Wir sind eins!

Dieser Text ist ein Problem. Schon die Überschrift. Eigentlich müsste da etwas anderes stehen, etwas Knackigeres, auf das die Leute klicken, das sie teilen und wie wild kommentieren. Denn darum geht es doch: um Klicks, um Reichweite, mit allen Mitteln. Vielleicht also etwas mit Flüchtlingen? Oder Trump? Oder Sex? Im besten Fall alles zusammen, das ginge tierisch ab.

Wir hätten uns auch, ganz einfach, einreihen können in den „Lügenpresse“-Chor, erste Reihe, und dann alles schön verdammen (CIA, Merkel, armes Deutschland!), pauschal und brutal. Oder ständig So-lacht-das-Netz-über-Beiträge tippen. Oder Texte über Tweets eines Chefredakteurs, damit sich die Branche über den Riesen-Zoff-mit-Demunddem beömmeln kann.

Doch all das haben wir nicht gemacht, seit wir mit Übermedien.de vor genau einem Jahr, am 13.1.2016, um 11:06 Uhr, online gegangen sind. Es hat uns wahrscheinlich Leser gekostet. Klicks. Aber das ist okay so, weil wir im ersten Jahr gesehen haben, dass es ja auch anders geht. Besser.

Als wir damals, zum Start, gefragt wurden, weshalb wir das machen, haben wir gesagt: Weil es genau die richtige Zeit ist. Die Zeit für professionelle, differenzierte Medienkritik, die intensiv den Wandel begleitet, dem sich Journalisten seit einiger Zeit stellen müssen. Medienkritik, die unabhängig ist, also weder zum Lager der „Lügenpresse“-Rufer, noch zu einem Verlag oder Sender gehört. Medienkritik, die analysiert, aufdeckt, disktuiert; ernsthaft und unterhaltend. Das war unser Anspruch, unser Versprechen.

Nun, ein Jahr später haben wir rund 2.200 Abonnenten, die uns mit ein paar Euro monatlich unterstützen. Das zeigt uns, dass wir damals richtig damit lagen, uns in die Unabhängigkeit zu trauen, was ja immer ein Wagnis ist, weil man Geld verdienen muss, um alles zu finanzieren, auch sich. Und eben ohne dabei eine Resterampe mit Reichweite zu werden, also „Focus Online“.

Das hat schon mal geklappt. Mit Inhalten, die nicht einer Klick-Logik folgen, sondern die wir lustig finden, spannend, wichtig, journalistisch relevant. Und andere offenbar auch. Bei den großen Online-Medien werden sie nun lachen, bis die Statistikmonitore wackeln, aber wir haben tatsächlich nie besonders akribisch ausgewertet, was ankommt, was zieht. Und wir haben bisher nirgends Bestenlisten, deshalb ist das hier jetzt eine Premiere: Unser erstes Ranking (endlich!) der Beiträge, die 2016 die meiste Resonanz fanden.


Meistgelesene Texte
1. Live vorm Trump-Tower: Mario Barth entlarvt die Lügenpresse
2.Der Kampf der AfD gegen das Kindeswohl
3. Alles, was die AfD immer schon mal über ARD und ZDF wissen wollte
4. „Bitte nehmen Sie mich in Ihren Verteiler für Vergewaltigungen auf“
5. Lügenwetter!

Meistkommentiert
1. Der Kampf der AfD gegen das Kindeswohl
2. Warum ich über den Schwarzen Mann als böse Überraschung nicht lachen kann
3. Im Meinungskessel von Köln
4. Warum die Lügenpresse-Vorwürfe gegen die Tagesschau falsch sind
5. Der Hass ist nicht neu

Meistgesehene Videos
1. Der „Bachelor“ in 30 Sekunden
2. Live vorm Trump Tower
3. Klaas Heufer-Umlauf entdeckt den ESC
4. Weißer Humor bei „Verstehen Sie Spaß“
5. Bilderteppiche aus dem Roboter


Rund 350 Beiträge sind auf Übermedien im vergangenen Jahr erschienen, Texte und Videos, Analysen, Wutreden, Kommentare, Interviews, Verrisse, von rund 50 Autoren. Im Rückblick zeigt sich: Themen, die ohnehin den Diskurs dominierten – Flüchtlingskrise, Terror, AfD, Lügen, Populismus, all das – waren auch bei uns viel gelesene, oft kommentierte Beiträge. Das wird, gerade in einem Wahljahr wie diesem, sicherlich noch mal zunehmen.

Wir haben früh den AfD-Hintergrund des „Welt“-Redakteurs Günther Lachmann recherchiert, von dem sich die Zeitung inzwischen getrennt hat und der heute Sprecher der AfD in Thüringen ist. Auch über das rechtsäugige Blog „Tichys Einblick“ haben wir geschrieben, als XING-Nutzer noch rätselten, wie man diesen Tüchi denn schreibt. Und mit der Sprache der Polizei haben wir uns voriges Jahr befasst, lange vor der Debatte um den Begriff „Nafris“.

