ARD-Doku-Soap

Raus aufs Kalauerland

In der sechsten Staffel der erfolgreichen ARD-Doku-Soap „Raus aufs Land“ ist plötzlich etwas anders. Da ist jemand, der immer reinquatscht und witzig sein will. Die Folge: Die öffentlich-rechtliche Serie klingt nun so seifig, dass sich Zuschauer vereinzelt an RTL erinnert fühlen. Was ist passiert?
Titelgrafik der ARD-Doku-Soap „Raus aufs Land“: Titel-Schriftzug vor einer Blumenwiese.
Screenshot: ARD

Seit Ende Januar läuft in der ARD-Mediathek die sechste Staffel von „Raus aufs Land“. Das ist diese Doku-Soap über Menschen, die vom Stadtleben so gestresst waren, dass sie ins Grüne geflüchtet sind, um nun marode 300 Jahre alte Anwesen zu sanieren – ganz entspannt. Viele andere Menschen schauen ihnen seit 2022 dabei zu. Das Format ist eines der erfolgreichsten in der ARD-Mediathek. Laut rbb, der die Reihe erfunden hat, wurden alle Staffeln zusammen rund neun Millionen Mal gestreamt.

Offensichtlich gefällt diese Doku-Soap dem breiten Publikum also genauso, wie sie ist. Oder besser gesagt: war. Denn in dieser Staffel ist etwas anders.

Bisher war „Raus aufs Land“ ein O-Ton-Format: Es erzählten also in erster Linie die Neulandbewohner selbst, daneben das Dorfpersonal, Freunde, Verwandte – aber jetzt ist da plötzlich noch jemand anderes. Jemand, der aus dem Off immer reinquatscht, fragt und kommentiert. Und gerne … Pausen macht. Viele … Pausen. Pausen, in denen sich oft winkend eine Pointe ankündigt, die dann als müder Scherz verendet.

Kleine Kostprobe? Bitte:

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Der Sprecher versammelt so viele wilde Wortspiele, dass die Ohren schmerzen. Einzelne Zuschauer monieren das in den Youtube-Kommentaren zur ersten Folge. Einer kritisiert die „gekünstelt dramatisierende Aussprache“. Einer erkundigt sich, „aus welcher Etage der Wortspielhölle“ der Sprecher komme. Ein weiterer findet es „absolut furchtbar“. Und es gibt Menschen, die sich erinnert fühlen – an RTL. Was kein Kompliment ist, aber nah dran an der Antwort, wieso „Raus aufs Land“ neuerdings so klingt.

Föderaler ARD-Bauernhof

Hergestellt wird die aktuelle Staffel erstmals von ITV, einer britischen Produktionsfirma, deren Kölner Ableger neben öffentlich-rechtlichen Formaten vor allem viel Privatfernsehen im Portfolio hat: das „Dschungelcamp“ bei RTL zum Beispiel, „Love Island“ bei RTL2 oder „Das perfekte Dinner“ auf Vox, das ja seit jeher dafür bekannt ist, zum Drei-Gänge-Menü süffisante Off-Kommentare zu servieren.

Und nun macht ITV auch „Raus aufs Land“. Projektleiter Helge Oelert vom rbb, der einst die Idee zu dem Format hatte, erklärt das mit den Umständen in der Vergangenheit. Erst produzierte der rbb die Serie allein, ab der zweiten Staffel war der hr mit an Bord. Und seit Staffel 3 sind auch BR, SWR und MDR dabei – und damit bis vor Kurzem auch einige externe Produktionsfirmen, die mit Protagonisten aus verschiedenen Regionen Deutschlands drehten. Es entstand also ein ganzer föderaler ARD-Bauernhof mit einer Herde von internen und externen Leuten, die alle irgendwie mitredeten und mitmachten.

Reibungsverluste

„Mit so vielen Beteiligten zusammenzuarbeiten und trotzdem ein Format ,aus einem Guss’ herzustellen, war sehr herausfordernd“, schreibt Oelert auf Anfrage von Übermedien. Voriges Jahr erzählte er bereits in einem Interview, dass er als Showrunner der Reihe, bei dem alles zusammenläuft, oft an Grenzen gekommen sei. Um „Reibungsverluste zu reduzieren und mit einem kleineren Team zu arbeiten“, setze man nun auf eine einzige Produktionsfirma. (Wo natürlich auch sehr viele Leute an der Serie mitwirken, aber eben gebündelt in einer Firma.)

In der ARD ist man anscheinend sehr zufrieden damit, wie ITV die Serie renoviert hat: Alle beteiligten ARD-Sender hätten sich nach einer Ausschreibung „für das beste redaktionelle Konzept entschieden“, schreibt Oelert. Mit dem Sprecher (übrigens eine oft gebuchte Stimme für Filme und Hörbücher) wolle man für „mehr Klarheit und eine verbesserte Informationsführung“ sorgen. Ein weiteres Ziel sei, „die Unterhaltsamkeit der Geschichten“ zu erhöhen.

Seifige Tonalität

Nun ja. So ein Off-Kommentar kann natürlich nützlich sein, wenn er einordnet und Zusatzinformationen liefert. Das kommt hier auch vor. Ab und an liefert der Sprecher Fakten: Wie groß ist das Dorf? Wie weit weg ist es vom Trubel der Stadt? Was für eine Historie hat ein Haus? Oder er nimmt Fäden wieder auf, weil die Geschichten und Protagonisten abwechselnd („verzopft“) gezeigt werden. Was vorher auch ohne Kommentar funktionierte. 

