Verführerische Wissenschafts-PR

Lassen Sensationsmeldungen aus der Neuroforschung die Gehirne von Journalisten schrumpfen?

Neuigkeiten rund ums Gehirn versprechen bahnbrechende Erkenntnisse über menschliches Verhalten. Kein Wunder, dass sie beliebte Schlagzeilenlieferanten für Medien sind. Viele Meldungen entpuppen sich allerdings als irreführend.
Foto: Canva

Es ist ein kleines Universum, das wir in unserem Schädelinneren spazieren tragen. Ein verzweigtes Netz aus rund 86 Milliarden Nervenzellen, auf dem all unser Denken, Fühlen und Handeln beruht: Kein Wunder, dass viele Menschen begeistert sind vom Gehirn – und neugierig auf alles, was die Forschung darüber zutage bringt.

Manchmal schlägt die Faszination aber in Leichtgläubigkeit um. Auch Journalistinnen und Journalisten lassen sich allzu gern von der Hirnforschung in den Bann ziehen. Sie verbreiten dann Nachrichten, die sie eigentlich stutzig machen sollten. So bahnen sich Mythen und Halbwahrheiten den Weg. Hätte das Gehirn seine eigene Pressestelle, müsste es wohl ständig Beschwerden und Gegendarstellungen verschicken.

Mehr Fragen als Antworten

Nehmen wir etwa diese drei Schlagzeilen:

Die drei Meldungen liefern beim genaueren Hinsehen mehr Fragen als Antworten. Im ersten Fall ging es um eine bildgebende Studie mit 44 Freiwilligen aus den USA, die sich selbst als extrem konservativ oder liberal einschätzten – dem dortigen Parteienspektrum folgend. Per Video sollten sie eine politische Debatte verfolgen. Je extremer ihre politische Haltung, desto stärker waren bei ihnen jene Hirnbereiche aktiv, die Emotionen verarbeiten.

Allein: Wie aussagekräftig ist eine Einzelstudie mit so wenigen Versuchspersonen? Steht eine Aktivität in ähnlichen Hirnarealen automatisch für ähnliche Gedanken oder Gefühle? Selbst wenn wir annehmen, dass Menschen mit bestimmten Ansichten besonders emotional auf bestimmte Nachrichten reagieren: Lässt sich daraus wirklich schließen, dass Links- und Rechtsextreme „ähnlich ticken“?

Nein, das steht nicht in der Studie!

Der zweite Artikel verweist auf die spanische Zeitung El País, die wiederum verschiedene Fachartikel zitiert. Diese erwähnen einige Besonderheiten im Gehirn bei extremer Internetnutzung, warnen aber zugleich: Es ist nicht erwiesen, ob das Dauersurfen diese Auffälligkeiten wirklich verursacht. Ein medizinischer Nachweis für „Brain-rot“ ist das nicht – und die Überschrift damit grob falsch.

Die dritte Schlagzeile stammt direkt aus einer Pressemitteilung der Universität Halle-Wittenberg. Doch die Überschrift passt nicht so recht zur Originalstudie. Diese untersuchte, was sich in den Gehirnen von Patienten änderte, die eine Psychotherapie durchliefen. Das Ergebnis: In zwei Regionen hatte die graue Substanz etwas zugenommen, in einer weiteren jedoch abgenommen. Von „mehr grauen Zellen“ kann keine Rede sein (zumal es lediglich um Volumenänderungen ging, nicht um die Menge an Nervenzellen). Auch sonst wirft die Studie einige Fragen auf, die in dem kurzen Bericht des Deutschlandfunks keinen Platz finden.

Bunte Bilder erwecken den Eindruck von Evidenz

Alle drei Meldungen haben eines gemeinsam: Sie gehen weit über das hinaus, was die Originalstudien an Aussagekraft hergeben. So entstehen Schlagzeilen, die irreführend, wenn nicht gar sachlich falsch sind. Auch vermitteln die Nachrichten den Eindruck, es handle sich um klare Belege, um unumstößliche Tatsachen.

Doch so funktioniert Wissenschaft nicht. Forschungsergebnisse sind stets nur eine Annäherung an die Realität. Jegliche Erkenntnis ist vorläufig und kann sich im Laufe der Zeit ändern.

