Bahnhofskiosk

Lustig ist gar nichts

Gestern Abend sind in Hamburg die Lead Awards vergeben worden, das heißt, die Macher der schönsten und besten Print- und Webmagazine haben sich zusammengefunden, um sich das gegenseitig zu versichern*.

Einen Preis gewann das „Handelsblatt“ mit dem Hinweis, die Zeitung habe sich vorbildlich in Richtung Magazin entwickelt, was alle Zeitungen nötig hätten. Herausgeber des „Handelsblatts“ ist Gabor Steingart, der das lustige Schicksal hat, der wahrscheinlich prominenteste Gabor des Landes zu sein, weil er aber eben heißt wie eine Schuhmarke, schlägt Google bis zur Eingabe des E im Nachnamen „Gabor Stiefelette“ als Suchbegriff vor.

Ansonsten regiert er aber die Welt, und zu seinem Herausgeber-Reich gehört mit der „Wirtschaftswoche“ ironischerweise auch ein Magazin, das sich wahrscheinlich mehr als alle anderen hin in Richtung einer Zeitung von 1991 entwickelt: seriöse Texte merkwürdig durcheinander sortiert, aberwitzig nichtssagende Fotos und eine Gestaltung, die wirkt, als gäbe es noch die technischen Beschränkungen jener Redaktionssysteme von damals.

Cover "Wirtschaftswoche"

Die „Wirtschaftswoche“ ist im Großen und Ganzen dreispaltig aufgebaut, bis auf einen Teil vorne, in dem sie zweispaltig ist, in der Titelgeschichte sind es zwei Spalten mit einer Marginalspalte in der Mitte, bis auf eine Seite, die zur Titelgeschichte gehört, aber zweispaltig ist und durch Zwischenheadlines so geteilt, dass sie aussieht wie geviertelt.

Es gibt aber auch den Sonderteil „Der Volkswirt“, der vierspaltig ist und auf gelbem Papier. Dazu gibt es eine schwer zu überblickende Zahl an Schriften für Headlines, die einem System folgen, dass ich kurz zu verstehen glaubte (die leider immer einspaltigen Headlines in den dreispaltigen Heftteilen schienen sich abzuwechseln, dann aber nicht mehr im dreispaltigen Heftteil „Innovation & Digitales“), aber ich bin entweder zu doof oder zu schlau für dieses System.

Dazu kommt, dass die ohnehin schwierige Bildauswahl bei Wirtschaftsthemen hier mit der Wollust eines 19-jährigen Starlets ausgeführt wird, das einen 91-Jährigen Milliardär geheiratet hat: Muss halt immer mal sein, aber bitte so schnell wie möglich und eigentlich hofft man, dass der Alte dabei abkratzt. Im Durchschnitt ist auf dem Bild ein Manager im Anzug, im besseren Fall ein Manager vor einer Maschine oder so.

Wenn man diese Ausgabe der „Wirtschaftswoche“ neben jede beliebige Ausgabe von, sagen wir, „Bloomberg Businessweek“ halten würde, müsste man sich nicht mehr fragen, warum so viele Amerikaner glauben, wir lebten im Sozialismus. Ich rate außerdem ganz dringend davon ab, zu verstehen zu versuchen, wann man bei den Texten der „Wirtschaftswoche“ vom Blocksatz auf den Flattersatz wechselt. Irgendwo im Ressort „Geld“ wechselt er plötzlich für ein paar Seiten, aber es gibt auch vorne im Heft schon Ausnahmen. Ich würde nach langem Überlegen unterstellen, das ist einfach Zufall. Ich weiß nicht, wie unterbesetzt „die Grafik“ bei der „Wirtschaftswoche“ ist, aber rein optisch möchte man dem Heft das alte Lied von Echt vorspielen: Du trägst keine Liebe in dir.

Nun ist mit dem „Economist“ die zweitbeste Zeitschrift der Welt** nicht besonders gut designt und illustriert, insofern kann man das alles mit Brillanz wettmachen. Also, man könnte. Aber dazu müsste wirklich jemand brennen.

Man würde das von Miriam Meckel erwarten, der Chefredakteurin, die ein bisschen als Seiteneinsteigerin von einer Professur auf den Chefsessel geholt wurde, weil sie eine kluge und sachverständige Frau ist, und das ist der Teil, den man nicht lernen kann. Ich weiß nicht, wer ihr da zur Seite steht, aber meiner persönlichen Meinung nach fehlt da blattmacherisch einiges.

Ich will einmal kurz an der Ressortaufteilung erklären, was ich meine: Es ist das am schlechtesten gehütete Geheimnis des Magazinmachens, dass wir bis heute keine vernünftige, allgemein gültige Sortierung von Themen und Formaten gefunden haben. Ressorts in Heften sind mehr Kunst als Wissenschaft.

