Die unheimliche Operation des Dschungelcamp-Autors

Vor knapp zwölf Jahren hat sich der Fernsehautor Jens Oliver Haas („Ich bin ein Star, holt mich hier raus“) in einer tschechischen Klinik die Augen lasern lassen; alles ist gut und erfolgreich verlaufen, so gut und erfolgreich, dass Haas der Klink hinterher auf ihrer Homepage bestätigte, wie freundlich und kompetent er die Umstände fand und wie angenehm die Operation.

Das ist der Stoff, aus dem die großen Dramen entstehen, jedenfalls wenn sie die Profis aus dem Burda-Verlag in die Finger bekommen. Aus nichts mehr als dieser Tatsache: einer viele Jahre alten Empfehlung auf der Internetseite eines Krankenhauses, strickten sie diese aufregende Geschichte:

Sie schaffte es sogar auf den Titel:

Ja, das ist Alltag in der deutschen Regenbogenpresse, und wir haben viele ähnliche Fälle hier schon beschrieben. Aber es ist wieder ein besonders hübsches Beispiel, wie diese Redaktionen sich ihre Aufreger zurechtstricken.

Das „Freizeit Revue“-Stück jedenfalls beginnt so:

Keiner wird Sonja Zietlow (49) was anmerken, wenn sie wieder lächelnd vor der Kamera sitzt. Welche Sorgen sie plagen, sobald die Scheinwerfer ausgeschaltet sind, das behält sie für sich. Es geht schließlich um die Augen ihres Mannes – und eine riskante OP. Seit Ewigkeiten schleppt Jens Oliver Haas (50) nun schon diese Sehschwäche mit sich rum.

Ja: „Schleppt“ im Sinne von „schleppte“, „nun schon“ im Sinne von „früher“ und „(50)“ im Sinne von „(damals 38)“.

„Seit zehn Jahren will ich mir die Augen lasern lassen“, gibt er ehrlich zu. „Aber irgendwie war es mir immer zu teuer, zu umständlich und zu riskant. Vielleicht fehlt mir auch das Vertrauen – schließlich habe ich nur zwei Augen“. Diese Ängste sind nicht unberechtigt. (…)

Eine Ehefrau zittert immer mit, wenn beim Geliebten eine riskante OP ansteht. Umso erleichterter wird Sonja aufgeatmet haben, als bei Jens Oliver alles gut ging. Zumal ihr Mann unter seiner Sehschwäche offenbar mehr litt, als allen bewusst war. Erleichtert jubelt er: „Am Tag nach der OP begann für mich ein neues Leben.“

Alle Sätze, die die „Freizeit Revue“ da zitiert und wirken lässt, als hätte Haas sie vor kurzem gegenüber dem Blatt geäußert, stammen von der Internetseite der Klinik, wo sie seit Jahren stehen. Was die Überschrift von der „HEIMLICHEN“ OP und den größten Ängsten, die Zietlows Mann „zum ersten Mal offenbart“, umso irrer macht.

Über dem „Freizeit Revue“-Stück steht:

Ein riskantes Verfahren, eine Klinik im Ausland. Nichts drang nach außen über die Operation.

… „nichts“ hier im Sinne von „alles“…

Und nun stellt sich die bange Frage: Können die Ärzte auch der Moderatorin helfen?

Huh?

Die Auflösung, am Ende des anonym verfassten „Freizeit Revue“-Textes:

Zu den Spezialgebieten der Klinik gehört übrigens auch die Faltenglättung durch Botox. Sollte es Sonja dort mal versuchen? Über ihren angeblichen Botox-Einsatz wurde zuletzt viel gelästert. Und vielleicht gibt’s in Prag ja Familienrabatt.

Auf Nachfrage von Übermedien spricht Haas von einem „miesen Stück Sensationsjournalismus“, denn mit „ein bisschen Recherche“ wäre da so viel mehr drin gewesen:

Die Schultereckgelenks-Sprengung beim Downhill 2010 (2 Stunden OP!). Die schwere Kopfverletzung 2014 in einer abgelegenen Höhle auf Mallorca (acht Stiche!!). Und dann hab ich mir ja 2017 in Dubai die Nägel machen lassen. Ich hätte verbluten können! Meine Frau hat drei Tage nur geweint. Vermutlich.

Der Burda-Verlag ist stolz auf seine „Freizeit Revue“, die sich wöchentlich etwa 680.000-mal verkauft. Im vergangenen Jahr gab er sich ratlos, wie das Blatt „in den Verdacht unzutreffender Berichterstattung“ geraten konnte; Burda-Vorstand Philipp Welte wies den Vorwurf, mit „alternative facts“ zu arbeiten, empört zurück.


Nachtrag, 12. Februar. Bei der Zeitschrift „InTouch“ aus dem Bauer-Verlag hat man diesen Text hier mit Interesse gelesen – und gleich zu einem neuen Drama verarbeitet:

Sonja Zietlow: Gefährliche Leidenschaft! Verliert sie ihren Mann?