Aber alles ist durchsetzt von einer gnadenlosen Wortwitzischkeit, vorgetragen in einem seifigen Tonfall. Der rbb hält das für gesteigerte „Unterhaltsamkeit“, okay – es ist aber vor allem anstrengend und teilweise auch inhaltlich überflüssig. 

Manchmal baut der Sprecher redundante Rampen für Zitate der Protagonisten. Oder beschreibt, was man ohnehin sieht. („Neben ganz vielen Kindern sind auch Erwachsene zum Feiern eingeladen.“) Oder er stellt gefühlige Soap-Fragen. („Was in Pascal wohl grad vor sich geht?“) Und er kommt immer wieder mit einem spitzen oder dramatisierenden Kommentar um die Ecke, wirft ein knappes „Oh oh!“ ein, zimmert fix (oh oh!) einen mit Spannungsmusik unterlegten Cliffhanger – oder gibt krachende Kalauer zum Besten, die all die gewünschte Klarheit und Information verflachen.

Das Muster ist schnell erkannt: Stiefeln Schafe durchs Bild, hat irgendwer auf irgendwas „keinen Bock“; geht es um einen Ofen, naht schon dröhnend der Schuss in selbigen; und ist es matschig, wartet irgendwo, klar: das nächste „Schlamm-massel“.

Spaß, Spaß, Spaß

Der rbb betont, dass die aktuelle Staffel bereits über eine Million Abrufe verzeichne, wobei natürlich offen ist, wie viele von diesen Zuschauern genervt waren von der Machart – und wie viele annahmen, dass RTL die ARD-Mediathek gekapert hat. Zumal noch etwas neu ist: Dieses Mal ist auch ein Promi dabei, der raus aufs Land gezogen ist.

In den Achtzigern hatte Markus Mörl mit „Ich will Spaß“ einen Neue-Deutsche-Welle-Hit, jetzt betreibt er zusammen mit seiner Frau und seinem Sohn ein leicht angestaubtes Hotel im Rheingau. Sein Auftritt verleiht der Serie ein bisschen zusätzliche Reality-Soap-Haftigkeit, seine Prominenz soll aber keine Rolle gespielt haben bei der Entscheidung, ihn zu begleiten, schreibt Oelert vom rbb. Die ARD-Sender hätten Mörl „aufgrund seiner spannenden Geschichte“ ausgewählt. Er und seine Familie seien „offen dafür, ihre Emotionen authentisch und nahbar vor der Kamera zu teilen“. 

Und der Sprecher kann das dann natürlich auch ulkig kommentieren, ganz wichtig. Für ihn und den ITV-Autor, der schon so manche RTL-, RTL2- und Vox-Formate betextet hat, ist so ein Markus mit so einem Spaß-Hit nämlich, Sie ahnen es: ein großer Spaß!

Wenn das mal nicht die Unterhaltsamkeit erhöht:

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11 Kommentare

  1. @nömix
    Vielleicht weil ansonsten was bei rauskommen würde? Sieht für mich aber so aus, als ob draußen eine Feier am Rhein stattfinden sollte, die wetterbedingt nach drinnen verlegt wurde. Und irgendwie holt man sich da jetzt ein Stück Rhein-Gefühl in die Räumlichkeiten – wie auch immer das dann umgesetzt wurde.

  2. @#2 Ritter der Nacht
    Ah ja. Danke für die Erläuterung, habe das Wortspiel nicht durchschaut.
    (Wie schon Herr von Goethe feststellte: »Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.«)

  3. Unerträglich – selbst eure Beispiel-Schnipsel sind kaum zu ertragen. Und unverständlich ist mir, dass in den Sendern anscheinend Menschen sitzen, die die Erfolgsformate der ARD nicht kennen – Feuer und Flamme, Minentaucher, Polizeistreife Nord etc etc Die sind deshalb so gut, weil eben NICHT reingequatscht wird, um zu erklären, was man da sieht. Wer in aller Welt hat diesen Schwachsinn abgenickt, und warum? Meine Vermutung: Gelaber ist billiger.

  4. Sehr bemüht witzig und damit ungenießbar. Zum Abschalten.
    Erinnert mich an die Zusammenschnitte der „besten“ 25 Oldie-Hits, 20 Baggerseen in NRW etc., die von mehr oder minder amüsanten Kommentaren und Anekdoten mehr oder minder bekannter Moderatoren und Künstlern gegliedert werden.

  5. Verglichen mit den Staffeln davor werden die Geschichten auch maximal dramatisiert erzählt und fallen dann – weil sie gar nicht so dramatisch sind – wie eine Luftnummer in sich zusammen.

  6. Ich kannte die Dokuserie gar nicht und rege mich jetzt trotzdem drüber auf. Ich hasse es so sehr, wenn ich als Zuschauerin für so blöd gehalten werde, dass man mir alles, was ich eh gerade sehe, nochmal erklären muss. Der Zusammenschnitt ist wirklich schwer zu ertragen.

  7. Das ist vergleichbar mit Netflix-Trend, wo zunehmend – auch in Spielfilmen – das Geschehen parallel erzählt wird. Grund ist wohl, dass immer mehr Zuschauer parallel andere Tätigkeiten verrichten wie Hausarbeit oder den Inhalt nur als Second Screen neben Handy-Scrollen laufen lassen.

  8. Der süffisante Kommentar der in Deutschland viele kaputt macht. Nur weil einige Zuschauer das brauchen um sich besser zu fühlen. Schade.

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