Alle weiß, hohl und gefangen im ewigen Widerspruch

Es gibt natürlich keinen schlechteren Zeitpunkt, eine Zeitschrift neu auf den Markt zu bringen, die sich ums Gastgeben dreht, um Einladungen, Festlichkeiten, Geselligkeit. Das Heft war offenbar seit längerem vorproduziert; Maskenpflicht oder Social Distancing werden nirgends auch nur erwähnt. Die Titelstory ist, ganz unschuldig: eine „Sommerparty mit Freunden“.

Nur im Editorial ließ sich das Thema Covid-19 noch einfangen. Und so ist diesem in mehrfacher Hinsicht bizarr veralteten, jüngsten Burda-Magazin ein Geleitwort des Chefredakteurs Robert Pölzer vorangestellt, das den Inhalt des Hefts mit vielen Gerade-jetzts und Nie-zuvors in die Sphären der Sehnsucht erhebt.

Aber fangen wir mit dem Cover der ersten Ausgabe von „Bunte Genuss & Stil“ an.

Zu sehen ist eine blonde Frau, die neben einem gedeckten Tisch steht und eine Erdbeere über einen Teller hält. Sie sieht aus, als stünde sie schon ein Weilchen in dieser Pose, an der auch schon vor drei Minuten nichts natürlich war. Ansonsten dominieren rosa Blumen das Bild, als Tischdekoration und als Muster des Kleides, das die Frau trägt. Doch wer ist sie?

Sie heißt Prinzessin Lilly zu Sayn-Wittgenstein, steht da, und wird in diesem Magazin ihre „besten Tipps“ für eine Sommer-Party mit Freunden preisgeben. Was nichts anderes bedeuten kann, als dass sie auch weniger gute Tipps hat, die sie sich jedoch für andere Gelegenheiten oder Magazine aufspart.

Zu Sayn-Wittgenstein wird als Society-Gastgeberin vorgestellt. Wenn das ein Beruf ist, ist ein Fußabtreter, auf dem „Willkommen!“ steht, etwas, das man von der Steuer absetzen kann.

„Bunte Genuss & Stil“ ist „Essen & Trinken“ mit Promis

Bei näherer Betrachtung haben alle auf dem Cover angekündigten Themen mit Essen oder Trinken zu tun. Dieses Magazin könnte also eigentlich „Essen & Trinken“ heißen, aber das gibt es ja schon. „Genuss & Stil“ ist sozusagen „Essen & Trinken“, nur mit Prominenten, wobei da die Meinungen auseinandergehen – oder kennen Sie einen Maximilian Riedel?

Ein großes Grill-Special wird angekündigt, und wenn Sie Großes Grill-Special dreimal hintereinander schnell fehlerfrei sagen können, haben Sie ein „Z“ gewonnen. Außerdem: Viktoria Lauterbachs glücklich machende Obstkuchen. Na, und von Maximilian Riedel, ja, dem Maximilian Riedel, dem berühmten CEO der Glasdynastie Riedel, können sich die „Genuss & Stil“-Leser erklären lassen, welches Glas zu welchem Wein passt. Auch wenn es bei der anvisierten Zielgruppe – lebensfroh, probierfreudig, weltoffen, einen kultivierten Lebensstil pflegend, zwischen 40 und 75 Jahre – fast ein bisschen fies ist, damit erst jetzt rauszurücken.

Auf fast jedem Foto hässliche Sandaletten

In der Titelstory verrät die Prinzessin vom Cover nun also ihre besten Tipps. Hier ist er: „Wichtig ist: Qualität!“ Für die Geschichte wurde ihr ein zufrieden wirkender Mann an die Seite gestellt, es ist, halten Sie sich fest, hier trifft wirklich Hochadel auf Hochadel, „Italiens Schuh-König“ Edgardo Osario (kannte ich auch nicht). Seine Anwesenheit erklärt immerhin, warum auf fast jedem Foto irgendwo hässliche Sandaletten zu entdecken sind, mal an ihren Füßen, mal hat sie welche in der Hand, einmal liegen sogar welche auf dem Tisch. Alle von seiner Marke.

Seinen Palazzo in Florenz hat der schlaue Fuchs für die Produktion also nicht ganz selbstlos geöffnet, kein Wunder, dass er so zufrieden wirkt. In der ganzen Geschichte geht es an keiner einzigen Stelle um die auf dem Cover versprochene Sommerparty. Vielleicht wollte man Italien aus aktuellen Gründen doch lieber nicht auf dem Cover haben, aber es gibt kein Vertun: Alles dreht sich um ein „Dinner für Amici“ im italienischen Stil, also „Lasciatemi cantare“, Mozzarella, Dolce Vita. Man könnte vielleicht so sagen: eine Sommerparty ohne Party und in geschlossenen Räumen eines überkandidelten Palazzos.

