Fließbandjournalismus

Wer schreibt denn da? Ippens undurchsichtige KI-News-Kooperation

Artikel anderer mit KI zu „kuratieren“, also abzuschreiben, das können sie bei Ippen gut. Der Verlag setzt dabei auch auf externe Zulieferer. Bei einer Partnerschaft mit einem kleinen, unbekannten Newsportal ist allerdings unklar, wer da schreibt. Auch auf Nachfrage bleibt das schleierhaft.

Sehr fleißig, dieser Lukas Richter. Vorletzte Woche, zum Beispiel, erschienen 30 Beiträge von ihm bei fr.de, dem Online-Angebot der „Frankfurter Rundschau“: viele davon zum Krieg Russlands gegen die Ukraine, einige über Donald Trump und auch mal einer über die Schädlichkeit von Bier. Der Freitag war besonders stark: sieben Beiträge in wenigen Stunden. Der erste um halb zwölf, der letzte um kurz nach 15 Uhr. Dann war Wochenende. Nach so einem Pensum muss man ja auch mal raus an die frische Luft.

Und man fragt sich natürlich: Wie macht der Lukas das?

Dass er so ausdauernd veröffentlicht, dürfte auch damit zusammenhängen, dass er sich für seine Artikel sehr oft bei Beiträgen anderer Medien bedient, bei der „New York Post“ zum Beispiel, „Wirtualna Polska“ oder der „Daily Mail“. Er zitiert auch mal eine norwegische Universitätszeitung, die russische Staatsagentur TASS oder Posts von X.

„Kuratiert“ by Ippen Media

Der Verlag Ippen Media, zu dem fr.de gehört, ist bekannt für diese Art „kuratierenden“ Journalismus, wie das gerne genannt wird. Es ist Journalismus, der auf- bzw. abschreibt, was anderswo bereits steht: Texte werden mithilfe von KI umformuliert, mit anderen kombiniert – und fertig ist der Artikel.

Schon heute erscheinen im Ippen-Angebot komplett von KI erzeugte Beiträge, auch ohne, dass das offengelegt würde. Obwohl die offiziellen „KI-Prinzipien“ des Verlags eigentlich Transparenz versprechen, sobald bei der Entstehung von Texten KI „maßgeblich beteiligt war“. Aber was heißt schon „maßgeblich“? Beim „Spiegel“ haben sie gerade sehr ausführlich über dieses Wörtchen gestritten – und es aus den hauseigenen Richtlinien zum Einsatz von KI entfernt.

Ippen-Chefredakteur Markus Knall mit einem Mikrofon auf einer Bühne.
Ippen-Chefredkteur Markus KnallFoto: Imago / dts Nachrichtenagentur

Bei Ippen wollen sie von allem immer noch mehr: mehr Content, mehr Klicks, mehr Reichweite – und auch immer mehr KI. Markus Knall, der Chefredakteur von Ippen Media, ist überzeugt, dass KI die Qualität von Journalismus steigern werde. Das sagt er oft, und gerade hat er es noch mal der „taz“ erzählt.

Der Journalist der Zukunft ist für Knall ein „KI-Komponist“. Einer, schreibt die „taz“, der wisse, womit er die KI füttern muss, damit sie das richtige Ergebnis ausspuckt. Knall findet, das sei doch die eigentliche Leistung von Journalismus: „Niemand ist Journalist geworden, um Texte zu tippen.“ An anderer Stelle beschrieb er, wie ein einzelner Journalist künftig „zehn, zwanzig, fünfzig Texte am Tag steuern“ könne, die eigentliche Arbeit erledige KI.

Die Ippen-Zentralredaktion in München kann mithilfe von KI „kuratierte“ News eigentlich ganz gut selbst erstellen und macht das auch. Das Unternehmen setzt aber zusätzlich auf externe Lieferanten – wie im Fall von Lukas Richter. Ist er ein „KI-Komponist“? Lukas, der KI-Führer? Und wer ist Lukas Richter überhaupt?

Die von ihm gelieferten Artikel sind Teil einer Kooperation mit einem kleinen, unbekannten Nachrichtenportal, so viel ist klar. Unklar ist allerdings, wer die Leute sind, die dort die Artikel produzieren. Auch wenn man nachfragt, bleibt das schleierhaft.

