Cover-Shooting

Ernstes Thema in feinen Stöffchen

Das „FAZ Magazin“ spricht mit der Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes über ihre persönliche Geschichte, über Missbrauch und Frauenhass. Aber warum eigentlich im exklusiven und werblich wirkenden Umfeld eines Fotoshootings bei Fernandes’ Lieblingsmodemarke? 
Titelseite des „FAZ Magazins“
Ausriss: „FAZ Magazin“

„Ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer“, sagt die Schauspielerin und Moderatorin Collien Fernandes, und weil das im „FAZ Magazin“ gleich in der Überschrift steht, ist man natürlich sofort hellwach. Die Lage ist offenbar dramatisch.

Doch dann liest man den Text und wundert sich bloß die ganze Zeit, was das für ein rätselhaftes Format ist. Der große Aufhänger ist Fernandes’ persönliche Geschichte. Es geht um die Vorwürfe gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen, die sie im März im „Spiegel“ öffentlich gemacht hat, um Missbrauch, Frauenhass, Gleichberechtigung, um all die Themen also, über die Fernandes schon häufig mit Medien gesprochen hat – aber wohl noch nie in so einem Setting.

Beim Lieblingsmarke-Shooting

Eine FAZ-Redakteurin hat Fernandes in Berlin getroffen, im Studio der Modefirma Kaviar Gauche, Fernandes’ Lieblingsmarke, wie der Teaser verrät. Die FAZ hat dort für ihre hochklassige Lifestyle-Beilage, das monatlich erscheinende „FAZ Magazin“, ein exklusives Foto-Shooting mit der „feministischen Vorkämpferin“ organisiert. Stattgefunden hat es bereits Mitte Juli, erschienen ist es Mitte September, auch online.

So ein Lieblingsmarke-Shooting, dessen Ergebnis dann einer großen, angesehenen Tageszeitung beiliegt, das freut freilich nicht nur Fernandes. Auch die Modemacher werben nun stolz mit dem Artikel auf ihren Online-Kanälen. „Collien has been a friend of the house for many years“, seit vielen Jahren sei Collien eine Freundin, schreiben sie, und danken unter anderem dem „gesamten FAZ-Team“.

Während sich Fernandes beim Shooting eine exklusive Klamotte nach der anderen überwirft, um für die FAZ-Kamera zu posieren, wird geplaudert. An einer Stelle bringt Fernandes noch mal unter, wie toll übrigens diese Modemarke ist; an einer anderen erwähnt die FAZ, auf welcher Promi-Dating-App man Fernandes übrigens trifft. Und auch sonst erfährt man so dies und das. 

Über Fernandes’ „Anwesen“ auf Mallorca etwa heißt es: „Der Blick ist toll, das Schwimmbecken wahrscheinlich auch.“ (Wahrscheinlich?) Über ihr Schmink-Talent notiert die FAZ-Autorin: „Sie kann gleichzeitig reden und ihren Lidstrich nachziehen.“ Über ihren Ex-Mann Ulmen steht dort – wie immer, damit es keinen Ärger mit Medienanwälten gibt: „Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.“ Was er getan haben soll und wie er sich verhält, seit alles öffentlich wurde, ist ja das eigentliche, dominierende Thema. 

Superbescheiden

Deshalb geht’s dann auch ums liebe Geld. Den Rechtsstreit mit ihrem Ex-Mann könne sich Fernandes auch deshalb leisten, weil sie schon früh Vermögen aufgebaut und Immobilien gekauft habe, heißt es im Text. Ihre Eltern hätten ihr „Sparen beigebracht“. Anders als Ulmen, sagt Fernandes, habe sie „immer gerechnet, kaum etwas ausgegeben und stattdessen das Geld lieber investiert“. Es klingt alles superbescheiden, fast geizig.

Und dann kommt der merkwürdige und auch ein bisschen lustige Bruch zwischen der Erzählung im Text und der Inszenierung. In der Online-Version des Artikels folgt auf die Sparstelle ein großes Foto aus dem Shooting mit der gut sichtbar platzierten Zeile:

„Elfenbeinfarbener Oversize-Bow-Blazer und Bowie-Shorts, Schmuck Cartier“

Allein der Blazer kostet rund 1800 Euro. Den Preis muss man aber erst selbst googeln, um zu verstehen, in welcher Welt wir uns hier gerade bewegen.

