„The Escapist“

Die Internet-Schmarotzer

Ein Autor entdeckt auf der Webseite seines ehemaligen Arbeitgebers Artikel, die unter seinem Namen erschienen sind – obwohl er sie nie geschrieben hat. Was zunächst wie ein weiterer KI-Fail aussieht, entpuppt sich als Einblick in die kaputten Seiten des Internets. Dort werden ehemals seriöse Onlinemedien für illegale Werbung missbraucht.

Ende Mai ruft der Autor Ben Touati das Online-Portal „The Escapist“ auf und erlebt einen „kleinen Schock“. Bis zu seiner Kündigung am 9. März dieses Jahres hatte er selbst für die Seite gearbeitet und vor allem über E-Sports und Gaming geschrieben. Nun entdeckt er dort, zwei Monate nach Ende seines Arbeitsvertrags, fünf neue Artikel mit seiner Autorenzeile. Darin geht es um ähnliche Themen wie in seinen früheren Beiträgen – das Problem ist nur: Keinen dieser Texte hat Touati geschrieben.

Am 2. Juni schickt er deshalb eine Unterlassungs- und Löschungsaufforderung an seinen ehemaligen Arbeitgeber – und hat damit zumindest teilweise Erfolg. Zwar sind die Texte bis heute abrufbar. Als Autor firmiert allerdings jetzt ein „Matthias Friess“, der angeblich schon seit August 2025 für die Seite arbeiten soll.

Gleicher Text, anderer Autor: So einfach geht das bei „The Escapist“. Screenshots: The Espacist; Montage: ÜM

Ben Touati hingegen sagt, er habe den Namen noch nie gehört. Er vermutet daher, dass eine KI hinter den Texten steckt. Auf eine Übermedien-Anfrage via LinkedIn hat der mutmaßliche Autor jedenfalls nicht reagiert – andere Kontaktmöglichkeiten ließen sich nicht finden.

Allerdings geht es bei Touatis Geschichte um mehr als nur den nächsten peinlichen KI-Fehler. Vielmehr ermöglicht sie einen Blick in die Produktionsräume pseudojournalistischer Webangebote, die zunehmend das Netz fluten. Und sie zeigt, wie halbseidene Firmen ehemals seriöse Seiten nutzen, um illegale Inhalte zu bewerben.

Ein Geflecht aus Marketingfirmen

Dabei fängt alles verheißungsvoll an. 2024 heuert Touati, der in Stockholm lebt und zuvor unter anderem als Sprachlehrer und Werbetexter gearbeitet hat, bei der deutschsprachigen Ausgabe des Onlinemagazins „Techopedia“ an. Für ihn erfüllt sich damit der Traum, in Vollzeit als Autor arbeiten zu können: „Es war der beste Job, den ich je hatte. Ich durfte Menschen treffen, von denen ich niemals geglaubt hätte, dass ich sie treffen würde. Ich durfte Interviews führen und Veranstaltungen besuchen.“

Allerdings galt „Techopedia“ zwar als seriöse Quelle für Tech-Nachrichten, als Touati bei der Seite anfängt, heißt sein Arbeitgeber allerdings bereits Finixio. Und das ist nicht etwa ein Medienunternehmen, sondern eine Marketing- und SEO-Agentur mit Sitz in London. Noch im selben Jahr übernimmt dann offenbar Clickout Media die Seite. Die Firma mit Sitz in Malta ist wiederum eng mit Finixio verbunden, in britischen Medienberichten werden beide Namen teilweise sogar synonym verwendet. Und dass es diesem Firmengeflecht nicht um Journalismus, sondern vor allem um fragwürdige Geschäfte geht, sollte auch Touati bald erfahren.

Ende 2024 wird Touati dem Magazin „Esports Insider“ zugeteilt, das ebenfalls von Clickout Media gekauft worden war. Den genauen Grund erfährt er nach eigenen Angaben nicht, nur dass „Techopedia“ von Google aufgrund eines „keyword issue“ abgestraft worden sei. Ein paar Monate später wechselt er dann zu einer weiteren Clickout-Seite, „The Escapist“. Selbstbeschreibung des Portals: „Für Fans von Video Gaming, Entertainment und nerdiger Online Games Kultur“.

Die SEO-Parasiten

Dort erhält er schließlich am 9. März dieses Jahres die Kündigung – aus dem gleichen Grund, aus dem er bereits von „Techopedia“ abgezogen worden war: Die Seite „The Escapist“ war von Google abgestraft worden und wurde daraufhin nicht mehr in den Ergebnissen der Suchmaschinen angezeigt. Das sei ihm immerhin transparent erläutert worden, genauso wie die Tatsache, dass die Redaktion damit nun überflüssig sei.

Touati wurde damit zum Leidtragenden eines fragwürdigen Geschäftsmodells, das sich „Parasite SEO“ nennt.