Kooperation mit newsinfive.de

Neben Lukas Richter liefern innerhalb dieser merkwürdigen Kooperation noch weitere Autorinnen und Autoren Beiträge zu. Ippen bespielt ein Netzwerk aus rund 70 Online-Seiten, darunter etliche regionale Medienmarken. Die Partnerbeiträge erscheinen deshalb nicht nur bei fr.de, sondern auch bei HNA.de, Merkur.de oder beim „Hanauer Anzeiger“. Seit wann Lukas Richter und seine Kollegen dort publizieren und wie viel insgesamt, ist schwer zu sagen: Ihre Texte verschwinden nach und nach wieder von den Seiten. 

In denen, die noch da sind, findet sich immer der Hinweis:

„Dieser Artikel entstand in Kooperation mit newsinfive.de.“

Klickt man auf newsinfive.de, gelangt man auf eine schlicht gestaltete Seite, die voll ist mit automatischen Google-Anzeigen. Wie bei vielen Medien, arbeitet man auch hier mit Künstlicher Intelligenz; es gibt dazu eine „Transparenz-Information“, aber die muss man erst mal finden. Am Ende des Impressums schreibt „News in Five“: 

„Wir verwenden KI-Tools von OpenAI, Google und Microsoft zur Korrektur und Überarbeitung von Inhalten.“

In den einzelnen Texten steht dazu nichts, auch nicht in der Ippen-Version. 

Florian Stickel, „AI & Digital Transformation Jedi Master“

Betrieben wird „News in Five“ von „Florian Stickel Media & Beratung“, so steht es im Impressum. Als Adresse dient ein Büro-Dienstleister im Städtchen Aichach bei Augsburg. Stickel kennt sich aus mit Medien und deren Optimierung. Lange Zeit war er Chefredakteur von „Microsoft News“ (MSN) in Deutschland und damit auch zuständig für KI und digitale Transformation. Auf LinkedIn nennt sich Stickel „AI & Digital Transformation Jedi Master“. Er hat früh zum Thema KI publiziert und sein bei Microsoft gewonnenes Know-how unter anderem an der Macromedia University in München vermittelt.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

2022 verließ Stickel Microsoft nach mehr als 20 Jahren. In den Jahren zuvor hatte das Unternehmen seine Newssparte umgebaut und vielen der dafür tätigen Journalisten gekündigt. Nachrichten anderer Medien für den Newsgenerator MSN auszuwählen und zu bearbeiten, was sie bisher gemacht hatten, übernahm nun weitgehend KI. Menschen wurden entbehrlich. 

2023 gründete Stickel dann seine Firma und begann mit „News in Five“. Daneben betreibt er ein Portal namens popnexus.de, das ähnlich einfach gebaut und mit ähnlich viel Werbung befüllt ist. Ippen ist offenbar nicht sein einziger Kooperationspartner. Auch bei MSN, seinem Ex-Arbeitgeber, gibt es einen Feed, in den „News in Five“-Inhalte einlaufen: Nachrichten, aber auch Rubriken wie „Der Dad Joke des Tages“.

Um besser zu verstehen, was „News in Five“ soll und wer dort arbeitet, schreiben wir Florian Stickel. Für ein Telefonat hat er nach eigenen Angaben leider keine Zeit, er bittet um Fragen per Mail – die er dann überschaubar beantwortet. 

Übersetzen, Auswerten, Strukturieren

„News in Five“ habe er gegründet, „um Lesern einen schnellen, gebündelten Überblick über das aktuelle Nachrichtengeschehen zu bieten“, schreibt Stickel:

„Neben automatisierten Agenturmeldungen veröffentlichen wir täglich mehrere eigene Beiträge – darunter auch eigene Recherchen und Interviews –, die wir mit zusätzlichen Quellen und Informationen anreichern.“

Stickel selbst veröffentlicht bei „News in Five“ gelegentlich Filmkritiken oder Gespräche, im März zum Beispiel ein „exklusives Interview“ mit Hape Kerkeling alias Horst Schlämmer, der sich da gerade auf Marketingtour für seinen Film befand.

Unter den „automatisierten Agenturmeldungen“ findet sich immer ein Hinweis, etwa:

„Dieser Inhalt wurde automatisch von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) übernommen.“

Das ist nicht ungewöhnlich; auch andere Medien haben dpa-Ticker, in die Meldungen direkt einlaufen. Hier aber steht über den Beiträgen häufiger der Name eines „News in Five“-Autors. Wieso, ist unklar. 

