Hasswort (66)

Trenddiagnose

29 Jahre ihres Lebens fand sie sich zu faul und undiszipliniert. Erst durch ihre ADHS-Diagnose hat Teresa Reichl verstanden, wie ihr Gehirn wirklich funktioniert. Umso mehr ärgert sie sich, wenn ADHS als „Trend“ abgetan wird.

Gerade in Bezug auf ADHS fällt grade oft das Wort „Trenddiagnose“ und es macht mich schlichtweg rasend. Alle haben ja jetzt ADHS, haben wir nicht alle ein bisschen ADHS? Sind wir nicht auch alle ein bisschen autistisch?

Ausreden sollen diese Diagnosen angeblich sein, reine Faulheit. Wir wollen doch nur Medikamente, um uns aufzuputschen, wir wollen Mitleid, wir wollen einen unfairen Vorteil. Als würden Menschen mit ADHS sich nicht schon selbst genug einreden, dass sie einfach nur ein bisschen zu faul sind, einfach nur ein bisschen zu wenig Disziplin haben. Einfach mal was durchziehen und dann wird alles gut werden!

Eine zuverlässige Schülerin mit ADHS?

Ich möchte das hier einmal klarstellen: Wenn jemand, der das jahrelang studiert hat, 27 Tests mit dir macht, sogar deine Mama fragt, wie du als Kind so warst, deine Freundinnen befragt, alle deine Zeugnisse durchsieht und du danach offiziell eine Diagnose bekommst – dann ist das kein Trend, sondern einfach das, was du hast. Eine Diagnose kann kein Trend sein. Diagnosen folgen Regeln, setzen Tests voraus und werden nicht einfach ausgegeben wie Bonbons an Fasching.

Und der Weg zur ADHS-Diagnose ist lang. Ich war 29 bei meiner Diagnose letztes Jahr. 29 Jahre, die ich damit verbracht habe, mich zu faul und zu undiszipliniert zu finden. Die ich Hilfe hätte bekommen können, wenn nicht alle davon ausgegangen wären, dass ADHS nur ein Zappelphilipp haben kann, der sich ständig prügeln muss, und nicht auch eine zuverlässige, etwas überengagierte Schülerin, die niemanden stört, außer sich selbst.

Tiktok-Inhalte haben mir geholfen

Ohne Tiktok hätte ich wohl nie rausgefunden, dass es einen Namen dafür gibt, wie mein Gehirn funktioniert. Und selbst, als ich mir sicher war, schienen eine echte Diagnose und damit auch echte Hilfe außer Reichweite. Für eine Praxis in München musste man am dritten Sonntag im Monat exakt um 12 Uhr mittags ein Online-Formular ausfüllen, um einen Termin zu bekommen. Eine Frist, die ich jeden Monat wieder verpasst habe, weil ich – Überraschung – ADHS habe. Praxen sind überfüllt, nehmen keine neuen Patient*innen mehr auf oder keine mit ADHS oder nur aus einem bestimmten Landkreis oder erst wieder im nächsten Quartal und dann im nächsten und dann im nächsten. Und dann saß ich endlich bei einer Neurologin, die mir erklärt hat, ich könne gar kein ADHS haben, ich hätte schließlich ein Abitur und würde still vor ihr sitzen.

Ich hatte das Glück und das Privileg, eine Therapeutin selbst bezahlen zu können, die gerade einen Platz frei hatte und mich diagnostizieren konnte. Wenn ich jetzt noch irgendwo eine Psychiaterin finden würde, die mich aufnimmt, könnte ich vielleicht sogar Medikamente bekommen. Ich habe seit meiner Diagnose so viel über mein Gehirn gelernt, bin so viel sanfter zu mir geworden und habe sogar verstanden, dass der nächste neue Kalender mein Leben nicht in geregelte Bahnen bringen wird (vielleicht kaufe ich ihn aber trotzdem, weil er hübsch ist).

