „Challenge accepted“

  3. Ich denke ja, die Diskussion in deren Redaktion hat durchaus stattgefunden. Zu unterstellen, man hätte nicht über die Veröffentlichung intern debattiert suggeriert m. E. eine Affekthandlung. Nein, das ist bewusst entschieden worden „das Seelenleben eines Schutzbefohlenen in der Öffentlichkeit (zu) verramschen“.
    Etwaige Vetos waren nicht gewichtig genug.

    „Hat von den Redakteuren keiner Kinder, Patenkinder, Nichten oder Neffen?“
    Doch sicherlich, alles andere wäre statistisch sehr unwahrscheinlich. Das mit der Emphatie ist halt so eine Sache.
    Wahrscheinlich sind bald wieder die Kinder, Patenkinder, Nichten oder Neffen von Bild-Redakteuren in Gefahr, weil jemand Julian Reichelt kritisiert hat. Emphatie halt, sehr subjektiv und unausgewogen.

    „unterstellter Turbo-Voyeurismus“
    Hier wundere ich mich etwas über den zweitletzten Absatz im Gesamten. Unterstellen Sie dem Publikum der Bildzeitung also, „das eigentlich gar nicht zu wollen“? Warum wird dann gekauft und konsumiert?

    Man darf niemals vergessen:
    „Nichts hat uns ganz nachweislich wirtschaftlich in der Reichweite so sehr geschadet wie unsere klare, menschliche, empathische Haltung in der Flüchtlingskrise“ – Julian Reichelt

    Emphatielosigkeit ist deren Geschäftsmodell. Und es gibt anscheinend genügend Konsumenten dafür. Die Zielgruppe aus der Rechnung auszuklammern, als würde Springer hier einen Bedarf decken, der gar nicht existiert ist m. E. unvollständig bis gefährlich.

  4. Mal wieder ein guter Moment, um eine Diskussion über ein wirksames „Presseordnungsrecht“ zu führen. Dominic Zander hat richtig festgestellt, dass der Pressekodex komplett wirkungslos ist, möglicherweise sogar schädlich. Ich stimme ihm zu. Man sollte eine Regelung finden, um zumindest krasse Verstöße spürbar zu sanktionieren. Aber wer will sowas etablieren? Der Presserat? Dann machen Bild und die übrigen Verdächtigen schlicht nicht mit. Der Gesetzgeber? Die Abgeordneten werden sich kaum gegen Bild bzw. Springer stellen, wenn sie sich nicht einer breiten Zustimmung in ihren Reihen sicher sein können.

  5. Das Agieren der BILD-Zeitzung ist sicherlich eine schäbige Seite an der Geschichte.

    Die andere Seite sind die zahlreichen Konsumenten. Wer klickt denn all die Artikel? Wer kauf sich die Zeitung und die Digitalbos? Wer diskutiert in Social Media mit seinem BILD-Wissen?

    Der bild’sche Bodensatz-Journalismus trifft auch ebenso begierige wie auch moralische verrohte Abnehmer:innen.

  6. Guter Artikel. Was darin aber zuwenig zur Sprache kommt, ist die „moralische Flexibilität“ der Erzeugnisse aus dem Axel Springer Verlag, allen voran der Bild. So genannte Moral ist sehr wohl vorhanden, dient aber nur als mittel zum Zweck: Wenn sie einem nützt, überstrapaziert man sie und skandalisiert jeden Dreck hoch, wenn man sie nicht braucht, pfeift man einfach drauf und schaltet einfach mal auf Durchzug. Der dumme Nebeneffekt: Durch so ein Procedere zerstört man Moral völlig.

  7. @BV
    Könnte es nicht sein, dass in diesem Fall sogar gegen ohnehin bestehende Gesetze/Verordnungen im Bereich Jugendschutz/Datenschutz verstoßen wurde?
    Die Presse lebt ja nicht im rechtsfreien Raum.

  8. @AndererMax
    Leichtes Déjà-Vu… Eine Diskussion darum, wer der/die typische Bild-LeserIn ist.
    Zuerst: Angebot schafft Nachfrage.
    Dann: Boulevardzeitungen sind für mal eben nebenbei querlesen billiger und bequemer als die dicken Brocken.
    Drittens: Ich vermute Gedankenlosigkeit statt bewusstem Gaffen, hier schlägt die Tragweite der Grenzverletzung aber mitten ins Gesicht.
    Viertens: Der/die Leserin kann ja sogar auf naive Weise echtes Mitleid empfinden und deshalb lesen.

    Grundsätzlich: Konsumenten für die Grenzüberschreitungen der Produzenten in die Verantwortung zu nehmen, um diese zu verhindern, klappt nicht, weder beim Umwelt-, Klima- oder Tierschutz noch sonstwo.

