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Eine vierstellige Zahl an Cristiano-Ronaldo-Fans und eine dem Anschein nach nur unwesentlich kleinere Zahl an Reporter:innen tummelten sich am vergangenen Samstag stundenlang vor der Kathedrale von Funchal auf der portugiesischen Insel Madeira. Sie erwarteten die Promi-Hochzeit des Jahres.
Ein RTL-Video vermittelt einen guten Eindruck von dem Spektakel: Darin schiebt sich mühsam ein Rolls-Royce durch die Menschenmassen Richtung Kirche. Kameramänner und Fotografen kriechen fast in das Auto hinein, um ein Bild ein Bild der Braut zu bekommen.
Doch dann die große Enttäuschung: Im Wagen sitzt gar nicht Georgina Rodríguez, die Verlobte des Fußballstars Cristiano Ronaldo, sondern eine andere, unbekannte Braut. Und auch von „CR7“ selbst war weit und breit nichts zu sehen. Die Geschichte von der schon vorher ausgemachten „Traumhochzeit“ der Promis („The Sun“) entpuppte sich als Ente.

Niemand fasste die Lage so treffend zusammen wie „Bild“ am späten Abend dieses aufreibenden Samstags:
„Aus einer Vermutung wurde ein Gerücht. Aus dem Gerücht vermeintliche Gewissheit. […] Fast alles an der Geschichte schien zu stimmen. Nur das Brautpaar nicht. Denn vor den Altar traten am Ende zwei Unbekannte.“
Auch in anderen Medien war nachher viel von der „falschen Hochzeit“ oder dem „falschen Brautpaar“ zu lesen. Dabei waren die beiden frisch Vermählten so ziemlich die einzigen, mit denen am Samstag alles stimmte.
„Wär‘ schön gewesen: Einmal Ronaldo sehen, oder?“, fragte die RTL-Reporterin einen Fan vor der Kathedrale, weil beide nun schon einmal da waren und Zeit hatten. Der Fan bestätigte, antwortete dann aber achselzuckend: „Naja, dann halt nicht.“
Die Kirchengemeinde von Funchal hatte auf ihrer Facebook-Seite längst ein Foto des echten Brautpaares gepostet. Sie hatte in dem Beitrag durchblicken lassen, wie viel Mühe es gekostet hatte, die Kirchentür zu schließen und doch noch die Hochzeit von Nicole und Fábio zu feiern zu können, wie die „Unbekannten“ hießen. „Schön“, kommentierte RTL in seinem Video, dass „zumindest ein Paar heiratet hier in der Kathedrale“. Und diese Nicole war zwar nicht Georgina, sei aber „ja auch kein schlechter Anblick.“
Autsch.
Spätestens da wäre alles und schon viel zu viel gesagt gewesen. Doch die Reporter:innen kamen jetzt erst so richtig auf Touren. Statt der Ronaldo-Hochzeit machten sie die aufgeflogene Ente zum Thema. War ja irgendwie witzig. Nun berichteten Medien wie der „Stern“, die auf die „falsche Hochzeit“ reingefallen waren, über Ronaldo-Fans, die auf die „falsche Hochzeit“ reingefallen waren.
„Was für eine Verwechslung!“, schrieb „Bild“ am Tag danach:
„Tausende Cristiano-Ronaldo-Fans sind auf Madeira auf ein spektakuläres Gerücht hereingefallen und haben versehentlich die Hochzeit eines völlig unbekannten Brautpaares belagert.“
Was „Bild“ selbst natürlich völlig fern liegt.

Die Redaktion war mit „seit Tagen vor Ort recherchierenden BILD-Reportern“ auf der Insel eingefallen, über ihren Artikeln über die „Nicht-Hochzeit“ standen bis zu sechs Autor:innen. Von denen anscheinend keiner auf den Gedanken kam, dass „Bild“ mit Überschriften wie „Ronaldo heiratet!“ in den Tagen zuvor selbst dazu beigetragen haben könnte, die Gerüchte anzuheizen.
