Ein Podcast, der einen die Welt mit anderen Ohren hören lässt

„Ways of Hearing“ ist möglicherweise der perfekte Podcast. Ich weiß, mit Superlativen ist das so eine Sache. Aber dieser hier ist so sorgfältig produziert, so klug, fundiert und unaufgeregt, er ist nicht zu lang und nicht zu kurz, er verspricht nichts und liefert umso mehr, er hinterlässt Menschen klüger, bedachter und emphatischer, er schwafelt nicht, schließt weder Laien aus, noch langweilt er Experten, er braucht keine große Marke, weil er alle Relevanz aus sich selbst heraus aufbaut – dieser Podcast ist 5-Sterne-Plus.

Der amerikanische Musiker und Autor Damon Krukowski geht darin der Frage nach, wie wir hören. Wie sich das Hören verändert, wenn die Welt digital wird. Und wie digitales Hören verändert, wie wir die Welt sehen. Wer diesen Podcast gehört hat, hört die Welt danach mit Ohren.

Schon im Intro steckt ein Detail, das zeigt, wie sich hier jemand wirklich Gedanken gemacht hat:

„In jeder Episode schauen wir uns an, wie der Wechsel von analogem zu digitalem Audio unsere Wahrnehmung verändert: von Zeit, von Raum, von Liebe, Geld und Macht. Es geht um Sound – das Medium, dass wir teilen, in diesem Moment. Aber ich mache mir Sorgen um die Qualität dieses Teilens. Weil wir uns auf der Welt im Moment nicht so wirklich gut gegenseitig zuhören. Dank digitaler Medien reichen unsere Stimmen weiter denn je. Aber wie werden sie gehört?“

Damon Krukowski sagt nicht, er mache sich Sorgen um den Klang. Nein, er macht sich Sorgen darum, wie gut wir Klang, Sound, Töne, Sprache heute miteinander teilen. Es geht um das Miteinander. Das ist kein Podcast für Audio-Nerds und Klang-Fetischisten. Dieser Podcast ist ein soziales Projekt.

Erlebte Zeit

Damon Krukowski erzählt zu Beginn von den Achtzigern. Von der Technik damals, die nicht mit Zahlen arbeitete, sondern mit Motoren und Magneten. Und er erzählt davon, wie er damals mit seiner Band Musik aufnahm:

„Im analogen Studio gab es so ein Gefühl, wenn das Tape begann, sich zu drehen: dass genau das hier jetzt der Moment ist, den wir festhalten werden. (…) Auf Band, da gab es kein ‚rückgängig machen‘. Du konntest es nochmal versuchen, wenn du die Zeit und das Geld hattest. Aber ein ‚Rückgängig‘ gab’s nicht. Was aufgenommen war, war aufgenommen.“

Bis hierhin sind drei Minuten vergangen (vergangene Zeit wird noch wichtig werden als Thema in diesem Podcast), und schon ist man mittendrin – in einer poptheoretischen Abhandlung über „Zeit“. Man hört davon, wie Musiker schon im 18. Jahrhundert mit dem „tempo rubato“, der „geraubten Zeit“ arbeiteten: Ein Musiker kann einzelne Töne schneller spielen, ihnen etwas Zeit rauben, aber will man im Takt bleiben, muss man diese geraubte Zeit an anderer Stelle wieder zurückgeben und andere Töne länger spielen.

Krukowski springt vom „tempo rubato“ zu den ersten Schellack-Platten, die natürlich leierten, und von dort direkt weiter zu den Hip-Hop-DJs, die das Samplen zur Kulturtechnik machten. Er erzählt, wie Jazzmusiker von „Swing“ sprechen, Funkmusiker vom „Groove“, Popmusiker aller Generationen im Refrain ein bisschen schneller werden, und wie sie alle seit 300 Jahren ein Thema gemeinsam haben, das Maschinen eben nicht haben: erlebte Zeit.