  9. Ich schließe mich an.
    Das war so was von widerlich, wie die Alan Kurdi missbraucht haben. Eine polit-mediale Leichenfledderei der übelsten Art. Wie verkommen muss man sein, um sich auf Kosten eines ertrunkenen Zweijährigen zur profilieren.
    Zuerst dachte ich noch, das sind nur ein paar Verstrahlte, die das Bild des ertrunkenen Kindes publizieren. Nein. Alle haben mitgemacht. Kein einziger Meinungsvervielfacher hat sich von dieser widerwärtigen Aktion distanziert.

    Wenigsten, spät aber immerhin, kommt hier eine Missbilligung dieser medialen Sauerei.
    Vielen Dank, Frau el Ouassil.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Mural_Ffm_Osthafen_01_(fcm).jpg

  10. @FIXUNDFOXI

    Das mit dem Bild fanden Sie schlimm, aber Gladbeck erwähnen Sie mit keinem Wort. Sieht Ihnen ähnlich.

  11. @Ritter der Nacht, danke für den Hinweis.
    Hiermit hole ich das nach: Gladbeck.
    Sicherheitshalber erwähne ich noch den Massenmord im Teutoburger Wald und Gesches Gift.

    Please don´t hesitate to contact me if you have further hints.

  12. @Mycroft: Die Journalistin hatte ihren Artikel freiwillig unter vollem Namen und mit Bild auf Twitter verbreitet. Da wurde nichts von anderer Seite veröffentlicht, was sie nicht selbst schon öffentlich zugänglich gemacht hatte. Mario Sixtus hatte dann lediglich gesagt „Das ist die Frau, die den Artikel geschrieben hat. Seid nicht wie sie.“ (kein Zitat, sondern Paraphrase).

  13. @13: Ja, das macht es vllt. besser, aber nicht gut.

    Bzw., ich hatte nicht den Eindruck, Sixtus wollte eine BILD-Schlagzeile im Stile von: „Ist diese Frau noch zu retten?“ persiflieren, aber vllt. tue ich ihm damit Unrecht.
    Das System BILD auf eine Einzelperson herunterzubrechen wird ihm trotzdem nicht gerecht.

  14. Natürlich reicht es nicht, auf einzelne Journalisten hinzuweisen, gehört aber dazu. Denn ohne Personen, die dieses System unterstützen, indem sie daran mitwirken, bräche das System zusammen.

    Daher finde ich es tatsächlich gut, auf die Journalistin hinzuweisen, die den Artikel ja nicht nur geschrieben, sondern freiwillig auch noch weiterverbreitet hat. Denn diese Frau ist zwar nicht das Problem insgesamt, aber ein Teil davon.

  15. @ Peter Sievert, # 8:
    Ich habe meine Zweifel, auch wenn ich es spontan nicht ganz ausschließen will. Gesetze zum Jugendschutz erfassen ja nicht konkret den Fall, dass ein Kind nach einem traumatischen Ereignis nicht von der Presse in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Unter welchen konkreten Umständen das Gespräch zustande gekommen und die Screenshot beschafft wurden, lässt sich möglicherweise schwer rekonstruieren. Und auch sonst dürften die Folgen überschaubar sein.

    Am reizvollsten wären natürlich hohe Strafen, die sich am beste noch am Umsatz orientieren, ähnlich wie im Kartellrecht. Aber das ist vermutlich Utopie.

  16. @Dominic Zander:
    Den Artikel weiter verbreiten ist jetzt eigentlich fast egal.
    Nicht ganz, ok, aber inzwischen sind wir weit an dem Punkt vorbei, wo einzelne Mitarbeiter(m/w/d) die GesamtBILD stören.

  17. über den Kommentar von FIXUNDFOXI:
    Ich möchte zu diesem Vergleich Stellung beziehen, denn ich möchte dies nicht so stehen lassen. Ich möchte es aber auch nicht als Antwort an(!) FIXUNDFOXI verstanden wissen, denn ich möchte ihm in diesem Fall nicht antworten.
    Für eine sehr einfache Antwort reicht es bereits (und es ist traurig darauf hinweisen zu müssen, sagt aber auch etwas über die Gedankenwelt von FIXUNDFOXI) sich zu vergegenwärtigen, wie die Frage nach den moralischen Gründen zu stellen: Gab es moralisch gerechtfertigte Gründe, die Bilder von Moria nicht zu veröffentlichen? – Ja. Gab es moralisch gerechtfertigte Gründe, die Bilder zu veröffentlichen? -Ja. Gab es Gründe, die Chatverläufe von Solingen nicht zu veröffentlichen? – Ja. Gab es moralisch gerechtfertigte Gründe, die Chatverläufe zu veröffentlichen? -Nein!
    DAS ist der Unterschied, der mit diesem Kommentar verwischt werden soll.

  18. Falls jemand versucht den Post von Gastbeitrag (18.) zu verstehen, ein kleiner Hinweis:
    Mit „Moria“ meint der Blogbeauftragte für moralisch gerechtfertigte Gründe offenbar Alan Kurdi.
    Ich gebe zu, dass des Gastbeitrags Beitrag dann immer noch keinen Sinn ergibt, aber das ist nicht meine Schuld.