Dabei ist ja Mode gar nicht so wichtig. Das überrascht jetzt vielleicht, aber das ist die Bescheidenheitserzählung: „Sie trägt auch privat Kleidung, die sitzt“, schreibt das „FAZ Magazin“ über Fernandes. „Aber große Gedanken scheint sie sich über all das nicht zu machen.“

„Schwarzer Sparkle-Blazer, Schmuck Cartier“

Natürlich muss Collien Fernandes jetzt nicht in alle Ewigkeit im Opferhemdchen vor die Presse treten und traurig dreinschauen, sie ist ja nicht nur die Ex von Christian Ulmen. Und wer unbedingt will, kann die Bilder auch feuilletonistisch betrachten: der gesenkte Blick auf dem einen Foto, diese verschwommene Ästhetik auf dem anderen. Sagt das nicht auch etwas über Fernandes’ Innenwelt, ihr Leben?

Naja, vielleicht auch nicht.

Doppelseite des „FAZ Magazins“, Ausgabe September 2026, mit Fotos von Collien Fernandes.
Gesenkter Blick: Soll das etwas sagen?Ausriss: „FAZ Magazin“

Was soll das also?

Vielleicht ist es ganz anders gedacht. Vielleicht soll hier eine Frau, die Opfer eines Missbrauchs wurde, nicht in den üblichen Symbolfotoposen gezeigt werden, die bei diesem Thema sonst so gerne zum Einsatz kommen. Nicht ernst und zerknirscht, sondern auch selbstbewusst, in schönen Klamotten, lachend. Das wäre ein guter Ansatz. Aber müsste man das nicht irgendwie kurz erklären? Und geht es wirklich nur darum?

„Korsage La Fleur und Marlenehosen in Schwarz“

Das „FAZ Magazin“ sagt nirgends, wieso es das ernste Thema hier in so feine Stöffchen hüllt. Deshalb wirkt das Ganze in seiner klassischen Fashion-Editorial-Ästhetik wie eine nette Werbestory, in der alles vermengt wird: ein gerade für Frauen ernstes, aber auch gesellschaftlich relevantes Thema wird mit der Oberflächlichkeit der Modewelt gepaart. Sieht das nicht komisch aus? Banalisiert das nicht das bedeutende Anliegen? Und wie wird man den Eindruck wieder los, dass hier – im „Mode Spezial“ des „FAZ Magazins“ – das ernste Thema lediglich benutzt wird, um ein bisschen auf Luxusmode hinzuweisen?

Süßkartoffel-Bowl mit Hassnachrichten

Man hätte ja auch eine reine Mode-Story mit Collien Fernandes machen können, ohne abermals ausführlich auf das einzugehen, was ohnehin schon überall tausendmal geschrieben wurde. Das würde dann auch noch werblich wirken, aber das ist in diesen Fashion-Beilagen ja gewissermaßen normal.

So aber wirkt es auch so beiläufig, wie hier ernsthafte Vorwürfe verhandelt werden, während Fernandes für die Bilder gestylt wird. Zwischendurch eine kleine Pause, in der sie „Süßkartoffel-Bowl mit Hähnchen isst“, einen „zuckerfreien“ Energydrink trinkt – und ein paar Hassnachrichten vorliest, die sie „zwischen zwei Bissen“ kommentiert.

Das ist auch die Stelle, an der Fernandes sagt: „Ich habe das Gefühl, es wird immer schlimmer.“ Es geht, kurz bevor der Artikel endet, um Gleichberechtigung und ihr Gefühl, „dass die Welt für Frauen gerade nicht besser wird“. Darüber hätte man gerne mehr gelesen. Aber eben vielleicht nicht irgendwo zwischen Dating-App, Lidstrich und „Exploded Bouquet Dress, Schmuck Cartier“.

2 Kommentare

  1. Ich war genauso erstaunt, wie der Autor, habe nicht weitergelesen und mich gefragt, ob das der neue hippe Journalismus ist, mit dem man in der FAZ wegweisend sein möchte – oder ob es nur die Folge der seit bestimmt 10 Jahren stattfindenden Sinnenterleerung ist, mit der man eben in diesem Land sein Geld verdienen kann oder ob man sich mit der Berufung von Helene Bubrowski auf die Änderung in der jounalistischen Leitung einstellt.
    Beruhigt bin ich, dass ich mit meiner Wahrnehmung nicht alleine bin.

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