Das gilt auch für die Neuroforschung. Insbesondere die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) ist berüchtigt für ihre methodischen Fallstricke. Die Technik soll es ermöglichen, Prozesse im Gehirn sichtbar zu machen. Und die Hirngrafiken, in denen die mutmaßlich aktiveren Bereiche in bunten Farben aufleuchten, sind verlockend. Sie erwecken leicht den Eindruck von fester Evidenz. Der Weg dahin ist jedoch etwas willkürlich. Die Forschenden haben viele Freiheiten, wie sie ihre Daten erheben, aufbereiten und interpretieren. Die Folge: Viele fMRT-Funde lassen sich in späteren Studien so nicht mehr bestätigen, sie stellen sich als Ente heraus.

„Zombie-Wissen“ lässt sich kaum einfangen

In erster Linie ist das ein Problem für die Wissenschaft selbst. Dass Psychologie, Hirnforschung und benachbarten Disziplinen so wenig verlässliche Ergebnisse liefern, führte in den 2010er Jahren zur sogenannten Replikationskrise. Seither haben sich vielversprechende Ansätze für eine bessere Forschungskultur herausgebildet, auch wenn die Missstände längst noch nicht behoben sind. Wissenschaft lebt von ständiger Selbstkorrektur. Lückenhafte Theorien lassen sich durch genauere Modelle ersetzen.

Außerhalb der Fachkreise funktioniert das leider weniger gut. Einmal in die Welt gesetzt, entwickeln wissenschaftliche Behauptungen schnell ein Eigenleben und sind dann nur schwer wieder einzufangen. Dann geistern längst überholte Annahmen als „Zombies“ weiter durch die Medienlandschaft – und damit durch die Öffentlichkeit.

Mit diesem untoten Scheinwissen hat sich der Neurobiologe François Gonon von der Universität Bordeaux 2012 befasst: Mit seinem Team analysierte er knapp 350 englischsprachige Zeitungsartikel zur ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung). Der Großteil dieser Berichte drehte sich um dieselben zehn Studien, während andere Arbeiten kaum eine Rolle spielten. Von diesen zehn vermeintlichen Durchbrüchen konnten allerdings sechs in späteren Arbeiten nicht mehr bestätigt werden. Ihre Aussagen sind inzwischen widerlegt oder zumindest relativiert.

ADHS: Veraltete Annahme hält sich hartnäckig

Das Problem: Während die ursprünglichen Erfolgsmeldungen viel Ruhm genossen, schafften es die späteren Korrekturen fast nie in die populären Medien. Die biomedizinischen Fortschritte zur ADHS wirkten somit in den Zeitungen größer als sie es tatsächlich waren.

Auch in der deutschen Medienwelt treiben derartige Zombiefakten ihr Unwesen: In Eckart von Hirschhausens 2023 veröffentlichter ADHS-Doku (ARD) heißt es, Botenstoffe im Gehirn stünden bei ADHSlern „oft nicht in ausreichender Menge zur Verfügung“. Dabei zeigen verschiedene Überblicksarbeiten, auch damals schon: Diese alte Annahme lässt sich so nicht bestätigen, die Wirklichkeit ist deutlich verworrener. Für Laien mag es so wirken, als ließe sich eine ADHS eindeutig im Gehirn nachweisen. Bislang brachte die Forschung hierzu jedoch eher mäßige und wenig robuste Ergebnisse zutage. Auch nach jahrzehntelanger Suche fand sich kein Biomarker für die ADHS.

Nachgewiesen, belegt, entdeckt: Viele Berichte zum Gehirn lesen sich so, als wäre der Wissenschaftsbetrieb eine objektiv arbeitende Faktenmühle. Woran liegt das? Vielleicht, weil „unklare Evidenz“ nicht so sexy klingt wie „Durchbruch“? Oder, weil es den Redaktionen an Zeit, Geld und Expertise für aufwändige Hintergrundrecherchen mangelt?

Die Hirnforschung braucht den kritischen Blick von außen

Dass man die Aussagen einer Politikerin oder eines Konzernchefs nicht einfach für bare Münze nehmen darf, ist bekannt. Doch ebenso brauchen Aussagen von Expertinnen eine kritische Einordnung und einen Faktencheck. Wenn etwa die studierte Neurowissenschaftlerin und Autorin Friederike Fabritius in der „Zeit“ behauptet, mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung könnten Mitarbeiter „fünfmal produktiver“ sein, müsste das prompt die Frage aufwerfen: Kann das überhaupt stimmen? Lässt sich eine derart gewagte Behauptung durch unabhängige Quellen stützen?

Die Hirnforschung braucht einen kritischen Blick von außen, das zeigen auch einzelne Verdachtsfälle von Manipulation, die jeweils von Investigativjournalisten aufgedeckt wurden. Doch solche krassen Vorkommnisse sind die Ausnahme – hinter den meisten irreführenden Schlagzeilen steht keine böse Absicht Einzelner.