Wir haben über eine ARD-Reporterin berichtet, die im „Morgenmagazin“ Angestellte einer von ihr gegründeten Werbeagentur interviewt hat – ohne dass der Zuschauer davon etwas erfahren hätte. Wir haben kritisiert, dass sich der sehr blonde Moderator Guido Cantz als ulkiger Schwarzer verkleidet hat, worauf Herr Cantz dann in der Sendung reagierte. Wir haben öffentlich gemacht, dass sich der Oberbürgermeister der Stadt Stralsund ein Drehbuch für ein TV-Interview schreiben ließ, in Zusammenarbeit mit dem Sender, wofür dieser von der Medienaufsicht gerügt wurde.

Noch dreister war 2016 der Freizeitfake. Die Zeitschrift „Freizeitwoche“ hat offenbar im großen Stil Interviews mit Hollywood-Stars gefälscht. Mehrere Prominente, darunter Sandra Bullock und Sean Connery, haben uns bestätigt, an Interviews mit Ihnen irgendwie gar nicht beteiligt gewesen zu sein. Tja, Mensch. Bis heute ist unklar, wie viele Interviews tatsächlich erstunken sind. Auch weil es nach unserer Veröffentlichung recht still blieb: kein Shitstorm, kein Journalistenverband, der sich empörte, und der Bauer-Verlag, der das Blättchen herausgibt, schweigt dazu bis heute.

Angesichts des Vorwurfs ist das bemerkenswert. Offenbar interessieren die Fälschungen weder die Kollegen so richtig, noch die Leser, weil: Sind ja nur Prominente, und diese „Freizeitwoche“ ist ja so ein Blabla-Blättchen, das Mutti beim Friseur liest, ne? Was soll also die Aufregung? Wir sehen das ein wenig anders: Interviews zu erfinden, sie zu fälschen, egal, wer da wozu interviewt wird – das ist „Lügenpresse“ in Reinform, oder? Und deshalb müssen wir da leider noch mal recherchieren.

Und immer wieder geht es uns um Mechanismen der Medien, um Muster und Marotten. Wie würden Medien berichten, wenn Jesus heute geboren würde? Und wie berichten sie, wenn in China ein Sack Reis umfällt? Es ist der alltägliche Medien-Wahnsinn, oft völlig überdreht: Die RTL-Reporterin, die im Morgengrauen vor einem Gefängnis auf die Entlassung von Uli Hoeneß wartet, der aber schon längst weg ist. Die ARD, die im Umfeld eines nicht-geheimen Geheimtreffens der SPD nach einen Kanzlerkandidaten fahndet – und scheitert. Das Frauenbild (und Gequietsche) in der Sendung „Der Bachelor“. Oder die Art, wie große Radiosender die Musik auswählen, von der sie meinen, dass sie ankommt. Auch das sind immer wieder unsere Themen.

Was wir tun, gefällt nicht allen. Das ist normal. Es gab und gibt viel positives Feedback von Lesern und Übonnenten; mancher hat uns auch im Zorn verlassen, das gehört dazu. Naja, und die Kollegen. Manche sind tief getroffen. Der eine, zum Beispiel, der Groll über unser „tugendhaftes Über-Medium“ mailte; der andere, der die Kritik für ein „armseliges Stück“ hielt; und natürlich der Freund des Hauses, der Übermedien ein „in der schwulen Medienszene beliebtes Medienmagazin“ nannte, was ausnahmsweise keine Lüge war, sondern bestimmt stimmt.

Es gibt sogar Fälle, da sind wir unter Journalisten beliebt. Und am besten ist es, wenn sie sich der Kritik nicht murrend verschließen, sondern darüber nachdenken, nur kurz. Oder noch mehr: Unser toller Zeitschriften-Kritiker Michalis Pantelouris hat, zum Beispiel, vor zwei Monaten die „Wirtschaftswoche“ kritisiert, und zwar deutlich. Statt eine Pantelouris-Voodoo-Puppe anzufertigen, hat ihn die Redaktion eingeladen – zur Live-Kritik. Und dann fanden die das auch noch gut!

Im Superwahljahr 2017 werden Medien eine große Rolle spielen: etablierte und ganz neue, seriöse und unverantwortliche, und eine Medienkritik, die das beobachtet, die Unwahrheiten entlarvt, Zusammenhänge beleuchtet, die Debatten auslöst, aufmischt und begleitet, wird an Bedeutung gewinnen. Begriffe wie „postfaktisch“ oder „Fake News“ sind in kürzester Zeit so inflationär gebraucht worden, dass sie für eine ernsthafte Debatte kaum noch taugen. Aber die Fragen, die mit ihnen verbunden sind, sind real und brisant. Auch darum wollen und müssen wir uns kümmern.

Es gibt viel zu tun, und wir haben viel vor. Wir arbeiten daran, dass wir im zweiten Jahr noch mehr Menschen davon überzeugen können, uns zu abonnieren – und damit all das zu ermöglichen. Damit wir Übermedien weiter ausbauen und Medien besser kritisieren können. Mit Ihrer Hilfe.