Wer das ein bisschen zu schöngeistig findet, für den folgt ein besser greifbares Beispiel. Es hat mit dem 12. Juni 2009 zu tun. Dem Tag, an dem in den USA die Fernsehsender von analoger Übertragung auf Digital umstellten. Bis zu diesem Tag, erzählt Krukowski, habe man überall in Boston immer dann, wenn die Boston Red Sox spielten, genau gewusst, wann es einen Homerun gab – weil aus allen offenen Fenstern zum gleichen Moment Jubel schallte. Heute gibt es viele einzelne Jubelschreie, jeder ein bisschen versetzt, weil jedes digitale Gerät seinen eigenen Datenstrom bekommt.

Selbst gebaute Echokammern

Diese Vereinzelung beobachtet Krukowski auch anderswo: in unseren Städten, wo sich immer mehr von dem Konsens verabschieden, den „gemeinsam auf der Straße zu sein“ mal bedeutet hat, und sich stattdessen mit Kopfhörer im Ohr in private Blasen zurückziehen. Uns so geht es in der zweiten Episode (Thema: Raum) darum, wie wir uns durch unsere Städte bewegen – und was das wohl mit uns macht, immerzu mit Kopfhörern unterwegs zu sein:

„(…) bist du dann wirklich Teil dieser Gruppe? Bist du hier? Mit mir? Auf diesem Bürgersteig, bewegst dich zusammen mit den anderen, als wären wir alle Teil der gleichen Welle? Oder bist du in einem ganz anderen Raum? In Tokio tun Menschen in überfüllten Zügen so, als würden sie schlafen, um Augenkontakt zu vermeiden. Hier, mit all diesen Kopfhörern, scheint es mir so, als wollten wir Ohrenkontakt vermeiden.“

Wir benutzen unsere Kopfhörer, um zu widersprechen: Um unser Einverständnis zurückzuziehen, dass es für uns OK ist, Teil einer Masse zu sein, wenn wir auf der Straße sind. Unsere Kopfhörer beschallen nicht nur einen eigenen Resonanzraum zwischen unseren Ohren, sie schaffen uns auch eine eigene Echokammer.

Wir lernen erst Musik, dann Sprache

Wir sprechen nicht mehr miteinander, da draußen. Und warum das schade ist, wird klar, wenn man Damon Krukowski in der der dritten Folge dabei zuhört, wie er sich mit seiner Mutter unterhält. Sprache transportiert so viel mehr als nur Vokabeln, Syntax, Grammatik. Noch bevor wir verstehen, was jemand sagt, merken wir, wie er es sagt. Wir lernen Klang, Melodie, Rhythmus – wir lernen Musik, bevor wir Sprache lernen.

„Weil: Was bleibt von Sprache, wenn man die Worte wegnimmt? Der Klang einer Stimme. Ein musikalischer Klang.“

Sogar fremde Stimmen können sich auf eine eigenartige Weise vertraut anfühlen. Mir geht das mit der Stimme von Damon Krukowski so. Und ihm geht es so mit der Stimme von Frank Sinatra. Und das hat einen einfachen Grund: die Art, wie beide mit dem Mikrofon umgehen.

Sinatra hat eine eigene Technik entwickelt hat, um ganz nah am Mikrofon singen zu können. Er konnte seine Atmung, seine Stimme und Aussprache so gut kontrollieren, dass es keine Poppgeräusche gab. Er machte sich den sogenannten „Nahbesprechungseffekt“ zunutze, den Tontechniker eigentlich vermeiden wollen, und ließ seine Stimme auf diese Weise ganz intensiv, ganz nah, ganz vertraut wirken.

Sinatra und Krukowski verbindet noch mehr: beide sind Musiker. Beide wollten von ihrer Musik leben. Und so liegt es nur auf der Hand, dass Krukowski in der nächsten Folge der Frage nachgeht, was Musik mit Geld zu tun hat und wie sich das verändert, wenn die Welt digital wird.

