Flüchtlinge aus Marokko

„Bild“ wähnt Ceuta-Migranten in wenigen Stunden in Stuttgart

Die Lage in Ceuta war extrem, entspannte sich aber schnell: Mehr als 50.000 Migranten schwammen innerhalb kurzer Zeit von Marokko aus in die spanische Exklave. Die meisten sind inzwischen wieder zurück. Unter anderem „Bild“ befeuerte dennoch die Panik, die Flüchtlinge könnten schon bald in Deutschland sein – und präsentierte eine krude Hochrechnung.

Diese Bilder sind natürlich eindrücklich. Tausende junge Menschen, vor allem Männer, schwimmen an den Strand der spanischen Exklave Ceuta im nördlichsten Zipfel Afrikas. Eine extreme Situation für die Stadt mit rund 85.000 Einwohnern, keine Frage. Mehr als 50.000 Menschen sollen es vorigen Donnerstag und Freitag insgesamt gewesen sein, die durch die Straßen strömten; die Aufnahmen davon gingen schnell um die Welt.

Und dass es diese eindrücklichen Bilder gibt, ist selbstverständlich auch perfekt für jene, die politisch Geschäfte machen mit der Angst vor einer „Invasion“ von Migranten.

Alice Weidels Angsterzählung

AfD-Chefin Alice Weidel begann bereits am Donnerstag damit, die Angsterzählung zu verbreiten, die Migranten aus Ceuta seien quasi auf dem Weg hierher: „Ihr Ziel dürfte mutmaßlich Deutschland sein“ – auch wenn es dafür keine Hinweise gab.

Unter anderem „Bild“ befeuerte die Legende, auch nachdem sich die Situation in Ceuta beruhigt hatte. Bereits am Freitagabend waren die meisten Migranten nach Marokko zurückgekehrt. „Bild“ aber wähnte sie schon in wenigen Stunden in Deutschland.

Screenshot der Startseite von Bild.de. Oben steht: „Migranten-Ansturm auf spanische Exklave“, darunter: „Die 10 wichtigsten Fakten zum Ceuta-Drama: So einfach könnten die Migranten jetzt nach Deutschland kommen. Und darum kommen sie gerade jetzt“.
Startseite von Bild.de am 31.7.2026.Screenshot: Bild.de

Gegen 19 Uhr am Freitagabend hieß es auf der Bild.de-Startseite: 

„So einfach könnten die Migranten jetzt nach Deutschland kommen“

Einfach ist vor allem die Antwort, die „Bild“ auf eine entsprechende Frage im Artikel gibt:

„Von Gibraltar in Südspanien bis Stuttgart sind es weniger als 2.700 Kilometer. Mit dem Auto dauert die Fahrt rund 22 Stunden. Mit Bussen über Madrid und Paris dauert sie mindestens 40 Stunden.“

Schön, mal zu wissen, wie lange man mit einem Auto oder Bus von Gibraltar nach Stuttgart braucht; ähnlich unsinnige und populistische Angaben kursierten auch in Sozialen Medien. Hier war der Zielort auch mal Berlin. Oder gleich: Arbeitsagentur Berlin.)

Gibraltar ist woanders

Allerdings waren die Migranten ja gar nicht auf dem Festland in Gibraltar. Dorthin käme man von Ceuta aus auch nur mit einem Boot oder Hubschrauber – und auch nicht einfach so. Ceuta gehört zwar grundsätzlich zum Schengen-Raum, es gelten aber Sonderregelungen. Bei einer Ausreise wird etwa kontrolliert, wer da ausreisen will.

Doch „Bild“ behauptete, „der Großteil“ der Flüchtlinge „dürfte früher oder später auf das europäische Festland gelangen“ – und dort könnten sie sich dann „weitgehend frei bewegen“. (Was so pauschal auch nicht ganz zutrifft.)

Eine Möglichkeit stand tatsächlich im Raum: dass Spanien mit den vielen Migranten auf so kleinem Raum nicht klarkommt und sie deswegen aufs Festland bringt, aus humanitären Gründen. Aber dazu kam es ja dann nicht. Was also bezweckt man als Boulevardzeitung mit so einem Bericht, außer Angst vor einem vermeintlichen „Ansturm“ vieler tausend Migranten in Deutschland zu schüren? (Und vor allem natürlich in Stuttgart.)