Schnelle Meldungen erreichen mehr Menschen als Hintergründe

Wer also ist für die Misere verantwortlich? Die Forschenden selbst, welche bemüht sind, ihre eigene Arbeit als besonders relevant hinzustellen? Die Pressestellen der Universitäten, die für ihren Standort werben – und dabei auf allzu peppige PR setzen? Die Journalistinnen und Journalisten, welche diese Übertreibungen unkritisch übernehmen? Oder die sozialen Plattformen, auf denen angebliche Sensationen besser ziehen als sorgfältig recherchierte Hintergrundstücke? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus all diesen Faktoren.

Auch die Textform spielt eine Rolle: Besonders gravierend scheint das Problem in tagesaktuellen Meldungen zu sein. Sie reißen ein Forschungsergebnis nur knapp an und verzichten auf eine Einordnung – was in diesem kurzen Format ohnehin kaum möglich wäre. In längeren, ausführlich recherchierten Texten, die in spezialisierten Wissen-Ressorts seriöser Medien erscheinen, ist der Anteil an „Neuro-Trash“ hingegen geringer. Allerdings stehen diese meist hinter Bezahlschranken, lassen sich auch nicht einfach mal kurz überfliegen und erreichen so deutlich weniger Menschen.

Der Blick ins Gehirn kann unsere Probleme nicht lösen

Auch der Gegenstand selbst mag eine Rolle spielen: Die Neurowissenschaften haben eine verführerische Anziehungskraft. Was sich vermeintlich „im Gehirn“ zeigt, scheint gleich greifbarer, gar realer zu sein – und bietet vermeintlich unwiderstehliche Argumente für den nächsten Smalltalk („Linksextreme und Rechtsextreme sind doch alle gleich, das haben sie jetzt ja auch im Gehirn nachweisen können“).  

Diese Anziehungskraft hat viel mit einem bestimmten Blick auf Körper und Geist zu tun, genannt Biologismus. Gemeint ist die problematische Tendenz, komplexe Vorgänge auf körperliche Ursachen zu reduzieren – ganz so, als wäre der Mensch nichts weiter als eine Ansammlung von Zellen und Hormonen. Vielschichtige Phänomene wie ADHS, übermäßiger Social-Media-Konsum oder politischer Fanatismus wären laut dieser Denke am besten mit einem Blick ins Gehirn zu beantworten. Verknüpft damit ist die Hoffnung, die Daten aus dem Hirnscanner könnten drängende gesellschaftliche Fragen letztinstanzlich klären.

Halbgare Belege für angestaubte Geschlechterklischees

Doch auf der Suche nach handfesten Beweisen läuft man leicht in Gefahr, die eigenen Vorannahmen zu übersehen. Forschende sind nicht neutral darin, welchen Hypothesen sie nachgehen, wie sie ihre Versuche gestalten oder auswerten. Ähnliches gilt für Journalisten und deren Publikum: Sie verarbeiten neue Informationen im Licht ihrer persönlichen Überzeugungen. Der vermeintlich objektive Blick aufs menschliche Gehirn kann zum Vehikel für alte Vorurteile werden.

Das zeigt sich etwa im Umgang mit Geschlechterunterschieden. Die britische Neurowissenschaftliche Gina Rippon prangert seit Jahren an, dass halbgare Studien als Belege für angestaubte Geschlechterklischees herhalten müssen. Ein Beispiel: 2013 vermeldete ein Forschungsteam gewisse Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Art, wie Nervenfasern miteinander vernetzt sind. Die Schlagzeilen dazu waren jedoch bereits mehrere Schritte weiter: „Das Frauenhirn tickt wirklich anders“, titelte „Welt.de“ damals – und spekulierte, die Hirnforschung könnte erklären, warum Männer besser einparken können und Frauen einfühlsamer seien. Dabei gab die Originalstudie derart kühne Schlüsse überhaupt nicht her. Wer allerdings ohnehin denkt, Frauen kämen von der Venus und Männer vom Mars, dürfte für solche Nuancen eher schwer zu begeistern sein.

Wie es besser gehen könnte

Manchmal hilft ein kurzer Realitätscheck, um sich vom Spektakel rund ums Gehirn nicht aufs Glatteis führen zu lassen. Dafür genügt eine Frage: Bringt der Blick ins Hirn hier wirklich eine neue Erkenntnis ans Licht – oder besteht die Botschaft allein darin, dass sich dieses oder jenes nun auch im Gehirn zeigt?

