Mehr über Wolfram Weimer

Das waren zur Abwechslung mal gute Nachrichten für Wolfram Weimer.
Seit Anfang des Monats wird der Kulturstaatsminister dafür kritisiert, dass er drei Buchläden wegen „verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse“ den Deutschen Buchhandlungspreis aberkannte, ohne dass bekannt ist, was für Erkenntnisse das genau sind. Und nun veröffentlichte die „Bild“-Zeitung das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA, der zufolge 63 Prozent der Deutschen „gegen Staats-Kohle für Buchläden“ seien, „zu denen der Verfassungsschutz Extremismus-Erkenntnisse hat, und auf deren Fassade u. a. ,Deutschland verrecke bitte’ steht“.
Weimer dürfte das gefallen haben. Allerdings stellen sich bei näherem Hinsehen ein paar Fragen zu der Umfrage, über deren Entstehung bereits munter spekuliert wird.
Die „Bild“-Meldung erschien zunächst auf Seite 3 der Print-Ausgabe, und auf Bild.de erschien ein „Zwischenruf“ des auf erregte Zwischenrufe spezialisierten „Bild“-Redakteurs Peter Tiede. Unter der Überschrift „Kein Staatsgeld für Extremisten!“ resümierte er, Weimer habe „die Deutschen“ also „auf seiner Seite“. (Und Peter Tiede wohl auch.)

Für Aufsehen sorgte aber vor allem, dass auch „The European“-Chefredakteur Ansgar Graw einen Kommentar zur Umfrage veröffentlichte. Das ist deshalb interessant, weil das Magazin zur Weimer Media Group gehört, die von Wolfram Weimer und seiner Frau gegründet wurde. Weimer ist dort zwar seit seinem Antritt als Staatsminister nicht mehr Geschäftsführer, auch seine Anteile hat er inzwischen an einen Treuhänder abgegeben. Die Geschäfte führt aber immer noch seine Frau. Weimer ist also weiterhin ganz nah dran.
Das lässt Raum für Theorien. In Sozialen Netzwerken wird etwa behauptet, „The European“ habe die Umfrage selbst in Auftrag gegeben, ganz im Sinne Weimers. Das meint zum Beispiel der „Stern“-Autor Stephan Maus, der auf BlueSky wettert, das Blatt wolle „seinen Besitzer“ mit der Umfrage „reinwaschen“. Auch Ronen Steinke, leitender Politik-Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, schreibt auf X:
„Ach das ist ja eine Überraschung! Das von Wolfram Weimer geleitete ,Debattenmagazin’ gibt eine Umfrage in Auftrag, die seine Linie bestätigt.“
Es ist vielleicht bloß eine ironische Spitze, aber: Weimer leitet das Blatt natürlich nicht. Und ist „The European“ tatsächlich der Auftraggeber? Offenbar auch nicht.
Im „European“-Text steht dazu nichts, auch im „Bild“-Kommentar von Peter Tiede findet sich keine Angabe. Dabei müssen Medien das laut Pressekodex (Richtlinie 2.1) eigentlich immer dazuschreiben, neben anderen Eckdaten.
„Bild“-Redakteur Tiede weist auf Übermedien-Nachfrage knapp per Mail darauf hin, der Auftraggeber der Umfrage finde sich in der Print-Meldung. Stimmt: „Umfrage INSA für Valere, 1000 Befragte“, steht dort; INSA bestätigt das auf Anfrage.
Valere heißt die Berliner Firma des konservativen Medien- und Politikberaters Richard Schütze, der diesen Job seit mehr als 30 Jahren macht. Schütze ist also bestens vernetzt im Berliner Betrieb und kennt auch den Medienmann Wolfram Weimer, schon aus der Zeit, als der das Magazin „Cicero“ gegründet hat, das war 2004. Naheliegende Frage also: Berät Schütze auch Weimer? Der Politikberater dementiert das am Telefon. Auf schriftliche Nachfragen dazu und zu der Frage, ob er mit Weimer seit dessen Amtseinführung im Austausch stand, geht Schütze später leider nicht mehr ein.
Im Gespräch mit Übermedien sagt er, seine Firma gebe immer wieder Umfragen in Auftrag, zu diversen Themen: Kernkraft etwa, Benzinpreise – alles, worüber in der Gesellschaft debattiert werde. Neben dem Buchhandlungspreis habe man dieses Mal in einer sogenannten Omnibus-Umfrage etwa auch die Meinung zur Mineralölsteuer abgefragt, zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland oder zu „GEZ-Gebühren“. Im Original zeigen möchte Schütze die Umfrage jedoch nicht. Er habe den „Nukleus der gestellten Fragen“ ja „schon weitgehend übermittelt“.
Mit ihren Umfragen zu verschiedenen Themen gehe sein Unternehmen auf die jeweiligen Branchen zu, um sie zu beraten, sagt Schütze. Oder man verkaufe die Ergebnisse an die Presse. Wie und warum sie in diesem Fall bei „Bild“ gelandet sind, dazu sagt Schütze nichts. Auch „Bild“-Redakteur Tiede äußert sich dazu nicht. Schütze sagt nur, für „Bild“ sei das Thema wohl „interessant“ gewesen. Wie angeblich für ihn das Ergebnis.