"Wirtschaftswoche" Nr 42/2016

Bei der „Wirtschaftswoche“ fangen sie mit kleinen News-Geschichten an, dann kommt die Titelgeschichte (hier ein Interview mit Facebook-COO Sheryl Sandberg unter der schon fast wieder gewagt langweiligen Headline „Unser Leben wird einfacher“), der Teil „Wirtschaft & Politik“, der Heft-im-Heft-mäßige Sonderteil „Der Volkswirt“, dann „Unternehmen & Märkte“, „Innovation & Digitales“, ein Teil, der „Blickpunkte“ heißt und möglicherweise so etwas wie ganz besondere Geschichten bringen soll, dann kommen „Geld“, „Erfolg“ und „Kultur“.

Frage: Was kommt in welches Ressort?

Die geplante Übernahme von Rimowa durch LVMH kommt als News vorne, die geplante Übernahme von Osram durch einen chinesischen Investor in „Unternehmen & Märkte“. Warum? Weil die eine Geschichte größer ist als die andere – es ist also nur eine Entscheidung des Formats.

Die Geschichte über den Niedergang von Twitter würden wir wo einreihen? In „Unternehmen & Märkte“ oder in „Innovation & Digitales“? Falsch, die ist ein „Blickpunkt“. So wie erstaunlicherweise eine Seite über ein besonders krisensicheres Anlageportfolio, das man in der Rubrik „Geld“ vermuten würde. Geschichten über die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises*** finden sich im vorderen Teil als „Seitenblick“ und im „Volkswirt“. Die Serie „Familienunternehmen“ findet sich im Ressort „Erfolg“.

Es ist willkürlich, wie übrigens die Ressorteinteilung bei fast allen Magazinen immer wieder, aber die Kunst ist eben, dass es richtig wirkt. Tut es hier nicht. Das ist nicht gut.

Aber das sind noch keine Inhalte, und am Ende ist das alles nur noch ein Drittel so wichtig, wenn die Texte brillant sind, vielleicht sogar lustig wie im „Economist“. Ich habe hier wahrscheinlich schon mehrfach den wichtigsten Satz zitiert, der je über den Magazinjournalismus gesagt wurde, und zwar von Harold Ross, dem Gründungschefredakteur des „New Yorker“: „If you can’t be funny, be interesting.“

Ich interessiere mich für deutsche Unternehmensberichterstattung wirklich nicht besonders doll, deshalb weiß ich nicht, ob es Menschen gibt, die gebannt jedes Wort verschlingen, das in der „Wirtschaftswoche“ steht. Ich habe zwei wahnsinnig interessante Wörter gefunden, weil ich mir zweimal nicht sicher war, ob es sie überhaupt gibt, nämlich „innovieren“ und „honett“ – es gibt beide, ich bin blöd.

"Wirtschaftswoche" Nr 42/2016

Aber das war es weitgehend. Lustig ist gar nichts. Und ich habe mich gefragt, woran es liegt, dass mich hier nichts so richtig berührt, nicht einmal eine Geschichte über den amerikanischen Wahlkampf und darüber, dass beide Kandidaten mehr oder weniger gegen den freien Welthandel argumentieren – und ich bin der größte Süchtige nach Donald-Trump-Geschichten, sie sind jeden Tag das erste und das letzte, was ich lese, und dazwischen mache ich oft auch nicht viel anderes.

Diese Geschichte hat ein ganz bisschen von dem Feuer, das ich oben eingefordert habe, weil zumindest das völlige Bekenntnis zum freien Welthandel im Text durchscheint. Eine Position – man muss sie ja nicht teilen, wenn man nicht will, aber es ist ein Bekenntnis, und das ist gut. An anderer Stelle interviewt aber Miriam Meckel Cheryl Sandberg und stellt ihr einige Fragen zur Stellung von Frauen bei Facebook und in anderen (Tech-)Unternehmen, klar in der Haltung einer Frauenrechtlerin, die mehr Gleichstellung einfordert, während hinten im Heft ein Absatz kommt wie:

„Dass die Angelegenheit von höchster Brisanz ist zeigt schon die Wahl der Berater […]. Zuständig ist Dorothee Blessing, Leiterin des Investmentbanking im deutschsprachigen Raum und Ehefrau des ehemaligen Commerzbank-Chefs Martin Blessing.“

Really, „Wirtschaftswoche“? Als Kompetenzausweis einer Frau gilt ihr Ehemann? Und das obwohl sie einen Top-Job hat und er offenbar keinen mehr? Das ist scheiße.