Auf die Frage zum KI-Einsatz schreibt Stickel, sie würden bei „News in Five“ „auch Technologie im Workflow“ nutzen: 

„KI-Tools unterstützen uns beispielsweise beim Übersetzen, Auswerten und Strukturieren.“ 

Das ist schon mal mehr als „Korrektur und Überarbeitung“, wie es im Impressum steht. Ungewiss bleibt, ob KI auch ganze Artikel verfasst. In einem der Texte auf „News in Five“ findet sich jedenfalls ein mutmaßlicher KI-Rest. Ein Beitrag über einen US-Panzer, der aus vielen Fotos und etwas Text besteht, beginnt mit: 

„Hier ist die umgeschriebene Version im neutral-journalistischen Stil.“

(* Siehe Nachtrag)

Am Ende stehen in eckigen Klammern auch die Quellen, aus denen sich der Text offenbar speist:

„EN.WIKIPEDIA.ORG, BUSINESSINSIDER.COM, SOLDAT-UND-TECHNIK.DE“

Der berühmte „human in the loop“

Es liegt nahe, dass KI bei einer Arbeit, die ihren Kern im „Auswerten“ fremder Veröffentlichungen hat, sehr viel übernimmt. „Ganz wichtig“ aber sei, schreibt Stickel: 

„Über Inhalt und Veröffentlichung entscheiden bei all unseren eigenen Beiträgen ausschließlich wir Menschen; auch die Qualitätsprüfung erfolgt durch unser Redaktionsteam.“ 

Der berühmte „human in the loop“ also, der Mensch, der noch mal kontrolliert und entscheidet, was online geht. Von dem reden ja viele, die KI im Journalismus einsetzen. Wie präzise diese Kontrollen dann sind oder ob sie überhaupt stattfinden, ist oft fraglich.

Bei Ippen wurde der „human in the loop“ auch – zumindest offenbar teilweise – schon abgeschafft, wie Chefredakteur Markus Knall der „taz“ erzählte. Und im Januar hatte die Redaktion nach einer Anfrage von Übermedien einen Text löschen müssen, der von einer KI großenteils wortwörtlich aus der britischen Zeitung „The Guardian“ übersetzt worden war. Der vermeintliche Ippen-Autor des Textes schrieb uns damals:

„Dies hätte durch unser ‚human in the loop‘-Prinzip auffallen und korrigiert werden müssen. Leider ist dies jedoch unterblieben.“

Gute Trump-Umfrage, schlechte Trump-Umfrage

Bei „News in Five“ bedeutet Qualität im Zweifel auch, dass etwa andauernd Umfragen zu Donald Trump abgebildet werden, und dann auch mal in kurzer Zeit zwei Texte zur selben Umfrage erscheinen, aber mit unterschiedlichen Stoßrichtungen.

Die Überschrift des ersten Artikels lautet:

„Plötzlich geht es aufwärts: Trump gelingt Umfrage-Comeback“

Über dem zweiten Text, der wenige Stunden später erschien, steht:

„Mit 80 im Weißen Haus: Neue Umfragezahlen setzen Trump unter Druck“

Im ersten Artikel wird zur Debatte über Trumps Alter nur am Rande erwähnt, diese habe sich „kaum verändert“. Der zweite Artikel fokussiert sich dann plötzlich darauf und stellt überraschend fest, mit Trumps rundem Geburtstag rücke die Altersfrage „wieder stärker in den Vordergrund“. Autor beider Texte: Lukas Richter.

Wer schreibt denn da?

Über Lukas Richter und seine Kolleg:innen ist nichts zu erfahren. Klickt man auf die Namen bei fr.de, findet man dort – anders als bei anderen Autoren – kein Foto, keine Biografie, keine Mail-Adresse. Dabei müsste das nach den Ippen-Leitlinien eigentlich so sein.