Der Wert des Lärms

Es folgen viele Momente, bei denen man auf Pause drücken und zurückspulen möchte, weil das, was Damon Krukowski da erzählt, so offenkundig und trotzdem so spannend ist. Wenn er über Lärm redet zum Beispiel.

Früher konnte niemand konnte eine Schallplatte oder eine Musikkassette lauter machen, ohne nicht auch das Knistern und Rauschen mit lauter zu machen. Heute ist das dank digitaler Produktion nicht mehr so. Der Mensch hat sich technische Möglichkeiten geschaffen, mehr, besser, und ja, auch lauter zu hören denn je. Nur unsere Ohren, die kommen nicht mit. Einem WHO-Bericht zufolge sind 1,1 Milliarden junge Menschen in Gefahr, einen Teil ihres Hörvermögens zu verlieren – wegen „unsicherer Hör-Gewohnheiten“.

Man ist versucht, das alles furchtbar zu finden, und dann kommt Krukowski mit seiner klugen, bedachten Art und erklärt fast schon poetisch, warum Lärm eben doch etwas tolles, etwas beruhigendes sein kann und einen sozialen Wert hat: So klingt meine Straße, so klingt meine Stadt, so klang mein Club …

Was uns Podcasts wegnehmen

„Ways of Hearing“ ist nicht pessimistisch, und Damon Krukowski ist es auch nicht. Er ist auch nicht nostalgisch, er warnt nicht einmal davor, vom Analogen ins Digitale zu wandern. Aber er denkt nach. Er legt, durchaus schmerzhaft, die Punkte frei, die im Hype und Jubel und Rausch ein bisschen aus dem Blick geraten. Und ich liebe diesen Podcast dafür – auch, weil er etwas tut, was selten wird: Er hält es aus, keine eindeutige Antwort zu finden. Oder wie es die „Financial Times“ schreibt: „Damon Krukowski ist in einer Zwickmühle. Klar, er will, dass wir uns seinen neuen Podcast anhören, natürlich will er das. Aber er würde es irgendwie auch gut finden, wenn das Format nie erfunden worden wäre.“

Vereinzeln Podcasts uns? Bejubeln wir sie zu sehr und merken dabei gar nicht, wie sie uns nach und nach etwas wegnehmen? Chris Richards hat die Frage in der „Washington Post“ aufgeworfen und erzählt dort auch, wie es ihm geht, wenn er auf Parties erzählt, er finde Podcasts doof: „Als ob man in ein Wespen-Nest sticht. (…) Diese Frage zu fragen, das fühlt sich sehr einsam an.“

Es gab eine Zeit, da wurde gemeinsam Radio gehört. Man hat Zeit geteilt, verbunden durch das, was dabei zu hören war. Nichts anderes passiert bei einem Konzert, auf einer Lesung oder wenn man im Auto im Urlaub zusammen Hörbücher hört. Einen Podcast aber hört man meist für sich. Es gibt keine Gleichzeitigkeit. Und ja, ich finde, damit geht etwas verloren. Vielleicht sollten wir also ab und zu versuchen, uns das zu bewahren. Sich hinzusetzen und mit ein paar guten Freunden „Ways of Hearing“ anhören, wäre ein guter Anfang.

„Ways of hearing“ gehört zu „Showcase“ von Radiotopia und hat keinen eigenen Feed. Einfach zu finden sind die sechs Folgen (plus eine Bonus-Folge) trotzdem: Sie sind die ersten im Feed von „Showcase“.

Ein Kommentar

  1. Errata:

    Wer diesen Podcast gehört hat, hört die Welt danach mit Ohren.

    Wir lernen wir Klang, Melodie, Rhythmus

    Früher konnte niemand konnte eine Schallplatte

    Ersteres könnte natürlich auch Absicht sein – grammatikalisch und faktisch ist es ja zumindest unzweifelhaft korrekt.

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