Die Dreistigkeit der „Berliner Zeitung“ und ihre Ignoranz gegenüber dem Presserat
Die „Berliner Zeitung“ hat ein drei Jahre altes Zitat eines russischen Armeesprechers als aktuell ausgegeben und dafür nun eine Rüge des Presserats kassiert. Es ist bereits die fünfte in diesem Jahr. Zu keiner hat das Blatt Stellung genommen, und veröffentlicht hat sie die Rügen bisher auch nicht.
Spätestens seit dem Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine sieht sich die „Berliner Zeitung“ mit der Kritik konfrontiert, sie gebe russlandfreundlichen Positionen außergewöhnlich viel Raum. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk bezeichnet die Zeitung zum Beispiel als „Berlinskaja Prawda“ – eine Anspielung auf das frühere sowjetische Zentralorgan. Russlandfreundliche Positionen zu vertreten, ist grundsätzlich nicht illegitim. Zum Beispiel, wenn ein Redakteur der „Berliner Zeitung“ die Äußerung „Russland hat es in der Hand, den Krieg jederzeit zu beenden“ als „weltfremd“ bezeichnet, und „einer Allianz aus Politik und Medien“ vorwirft, sie wolle „mit aller Macht ein deutsch-russisches Kontaktverbot exekutieren“. So geschehen vor rund einem Monat.
Dass die „Berliner Zeitung“ bei ihrer Berichterstattung über Russland und die Ukraine aber auch die Grenzen des Legitimen überschreitet, hat der PresseratMit diesem Verein soll sich die deutsche Presse selbst kontrollieren. Jeder Mensch... in einer kürzlich veröffentlichten Entscheidung dokumentiert. Silvester 2025 veröffentlichte das Blatt einen Text, der auf das russisch-orthodoxe Weihnachtsfest am 6. und 7. Januar vorausblickte und von einem Waffenruhe-Vorschlag anlässlich der Feierlichkeiten berichtete. Der Presserat sprach gegen den Beitrag eine Rüge aus, wegen eines Verstoßes „gegen das Gebot zur wahrhaftigen Berichterstattung“ (Ziffer 1 des PressekodexHier sind ethische Standards für Journalisten festgehalten. Der Pressekodex wurde 1973 vom...) und die in Ziffer 2 festgeschriebene journalistische Sorgfaltspflicht (0014/26/1-BA).
Worum geht es konkret?
In dem Artikel berichtete die „Berliner Zeitung“, die ukrainische Führung habe einen Aufruf des russischen Präsidenten Wladimir Putin zu einer Feuerpause über die Feiertage abgelehnt. Vier Menschen hatten sich daraufhin beim Presserat beschwert. Einer ihrer Kritikpunkte: Einen solchen Aufruf Putins habe es vor dem orthodoxen Weihnachtsfest 2026 gar nicht gegeben.
Über Rügen
Der Presserat rügt Medien, wenn sie unsauber arbeiten – aber fast niemand bekommt das mit. Wir berichten deshalb über besonders aufschlussreiche Presserats-Entscheidungen und zeigen, was sich daraus lernen lässt. Alle Folgen unserer Serie finden Sie hier.
Die zentrale Passage des Artikels, verfasst von Nachrichtenchef Harald Neuber, besteht aus einem Zitat des russischen Armeesprechers Igor Konaschenkow:
„Obwohl sich die russische Heeresgruppierung an die Feuerpause hält, hat das Kiewer Regime weiter mit Artillerie auf Ortschaften und Positionen der russischen Kräfte gefeuert.“
Diesen Satz hat Konaschenkow 2025 aber gar nicht gesagt. Die Äußerung stammt aus einem mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und AFP erstellten Text vom 6. Januar 2023, der in der „Berliner Zeitung“ unter der Überschrift „Beschuss in Bachmut: Ukraine ignoriert von Russland erklärte Waffenruhe“ erschienen war.
Das vollständige Zitat lautete damals:
„‚Obwohl sich die russische Heeresgruppierung an die seit heute, dem 6. Januar um 12 Uhr in Kraft getretene Feuerpause hält, hat das Kiewer Regime weiter mit Artillerie auf Ortschaften und Positionen der russischen Kräfte gefeuert’, erklärte Armeesprecher Igor Konaschenkow am Freitag in Moskau.“
Die „Berliner Zeitung“ hat also aus Konaschenkows Worten von 2023 die kalendarischen Bezüge („… seit dem 6. Januar um 12 Uhr …“) entfernt, um Ende 2025 das Bild einer aktuell friedensunwilligen Ukraine zu zeichnen.
Was macht den Fall so besonders?
So vorzugehen, ist besonders dreist. Der Beschwerdeausschuss kritisiert „die Bearbeitung von wörtlichen Zitaten ohne Kenntlichmachung“ und die „irreführende Wirkung“, die die „Berliner Zeitung“ damit bei der Leserschaft hervorgerufen habe.