Dort steht:

„Wir stellen Informationen über unsere Autorinnen und Autoren bereit. In den Autorenprofilen finden Sie Angaben zur Biografie, Expertise und Kontaktmöglichkeiten.“

Nun ist Lukas Richter nicht direkt Ippen-Autor, aber er publiziert dort eben reihenweise Texte. Beim Kooperationspartner newsforfive.de gibt es auch keine Autorenprofile oder eine Übersicht, wer in der Redaktion arbeitet. Google hilft ebenfalls nicht weiter: Über Lukas Richter und die anderen „News in Five“-Autoren, etwa über Lisa Weegner, Henrik Henke oder C. Peters, findet sich auf Anhieb nichts, bloß Texte bei „News in Five“, MSN oder auf Ippen-Portalen. Sind aber ja auch recht normale Namen, schwierig zu googeln.

Und auch Florian Stickel gibt auf Nachfrage nicht preis, wer genau die menschlichen Instanzen sind, die alles kontrollieren, und welchen beruflichen Hintergrund sie haben. Dazu und auf die Frage, ob „News for five“ womöglich auch mit Pseudonymen arbeitet, schreibt er: 

„Unser Team besteht aus echten Journalistinnen und Journalisten. Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns zu Details unserer Teamstruktur, internen Abläufen oder Standorten nicht öffentlich äußern.“

Er sagt nicht mal, wie viele Menschen – außer ihm – bei „News in Five“ (fest oder frei) arbeiten. Und er schweigt auch zu der „Content-Kooperation“ mit Ippen Media: Zu vertraglichen Details äußere man sich grundsätzlich nicht. „Für uns als kleinen Anbieter“, hatte er in einer früheren Mail lediglich geschrieben, „ist so eine Partnerschaft hilfreich, um mehr Sichtbarkeit und Reichweite zu bekommen.“ 

Die Sache mit der Transparenz

Dass „News in Five“ ein Geheimnis daraus macht, wer die Autoren sind, die durch die Kooperation mit Ippen unter vielen deutschen Medienmarken publizieren, ist bemerkenswert. Und auch bei Ippen ist nichts zu erfahren.

„Wir stehen für Unabhängigkeit, Transparenz und Meinungsvielfalt“, schreibt der Medienkonzern in seinen Leitlinien. Aber das mit der Transparenz ist so eine Sache. Auf unsere Anfrage zur „News for Five“-Kooperation an die angegebene Kontakt-Adresse meldet sich niemand. Dann ist es kompliziert, ein Person zu finden, die zuständig ist für Medienanfragen. Und hat man schließlich jemanden ausfindig gemacht, kommt – auch auf Nachfrage – keine Antwort.

„Autorschaft ist gekoppelt an Identität und Verantwortung“, schreibt der Journalistik-Professor Tanjev Schultz in seiner aktuellen Kolumne über KI-Täuschungen im Journalismus. Und dass es ein „Qualitätsversprechen ernst zu nehmender Redaktionen sein“ könnte und müsste, „ihren Leserinnen und Lesern zu garantieren: Hier schreiben noch Menschen für Menschen“. Erschienen ist die Kolumne ironischerweise auf der Ippen-Seite fr.de.

Und das News-Fließband läuft weiter auf Hochtouren: Unter dem Namen Lukas Richter erschienen bei fr.de in den vergangenen zwei Wochen mehr als 50 Beiträge. Und weil einem das niemand beantwortet, darf man sich als Leser weiter fragen, wie er das genau macht, der Lukas. Und ob er überhaupt eine existierende Person ist – oder eine KI, von irgendwem gesteuert.


Nachtrag, 2.7.2026. Der mutmaßliche KI-Rest aus dem Beitrag über einen US-Panzer ist inzwischen verschwunden.

3 Kommentare

  1. „Ein Beitrag über einen US-Panzer“ – warum hat der Link denn ?utm_source=chatgpt.com in der URL?

  2. @1 Lucas: Weil ich bei der Recherche für diesen Artikel unter anderem auch ChatGPT verwendet und hier offensichtlich einen Link von dort verwendet habe. Den URL-Schwanz braucht es aber ja gar nicht, habe ihn entfernt. Danke für den Hinweis!

  3. Wirklich guter, wichtiger und richtiger Beitrag. Die Vermutung liegt völlig nahe, dass das ein Einmannbetrieb ist, der KI Artikel generiert. Ippen Media scheint das überhaupt nicht zu stören.

Einen Kommentar schreiben

Mit dem Absenden stimmen Sie zu, dass Ihre Angaben gemäß unseren Datenschutzhinweisen gespeichert werden. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.