Trenntwende bei Angela Merkel?

In der Klatschpresse muss es knallen, vor allem auf dem Cover. An die 80 verschiedene Freizeit-Welt-Frau-Woche-mit-Herz-Blättchen konkurrieren am Kiosk um die Blicke der kaufwilligen Omis. Da ist Kreativität gefragt.

Wenn zum Beispiel, wie vor Kurzem, einer der Hunde der Queen gestorben ist – was titelt man? „Einer der Hunde der Queen gestorben“?

Aber nicht doch.

„Neue Post“

Dass man annehmen könnte, nicht ihr Hund, sondern ihr Mann sei gestorben, ist natürlich genauso kein Versehen wie das hier:

„Revue heute“

Im Artikel geht es darum, dass Merkel sich irgendwann ja mal von ihrem Amt trennen muss.

Oder nehmen wir diese Nachricht: Die Familie von Michael Schumacher hat angekündigt, im nächsten Jahr seine Privatsammlung auszustellen, zum Beispiel Formel-1-Wagen und Pokale.

Schlagzeile?

„Freizeit Revue“

Schließlich sieht das für die „Freizeit Revue“ ganz danach aus, „als bereite [Schumachers Familie] nach und nach seinen Abschied vor.“

Das muss man erst mal bringen.

Ob Sie das Zeug dazu hätten? Probieren Sie es aus! Wir nennen Ihnen den Kern einer Story, Sie denken sich eine angemessene Schlagzeile aus – und können sofort überprüfen, ob Sie so viel Fantasie und so wenig Skrupel haben wie die Profis.

Beginnen wir mit einer der Klatsch-Paradedisziplinen: Fotodeutung.

„Frau aktuell“

Dieses Foto entstand neulich, als Fürst Albert und Fürstin Charlène von Monaco die Grundsteinlegung für eine Schule besuchten.

Schlagzeile?

„Frau mit Herz“

Schließlich trug Charlène ein Kleid …

in kräftigem Königsblau. Ehemann Albert hatte sogar seine Krawatte farblich darauf abgestimmt. Ob womöglich eine süße Geheimbotschaft hinter der Garderobe der beiden steckt?

Oder doch etwa …

„Frau aktuell“

Schließlich gucken die beiden auf dem Foto eher so mittel-happy.


Gehen wir nach England. Dort feierte Prinz George, der Sohn von William und Kate, vor Kurzem seinen 3. Geburtstag. Das britische Königshaus veröffentlichte unter anderem dieses Foto:

Schlagzeile?

„Freizeit Express“

Denn wie die „Freizeit Express“ weiß:

Der Speichel eines Hundes enthält Keime und Bakterien, die bei einem Menschen – insbesondere bei kleinen Kindern – zu schweren Krankheiten führen können. (…) Lässt George den Hund an seinem Eis schlecken, kann das im schlimmsten Fall tödlich enden.

Spoiler: Der Prinz hat überlebt.


Die Kartbahn in Kerpen, auf der Michael Schumacher seine ersten Rennen fuhr, könnte bald geschlossen werden, weil der Stadtteil bis 2022 einem Braunkohle-Tagebau weichen soll.

Schlagzeile?

„Das neue Blatt“

Michael Kessler hat das hier auf Facebook gepostet:

Schlagzeile?

„Die neue Frau“

Prinzessin Amalia, die Tochter der niederländischen Königin Máxima, fährt morgens mit dem Fahrrad zur Schule.

Schlagzeile?

„Neue Freizeit“

„Die unbeschwerten Zeiten sind endgültig vorbei“, weiß die „Neue Freizeit“. Schließlich könnte irgendwo „ein Terrorist mit einem Präzisionsgewehr“ lauern!

Die Mädchen sind wandelnde Zielscheiben. Ein wahrer Albtraum! (…) Der Terror hat in Europas Königshäusern Einzug gehalten …


Prinz Harry will eine Diät machen.

Schlagzeile?

„Woche direkt“

Eine Diät machen nämlich, wie die „Woche direkt“ weiß, nur Menschen mit einer „weiblichen Seite“.


Ein Mann, der früher mal als Koch-Auszubildender in einem Hotel gearbeitet hat, das Andrea Berg gehört, soll eine Frau umgebracht haben.

Schlagzeile?

„Freizeit Monat“

Der Sohn von Boris und Lilly Becker geht jetzt zur Schule.

Schlagzeile?

„Neue Freizeit“

Denn Lilly erlebt nun das, „was alle Eltern irgendwann mit Wehmut feststellen: Die Kleinen werden viel zu schnell groß und selbstständig.“


Stefanie Hertel hat dabei geholfen, einen Stammzellenspender für einen fünf Monate alten Jungen zu finden, der an einer lebensbedrohlichen Autoimmunkrankheit leidet.

Schlagzeile?

„Freizeit Spass“

Der Mann von Steffi Graf hat Rückenschmerzen. Und Jörg Pilawa hat eine neue Moderations-Partnerin.

Schlagzeile?

