Die lehrreiche Suche nach dem verschwundenen Van Gogh

Im Frühling 1890 malte Vincent van Gogh das letzte Portrait seines Lebens: den „Doktor Gachet“. Fast auf den Tag genau 100 Jahre später bricht dieses Bild alle Rekorde. Es wird das teuerste Gemälde der Welt. Für 82,5 Millionen Dollar wird es auf einer Auktion verkauft – und verschwindet. Bis heute ist es ein Geheimnis, wer das Bild gekauft hat und wo es sich befindet.

An jenem Tag vor 30 Jahren durfte die Öffentlichkeit den „Doktor Gachet“ zum letzten Mal sehen. Ein einzigartiges, unersetzbares Stück, eine Ikone der Kunstgeschichte ist weg.

Als Begleitung zu seiner großen Van-Gogh-Ausstellung hat das Frankfurter Städel-Museum aus diesem großen Fragezeichen einen großen Podcast gemacht. Es schickte Johannes Nichelmann auf die Suche nach dem Bild. Ein gewagtes Unterfangen, immerhin haben vor ihm schon Wissenschaftler, Kuratoren, Museumsdirektoren, Auktionshäuser und Investoren auf der ganzen Welt versucht, es zu finden, aber: aussichtslos ist es nicht.

Denn dieser Podcast war nicht nur eine Idee des Städel-Museums – die Macher konnten auch das Renommee, das Gewicht und die Kontakte dieses Museums von Weltrang für sich nutzen, und das hört man auch. Sie durften stundenlang im leeren Museum of Modern Art arbeiten. Mit Auktionatoren und Kunsthändlern reden. Namen und Gerüchte in einem zwar lästerfreudigen, aber nach außen hin doch extrem diskreten Markt aufschnappen. Sie nehmen uns mit hinter die Kulissen dieses Kunstbetriebs.

In der ersten Folge geht es nach Auvers-sur-Oise, einem idyllischen Ort im Nordwesten von Paris. Hier stehen das noch weitgehend unveränderte Haus von Dr. Gachet und das Haus, in dem van Gogh zuletzt lebte. Dominique-Charles Janssens, ein ehemaliger Manager, hat sich entschieden, das Van-Gogh-Haus zum Museum zu machen – und für sein Museum hat er einen großen Traum:

Reporter: Wo ist das van-Gogh-Gemälde des Dr. Gachet?

Janssens: Irgendwo.

Reporter: Warum ist es ein Geheimnis?

Janssens: Weil es ein Geheimnis ist.

Reporter: Wenn Sie das Geld haben könnten: Könnten Sie auch das Gemälde haben?

Janssens: Habe ich. Ich habe ein Pharma-Unternehmen, das bereit ist, 200 Millionen für das Gemälde zu zahlen. Ich denke, für den momentanen Besitzer ist Geld aber nicht das Problem. Ich meine: Die Leute, denen es gehört, wollen es nicht verkaufen. (…) Deshalb werde ich nicht darüber sprechen. Aber: Wenn man träumt, kann man es auch schaffen. Also versuche ich, davon zu träumen.

Wer sich mit dem Bild und seinem Weg beschäftigt, der beschäftigt sich mit der Geschichte der letzten 130 Jahre. Es geht um die Nazis und die „entartete Kunst“. Um Kunsthandel und um Investment-Hypes. Und um die zunehmende Privatisierung von Kunst. Immer mehr wichtige Werke werden auf Auktionen an anonyme Käufer oder Investoren verkauft und verschwinden danach in Privatsammlungen, Depots oder in riesigen Zollfreilagern. Das finden viele nicht gut, aber dieser Podcast klagt nicht an. Er spricht mit Leuten, die das für und wider solcher Verkäufe abwägen können.

Überhaupt ist „Finding van Gogh” von einer angenehmen, selten gewordenen Unaufgeregtheit. Hätten die Macher gewollt, sie hätten ihren Stoff dramaturgisch viel mehr zuspitzen können. Doch sie tun es nicht. Die Zurückhaltung geht so weit, dass man als Hörer am Ende mancher Episode gar nicht so genau weiß, warum man denn die nächste Folge hören soll. Vielleicht gingen so Hörer unterwegs verloren. In jedem Fall aber muss sich diese Produktion einen Vorwurf nicht machen lassen: Das man hier effektheischerisch mehr verspricht, als man gibt.

Ein kunstpädagogisches Projekt

Dieser Podcast ist auch ein kunstpädagogisches Projekt, obwohl das nirgends so draufsteht. Man lernt enorm viel: Was alles unsichtbar hinter den Kulissen eines Museums, einer Ausstellung passiert. Wie die erste Liga der Museen weltweit miteinander arbeitet. Was ein Bild zu Kunst macht. Auch über die Rolle von Künstlern, die kein Teil der Gesellschaft sein können, es des Geldverdienens wegen aber doch sein müssen, und über die Frage, was die moderne Welt mit der menschlichen Psyche anstellen kann.

Natürlich ist „Finding van Gogh“ auch Werbung für die Ausstellung im Städel, und ich gebe zu: Ich war deswegen anfangs skeptisch. Aber ich habe mich getäuscht. Dieser vermeintliche PR-Podcast ist journalistischer als vieles, das sich Journalismus nennt – oder anders: So mancher Journalismus ist viel mehr PR, als dieser Podcast es ist.

Das Museum hat den Machern für „Finding van Gogh“ viele Freiheiten gelassen, und die haben handwerklich enorm sorgfältig und aufwendig gearbeitet. Die Produktion, die Töne, die Auswahl der Gesprächspartner, der Schnitt, die Musik, die Sprecher – das alles ist erste Liga.

Ein Jahr haben der Hörfunk-Journalist Johannes Nichelmann und sein Co-Autor, der Regisseur Jakob Schmidt, daran gearbeitet. Sie haben in den USA, in Frankreich, in Großbritannien, in der Schweiz und in Deutschland recherchiert. Sie haben das Plumpsklo, auf dem van Gogh, Cezanne und auch Doktor Gachet mal saßen, genauso besucht wie den leeren Original-Rahmen, in dem das Bild mal hing, und einen Kunsthändler in New York, der plötzlich, als das Interview eigentlich schon durch ist, erzählt, wo das Bild angeblich sein soll.

„Mich hat der Kunstmarkt überrascht“, schreibt mir Autor Johannes Nichelmann. „Wie verschlossen und staatsmännisch da gehandelt wird. Ein bisschen wie bei der Kirche scheint man eigenen Gesetzen von Moral und Recht mehr zu trauen als den Weltlichen.“

Ohne es zu wollen, sind Nichelmann und sein Co-Autor jetzt Teil dieses Spiels – auch „Finding van Gogh” lebt jetzt vom Fragezeichen: „Ich meine, zu wissen, wo das Bild ist“, sagt Johannes Nichelmann, als ich ihn danach frage. Genauer werden kann er nicht.

Podcast: Finding van Gogh
Erscheinungsrhythmus: 5 Folgen, alle veröffentlicht
Episodenlänge: 30-45 Minuten

Offizieller Claim: Auf der Suche nach dem legendären Dr. Gachet.
Inoffizieller Claim: Keine halben Sachen.

Geeignet für: Leute, die glauben, der Kunstmarkt sei uninteressant.
Nicht geeignet für: Leute, die sich keine Zeit nehmen können.

3 Kommentare

  1. Danke für diese Rezension, die Lust macht auf diesen Podcast, den ich sonst höchstwahrscheinlich links liegen lassen würde.

  2. Wenn er annähernd die Qualität der früheren Empfehlung „Dolly Parton’s America“ hat, bin ich wieder dabei.

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