  19. @Fixundfoxi

    Der Gastbeitrag meint ganz offensichtlich, dass Sie nicht kapiert haben, dass es Bilder gibt, die für eine bestimmte Symbolwirkung stehen und deshalb wichtig sind. Dazu gehört Alan Kurdi, dessen Bild stellvertretend für die Grausamkeiten der Flucht steht und geeignet ist, Bewusstsein dafür zu schaffen. Ganz ähnlich wie das berühmte Foto von Kim Phuc aus dem Vietnamkrieg.

    Das ist aber nicht dasselbe, nicht mal ungefähr, wie den familiären Background einer Familientragödie sensationsjournalistisch auszuschlachten.

    Ist eigentlich gar nicht so schwierig zu verstehen, aber auch daran, dass Ihnen das nicht gelingt, will ich Ihnen nicht die Schuld geben.

  20. ich finde es gerecht, wenn man den Namen der Redakteurin nennen würde neben dem Chef und den Verlegern.
    Sie hat die Teilverantwortung und (zumindest namentlich) den Beitrag verfasst.
    Es sieht zwar gefährlich aus, bzgl der Gefahr, dass Journalisten physisch angegriffen werden. Aber Journalisten gehen mit ihren Namen an die Öffentlichkeit und das bedeutet, dass sie auch persönlich kritisiert werden wollen/sollen.
    Herr Piatov ist ja schon in Serie negativ aufgefallen bei der BILD und es ist nur konsequent hier den Namen der Redakteurin zu nennen, um ihre Historie und ihre Zukunft zu analysieren.

    Bei all der Kritik, darf es nicht dazu kommen, dass Menschen als „Abschaum“ oder anders verunglimpft werden, wie es einige Twitterer gerne machen, weil sie denken, der Bildschirm sei ein Filter/Grenze, das sie davon befreit, sich wie vis à vis zu verhalten.

  21. Der Gastbeitrag meint ganz offensichtlich, dass Sie nicht kapiert haben …

    Doch, doch, ich habs schon verstanden.
    Eine tragende Säule des rot-grünen Lügengebäudes sind die Doppelstandards. Ohne diese brichts sofort zusammen.

    Um dies zu verdecken, hat Gastbeitrag über seine Doppelstandards eine dicke Zuckergussschicht der moralisch gerechtfertigten Gründe gegossen. Und schon muss man sich nicht mehr rumärgern mit Logik, Maßstäben und allem anderen, was einem das hetzen erschwert. Die moralisch gerechtfertigten Gründen fegen alles andere vom Tisch.

    Das praktische bei diesem Vorgehen ist nämlich, dass er selbst diese moralisch gerechtfertigten Gründe festlegt. Er hat damit immer Recht, was ich bewundere.

  22. @Fixundfoxi
    Da Sie hier ständig Hanlon’s Razor anführen:
    Nachdem jetzt mehrere Kommentatoren versucht haben, Ihnen zu erklären, warum hier eben kein Doppelstandard vorliegt, sonden man beim Abwägen von Persönlichkeitsrechten und öffentlichem Interesse in den genannten Fällen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, kann man von Unverständnis bei Ihnen eigentlich nicht mehr ausgehen und muss wohl unterstellen, dass Sie es verstanden haben aber entweder
    1. generell nichts auf Persönlichkeitsrechte geben oder
    2. dagegen sind, dass man Schicksale von Geflüchteten bebildert, um zu erreichen, dass mehr Empathie erzeugt wird, um zukünftiges Leid zu reduzieren.
    …oder natürlich, dass Sie letzteres grundsätzlich legitim finden, aber die Persönlichkeitsrechte der Geflüchteten trotzdem als wichtiger erachten. Dann würden Sie aber wohl nicht von Doppelstandards sprechen.

    Dass man den medialen Mainstream je nach persönlicher Einstellung als zu linksgrün oder zu neoliberal empfinden kann, finde ich übrigens beides gut begründbar. Es kommt halt darauf an, worauf man sich da bezieht. In vielen Bereichen ist der moralische Zeitgeist ja in der Tat nach „links“ gewandert (man könnte behaupten, immer schon, siehe Sklaverei, Gleichberechtigung usw.). Also z.B. was die Toleranz gegenüber alternativen Lebensentwürfen oder den Stellenwert von Gender- und Umweltthemen angeht. Das schlägt sich natürlich auch medial nieder.
    Andererseits kann man wohl kaum behaupten, dass FAZ, WELT et al in Wirtschaftsthemen z.B. besonders wachstumskritisch unterwegs wären oder der fortschreitenden Privatisierung der staatlichen Daseinsvorsorge und einem „Leistung muss sich lohnen“-Gerechtigkeitsbegriff einen solchen entgegen setzen würden, der auf Solidarität beruht.

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