Und das steckt dahinter: Eine Suchmaschine wie Google möchte ihren Nutzern möglichst relevante Ergebnisse liefern. Dazu bewertet sie auch die „reputation“, also den Ruf bzw. die Vertrauenswürdigkeit einer Webseite. Je besser der Ruf einer Seite nach Googles Kriterien ist, desto höher wird sie in den Ergebnissen platziert. Da viele Nutzer nur die obersten Ergebnisse überhaupt wahrnehmen, ist diese Platzierung für Webseiten elementar.

Das Prinzip: Webseiten kaufen, ausquetschen, veröden lassen

„Parasite SEO“ missbraucht nun den guten Ruf von seriösen Webseiten, um davon zu profitieren. So mieten etwa Werbeanbieter Unterseiten von Portalen mit einem guten Ruf, um dort ihre Anzeigen oder Werbeartikel zu platzieren. Da Google der Hauptdomain vertraut, gilt dieses Vertrauen zunächst automatisch auch für die neu angelegten Unterseiten – selbst wenn die dort platzierten Inhalte rein gar nichts mit der Hauptseite zu tun haben.

Clickout Media geht offenbar noch einen Schritt weiter als die klassischen Parasiten. Das legen Recherchen des britischen Branchenmagazins „Press Gazette“ sowie Touatis Schilderungen nahe. Statt Webseiten mit gutem Ruf nur für einzelne Inhalte zu mieten, kauft das Unternehmen diese gleich ganz auf. Anschließend werden neben den klassischen Beiträgen der Redaktion dann haufenweise werbliche Inhalte ohne entsprechende Kennzeichnung auf den Seiten platziert – vorwiegend für illegale Online-Casinos. Und dank des guten Rufs erzielen diese Inhalte auch erst einmal gute Reichweiten.

Seit 2024 versucht Google allerdings, verstärkt gegen diesen Missbrauch vorzugehen. Nachdem etwa „Techopedia“ erst von Finixio und später von Clickout Media übernommen worden war, kam Google dem Ganzen offenbar recht schnell auf die Schliche. Die Suchmaschine mahnte die Seite zunächst ab und strich sie schließlich aus ihren Ergebnissen. Weil deshalb die Besucher ausblieben, zog Clickout Media die Redaktion ab und ließ die Seite einfach veröden. „Techopedia“ ist heute nicht mehr aufrufbar.

Ein weiteres Problem: Illegale Casino-Werbung

Allerdings versucht das Unternehmen offenbar, die Verödung seiner anderen Seiten noch etwas länger hinauszuzögern. Sowohl „The Escapist“ als auch „Esports Insider“ sind auch nach Abstrafung durch Google und Entlassung von Autoren weiterhin online. Laut Aussagen von Mitarbeitern, die mit „Press Gazette“ gesprochen haben, soll dabei zunehmend KI zum Einsatz kommen. Allerdings scheint auch das auf Kosten ehemaliger Autoren zu geschehen.

So entdeckte Ben Touati im Juli, dass Clickout Media erneut seine Identität ohne sein Wissen genutzt hatte. Dieses Mal allerdings direkt für werbliche Beiträge – und das gleich in 28 Artikeln, die auf der deutschsprachigen Seite von „Esports Insider“ Casinos und Glücksspiel bewarben. Der letzte Text erschien am 14. Juli unter dem Titel „100 % Casino Bonus – Top Casino 100% Bonus Deals“.

Das ist gleich doppelt problematisch: Denn Werbung für Casinos und Glücksspielanbieter ohne gültige deutsche Lizenz ist in Deutschland verboten. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) führt dazu eine offizielle Whitelist – und keines der in den Artikeln unter Touatis Namen beworbenen Casinos ist dort zu finden.

„Glücksspiel“-Ressorts auf Gaming-Seiten

Touati sagt, er habe nicht einmal von dem Ressort „Glücksspiel“ gewusst, unter dem die Beiträge liefen – obwohl offenbar einzelne der Beiträge schon während seiner Vertragslaufzeit bei Clickout Media auf „Esports Insider“ veröffentlicht worden waren. Er habe die Texte allerdings zu keinem Zeitpunkt „geschrieben oder autorisiert“, sagt Touati.

Mittlerweile sind die Artikel offline und nur noch im Internet-Archiv zu finden. Das Ressort „Glücksspiel“ bei „Esports Insider“ gibt es zwar immer noch. Allerdings finden sich darin jetzt reguläre Beiträge über E-Sports. Auf „The Escapist“ gibt es hingegen weiterhin Artikel, die Casinos ohne gültige Lizenz bewerben.

Der Screenshot der Webseite „The Escapist“ zeigt Artikel, die Online-Casinos bewerben.
Das verbirgt sich hinter dem Ressort „Guides“ auf einer Seite für „nerdige Games-Kultur“: Werbung für illegale Casinos bei „The Escapist“.Screenshot: The Escapist

Wie viele deutschsprachige Seiten Clickout Media mit diesem zwielichtigen Geschäftsmodell bereits infiltriert hat, bleibt unklar – das Unternehmen hat auf eine Anfrage von Übermedien nicht reagiert. Mit Blick auf den englischsprachigen Raum schreibt „Press Gazette“ von möglicherweise „hunderten Seiten“. Im deutschsprachigen Segment gehören neben „Techopedia“, „Esports Insider“ und „The Escapist“ auch der Krypto-Blog Kryptoszene.de zu dem Unternehmen.