Verliert Sonja bald ihren Mann?

(…) Jens gab vor Kurzem zu, schon einige Male unterm Messer gelegen zu haben – wegen schlimmer Verletzungen! Beim Downhill (rasante Bergabfahrt mit dem Mountainbike) erlitt er 2010 eine Schultergelenks-Sprengung, musste zwei Stunden operiert werden. Vier Jahre später zog er sich in einer abgelegenen Höhle auf Mallorca eine so schwere Wunde am Kopf zu, dass er mit acht Stichen genäht werden musste! Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wäre ihm niemand zu Hilfe geeilt…

Wir haben ein Monster gefüttert!

7 Kommentare

  1. OT / @Burda: „Warum Sie Angst um ihren Jens haben musste“: Wenn die Leserin schon direkt angesprochen wird, müsste es konsequenterweise „Warum Sie Angst um ihren Jens haben mussten“ heißen. Das würde vermutlich nebenbei auch die Bindung ans Blatt (nicht: des Blattes) erhöhen.

  2. Ich fürchte, das Haas-Zitat am Ende des Artikels wird für drei neue Geschichten der Freizeit Revue herhalten müssen.

  3. meine Güte, das muss man doch verstehen. Da sitzen die Schreibstubenverdammten den ganzen Tag, vielleicht auch schon zwei oder drei Tage nutzlos vor ihrem Rechner in der Redaktion und werden immer hibbelicher weil ihnen einfach nichts aus den Fingern fließen will. Man daddelt ein bissel im Netz herum, sucht die gähnende Langeweile mit immensem Einsatz von Kaffee, vielleicht sogar der einen oder anderen Hand voll Beruhigungspillen zu vertreiben, und stößt dann, natürlich per reinem Zufall auf der Suche nach Busen-OP oder Gehirntransplantationsmöglichkeiten, auf diese Tschechische Klinik. Und dann steht da dieser Text, der der unterbezahlten und unterforderten Schreibkraft das Blut in den Adern gefrieren lässt: Augen-OP … deutscher hüstel Promi …

    Sofort setzt sich die mechanische Denkapparatur im Oberstübchen der Schreibkraft in Bewegung und spuckt automatisch Textbausteine aus – … geheim … Angst … zittern ….
    Was halt so gebraucht wird um die Spalten der Dummheit und Niedertracht zu füllen.

    Erleichterung macht sich breit. Die Zeit des Wartens ist vorbei, man hat endlich den Text beisammen, den der Chef mittels scharfem Blick seit Tagen eingefordert hat, und kann sich beruhigt zurücklehnen. Und wer weiß, wenn man ganz viel Glück hat, ergibt sich vielleicht noch eine Folgestory, wo man den ganzen Bullshit noch ein bissel mehr überdrehen kann.

    Endlich Feierabend.

    Und wieder muss die Therapiestunde ausfallen weil man schon spät dran ist.

  4. @ schmidt123
    Wunderbar auf den Punkt gebracht.
    Problem: So ein Zeugs wird, tatsächlich, gekauft.
    Besserung scheint also nicht in Sicht.
    Meine liebe Mutter, 88jährig, überzeugte Rudolf Steiner-Anhängerin,
    hat mir bei einem meiner letzten Besuche etwas von besonderen
    Heilkräften neuseeländischen Honigs erzählt. Dazu ein ausgedruckter Ausschnitt. Ganz unten stand: „Bild der Frau“. Nur ein Ausriss, von einer Freundin.
    Kurz: Diesen Wunderhonig will sie haben.
    (…du warst ja ‚mal da…)
    Werde ich auch so schrullig, demnächst?

  5. Nun ja, das geringe Vertrauen der Menschen in „Journalisten“ kommt halt irgendwo her. Und es ist ja auch nicht unüblich, dass zwischen den Zeitungen gewechselt wird, z.B. auch von der BILD zum Spiegel oder anderen Blättern. Wie soll man annehmen, dass sie da aufhören Mist zu erzählen ? Vorher haben die sich ja schon bereiterklärt eiskalt zu lügen. Und bei bestimmten Blättern geht „lügen“ ja auch diskreter: Weglassen von Fakten statt Erfinden von Fakten. Das ist viel raffinierter.

  6. „Warum Sie Angst um Ihren Jens haben müssen.“

    Wäre die einzige boulevardvaffine Schlachtzeile mit optimaler Leserinnenansprache.

  7. Oh, der Nachtrag ist ja klasse. Ich habe ihn jetzt allerdings nur durch Zufall entdeckt, weil ich mir alte Artikel noch mal angeschaut habe. Ich weiß auch keine optimale Lösung dafür, aber vielleicht könnte man in solchen Fällen den Artikel noch mal kurz vorne auf die Startseite hieven oder das Thumbnail mit einem kleinen gelben „Nachtrag: Datum“-Balken versehen.

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