Er habe nicht erwartet, behauptet Schütze, „dass das Ergebnis so anders ausfalle als das medial vermittelte Bild“. Es sei doch „überraschend konträr“. Schütze will damit sagen, dass sich viele Medien eher hinter die Buchhandlungen stellen würden, ein Großteil der Bevölkerung laut der Umfrage aber offensichtlich nicht. Was natürlich auch schlicht daran liegen könnte, wie die Frage formuliert ist. Laut „The European“ lautete sie:
„Sollte eine Buchhandlung, über deren Eingangsbereich der Schriftzug ‚Deutschland verrecke bitte‘ steht, Ihrer Meinung nach vom staatlich finanzierten Buchhandlungspreis ausgeschlossen werden?“
Schütze sagt, die Befragten müssten ja „verstehen, worum es geht, auch wenn sie nicht die ganze Debatte verfolgt haben“. Doch mit dieser Frage wird die Debatte symbolisch auf eine Parole verknappt, die neben vielen anderen Schriftzügen an der Hausfassade einer der Buchhandlungen steht, über die laut Weimer „Erkenntnisse“ vorliegen. Es ist ein Zitat aus einem Punksong, mit dem sich das Bundesverfassungsgericht schon vor über 25 Jahren befasst und letztlich beschlossen hat: Ist kein Problem, ist Kunst.
Die ganze Debatte um den Buchhandlungspreis ist viel größer und differenzierter als der eine Spruch. Die Umfrage aber stellt ihn ohne Kontext ins Zentrum. Vielleicht ist es deshalb doch gar nicht so überraschend, dass das Ergebnis so deutlich ausfiel.
Auch Ansgar Graw arbeitet sich an der Parole an der Hauswand ab und findet, dass Weimer richtig damit liege, den Buchhandlungen keinen mit Steuergeld finanzierten Preis zu geben. Diese Position kann man haben. Aber es bleibt fragwürdig, dass „The European“ sich überhaupt auf diese Art und recht durchschaubar einmischt, wenn es um Weimer geht. Graw legt im Text zwar offen, dass der mal Co-Verleger war. Es wirkt trotzdem so, dass Graw Weimer einen Dienst erweist, wenn er eine INSA-Umfrage beklatscht, nach der „die Bevölkerung“ „eindeutig auf Seiten von Weimer“ stehe. Wie Ansgar Graw.
Und auch wenn „The European“ nicht Auftraggeber der Umfrage war, bleibt die Frage, wie deren Ergebnis zu Graw kam. Auf Übermedien-Anfrage schreibt er, dass er sich auf den „Bild“-Artikel von Peter Tiede bezogen habe. Was merkwürdig ist. Denn in Graws Text stehen Details der Umfrage, die in „Bild“ gar nicht vorkommen, etwa der Wortlaut der Frage. Woher hat Graw ihn? Und woher hat er Details zur Aufschlüsselung der Umfrage nach Parteipräferenzen, die auch nicht im Einzelnen in „Bild“ stehen?
Wir haben ihn gefragt, aber Graw will dazu nichts sagen: „Weitere Angaben zur Recherche und den verwendeten Daten möchte ich nicht machen“, schreibt er. Das ist bemerkenswert intransparent – und „Recherche“ ist ein großes Wort dafür, dass er die Ergebnisse anscheinend von irgendwem gesteckt bekommen hat. Von „Bild“? Möglich wäre es, der Weg ist kurz. Graw war lange Redakteur beim Schwesterblatt „Welt“. Oder hat er sie von Richard Schütze? Nein, sagt der. Von ihm habe „The European“ die Umfrage nicht.
Tja. Am Ende bleiben dann doch immer noch ein paar Fragen offen, zum Beispiel, ob die Umfrage vielleicht doch von irgendwem lanciert wurde, um Wolfram Weimer in schwierigen Zeiten ein kleines Geschenk zu machen. Man kann es nicht sicher sagen. Deshalb sollte man es auch nicht einfach so hinbehaupten.
Nur eins scheint relativ sicher: Dass „The European“ nicht, wie behauptet, der Auftraggeber der Umfrage war. Eine schlechte Figur hat das Magazin trotzdem gemacht.
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Bei *der* Fragestellung verwundert das Ergebnis nicht.
Ist doch eigentlich wie immer. Kontext hilft.
„Am Ende bleiben dann doch immer noch ein paar Fragen offen, zum Beispiel, ob die Umfrage vielleicht doch von irgendwem lanciert wurde, um Wolfram Weimer in schwierigen Zeiten ein kleines Geschenk zu machen. Man kann es nicht sicher sagen. Deshalb sollte man es auch nicht einfach so hinbehaupten.“
Ich tendiere aber schon dazu es zu behaupten. Zumindest wollte man den „Rechtsruck“ oder besser gesagt, den drang Links als schlecht und böse darzustellen unterstützen.
Nun ja, jeder Mensch, der lange genug in einer Branche arbeitet, weiß, wer mit wem gut kann. Und dass man jenen auch mal einen unentgeltlichen Gefallen tut, versteht sich dann von selbst. Es macht sich später bezahlt.
Und das eine ist das Formale (Weimer ist nicht mehr geschäftsführend), das andere ist das Inhaltliche.
So sehe ich das mit den Umfragen und ihren Instituten, die damit Geld verdienen und etwas suggerieren, was in der Tiefe nicht vorhanden ist: Objektivität
Das ist der Unterschied zum Trumpismus: Hier initiiert man noch „verbogene“ Umfragen zur Rechtfertigung beschämenden Verhaltens eines Staatsmannes.
Trump hat das schon nicht mehr nötig. Was gefährlicher ist, steht noch in den Sternen.