Auch deutsche Medien füttern Clickout Media

Zudem lassen sich Hinweise finden, dass Clickout Media auch auf klassische Weise den Ruf von eigentlich seriösen Webseiten missbrauchen könnte. Auf einer Unterseite von Boyens-Medien.de, der Webseite der „Dithmarscher Landeszeitung“ aus Schleswig-Holstein, fördert eine Google-Suche mehrere Artikel mit Casino-Werbung zutage. Diese sind zwar im Seitenkopf klein als „Anzeige“ gekennzeichnet, von den redaktionellen Texten aber praktisch nicht zu unterscheiden.

Interessant wird es dann in einem Artikel vom 14. Mai des vergangenen Jahres: Darin wird auf „Esports Insider“ verwiesen und Ben Touati sogar namentlich als „unser Mann für Dauertests von Casinos aller Art“ bezeichnet. Auch von diesem Artikel, der noch während seines Arbeitsverhältnisses veröffentlicht wurde, hat Touati nach eigener Aussage nichts gewusst.

Ob „Clickout Media“ hinter diesen Advertorials bei Boyens Medien steckt, lässt sich nicht überprüfen. Der Verlag hat auf eine Übermedien-Anfrage ebenfalls nicht reagiert. Dass der Artikel ausgerechnet auf „Esports Insider“ verweist und Touati namentlich erwähnt, legt aber nahe, dass die Inhalte aus demselben Ökosystem stammen.

Die Unsicherheit bleibt

Im Netz finden sich noch weitere Seiten, die offenbar von „SEO-Parasiten“ übernommen wurden. Itblogging.de wird heute etwa ausschließlich mit Casino-Inhalten bespielt, war aber bis 2017 ein Tech-Blog. Auch die Website eines Weinhändlers aus Seligenstadt wurde zweckentfremdet und ist heute kaum noch von itblogging.de zu unterscheiden. Eine Verbindung zu Clickout Media ist hier aber nicht ersichtlich.    

Auch für Ben Touati bleibt die Unsicherheit. Zwar arbeitet er nicht mehr für Clickout Media – bis heute weiß er allerdings nicht, ob sein Name nicht noch auf anderen Seiten der SEO-Parasiten als „Casino-Tester“ missbraucht wird.

6 Kommentare

  1. Als jemand, der sich lange und intensiv mit Gaming und auch ein wenig für eSport interessiert, ist mir „The Escapist“ ein Begriff. Das war mal eine sehr renomierte Seite und Youtube Kanal. Aber die Leute, die sie so großartig gemacht haben, sind schon seit Jahren weg und ging seitdem durch mehrere Hände. Die hatte nur eines gemeinsam: der Name wurde ausgeschlachtet. Das hier ist „nur“ ein neuer Tiefststand.

  2. Die ehemals sehr gute Hardwareseite: https://www.ht4u.net/ ist auch Opfer dieser Methode geworden. Der ursprüngliche Schöpfer hat sich zurückgezogen, übrig geblieben ist eine Seite mit random Artikeln und nun ist das auch eine Casino-Werbeseite.
    Traurig dieser Trend. Dieser ekelhafte Werbespam wird inzwischen nun so ausgelagert.

  3. Starke Recherche, danke! Nur eins stört: es fehlt erklärung, was SEO ist. Ich liefere sie gern, durch KI Gemini: Eine SEO-Agentur (Search Engine Optimization Agency) ist ein Dienstleister, der darauf spezialisiert ist, die Sichtbarkeit von Websites in den unbezahlten (organischen) Suchergebnissen von Suchmaschinen wie Google zu verbessern.
    Ich wusste das nicht. Bitte künftig drauf achten, nicht zuviel Kenntnisse vorauszusetzen.

  4. Nach meinem Kommi erhielt auf Steady diesen automatisierten Hinweis: „Doppelter Kommentar wurde entdeckt. Es sieht stark danach aus, dass du das schon einmal geschrieben hast!“ Was soll das, ich hatte sowas noch nie zuvor geschrieben.

  5. Und nach meinen Kommi von 13:46 Uhr der gleiche Hinweis. Soll das Satire sein? Und nach jedem Kommi gehts so weiter…

  6. @Dirk Busche: Sorry für die späte Antwort und vielen Dank für den SEO-Hinweis! Es gibt zu dem Begriff einen Eintrag in unserem Glossar, aber der wurde wegen eines technischen Fehlers im Text zunächst nicht angezeigt. Jetzt ist er aber da, bei der ersten SEO-Nennung im 6. Absatz.

    Woran das mit dem Hinweis zum „doppelten Kommentar“ liegt, kann ich mir gerade auch nicht erklären. Sollte es wieder vorkommen, ruhig noch mal (per Mail) Bescheid geben.

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