Die Fotos sind übrigens exklusiv für das Magazin entstanden, was deshalb erwähnenswert ist, weil es sonst nahezu ausschließlich mit Stockfotos bebildert wurde. Den Namen des Fotografen unbedingt merken! Die Fotos sind so kolossal gestellt, unnatürlich und hässlich, dass sie womöglich eine ganz neue Kunstrichtung einläuten, als deren wagemutiger Pionier er einst bekannt sein wird: Andrea Cresci.

Kurzer persönlicher Einschub: Ich hab mal eine Ayurvedakur in einem ganz feinen Hotel gemacht, das mit exquisiten Möbeln eingerichtet war, etwa hell bezogenen Sesseln im Louis-Quinze-Stil, und im Regal neben der Tür fanden sich die Plastiküberzüge, die man am Abend eines Einlaufs über die Sitzpolster ziehen sollte. Fand ich wahnsinnig komisch.

Daran, Einschub Ende, hat mich die nächste Geschichte erinnert, in der es um Tischmanieren geht. Die lebensfrohen, jedoch noch recht ungebildeten Leser, die von alleine kaum eine Gabel von einem Messer zu unterscheiden wissen, werden hier von einem Knigge-Experten, natürlich adlig, darüber unterrichtet, wie man sich bei und zu Tisch benimmt.

Einige dieser Leser werden vielleicht hier schon überrascht denken: „Hä, Tisch?“ Andere werden ohnehin nur die Bilder auf sich wirken lassen können. Zu sehen: Iris Berben beim Verzehr von Austern. Im Text kommen zwar weder Iris Berben noch Austern vor, aber diese Fotos wurden vor drei Jahren mal für die „Bunte“ gemacht und waren vermutlich einfach billig.

In den Knigge-Tipps geht es hauptsächlich ums Kleckern. Der Gastgeber solle als erster kleckern, damit die Gäste etwas weniger Angst vor dem Kleckern haben. Und wenn was zwischen den Zähnen hängt, solle man es mit Gabel oder Löffel aus dem Mund befördern und in Elf-Uhr-Position am Teller ablegen. Besitzer von Uhren mit Digitalanzeige werden sich selbst überlassen.

Exklusiv: Original-Instagram-Apfelkuchenrezept

Die Geschichte über Viktoria Lauterbachs Kuchen ist eine freundliche Übernahme ihres Instagram-Accounts, mitsamt der Fotos, die sie dort voriges Jahr gepostet hat. Als Eigenleistung der Redaktion muss gewertet werden, dass man ihrem Original-Instagram-Apfelkuchenrezept deutlich mehr Zucker hinzugefügt hat. Und im steten Bemühen, so zu klingen, als sei man selbst auch so wahnsinnig kultiviert wie die dem Werbekunden versprochene Leserschaft, wird im Text ein ganzes Filmgenre neu erfunden. Da wird von Szenen „wie aus einem französischen Bel-Art-Movie“ fantasiert. Ach ja, denkt man und wird ganz nostalgisch: Was wäre der französische Film ohne Bel-Art-Movie.

Übrigens: „Für Viktoria Lauterbach ist es kein Widerspruch, Mutter zu sein und berufstätig.“ Unter welcher Trockenhaube denkt sich eine Journalistin im Jahr 2020 so einen Satz aus?

An dieser Stelle aber mal ein Riesenlob an die Art-Direktion. Sie hatte den genialen Einfall, hinter den Namen des jeweiligen Autors oder der Autorin immer das Symbol einer Klingel zu setzen, wie man sie an Hotelrezeptionen betätigt, wenn niemand da ist. Wirklich nichts könnte das Wunder besser illustrieren, das sich beim Verfassen all dieser Texte zugetragen haben muss.

Insgesamt ist auf den 100 Seiten „Genuss & Stil“ ein Personal wie aus der Raffaello-Werbung versammelt: alle weiß, hohl und gefangen im ewigen Widerspruch zwischen Schlemmen und schlanker Linie. Und immer wieder stellt sich die Frage, aus welchem Jahrhundert die Publikation in Wahrheit stammt, an der außer einem hohen Vorkommen von Influencern so gut wie nichts auf die Gegenwart verweist. Influencer übrigens wird als Begriff vorausgesetzt, was ein Veganer ist, wird aber vorsichtshalber nochmal erklärt: „Es wird auf sämtliche Produkte verzichtet, die vom Tier kommen, z.B. Eier, Milchprodukte wie Käse, Joghurt und Butter, Honig, Gelatine etc.“

Eine gewisse Fassungslosigkeit darüber, dass es Menschen geben soll, die tatsächlich auf Fleisch verzichten, zieht sich durchs Heft. Eine fleischlose Ernährung scheint der „Genuss & Stil“-Redaktion überhaupt nur vorstellbar, wenn dann zu Fleischersatz gegriffen wird, also zu Seidentofu, der tut als sei er eine Schweinshaxe. „Um den Treibhausgas-Ausstoß zu verringern, müssten wir den Verbrauch von Fleisch, Käse und Milch reduzieren“, erklärt ein Mathematiker, der den CO2-Wert von Lebensmitteln berechnet, der völlig überraschten „Genuss & Stil“-Interviewerin. Sein Fazit: „Fleischersatz wäre ein guter Weg, aber das führt zu Fabrikessen – auch nicht gerade ideal.“ Tja. Hm. Ja. Nee, sonst gibt es ja nichts. Blöd, aber kann man dann halt nichts machen.