Immer noch viele Betroffene ohne Diagnose

Ja, ADHS – gerade bei erwachsenen Frauen – ist gerade viel Thema. Aber nicht, weil unsere Gehirne einem Trend folgen oder wir uns irgendetwas einbilden, sondern weil wir gnadenlos unterdiagnostiziert sind. Immer noch! Trotz Tiktok und ADHS-„Hype“.

Und wenn es dich wirklich sauer macht, dass Menschen Hilfe bekommen, die du gar nicht brauchst, bist du vielleicht einfach ein Arschloch.

10 Kommentare

  1. Ich habe meine Diagnose auch im letzten Jahr bekommen, allerdings mit 52. Ebenfalls nachdem ich jahrelang versucht habe, einen Diagnosetermin zu bekommen. Den Verdacht hab ich seit ich Mitte 20 bin, kam aber ganz okay zurecht, wenn man von den chronischen Depressionen mal absieht. Aber als dann die Menopause dazu kam, ging es nicht mehr, völliger Brainfog, Impulsivität nicht mehr kontrollierbar. Ich hab schließlich eine neurologische Privatpraxis gefunden, als Selbstzahlerin. Die Reaktion meiner Hausärztin (die ich informieren musste, um einen Termin beim Kardiologen zu bekommen, da die ADHS-Medikamente aufs Herz gehen können): „Ach ja, das hat ja jetzt jeder“.
    Oder anders ausgedrückt: Der Artikel bekommt von mir ein Ausrufezeichen hinter jeden einzelnen Satz!
    Hinzufügen möchte ich noch: Ich bin die Diskussionen um die Medis so leid. Ja, die haben Nebenwirkungen. Ja, Big Pharma ist böse. Gerne würde ich in einer Gesellschaft leben, die so inklusiv ist, dass ich keine benötigte. Oder in einer, in der man in absehbarer Zeit einen ADHS-Therapieplatz bekommt. So lange das aber nicht der Fall ist, sind die Medis einfach nur eine große Erleichterung im Alltag. Überlasst das doch einfach den Betroffenen, das mit ihren Ärzten zu entscheiden, ob sie welche nehmen wollen.

  2. Puh…ich kann den Frust von ihr als diagnostizierte Person nachvollziehen und werde dies auch nicht klein reden. Ebenso ist es gut und richtig so, dass Menschen mit undiagnostizierten Erkrankungen durch andere Quellen Hinweise erhalten, um ihren Ursachen näher zu kommen. Jedoch ist ebenso, nicht nur bei ADHS, ebenfalls ein gefährlicher Trent in der Richtung erkennbar, dass pauschalisierende Küchentischdiagnosen von Menschen ohne jegliche Ausbildung in dem Bereich bei TikTok stattfinden. Früher gab es mal bei Krankheiten den Begriff „Don’t Google it“, weil bei dem kleinsten Rückenschmerz schon das erste Suchergebnis „Krebs“ geläutet hat. Das ist hier ähnlich. und jetzt könntest du natürlich sagen „OK, aber um diesen Aspekt geht es mir gerade nicht“. Schön, aber warum beleuchtest du dann diesen Aspekt und die Hintergründe nicht mit in deinem Text? Ich will ja auch nicht sagen, dass wirklich alle Hintergründe ausgearbeitet werden müssen, aber für einen Text bei Übermedien bin ich ehrlicherweise eine andere Länge, Ausarbeitung und, nunja, Qualität gewohnt. Ich will auch wirklich keinen Rant damit lostreten und wie gesagt ich habe auch Verständnis, aber unter all den guten Ausarbeitungen, die ich hier sonst lese, überrascht mich das doch schon etwas.

  3. @2: Auch bei Übermedien gibt es unterschiedliche Textsorten. Die Kolumne „Hasswort“ ist von Anfang an subjektiv geprägt und deshalb darf man an sie nicht den Maßstab einer nach Neutralität strebenden Reportage anlegen. Man darf auch die Subjektivität der Hasswort-Kolumne nicht auf ganz Übermedien hochrechnen und befürchten, nun gehe hier alles den Bach hinunter.