Dieser Test ist auch für die eingangs genannten Beispiele aufschlussreich: Ob Linksextremismus und Rechtsextremismus sich wirklich ähneln (Hufeisentheorie), ist eher eine Frage für die Politik- als für die Neuroforschung. Dass Psychotherapie Spuren im Gehirn hinterlässt, dürfte kaum überraschen – alle menschlichen Erfahrungen tun das. Wie hilfreich eine Therapie ist, darüber verraten die Eindrücke der Betroffenen selbst aber mehr – so interessant die neuronalen Funde auch sein mögen. Auch um die Probleme von Social Media zu verstehen, ist das konkrete Verhalten von Nutzern interessanter als neuronale Messungen, deren genaue Bedeutung oft unklar bleibt.

Kurzum: Es braucht eine gesunde Skepsis im Umgang mit den Funden zum menschlichen Gehirn. Das soll nicht heißen, den Neurowissenschaften pauschal zu misstrauen. Vielmehr geht es für Medien darum, ihre Entwicklungen mit kritischem Auge zu begleiten – und Erfolge wie Fehlschläge gleichermaßen zu beachten. So wird man der Faszination fürs menschliche Gehirn viel eher gerecht.

12 Kommentare

  1. Auch von mir ein herzliches Dankeschön!
    Der Artikel ist sehr interessant und hilfreich für mich. Großer Fan von Neurowissenschaft und Menschen die es verständlich erklären können.
    Eins eurer Beispiele für Verdachtsfälle von Manipulation hat mich dann doch etwas erschüttert.
    Denn gerade Niels Birbaumer hat bei mir regelmäßig starken Eindruck hinterlassen und sein Buch „Dein Gehirn weiß mehr, als du denkst“ habe ich regelrecht verschlungen. Umso trauriger die Erkenntnisse rund um seine ALS Forschung, das Thema welches mir noch am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Und genau das ist dann gar nicht so eindeutig.
    Durch sowas bekommt das Vertrauen in die Wissenschaft schon leichte Risse.

    Und daher nochmals Danke für den Text und die Erinnerung daran, nicht alles blindlings zu glauben selbst wenn es von Koryphäen ihres Fachgebiets.

  2. Ich habe in der Schule gehört, dass Spinat gar nicht so viel Eisen enthält, wie man „früher“ dachte, sondern dass das ein Fehler war, und dachte: „Gut, dass jemand nochmal nachgemessen hat.“
    Später habe ich erfahren, dass der Fehler eigentlich DIREKT, nachdem er gemacht wurde, erkannt und korrigiert wurde, rund hundert Jahre, bevor ich in der Schule davon hörte.

  3. Das Thema ist echt ein Evergreen. Schon vor 20 Jahren fingen die Leute an, „Neuro-“ vor alles zu hängen und damit eine höhere Stufe der Erkenntnis zu beanspruchen: Auf irgendeinem Bildschirm hat bei irgendeinem Test irgendein Hirnareal aufgeleuchtet – und damit sollen dann Jahrzehnte, teils Jahrunderte dauernde anthropologische, philosophische oder soziologische Debatten unwiderlegbar entschieden sein. Ja, selbst den lieben Gott will man ja bereits zwischen den Synapsen entdeckt haben.

    Ist natürlich Humbug. Und Kritik daran ist auch nicht ganz neu. Das Buch „Neuromythologie“ von Felix Hasler, erschienen 2012, habe ich zum Beispiel in guter Erinnerung.

  4. Für mich ist der Artikel eher eine Kritik am Medienbetrieb als am Wissenschaftsbetrieb. Die wenigsten Wissenschaftler verkünden lauthals plakative Aussagen ohne Kontext. Und oft werden die Studienergebnisse verallgemeinert für eine griffige Headline.

    Die Gefahr an der formulierten Kritik ist aus meiner Sicht tatsächlich, dass man (Neuro-)Wissenschaften unterschätzt und als Pseudo-Wahrheitsfindung framt. Denn auch die Forschungsmethoden entwickeln sich weiter und es muss nicht zwangsweise so sein, dass man „im Gehirn“ auch weiterhin nichts findet.