„Völlig verrückt! Ronaldo-Fans stürmen Hochzeit des falschen Paares“, fand auch das österreichische Newsportal „heute.at“. Und es ist ja auch wirklich total verrückt, dass Menschen immer noch glauben, was unter anderem „heute.at“ in den Stunden und Tagen zuvor geschrieben hatte über die „geheime Feier“ („Heute soll es passieren!“), über die Hotelangestellte doch längst schon „Details“ ausgeplaudert hätten.
Es ist reichlich kognitive Dissonanz im Spiel, wenn die Redaktionen den Irrtum immer nur bei den anderen sehen und nie bei sich. Aber was will man machen, wo doch seit Tagen „in den sozialen Medien“ diese Berichte „kursierten“,wie „Bild“ analysierte?
Dabei hätte es ein paar Anlässe für begründete Zweifel gegeben. Auch dort, wo die Sache eigentlich klar schien, wie bei „heute.at“. „Ja, Ronaldo heiratet am Samstag“, hatte das redaktionelle „Entertainment-Team“ im Vorfeld einen Mitarbeiter des Hotels zitiert, in dem nach der Trauung die große Sause steigen sollte. Persönlich gesprochen hatte die Redaktion mit dem Mitarbeiter nicht. Als Quelle nannte sie die „Bunte“.

Aber auch die „Bunte“ hatte mit keinem Hotelmitarbeiter direkt geredet. In ihrem Artikel übernahm sie das Zitat vom belgischen Nachrichtenportal „Het Laatste Nieuws“. Das hatte eine Reporterin in das fragliche Fünf-Sterne-Hotel geschickt, um zu recherchieren, ob es „irgendwelche Anzeichen“ für die Ronaldo-Hochzeit gab. Ergebnis: „Ja, die gibt es“. Und was für welche!
Vor dem Aufzug in den 17. Stock stand ein Schild mit der Aufschrift „Samstag ab 14:00 Uhr geschlossen“. Eine Reservierung für das Dachrestaurant wurde abgelehnt. Es werde dort eine „private Veranstaltung geben“. Wenn das keine Hinweise sind!?
Und dann gab es ja noch die Aussage: „Ja, Ronaldo heiratet am Samstag.“ Von wem genau sie stammt, bleibt in dem belgischen Artikel unklar. Die Reporterin leitet das Zitat mit dem Satz ein: „Aan de poolbar zijn ze iets duidelijker“, übersetzt etwa: „An der Poolbar werden sie etwas deutlicher.“ Wer mit „sie“ gemeint ist, verrät die Autorin nicht. Es könnten Hotelmitarbeitende sein, die sich mit den Buchungen auskennen – oder vielleicht auch einfach irgendjemand, der gerade am Pool rumhing.
Für die aufgeregte Medienmeute „verdichteten sich“ die Anzeichen. „Augenzeugen“ enthüllten, dass eine Bar geschlossen wurde, schrieb der „Focus“ (ab). „Bild“ hatte immerhin gleich „mehrere voneinander unabhängige Quellen vor Ort“, die bestätigen, „dass hier eine Hochzeit stattfinden wird“ (aber nicht: Ronaldos Hochzeit). „Zwei Bauarbeiter“ – ob ebenfalls unabhängig voneinander, blieb leider offen – sagten dem Boulevardblatt, dass am Samstagmittag Bereiche von Funchal abgesperrt werden sollten, was natürlich ebenfalls verdächtig war. Im Hotel sei sogar ein „externes Team aus Saudi-Arabien“ angeheuert worden, um die private Party zu organisieren. Steht Ronaldo nicht bei einem Verein aus Saudi-Arabien unter Vertrag? Es musste also einfach wahr sein.
