Wo der Herbst Gewürzfarben trägt

Man ist jetzt alt genug für einen Keller voll mit Kisten, die beim vorletzten Umzug in den letzten Keller und beim letzten Umzug ungeöffnet in den jetzigen Keller gewandert sind.

Man ist ebenso alt genug für die Erkenntnis, dass Tinder im Bett Spaß macht; dass allein im Bett quer liegend schlafen fast noch mehr Spaß macht. Man ist was geworden, hat sich vielleicht fortgepflanzt, und am Horizont wedelt schon die Mid-Life-Krise mit ihren welken Ärmchen.

Weil man also nun ein bisschen Leben hinter sich hat, guckt man sich auch mal Dinge an, die bisher immer so im Leben parallel mitgelaufen sind, ohne dass man ihnen wirklich Aufmerksamkeit geschenkt hat. Erdbeermilch vom Bäcker zum Beispiel, oder Tennis im Fernsehen. Oder heute eben: „Freundin“ lesen.

Lag bei den Kindergartenfreundinnenmüttern auf dem Küchentisch, lag bei sämtlichen Hausärzten auf dem verkeimten Beistelltisch im Wartezimmer und steckte auch mal zurückgelassen in diesem Zeitung-Reinsteck-Netz-Dings an der Rückseite von Zugsitzen. Ich habe also immer mal reingeschaut, aber sie nie gekauft.

„Freundin“ erscheint vierzehntägig im Münchner Burda-Verlag und ist irgendwie genau wie das, was das Narrativ der „besten Freundin“ aussagt: nämlich immer da.

Im Jahr 1948 gegründet hieß das Blatt damals noch höflich ranwanzend „Ihre Freundin“. Die kommenden Jahrzehnte brachten einen Wechsel des Verlagshauses, Neuausrichtung auf eine jüngere Leserschaft und mit den fortschreitenden Schwierigkeiten der Printbranche die Integration eines weiteren Titels. Das Motto wandelte sich von „Leben im jungen Stil“ zu „Leben Sie Ihr bestes Leben“ bis hin zum 2016 etablierten und fortdauernden „Glücklicher leben“.

Puh, das klingt mühsam. Wie kommt es, dass „Freundin“ sich trotz sinkender Verkaufszahlen immer noch behaupten kann? Das will ich versuchen zu verstehen.

Individuell dank Lippenöl

Die Themenankündigungen auf dem aktuellen Cover sind wie das Gedankensammelsurium, das mir durch den Kopf schwirrt, wenn ich an einem Dienstagmorgen im Oktober nicht aus dem Bett komme: „Feine Ideen mit Kürbis“, „Sex ist wie Pizza“, „Kann ich mich vor Krebs schützen?“ und natürlich „Die neuen Herbstfarben“. Dazu noch ein Verweis auf ein Haar-Spezial und der Hinweis, dass das, hey, ja zwei Hefte für nur drei Tacken sind. Was für ein unfassbares Schnäppchen! Ich gähne.

„Favoriten“, „Mode“, „Beauty“, „Leben & Lieben“, „Gesundheit“, „Genuss“, „Wohnen“, „Reise“, „Kolumnen“ und „Kultur“ sind die Rubriken, in denen ich Anleitungen zum „Glücklicher leben“ finden soll.

In „Favoriten“ wird ein Lippenöl angepriesen, das mich dabei unterstützen soll, mein Ding zu machen und individuell zu sein. Joa. Würde ja sagen, ein gutes Buch lesen hilft da mehr, aber klar, so ein batziger Schmier auf der Lippe ist auch nicht zu unterschätzen. Jaja, ungerecht ist das, weil Äpfel mit Birnen und so weiter, aber diese ewigen Produktempfehlungen, vom Schlafanzug bis zur Tampon-Aufbewahrung (endlich nicht mehr todesbeschämt sein, weil man Tampons im Bad rumstehen hat und das am Ende noch jemand sieht), lassen mich noch mehr gähnen und rufen leichten Unwillen bei mir hervor.

Elegant mit Zimt, Entspannt mit Curry

Aber ich verzage nicht und wage mich vor ins herbstliche Kraut und Rüben. Mode in Gewürzfarben wird da präsentiert. GEWÜRZFARBEN! Was soll das überhaupt bedeuten! Weil offenbar nicht nur ich damit überfordert bin, findet sich unter jedem Outfit eine kleine Erläuterung zur präsentierten Klamotte: „Elegant mit Zimt“, „Cool mit Kerbel“ oder „Entspannt mit Curry“. Klingt wie die Sprüchlein auf der Verpackungsrückseite dieser gruseligen Lifestyletees, die einem ewiges Leben und/oder reichlich Schönheit versprechen.

Ich kichere, vergesse sofort wieder, wie „Kerbel“ angeblich aussieht und dass es zu dieser Gewürznummer auch noch die passenden Parfu…

2 Kommentare

  1. Hennes Bender ,war es glaube ich, hatte doch was zum Thema Brotkasten und Shoppingsender-Moderationshighlight…
    „Man kann sich sein Leben ohne Brotkasten nicht mehr vorstellen…..“
    So in dem Dreh…
    Jetzt kann man den Brotkasten, ohne den man nicht mehr existieren könnenwill auch noch „bezutaten“!
    Dann wird „verstoffwechselt“…
    Oder „metabolisiert“!

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.