    Beispiel ADHS: Nur, weil man Neurotransmitterspiegel bisher nicht direkt im Hirn messen kann, heißt es nicht, dass die Grundannahme der Dysbalance nicht korrekt ist.
    Die Auseinandersetzung mit den Symptomen von ADHS begann vor mehr als 200 Jahren, die Grundlagenforschung vor über 100 Jahren.
    Die Forschung hat seitdem eine beeindruckende Entwicklung hingelegt, von der Kinderkrankheit und „Zappelphilipp“ hinzu zum lebenslangen Phänomen mit starker genetischer Komponente und „Neurodivergenz“ als potenziell behandlungsfähige Störung.
    Die Grundannahme, dass eine über das gesamte Leben konstante Neurotransmitter-Unterversorgung (vor allem Dopamin und Noradrenalin) die Symptome verursacht, ist weiterhin wissenschaftlicher Konsens, weil es die Symptome aus den Bereichen Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität und Impulsivität am besten erklärt. Ich muss also nicht zwangsweise „direkt im Gehirn“ messen, um eine Ursache in bestimmten Hirnarealen zu belegen.
    Auch die Behandlung von ADHS mit Stimulanzien ist eine Erfolgsgeschichte: Das Standard-Präparat Methylphenidat wird seit 90 Jahren erforscht und zeigt in Meta-Untersuchungen eine Wirksamkeit (Reduzierung der Symptome) um ca. 60-70%, das ist einer der besten Werte von allen Medikamenten, und alle meint wirklich alle Medikamente, die es überhaupt gibt.

    Insofern beschreibt die Aussage in der Hirschhausen-Doku den aktuellen Stand der ADHS-Forschung – und zu insinuieren, dass der haltlos ist, kann relativistisch und eben selbst auch falsch sein.

    Auch bei bei den ADHS-Medikamenten ist der Wirkmechanismus übrigens nicht abschließend geklärt (steht sogar in der Packungsbeilage) und dennoch schlagen sie sehr gut an. Das ist sicher nicht alles Zufall oder Hokuspokus.

    Ich bin auch dafür, dass in journalistische Texte Hinweise zum „aktuellen Stand der Forschung“ oder dergleichen kommen, um zu betonen, dass sich die Forschung weiterentwickelt.
    Theo Parker hätte aber hier gleich mit gutem Beispiel vorangehen können und den Hinweis im Text platzieren sollen anstatt zu insinuieren, dass es bei ADHS keinen großflächig gesicherten Forschungsstand gibt, der nicht alleine auf vagen Annahmen besteht.

    Natürlich lassen sich wissenschaftliche Erkenntnisse jeder Art auch immer instrumentalisieren und ideologisieren. Da sollte man also vorsichtig sein. Auch die urmenschliche Hoffnung, alles endlich erklären zu können, ist sicher ein fehleranfälliges Bestreben.

    Und trotzdem sollte man vorsichtig sein, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse man wie als fragwürdig hinstellt. In den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen mag man es nicht so gerne, dass die Neurowissenschaften immer mehr eine Schlüsselrolle in der Deutung von menschlichem Verhalten spielen. Aber es ist nunmal so, dass das Gehirn bei allen menschlichen Aktivitäten eine wichtige Rolle spielt. Es verarbeitet rund um die Uhr Sinneseindrücke und steuert körperliche Vorgänge.

    Daher ergibt es nicht viel Sinn, Phänomene, egal ob körperlich, psychologisch oder soziologisch usw. zu deuten, ohne das Gehirn mit seinen Mechanismen und (immanenten) Verzerrungen in die Gleichung einzubeziehen.
    Das gilt natürlich auch für alle Untersuchungen und Schlüsse über das Gehirn selbst – den schließlich ist das Gehirn nie „aus“.

    Ich würde also sagen: Das Gehirn (und damit die Neurowissenschaften) als optional bei der Interpretation von menschlichen Aktivitäten zu sehen, ist definitiv ein Fehler.

  5. Zu #6 vom Diskursdruiden:
    Sie schreiben, es sei „wissenschaftlicher Konsens“, dass eine Neurotransmitter-Unterversorgung die ADHS-Symptome verursacht. Woher nehmen Sie das? Ich lese diese Behauptung eher in populären Medien als in aktuellen Fachartikeln.

    Im Text habe ich drei wissenschaftliche Reviews zu diesem Thema verlinkt. Der Tenor: Die Annahme eines bloßen Transmittermangels als Ursache für ADHS ist so nicht haltbar. Die Daten ergeben ein deutlich komplizierteres Bild, es gibt noch viele ungeklärte Fragen.