Gut: Dass die Küsterin aus Funchal „Bild“ schon vor dem Glockenläuten sagte, dass zwar eine Hochzeit stattfinde, aber „sicher nicht die von Ronaldo“, sprach dann schon auch ein wenig „gegen die Ronaldo-Hochzeit“. Dass die echte Braut nach Angaben der Küsterin „schon völlig aufgelöst“ war, „dass ihr der Fußballer (sic!) den schönsten Tag des Lebens versaut“, war auch nicht so schön, aber hey:
„Der Ursprung des Gerüchts ist eine Tatsache: Ronaldo will Georgina heiraten.“
Das ist als Indizienkette zwar arg kurz, bringt aber bequemerweise weitere Mitverantwortliche für das ganze Chaos ins Spiel: das prominente Hochtzeits-Paar selbst. Und tatsächlich erdreistete sich die „Kronenzeitung“ zu der Überschrift: „Ronaldo hat alle getäuscht“.
Auch vor Ort versuchten die Reporter:innen aufzuklären, wer die Ente ausgebrütet hatte. „Wie kam es überhaupt zu dem Hochzeitsgerücht?“, fragte „Bild“ am Montagfrüh und behauptete:
„Ronaldos Verlobte Georgina Rodríguez (32) deutete selbst auf ihrem Instagram-Account an, dass am 9. August etwas Großes anstehen wird. Dazu postete sie ein Foto ihres großen, diamantbesetzten Verlobungsrings. Spätestens da stand die Gerüchteküche lichterloh in Flammen.“
Und wenn die bisherige Geschichte schon ziemlich wahnwitzig war, wird es jetzt völlig irre.
Zwar hat Rodríguez wirklich das Foto eines ziemlich teuren Rings gepostet und „Ja, ich will“ dazu geschrieben. Das tat sie allerdings schon vor einem Jahr und nicht „dazu“, also zusammen mit der Andeutung für den 9. August 2026.
Die gab es zwar auch, das hatte aber erkennbar nichts mit einer Hochzeit zu tun.

Tatsächlich schrieb das Model im Zusammenhang mit ihrer Sportmodemarke am 30. Juli bei Instagram:
„Y el 9 de agosto os espera una nueva cápsula, creada con muchísimo amor. Estoy deseando enseñárosla.“
Übersetzt heißt das so viel wie: „Und am 9. August erwartet euch eine neue Capsule-Kollektion, die mit sehr viel Liebe geschaffen wurde. Ich kann es kaum erwarten, sie euch zu zeigen.“ Als „Capsule“ nennt man in der Modebranche kleine Sonderkollektionen – und eine solche präsentierte Rodríguez dann auch an ihrem vermeintlichen Hochzeitstag, genau wie angekündigt.
„Bild“ aber übersetzte das spanische Wort cápsula in einem Text falsch: nicht mit „Kapsel“, sondern mit „Kapitel“ (was im Spanischen „el capítulo“ oder je nach Kontext „el episodio“ hätte heißen müssen): Das Model habe ihren Follower:innen für den 9. August also „ein neues Kapitel, kreiert mit ganz viel Liebe“ angekündigt. Tja, wer hört da nicht die Hochzeitsglocken läuten?
Cristiano Ronaldo reagierte auf die Gerüchte, indem er fünf lachende Emojis unter den Beitrag eines Lokalmediums aus Madeira hinterließ. Was wieder neue Berichte auslöste, in denen Medien dann die fünf Smileys interpretierten. Beendet hat das die Gerüchte nicht. Ronaldo steuere schon auf ein „nächstes Geheimdatum zu“, hieß es in der „Gala“, während „Bild“ Ronaldos Verwandte stalkte und verdächtig viele gemeinsame Essensverabredungen auf Madeira beobachtete. Ein „Madeirer, der Ronaldo nach eigener Aussage seit Kindertagen kennt“, hatte den Reportern zudem gesagt, dass es in „den nächsten Tagen“ noch „eine Überraschung“ geben werde.
Ist aber eigentlich auch egal. Denn selbst wenn auf Madeira auch in den nächsten Tagen keine Ronaldo-Hochzeit steigt, „Bild“ & Co. sind live dabei. Wer sich da an die Nichtgeburtstage bei Alice im Wunderland erinnert fühlt, erkennt schnell die ungeahnten Möglichkeiten für die Yellow Press, die im Berichten über nie geschehene Ereignisse liegen.
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