Der Presserat versucht hier also, mit der üblichen Rhetorik einen Fall zu handhaben, der die Grenzen sprengt. Denn was die „Berliner Zeitung“ getan hat, geht über bloße Irreführung hinaus. Aus einem im weiteren Sinne historischen Text ein wörtliches Zitat eines Armeesprechers zu entnehmen, um es drei Jahre später als aktuell auszugeben, ist Betrug – natürlich nicht im juristischen, aber im moralischen Sinne.
„In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise der Eindruck erweckt, das Angebot einer Waffenruhe aus Moskau sei dieses Jahr gekommen. Dies ist nun zeitlich richtig eingeordnet.“
Das ist ein Paradebeispiel für eine Nonpology: Die Passivkonstruktion („… wurde fälschlicherweise der Eindruck erweckt …“) verschleiert, dass jemand bei der „Berliner Zeitung“ für die Entscheidung verantwortlich ist. Zudem wird der schwerwiegende Fehler weichgezeichnet: Die Berichterstattung erweckte nicht bloß einen „Eindruck“. Vielmehr konnte die Leserschaft den Artikel nur so verstehen, dass es sich um einen zum Zeitpunkt des Erscheinens aktuelles „Angebot einer Waffenruhe aus Moskau“ handelte.
Dass die Redaktion die Headline geändert hat, verschweigt sie. Aus „Ukrainische Streitkräfte lehnen Putins Weihnachts-Waffenruhe ab und setzen Angriffe fort“ wurde „Russisch-orthodoxes Weihnachtsfest am 7. Januar sorgt für Spannungen im Ukraine-Krieg“. Und dass der Presserat hier eingegriffen hat, erwähnt die „Berliner Zeitung“ mit keinem Wort.
Warum ist der Fall wichtig?
Grafik: Übermedien
Das ist bereits die fünfte Rüge für die „Berliner Zeitung“ in diesem Jahr, fast doppelt so viele wie im vergangenen Jahr. Nur die „Bild“-Gruppe, traditionell unangefochtene Spitzenreiterin bei Presserats-Rügen, erhielt 2026 mehr Rügen: Es sind bisher zwölf, allesamt für bild.de.
Auffällig auch: Zu keiner der eingereichten Beschwerden hat die „Berliner Zeitung“ gegenüber dem Presserat Stellung genommen. In der Regel nutzen Medien diese Möglichkeit, um sich zu verteidigen, sofern sie die Beschwerden für unbegründet halten. Oder um ihre Fehler zu erklären oder gar zu entschuldigen. 2025 hatte sich eine Justiziarin der „Berliner Zeitung“ noch zu zwei von drei Beschwerden, die später mit einer Rüge endeten, geäußert. Nun schweigt der Verlag einfach. Auch dass die „Berliner Zeitung“ laut Presserat bisher keine der diesjährigen Rügen veröffentlicht hat und damit gegen die im Pressekodex festgeschrieben Fairnessgrundsätze verstößt, ist ein Indiz dafür, wie ernst die Spitze der „Berliner Zeitung“ das Selbstkontrollorgan der Branche nimmt.
Auch in anderen Fällen hat die „Berliner Zeitung“ in diesem Jahr gezeigt, dass sie es bei den Themen Russland und Ukraine mit der Wahrheit nicht genau nimmt. Im Januar etwa suggerierte Harald Neuber, der auch für den jetzt gerügten Artikel verantwortlich war, Berlin hätte den Stromausfall zu Beginn des Jahres besser verkraftet, wenn nicht mehr als 1.700 Generatoren vom Technischen Hilfswerk (THW) in die Ukraine geliefert worden wären. Diese Generatoren waren aber eigens aus Bundesmitteln gekauft worden, konnten also im THW-Bestand gar nicht fehlen.
In seiner letzten Sitzung beschäftigte sich der Presserat nicht nur mit dem Kriegsweihnachts-Beitrag der „Berliner Zeitung“, sondern auch mit einem Text, der im vergangenen Herbst unter der Überschrift „Die Reisebeschränkungen nach Russland – wie ein Déjà-vu aus DDR-Zeiten“ erschienen war. Unterzeile:
„Damals durfte man nicht in den Westen fahren, heute soll es nicht mehr gen Osten gehen, schreiben die neuen Sanktionen gegen Russland vor.“
Der Presserat stufte diese Aussagen als wahrheitswidrig ein, sprach aber nur seine schwächste Sanktion aus, einen „Hinweis“ (Az. 1133/25/2-BA). Die Falschbehauptungen hat die „Berliner Zeitung“ – selbstverständlich – nicht korrigiert.
Zu einer Zeitung, der viele journalistische Grundsätze ganz offensichtlich gleichgültig sind, passt auch ein urheberrechtlicher Verstoß: Im April übernahm ein Redakteur der „Berliner Zeitung“ große Teile eines Artikels des Magazins „Legal Tribune Online“ (LTO) und veröffentlichte den Beitrag unter seinem Namen. LTO erwirkte dagegen eine Einstweilige VerfügungInstrument, das im Presserecht genutzt wird. Personen oder Organisationen können eine einstweilige... (Übermedien berichtete).