"Wirtschaftswoche" Nr 42/2016

Es sind diese vielen Dinge, die nicht zusammenpassen, die das Heft für mich unangenehm machen. Auf dem Cover steht: „Deutsche Bank: Droht der nächste Lehman-Crash“. Wie heißt wohl die Geschichte drinnen, die sich seitenweise hinzieht? Klar: „Untergang abgesagt“. Doch! Die Frage vom Cover ist damit schon beantwortet. Merkt denn da keiner, dass man die Geschichte gar nicht mehr lesen will?

Für mich stimmt da zu viel noch nicht. Aber vielleicht hat der Preis gestern Abend ja Gabor Steingart Blut lecken lassen und er will so einen nächstes Jahr wieder – falls es den Lead Award dann noch gibt. Ich glaube, Deutschland könnte ein gutes Wirtschaftswochenmagazin ab.

Wirtschaftswoche
Verlagsgruppe Handelsblatt
5,50 Euro

*) Den Witz habe ich von Christian Ude geklaut, der in seiner Rede so ähnlich die Gäste beim Empfang zum 50. oder 60. Geburtstag der Deutschen Journalistenschule begrüßt hat (und dass ich bei beiden war und nicht mehr weiß, an welchem es war, zeigt, wie verdammt alt ich geworden bin. Halleluja).

**) Die beste ist natürlich der „New Yorker“. Weil ich es sage.

***) Ich weiß, der heißt anders, nervt mich nicht.

14 Kommentare

  1. Das Layout bei WiWo ist also langweilig und inkonsequent? Ok, aber das kann doch nicht der Kern der Kritik am Heft sein. Ist zB das Layout von Übermedien.de besser? Ich weiß, dass ich Print-Äpfel mit Internet-Birnen vergleiche, aber mich überzeugt nicht, dass der Heftaufbau, Formatierung usw so wichtig sein soll, dass dafür der Sinn für den Inhalt verlorengeht. Hier wurde ja auch seinerzeit das triste Layout der FAZ-Woche kritisiert. Ich hätte mir mehr textnahe Heftkritik gewünscht.

  2. Danke, jetzt habe ich einen Ohrwurm… hmpf…
    („… nicht für Dich und für irgendweeeheeeem…“).

    Aber da man richtig merkt, dass Sie beim Lesen des Magazins richtig kämpfen mussten, erspare ich mir jetzt irgendwelche Racheversuche :-)

  3. @Jens: Haben Sie den Text gelesen? Also so komplett? Ist Ihnen die textnahe Heftkritik nicht aufgefallen? Davon abgesehen: „Bahnhofskiosk“ ist Magazinkritik – da erwarte ich durchaus auch Kritik an der Form, nicht nur am Inhalt.

  4. ***Wieviele Stunden wöchentlich muss man in den entsprechenden Lokalitäten verbringen, um den Nobelpreis für Wirtschaft zu bekommen?

  5. @Jens, Aviess: Kritik an der Form gehört natürlich dazu, es wirkt nur tatsächlich etwas komisch, wenn dies auf einer Website geschieht, die selbst einige – nennen wir es interessante – Designentscheidungen getroffen (oder eher nicht getroffen) hat. Wir hatten das hier schonmal, als die kleinen Bilder einer Zeitschrift bemängelt wurden, zugleich die Bilder hier aber auch recht klein sind. Vielleicht kann Pantelouris zwischenzeitlich mal an den iKiosk wechseln und sich Übermedien vornehmen (spontane Ideen: Warum gibt es drei verschiedene Datumsformate? Warum wird im Kolumnenbereich auf der Startseite nicht mal der Name der Kolumne angezeigt? Warum wird der alle 1-2 Monate reanimierten, meist aber völlig verwaisten Rubrik Gutes Live so viel Platz auf der Startseite eingeräumt?)

  6. @Julian: Völlig richtig, auf der Website hier liegt einiges im Argen. Mich nervt zum Beispiel, dass Pocket immer wieder an der Bezahlschranke scheitert. Die Layoutprobleme, die Sie nennen, sehe ich auch. Aber: Das hat nichts mit dem Text von Pantelouris zu tun, der hier nun mal als Kolumnist schreibt. Man wirft Dietmar Dath ja auch nicht vor, dass der Wirtschaftsteil der FAZ so ätzend neoliberal ist. Darüber hinaus ist dieses fingerzeigende „Jahaha, aber ihr macht auch Fehler.“ als Argumentationsform immer so ein bißchen kindergarten, finde ich.

  7. Ich war und bin seltener Leser der WiWo. Was mir schon als Jugendlicher immer gefallen hat war, dass dort nicht im Experten-Sprech geschrieben wird, sondern auch der Normalo versteht, worum es geht.