  4. @3: die Befürchtung habe ich natürlich von Anfang an nicht und ja, selbstverständlich darf auch eine subjektive Meinung gezeigt werden. Vielleicht reagiere ich aber auch selbst bei dem Thema nur zu sensibel. ich bin halt nur von der Kürze der Ausarbeitung sehr überrascht gewesen.

  5. „Eine Diagnose kann kein Trend sein.“ Nein, natürlich nicht. Aber viele Diagnosen sehr wohl. Ich kann verstehen, dass einen das als Betroffenen ärgert. Aber es wäre unrealistisch anzunehmen, dass alle Diagnosen und alle Therapien zu jeder Zeit immer gleich häufig vorkommen. Natürlich gibt es wechselnde Schwerpunkte, neue Diagnose- und Therapiemethoden, oder auch sich ändernde Abrechnungsmöglichkeiten, die dazu führen, dass einzelne Diagnosen gehäuft auftreten.

  6. @Christoph Müller: Es bestreitet ja niemand ernsthaft, dass die Häufigkeit Diagnose ADHS zunimmt. Das ist ja ein Fakt, darüber ärgert sich auch in der Regel kein Betroffener. Vielmehr ist das einfach die logische Folge, wenn die Diagnose in der Vergangenheit zu selten gestellt wurde. Vielmehr impliziert das Wort „Trenddiagnose“, dass es eigentlich gar keine echte Diagnose sei, sondern nur eine Modeerscheinung, die auf eingebildeten Problemchen beruht und die verschwinden würde, wenn sich die Leute einfach mal ein bisschen zusammenreißen würden. Das wird dem Leidensdruck, dem viele Betroffene ausgesetzt sind, nicht gerecht.

  7. @2
    Ich mag die Kolumne »Hasswort« sehr, gerade wegen ihrer Kürze. Sie muss ein echter Rant sein. Authentische Wutanfälle sind nie lang und vermutlich auch eine eher ungeeignete Form, um »Aspekte und Hintergründe zu beleuchten«, scheiße nochmal. 😇

  8. Es gab und gibt aber tatsächlich auch „beliebte“ Diagnosen, die auch fatale Folgen für die Betroffenen haben können und eben nicht befreiend wirken. Eine Diagnose ist eben nicht einfach nur eine Diagnose, sondern auch Mittel zum Zweck, und das kann auch der Medikamentenverkauf oder die Erhaltung des Patriarchats sein. So war als eins der krasseren Beispiele die Diagnose Hysterie für unbequeme Frauen lange sehr beliebt und wurde nach Einweisung in die Psychiatrie sogar mit Elektroschocks und Schlimmerem „behandelt“. Auch und gerade als Betroffene*r sollte man daher jede Diagnose auch erstmal kritisch betrachten. Sie engen den Blick auch ein, so dass weitere Symptome später vorschnell auf die bereits diagnostizierte Krankheit geschoben werden.

  9. Je besser die Teleskope, desto mehr Sterne werden entdeckt.

    „Gnadenlos unterdiagnostiziert“ ist genau das. Weil nicht sein kann, was nicht im jahrzehntealten Lehrbuch steht („ADHS haben nur zappelige Jungs; keine Erwachsenen, und Frauen und Mädchen schon mal gar nicht“).

    In 20 Jahren werden sich die Menschen wundern, wie wir bisher mit einer so einseitigen, für so wenige Menschen funktionierenden Welt klargekommen sind. Nur weil massgebliche Menschen sehr willkürliche Annahmen getroffen haben, welchen Stress Menschen einfach so aushalten sollen. Ein Vergleich mit chemischen Schadstoffbelastungen wie Blei und Pestiziden drängt sich auf.

  10. Recht hat sie, die Autorin!
    Vom Journalismus kann man sprachliche Präzision erwarten.

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