Während die „Berliner Zeitung“ zunehmend gegen die Presseethik und andere journalistische Standards verstößt, gefällt sie sich gleichzeitig darin, (vermeintliche) Fehler und (vermeintliche) Fehleinschätzungen anderer Medien zu skandalisieren. Leidenschaftlich liest man den „Westmedien“ im allgemeinen und den Öffentlich-Rechtlichen im besonderen die Leviten. Waffenpausen-Fachmann Neuber schrieb unter anderem kürzlich über die „fünf der schwersten ZDF-Skandale der jüngsten Zeit“. Nach dem Motto: Wir haben hier mal nur die fünf „schwersten“ ausgewählt, es gibt noch viel mehr.
Einen Artikel zur „Fehlerkultur“ bei den Öffentlich-Rechtlichen teaserte die Redaktion der Zeitung kürzlich so an: „Fake-Videos, manipulative Schnitte im Parteitagsbericht und Ideologie schon im Kinder-TV: Der ÖRR entschuldigt sich zwar regelmäßig für seine Fehler, macht dann aber weiter wie zuvor.“
So gesehen, haben die Öffentlich-Rechtlichen der „Berliner Zeitung“ etwas voraus: Sie entschuldigen sich wenigstens.
Der Autor
Foto: Dennis Weißflog/MDR
René Martens ist seit vielen Jahren Medienjournalist, er berichtet für verschiedene Verlage und ist Mitautor der MDR-Medienkolumne „Altpapier“. Er gehört außerdem regelmäßig der Nominierungskommission des Grimme-Preises in der Kategorie Information & Kultur an und hat diverse Bücher über den FC St. Pauli verfasst.
Ja…und nun? ihr habt ja selbst berechtigterweise schon so oft in den letzten Jahren über die Zahnlosigkeit des Presserates geschrieben – wenn etwas eh keine Konsequenzen hat, wieso dann drüber nachdenken? Die BZ beweist nur einmal mehr, dass sie ein Propagandablatt ist, welches sich in Teilen dem Compact Magazin in nichts nachsteht. Wie kann also eine Lösung aussehen?
Die Rüge muß Geld kosten. Das ist die einzige Sprache, die diese Leute verstehen. Auch wenn es nachher doch nur aus der Portokasse bezahlt wird.
Die Auflage der Zeitung und Anzahl der User der Onlineangebote des Verlags sind in den letzten Jahren stark gesunken. Auch schon vor Einführung der OAZ, und insgesamt um knapp 30% in den letzten drei Jahren . Zeigt sich hier, dass ein großer Teil des Publikums den Kurs des Blattes nicht mitgeht und sich nicht auf den Arm nehmen lässt, oder mag das andere Gründe haben…? (Verglichen jeweils Q2 2023-2026 laut Berliner Verlag.)
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Hier einige Infos zum Verleger Holger Friedrich, aka. Peter Bernstein, dem übrigens auch die Marken Ostdeutsche Allgemeine und Die Weltbühne gehören:
https://volksverpetzer.de/aktuelles/volksverpetzer-gewinnt-ostdeutsche-allgemeine/
https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/holger-friedrich-die-juden-und-ihre-offene-rechnungen/
https://taz.de/Holger-Friedrichs-Berliner-Zeitung/!6097068/
Mit Wolfgang Kubicki ist er sich auch einig:
https://www.msn.com/de-de/nachrichten/other/perspektivwechsel-fdp-chef-und-verleger-holger-friedrich-im-theater-ost/ar-AA2aWyp4
„Die AfD übernehme zunehmend die Rolle einer Arbeiterpartei (…)“
„(…), wie die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung berichtete.“
Auch in der NZZ durfte er vorgestern wieder rumopfern:
https://www.nzz.ch/feuilleton/medien/wenn-es-um-den-osten-geht-heisst-es-immer-mauer-stasi-stacheldraht-ld.10020416
Ja…und nun? ihr habt ja selbst berechtigterweise schon so oft in den letzten Jahren über die Zahnlosigkeit des Presserates geschrieben – wenn etwas eh keine Konsequenzen hat, wieso dann drüber nachdenken? Die BZ beweist nur einmal mehr, dass sie ein Propagandablatt ist, welches sich in Teilen dem Compact Magazin in nichts nachsteht. Wie kann also eine Lösung aussehen?
Die Rüge muß Geld kosten. Das ist die einzige Sprache, die diese Leute verstehen. Auch wenn es nachher doch nur aus der Portokasse bezahlt wird.
Die Auflage der Zeitung und Anzahl der User der Onlineangebote des Verlags sind in den letzten Jahren stark gesunken. Auch schon vor Einführung der OAZ, und insgesamt um knapp 30% in den letzten drei Jahren . Zeigt sich hier, dass ein großer Teil des Publikums den Kurs des Blattes nicht mitgeht und sich nicht auf den Arm nehmen lässt, oder mag das andere Gründe haben…? (Verglichen jeweils Q2 2023-2026 laut Berliner Verlag.)