Was damals galt, gilt heute noch mehr: Es ist die richtige Zeit.

Und damit danke an alle, die uns bis hierhin begleitet haben!

Ein besonderer Dank geht an unsere treuen Übonnenten, die unsere Arbeit erst ermöglichen; an das Team von Blendle, das sich um die Technik und die Abwicklung der Abonnements kümmert; an Kosmar und Guido fürs Programmieren; an „Spiegel Online“, die einige Beiträge von uns übernehmen; an Kolumnisten und Stammautoren, weil wir ohne sie nichts wären; und an alle, die für uns geschrieben, gedacht, gemacht haben.

Ali Schwarzer, Andreas Kemper, Annette Dittert, Armin Wolf, Bastian Pastewka, Benjamin Laufer, Björn Karnebogen, Claus Kleber, Eckhard Stengel, Elke Heidenreich, Eric Anton Heuser, Eric Bonse, Friedemann Karig, Fritz Wolf, Hauck & Bauer, Jörg Kachelmann, Jürgen Trittin, Jürgen Kühner, Juliane Wiedemeier, Lars Fischer, Lorenz Meyer, Manni Breuckmann, Marie Meimberg, Markus Herrmann, Mathias Dell, Mats Schönauer, Michael Würz, Michalis Pantelouris, Moritz Gathmann, Moritz Tschermak, Peer Schader, Peter Breuer, Peter Kloeppel, Ralf Hutter, Ronnie Grob, Samael Falkner, Sarah Kuttner, Sascha Lobo, Stefan Schulz, Torsten Kleinz, Ulrich Matthes, Werner J. Patzelt – und alle, die wir in der Eile vergessen haben sollten.

12 Kommentare

  1. Um es mit Badesalz zu sagen: „Alles gude, zum Geburdsdag“

    Muss mir allerdings noch überlegen ob ich mich durch Übonent beleidigt fühlen soll.

  2. Als einzige negative Kritik muss man die Kommentare nennen:
    Es wird viel zu wenig der einzelne Text kommentiert, sondern das „Politikum“ drumherum.

    Beispiele:

    Veganermagazin: Hier wurde mehr über Veganismus kommentiert als über das Magazin selbst oder den Text des Autors

    Silvester 2016 Köln: Hier wurde sehr wenig über die „Lass-mal-ruhig-sein“ Journalisten kommentiert oder über Frau Peter oder über den Text hier selbst, sondern über irgendwelche Kriminelle, die es an dem Abend gar nicht gab.

    Ich wünsche mir zum nächsten Geburtstag, dass die Kommentatoren sich selbst disziplinieren und beim Thema bleiben.

  3. Ich möchte ja gerne das Interview mit Herrn Gniffke bis zum Ende lesen, aber obwohl ich als Abonnent eingeloggt bin, fehlt unten ein Stück! Ihr wollt doch nicht, dass ich ausgerechnet an Eurem Geburtstag aufgebracht sein muss?

  4. OT: Warum kann man das Interview mit Kai Gniffke eigentlich nicht kommentieren? Oder spinnt mein Firefox nur mal wieder?

  5. „Wir sehen das ein wenig anders: Interviews zu erfinden, sie zu fälschen, egal, wer da wozu interviewt wird – das ist „Lügenpresse“ in Reinform, oder? Und deshalb müssen wir da leider noch mal recherchieren.“

    Das würde mich auch sehr freuen; daß diese unglaubliche Frechheit medial nirgends beachtet wurde, erstaunt mich zugegebenermaßen doch wirklich sehr. Aber auch daß seitens der „interviewten“ Prominenten da kein Aufhebens gemacht wird, hätte ich nicht gedacht. Vielleicht hat man ja aber tatsächlich nur die Riege der ausländischen Promis derart krass gefaked – wohl wissend, daß diese gar nicht die Zeit haben sämtlichen weltweiten Pressemüll zu sichten.

    Wie auch immer: Weiter so und auf ein erfolgreiches zweites Jahr!

  6. Keine Sorge liebes Übermedien-Team – wenn Sie in Zukunft noch öfter solche Überschriften wie „Claus Strunz will es der Demokratie besorgen“ bringen, dann sind Sie bald auf der gleichen Stufe wie die Krawall- und Clickbait-Webseiten, von denen Sie sich ursprünglich abheben wollten.

  7. Als Übonnent (ich weiß nicht, ob ich mich gerne so bezeichnet sehe) habt ihr meine Motivation falsch eingeschätzt. Ich unterstütze nicht Übermedien, ich zahle lediglich zurück. Ich trage hier eine Schuld für all die Jahre ab, die ich Stefan Niggemeiers medienkritischen Blog für lau lesen durfte. Das war von 2009 bis 2015, also sechs Jahre. Wenn die vorbei sind, dann erst werde ich überhaupt das erste Mal darüber nachdenken, ob ich das weiterhin unterstützen will. Also haltet erstmal so lange durch.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.