„Schöne Woche“

Stefanie Hertel hat in einem Interview gesagt:

Gerade auch im Vogtland wird sehr wenig der Dialekt gepflegt. (…) Ich finde es wirklich gut, wenn der Dialekt gepflegt wird, denn das ist ein Teil von uns und deswegen ist es auch so wichtig, diesen vogtländischen Dialekt zu hegen.

Schlagzeile?

„Freizeit total“

Ein Taxifahrer hat erzählt, er habe mal Günther Jauch mitgenommen.

„Ich habe dann zu ihm gesagt: ‚Möchten Sie a) ins Büro, b) ins Hotel, c) zum Bahnhof?‘ Und er fand das gar nicht witzig an diesem Montagmorgen.“

Schlagzeile?

„Frau aktuell“

Steffi Graf hat das hier bei Facebook gepostet:

Schlagzeile?

„Die zwei“

Estelle, die Tochter von Victoria von Schweden, hat den Kindergarten gewechselt.

Schlagzeile?

„Woche heute“

Denn: Der neue Kindergarten ist ein Montessori-Kindergarten.

Hier lernen Kinder das Lesen und Schreiben langsamer und gezielter mit Pädagogen. Das erinnert an Victoria, ihren Vater Carl Gustaf (70) und ihren Bruder Carl Philip (37), die alle an Legasthenie, einer Lese- und Schreibschwäche, leiden. Daher der schlimme Verdacht: Leidet auch Estelle daran?

Eine schwedische Zeitschrift hatte zwar berichtet, dass der Wechsel des Kindergartens vermutlich einfach mit dem Fahrtweg zusammenhänge, doch das mag auch die „Freizeit Revue“ nicht glauben und titelt ihrerseits:

„Freizeit Revue“

Mit diesem Wechsel ist auch ein immenser Sicherheitsaufwand verbunden. Gibt es etwa einen viel ernsteren Hintergrund? Ist Estelle in Gefahr? FREIZEIT REVUE hakte erneut bei Hofe nach. „Wir bitten nach wie vor, Respekt für Prinzessin Estelle, das Kronprinzessinnenpaar und alle anderen Kinder in der Vorschule zu zeigen“, so die undurchsichtige Antwort von Ulrika Näsholm. Soll vielleicht heißen: Fragt lieber nicht nach.

Soll vielleicht aber auch heißen: Hört endlich mal auf mit diesem Quatsch, den Ihr Journalismus nennt.

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Medien besser kritisieren.

14 Kommentare

  1. „Trendwende“ oder „Trennt Wende“?

    Aber man kann sicher auch mit Rechtschreibschwäche ein glückliches Leben als schwedische Prinzessin führen, wenn es keine Regenbogenpresse gäbe.

  2. Ja, diese Schlagzeilen sind grob verzerrend. Aber es sind eben keine Lügen. Und da wir doch vom mündigen Konsumenten ausgehen können, ist das doch okay. Wem nicht gefällt, dass der Inhalt des Artikel sich aus der Überschrift nur schwer erahnen lässt, muss das Produkt doch nicht kaufen. Oder nicht?

  3. @Maike:

    Stellen Sie sich solche Schlagzeilen doch einfach mal in der FAZ, dem Spiegel oder der Süddeutschen vor. Oder sogar in der Bild. Ist das dann auch noch OK?

  4. Zumindest müssen diese Blätter die Konsumenten und Leser für komplette Idioten halten, was ich viel ärgerlicher finde als den Inhalt. Allerdings tun das die „seriösen“ Blätter auch in unschöner Regelmäßigkeit. Stichwort: Nanny-Journalismus!

    Nehmen wir nur das erste Beispiel: Wenn, wie suggeriert, Prinz Philip wirklich gestorben wäre, hätten die Medien doch schon tagelang über nichts anderes rauf und runter berichtet. Die längst fertig in der Schublade liegenden und auf den Computern gespeicherten Nachrufe hätte man dutzendweise lesen und hören können.
    Rolf Seelmann-Eggebert wäre überhaupt nicht mehr zum schlafen gekommen vor lauter Fernsehpräsenz! Also was sollen diese kruden Andeutungen? Im Internetzeitalter völliger Schwachsinn und eine Veralberung des Lesers!

  5. Thomas K.: Wenn die Süddeutsche so anfinge zu arbeiten, dann würde sie ziemlich sofort ihre angestammte LeserInnenschaft verlieren. Ich weiß nicht welchen Erkenntnisgewinn ich daraus ziehen soll, mir so ein unrealistisches Szenario vorzustellen.

    Anstatt sich über die, nennen wir es mal unseriösen Praktiken von Freizeitrevue und Co zu echauffieren, finde ich die Frage viel interessanter, warum solche Produkte nachgefragt werden. Warum halten die BlattmacherInnen, so wie Frank Reichelt es sagt, die Lesenden für komplette Idioten? (Weil die sich gewissermaßen so verhalten?)

  6. Genau. Und weil der Boulevard diese magische Anziehungskraft hat, und selbst hochintellektuelle Geister erstaunlich viel über die Royals und Stars wissen, woher wollen wir höflich übergehen, wäre es angebracht, sich einiges anzueignen. Das Raten der Headlines hat mir gut gefallen.
    Kronprinzessin Viktoria von Schweden sagte mal in einem frühen INterview, dass die Regenbogenpresse in Deutschland ganz besonders weit weg von der Wahrheit fabuliere, stärker als andere Länder.