  8. @ Bahnhofskiosk:

    Waren das noch Zeiten, als ich verschämt eben dort nach den „Sankt Pauli Nachrichten“
    nachgefragt habe. Redakteur war damals, mit anderen, ein Herr Broder.
    Tja, die Zeiten ändern sich…

  9. Ich finde es merkwürdig, ausgerechnet einer Fachzeitschrift für Wirtschaft (mit Extrateil „der Volkswirt“) vorzuwerfen, dass es nicht genug Geschichten im Blatt gibt, welche die Emotionen des Lesers ansprechen. Das ist für mich gerade ein Qualitätsmerkmal; wir sind hier schließlich nicht bei der „Freizeitwoche“.

  10. Finde den Kompetenznachweis von Frau Blessing jetzt nicht so arg schlimm. Ich habe das eher so verstanden das gewisse Leute beim Lesen des Namens sich bestimmt denken: „Blessing, ist das etwa die Frau vom….?“ und -tada- schon wird die Frage beantwortet.
    Wenn der Ehehinweis *vor* der aktuellen Jobbezeichnung geschrieben wäre, könnt ich die Aufregung verstehen.
    Aber was weiß ich schon, bin ja nur ein Mann…..

  11. Ich lese die Wiwo seit Jahren regelmäßig; sie ist unter Meckel m. E. deutlich besser geworden. Nicht mehr so kennzahlen-fixiert und name-droppend, sondern mehr auf Zusammenhänge und Analyse, auf Story abstellend.

    Grundsätzlich ist es natürlich schwierig einen Wirtschaftstitel zu beurteilen, wenn man sich „für deutsche Unternehmensberichterstattung wirklich nicht besonders doll“ interessiert. Da müsste man dann schon sehr über seinen Schatten springen und deutlich objektiver sein, als das hier gelingt. Statt dessen ausgiebigst Typographie-Kritik.

    Was soll denn in Artikeln über Manager (die zumeist in Anzügen auftreten) auch sonst bebildert sein? Der Economist, der inhaltlich fraglos eine Liga drüber spielt (aber auch eher ein News-Blatt ist), bringt genau solche Fotos, konterkariert die Ödnis aber durch völlig unpassende, oft sinnfreie Bildunterschriften. Wer aber ausdrücklich „Businessweek“ für ein Ruhmesblatt des Wirtschaftsjournalismus hält … je nun.

    Vollends decouvriert sich der Kritiker, wenn er moniert, daß ihn – der doch „der größte Süchtige nach Donald-Trump-Geschichten“ ist – die Geschichte über den amerikanischen Wahlkampf so gar nicht berührt. Ja eben!, möchte man ausrufen und ihm das Brett vom Kopf reißen. Weil die Wiwo ernstzunehmende Inhalte bietet und nicht Skandal-News-Junkies füttern will. Dafür gibt es doch Twitter, FB, YT, Spon, etcetera, etcetera, etcetera.

  12. Ich oute mich mal: Ich war Redakteur der WiWo. Vor verdammt langer Zeit (unter CR Baron). Damals war Martin Blessing eine noch eher kleinere Nummer bei der DreBa (bzw. Advance Bank) und seine Frau schon in einer Topposition. Und schon damals wurde auf die familiäre Verbindung hingewiesen. Unter eher umgekehrten Vorzeichen. Insofern muss ich die WiWo-Kollegen an dieser Stelle in Schutz nehmen. Leider aber nur an dieser Stelle.

  13. Normalerweise würde ich ja zustimmen, dass es bei der Berichterstattung unerheblich ist, mit wem eine handelnde Person verheiratet sind. Wenn wir über das deutsche Bankwesen und die Familie Blessing/Wieandt reden, sehe ich das aber anders. Kennen Sie die ganzen familiären Zusammenhänge? Vermutlich noch nicht.

    Aus dem Wikipedia-Artikel zu Martin Blessing, leicht gekürzt:

    Blessing stammt aus einer Bankiersfamilie. Sein Großvater Karl Blessing war zwischen 1958 und 1969 Präsident der Bundesbank, sein 1987 verstorbener Vater Werner Blessing war ab 1984 ordentliches Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bank. (…) Seit dem 1. November 2001 war er Mitglied des Vorstands der Commerzbank AG. Im Jahr 2004 wurde ein Großteil der SchmidtBank, die durch den Sanierer Paul Wieandt, den Schwiegervater Blessings geleitet wurde, von der Commerzbank übernommen. (…) Ein Schwager Blessings, Axel Wieandt war von 2008 bis 2010 Vorstandsvorsitzender der Hypo Real Estate. (…) Am 11. Mai 2016 wurde bekannt, dass Blessing in den Vorstand der UBS [eine Großbank in der Schweiz] einziehen wird.

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