Screenshot von de.euronews.com mit der Überschrift „Neue Migrationskrise: Kommen die Ceuta-Migranten jetzt nach Deutschland?“ und einem Foto von Migranten in der spanischen Exklave Ceuta.
Nein.Screenshot: „Euronews“

Auch „Euronews“ (unter CEO and Editorial Director Claus Strunz, der früher mal bei „Bild“ war) schlug noch am Samstagmorgen in dieselbe Kerbe. Überschrift:

„Neue Migrationskrise: Kommen die Ceuta-Migranten jetzt nach Deutschland?“

Der CDU-Bundestagsabgeordnete Günter Krings durfte in dem Artikel über eine „reale Gefahr“ einer „Weiterreise nach Deutschland“ spekulieren, sollte Spanien die Migranten aufs Festland bringen. „Euronews“ nahm das auch an:

„Weil Ceuta die große Zahl an Menschen kaum dauerhaft versorgen kann, dürfte ein erheblicher Teil der Migranten nach und nach auf das spanische Festland verlegt werden, um dort ihre Verfahren fortzuführen.“

Mehrfach variierte „Euronews“ die Möglichkeit, dass sich die Zahl der „unerlaubten Weiterreisen innerhalb Europas“ erhöhen könnte, auch in Zukunft. Und auch hier fand sich die freundliche Reiseinformation:

„Vom Süden Spaniens bis nach Süddeutschland sind es knapp 2.700 Kilometer. Mit dem Auto dauert die Strecke rund 22 Stunden, mit Fernbussen über Madrid und Paris deutlich länger.“

Der „Bild“-Cheftaschenrechner

Am Freitag bereits war der langjährige „Bild“-Chefreporter Nikolaus Harbusch vor die Kamera getreten, bei „Vertraulich!“, dem „Politik-Vodcast“, um dort eine krude Rechnung aus der selbst fabrizierten heißen Luft zu greifen.

„Bild“-Chefreporter Nikolaus Harbusch neben einem Bildschirm im „Bild“-Newsroom.
„Migrations-Alarm“: Nikolaus Harbusch von „Bild“Screenshot: Youtube / „Bild“

„Es ist ein Migrations-Alarm!“, sagte er. 50.000 Migranten in nur 24 Stunden! „Die Zahlen sind dramatisch.“ Und Harbusch schaffte es, sie künstlich noch weiter zu dramatisieren.

Er rechnete vor: Bis zum Ende der parlamentarischen Sommerpause in Deutschland am 7. September seien es 38 Tage, das wären dann bei 50.000 Migranten am Tag „fast zwei Millionen Leute“! Die Politik müsse „unmittelbar stark einschreiten“, mahnte der „Bild“-Cheftaschenrechner, „sonst haben wir eine Situation wie 2015“.

Man muss das vielleicht nicht dazu sagen, aber vielleicht auch doch: Das ist eine Schnapsrechnung. Dass in so kurzer Zeit so viele Menschen nach Ceuta kamen, hat auch Gründe, die speziell die Beziehungen zwischen Marokko und Spanien betreffen. Das, was vorige Woche in Ceuta passiert ist, auf einen beliebigen Zeitraum hochzurechnen und auf Deutschland zu beziehen, ist kein Journalismus, sondern Panikmache.

In der gedruckten „Bild“ stehen auch am Montag die Zeichen weiter auf Angst und Verteidigung. Das Blatt zeigt unter anderem jugendliche Spanier, die sich mit Stöcken „bewaffnet“ hätten, und präsentiert im Aufmacherfoto einen Anwohner aus Ceuta, den 39-jährigen Alejandro, der seine Wohnung mit einem Schlagstock verteidige. Alejandro hat ihn fürs Foto in „Bild“ offensichtlich gerne hergezeigt.

6 Kommentare

  1. Braune Panikmache mit Folgen. Ceuta ist DAS Thema, auch in den ÖR. Hier am Niederrhein verdunkelt sich gerade der Himmel durch Rauchwolken vom Waldbrand in den Niederlanden nördlich Venlo. In Kleve, 40 km entfernt, stinkt es so, dass wir die Fenster zumachen müssen. Wir machen dasvRadio an, um Nachrichten zu hören. (Antenne Niederrhein)
    Vom Feuer: Nichts. Dafür wird erneut ausführlich über Ceuta und die Folgen berichtet. Der Waldbrand vor der Haustür bleibt unerwähnt!

  2. Kurze Anmerkung:
    Von Ceuta führt kein direkter Weg nach Gibraltar, es sei denn, man hat ein eigenes Boot/Wasserflugzeug. Man kommt von Tanger aus per Tragflächenboot nach Tariffa oder per Flug nach Gibraltar. Ceuta hat die Fähre nach Algeciras and that’s it.
    Ich kenne Ceuta recht gut und war früher oft dort. Deshalb gehe ich auch davon aus, dass ohne die marokkanischen Behörden dieser Run niemals hätte stattfinden können.

  3. Und mit dem Flugzeug von Madrid bis nach Berlin wären die sogar noch schneller in Deutschland…

  4. Gibt es quch schon einen Artikel warum das denn eigentlich passiert ist? Die vielfach wiederholte „Begründung“ weil Spanien jahrelange Migranten, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen, einbürgern will, kaufe ich einfach nicht…

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