    Deshalb Phantasie voran.

    Bernd Höcke: Seine Mutter hält weiter zu ihm und sagt: Schon früh hat mein Sohn die deutsche Fahne ehrenvoll in seinem Zimmer aufgehängt. Jetzt will er sich einen Schäferhund kaufen und ich spende ihm das Geld.

    Hat der Sohn von Gauland Aids? Er wurde beim Gynäkologen gesehen.

    Frauke Petrys Kinder beim Psychiater: „Meine Mutti hat keine Zeit mehr für mich. “ Kehrt sie zurück zum Ehemann?

    Wäscht sich Petra Roth regelmäßig?
    Der Generalsekretär der sächsischen AfD, Uwe Wurlitzer, hat am Freitag eine Mitteilung veröffentlicht, in der er den Kleidungsstil und die Umgangsformen im Bundestag in Berlin anprangert. Quelle: rbb|24 – http://www.rbb-online.de/panorama/beitrag/2016/10/afd-sachsen-fraktion-bundestag-kleiderordnung.html © 2016

    Tiefe Trauer in den Augen: Prinzessin Charlotte bekam kein Eis.

    Diät von Prinz Harry: Besteht Gefahr von Magersucht des Prinzen?

    Ich plädiere für eine Spalte „Gerüchteküche“ in meiner Wunschzeitung.

  7. @Maike:

    Das ist kein unrealistisches Szenario. Der Focus beispielsweise arbeitet in abgeschwächter Version schon so. War auch mal seriös. Ich bin deshalb etwas verwundert, dass man solche Schlagzeilen OK findet, solange es sich um solche Kategorie Blätter handelt. Der Übergang ist aber fließend.

  8. @Thomas
    Ich würde Ihnen da durchaus zustimmen. (Im Grundsatz. Der Focus: jemals seriös? :-) Die Übergänge (zur Lüge ja übrigens auch) sind fließend, und wer sich beunruhigt, dass es in die falsche Richtung fließt, den kann ich verstehen.
    Mich stören an der hier betriebenen Auseinandersetzung mit dem Thema vielleicht nur zwei Aspekte: Ich finde auf eine gewisse Weise die beschriebenen Praktiken „nicht so schlimm“, da es ja wenigstens keine „heimlichen“/verdeckten Verzerrungen sind. Dass die Überschrift nicht mit dem Inhalt übereinstimmt, tritt sofort offen zutage. Das finde ich weit weniger gruselig, als wenn unüberprüft falsche Meldungen über die Ticker laufen (so wie es jetzt vielleicht gerade bei dem Fall des 17jährigen Somaliers war). Außerdem finde ich es halt immer noch schlimmer, dass es überhaupt Leute gibt, die sich für Freizeit Revue begeistern, selbst wenn alles stimmte, was drin steht.

  9. Eigentlich könnten die Leser sich doch darüber freuen, schließlich bekommen sie doch einen Mehrwert. Ein Heft mit »Nach«-richten – also nachgerichtete (geänderte) Informationen und zusätzlich noch mit Comedy-Faktor. Auch ja, eine Rätsel-Zeitschrift ist es auch noch. Also eine Rätselspaß für die ganze Familie. Wer kommt dem Geheimnis, das auf dem Cover angekündigt ist, am nächsten…

    Aber mal ernsthaft, Eigentlich ist das doch heutzutage üblich, das Nachrichten und Informationen über Vergangenheit und Gegenwart ge- und verfälscht werden. Machen doch die staatlichen Medien, wie ARD & Co. und die Privaten so ähnlich. Bombenabwürfe in Syrien schlecht, da es die Russen waren. Diese treffen natürlich nur Zivilisten. Verschwörungstheorien werden mitgeteilt und selbst in Kinderprogrammen wird so etwas mitgeteilt. Bombenangriffe in Irak oder Jemen gut, da es Amerikaner und Verbündete sind. Es sind westliche und intelligente Waffen, die nur Terroristen treffen können. Also Informationen werden in allen Medien verfälscht. Im Gegensatz zu den politischen Meldungen ist das bei den Prominenten ja noch eingermaßen harmlos – auch wenn das für die Subjekte lästig sein mag.

    Abgesehen davon braucht man sich doch darüber nicht zu wundern, denn das ist doch nur eine Folge der in der BRD so hochgerühmten Pressefreiheit. Eine (fast) grenzenlose Freiheit ist auch die »Freiheit« fast unbegrenzt Lügen und Verfälschungen der Wahrheit mitzuteilen. Verboten werden in der Regel nur Wahrheiten. Selbst wenn man theoretisch das Recht hat, gegen solche modernen Märchen oder Sagen vorzugehen, kann man das nur wenn auch reichlich finanzielle Mittel dafür vorhanden sind.

    Also wenn man das kritisiert, sollte man diese Kritik auch auf die Politik erweitern, die so etwas möglich macht.

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