    Ich ziehe übrigens nicht die Wichtigkeit neurowissenschaftlicher Forschung in Zweifel, ganz im Gegenteil. Stattdessen kritisiere ich, wie einzelne Ergebnisse medial manchmal vorschnell zu einfachen Wahrheiten verkürzt werden – auch bei dieser Frage übrigens. Sprich: Ich wünsche mir mehr Zurückhaltung, weniger Bescheidwisserei.

  6. zu #7:
    Woher ich das habe? Aus so ziemlich jedem einzelnen Fachvortrag auf YouTube. Von ADHS Deutschland, von Astrid Neuy-Lobkowicz, von ADHS-Symposien. In Fachbüchern wie „ADHS bei Erwachsenen“, Kohlhammer Verlag, Stand 2025.

    Alle für ADHS zugelassenen Medikamente erhöhen den Dopamin- und Noradrenalinspiegel im Gehirn. Und schlagen gut an, kann ich aus eigener Erfahrung berichten.

    Wenn das angeblich nicht stimmt – wieso helfen die Medikamente dann, die Symptome zu reduzieren? Das wollen Sie doch nicht ernsthaft als Zufall bezeichnen…

    Man muss ADHS ja nicht unbedingt medikamentös behandeln. Dann ist die Ursache aber auch weniger wichtig, sondern man stellt sein Leben auf die Symptome ein und geht eher auf verhaltenstherapeutische Maßnahmen. Das ist auch ein Ansatz.

  7. Zu #8:
    Mir scheint, hier geraten zwei Sachen durcheinander.

    Dass viele Menschen von ADHS-Medikamenten durchaus profitieren, habe ich nicht bestritten. Daraus lässt sich aber nicht direkt ableiten, dass der ADHS zwingend ein Mangel an Dopamin oder Noradrenalin zugrunde liegt. Die zugrunde liegenden Mechanismen sind offenbar komplexer als früher angenommen.

    Auch bei Depressionen stand z.B. früher die Idee einer „neurochemischen Imbalance“ von Serotonin im Raum. Inzwischen gilt diese Annahme als verkürzt. Trotzdem machen manche Betroffene gute Erfahrungen mit Antidepressiva. Das muss kein Widerspruch sein.

  8. Zu #9:

    Anders als Depressionen geht man bei ADHS aber von einer Vererbung aus und damit einer angeborenen Prädisposition. Das ist eben auch was anderes.

    Ich finde weiterhin Sie relativieren zu sehr. Nur weil drei Publikationen Zweifel sähen, ist nicht gleich die ganze bisherige Forschung obsolet. Es dreht sich nach aktuellem Stand – vor allem im Hinblick auf die Medikation um eine Anhebung der Neurotransmitter und die mildern Symptome aus drei verschiedenen Bereichen (Aufmerksamkeitsdefizit, Hyperaktivität, Impulsivität).
    Und das erzählen einem alle Ärzte, die von mir genannten Fachleute im Internet und aktuelle Fachbücher.
    Diese weit verbreitete Sicht hätten Sie besser thematisieren können in ihrem Artikel, stattdessen stellen Sie mit einem kurzen Abschnitt alles in Frage. Das wird der Realität eben auch nicht gerecht.

  9. zu #10
    Letzte Anmerkung zu der Sache: Als Wissenschaftsjournalist orientiere ich mich in erster Linie an Papers aus Fachzeitschriften mit Peer-Review und an Stimmen direkt aus der Forschung.
    Speziell zum Thema ADHS ist mir aufgefallen, dass die wissenschaftlichen Publikationen teils in eine andere Richtung weisen als das, was z.B. in populären Magazinen, Praxisbüchern oder YouTube-Vorträgen erzählt wird. Vor allem übrigens, was den Grad an Gewissheit angeht. Genau das hat mich bewogen, diesen Artikel zu schreiben.

  10. Zu #11:
    Meine letzte Anmerkung zur Sache: Der Zwischentitel und die Aussage zu ADHS ist nicht haltbar („Veraltete Annahme hält sich hartnäckig“).
    Ob eine Aussage veraltet ist, kann ja nur der wissenschaftliche Konsens beurteilen und dazu muss es auch eine bessere Theorie geben. Drei Untersuchungen, die Zweifel wecken, reichen dazu nicht aus.

    Im besten Fall hätten Sie also schreiben sollen: „Neue Erkenntnisse stellen bisheriges Verständnis in Frage“ oder ähnliches. So implizieren Sie einen neuen Konsens, den es ja gar nicht gibt.

    Sie sollten also aufpassen, dass Sie nicht demselben Phänomen auf den Leim gehen, was Sie in der Artikel-Überschrift anprangern.

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