Wortwörtlich abgeschrieben von kuechengoetter.de

In einer Geschichte kommt Black Cod vor, also Schwarzer Kabeljau, die Spezialität der japanischen Edelrestaurant-Kette Nobu: „Der auf Deutsch etwas unglücklich benannte Kohlenfisch“, heißt es da, und das ist kurioserweise wortwörtlich abgeschrieben von kuechengoetter.de, weil offenbar niemandem mehr eine weitere sinnlose Bildunterschrift einfiel.

Müde war die Redaktion schon bei: „Die deutsche Schauspielerin und Model ist leidenschaftliche Hobbyköchin“. Und länger rätselte ich hier über das Subjekt im zweiten Satz: „Maximilian J. Riedel ist Chef der führenden Glasdynastie der Welt. Sie lebt seit 260 Jahren für ihre Passion.“ Mein persönlicher Lieblingssatz aber steht auf Seite 72: „Als Sheba-Botschafter plädiert der bekennende Katzenliebhaber für Genussnahrung, auch bei Tieren.“ Hätte ich eine Katze, würde ich ihr diesen Satz jeden Abend auf unserem gemeinsamen Weg ins Restaurant vorlesen.

Man muss aber sagen: Für ein Magazin, das komplett ohne Ideen, Sinn und Schlussredaktion auskommt, ist „Genuss & Stil“ eine ziemlich witzige Sache geworden. Wirklich ein Jammer, dass es nur zweimal im Jahr erscheint.

17 Kommentare

  1. Ich liebe Johanna Adorján schon jetzt, nach der allerersten Kolumne. Ich habe herzlich gelacht. Was für ein grandioser Text. Die Vorlage ist aber auch zu schön und wird hier kenntnisreich auseinandergenommen. Bei den Fotos in diesem Genussblättchen musste ich unwillkürlich immer an den herrlichen Twitter-Account https://twitter.com/infoluencer denken.
    Angesichts dieser Zeitschriften frage mich immer, wer so etwas noch kauft. Ich habe seit Jahren keine Zeitschriften mehr gekauft, und wenn ich Lust auf alberne Bildchen oder noch albernere Party-Tipps habe, sind da die Weiten des Netzes herrliche Fundgruben. Wer braucht noch Hochglanz-Totholz?

  2. Herrlich! Ich habe mich seit Michalis Pantelouris nicht mehr so sehr bei der Lektüre einer Bahnhofskiosk-Kolumne so sehr amüsiert. Johanna Adorján ist schon jetzt ein Gewinn für Übermedien.

  3. „und wenn Sie Großes Grill-Special dreimal hintereinander schnell fehlerfrei sagen können“
    In Corona-Zeiten? Ich bitte Sie! Die Aerosole!

    Im Übrigen schließe ich mich meinen Vorredner*innen an. Danke!

  4. Merci für die pointierte Kolumne! Musste einige Male laut Lachen – und freue mich schon jetzt auf die nächsten Texte von Johanna Adorján.

  5. Beim steuerlich absetzbaren Fußabtreter musste ich an eine Fußmatte denken, die man zurzeit bei Pechkeks kaufen kann. »Herzlich willkommen wäre übertrieben« steht da drauf. Mehr fällt mir zu diesem neuen Kleinod der Magazinlandschaft auch nicht ein.

    Na gut, der Erdbeerkuchen sieht lecker aus.

  6. Nur um für heute noch ein paar Klugscheißer-Punkte zu sammeln: Ich bin sicher, die Titel-Dame heißt mit echtem (und bürgerlichem) Namen Frau Lilly Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein. Denn dass Frau Prinzessin zu Sayn-Wittgenstein in einer Republik noch adelig ist, halte ich für eher unwahrscheinlich….

  7. Das ist das Lustigste, was ich seit langer, langer Zeit gelesen habe – danke, Johanna! 😂

  8. Ich habe schon lange nicht mehr so gelacht! Eine wunderbare Kolumne! Auf den Punkt gebracht!

  9. Dankeschön, liebe Frau Adorjan. Diese Lachsalve habe ich wirklich gebraucht. Herrliches Amüsement.

  10. Eine so hübsch bösartige Kolumne.

    Herzlichen Dank für die äußerst vergnüglichen Minuten.

    Wo gibt es mehr davon Frau Adorján?

  11. Bin ich eigentlich der einzige, der den Mann in dem blauen Jacket für erst mal für Hans Rosental gehalten hat?

    Allerdings kenne ich Maximilian Riedel genauso wenig wie die anderen beiden Personen auf dem Bild. Aber die anderen beiden sehen immerhin auch keinen Personen ähnlich, die ich aus den linearen Fernsehen kenne.

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