Der Schulz-Effekt-Defekt

Martin Schulz ist schuld. Nachdem die SPD vergangenes Wochenende die dritte Landtagswahl in Folge verloren hat, arbeiten sich Journalisten am SPD-Kanzlerkandidaten ab – mit teilweise eigenartigen Vorwürfen. Sie höhnen über den Schulz-Effekt und über die mediale Abwesenheit des Kandidaten. Manche wissen auch schon, wer Kanzler wird. Aber welche Rolle spielen dabei eigentlich die Journalisten selbst? Drei Fragen, drei mögliche Antworten.

Was ist mit dem „Schulz-Effekt“?

Als die SPD Martin Schulz als Kanzlerkandidaten präsentierte, stiegen die Umfragewerte der Partei sprunghaft an, außerdem traten seither nach Angaben der Partei gut 17.000 Menschen in die SPD ein. Das ist als Schulz-Effekt bekannt – und viele Journalisten fragen nun, nicht ohne Spott, wo er denn hin sei. Drei Landtagswahlen „krachend“ verloren: Damit sei ja klar, dass Schulz doch kein „Gottkanzler“ sei, kein „Messias“, keiner, der übers Wasser geht.

Die Metaphern stammen ursprünglich aus einem Reddit-Forum. Dort hatten anonyme Nutzer eine Kampagne adaptiert, die es schon für Donald Trump gegeben hatte. Alte Mems wurden einfach umgemünzt. So wurde beispielsweise aus dem „Trump Train“, der ins Weiße Haus rattert, der „Schulz-Zug“ auf dem Weg ins Kanzleramt. Diese Mems waren, wie so vieles im Internet, überspitzt und zutiefst ironisch. Sie wirkten aber trotzdem, auch deshalb, weil sie von vielen Medien weiterverbreitet wurden. Journalisten waren es, die Bilder und Begriffe aus einem Internet-Forum in die Welt trugen, sie nutzten und sich auch die Überhöhung zu eigen machten, etwa mit Titelbildern wie diesen:

Zwei Cover. Der "Spiegel" titelt "Sankt Martin" auf einen Foto von Martin Schulz mit Strahlen um den Kopf. Auf dem titel des 2Stern" schwenkt Schulz eine rote Fahne vor einer schwarz-weißen Angela Merkel, Schlagzeile: "Der Eroberer".

„Spiegel“-Chefredakteur Klaus Brinkbäumer hat in einem Interview dementiert, dass die Medien Martin Schulz damals „hochgejubelt“ hätten. Der „Spiegel“ habe eine „freundlich-neugierige, kritische Berichterstattung gemacht“, wie andere Blätter auch. Und das „Sankt Martin“-Titelbild sei ironisch gewesen, man habe es „nun gewiss nicht zu 100 Prozent ernst nehmen“ können.

Die Frage ist, ob das so gut funktioniert hat, die Internet-Ironie abzukupfern, nicht nur beim „Spiegel“. Irgendwo ist die Ironie offenbar auf der Strecke geblieben. In Kommentaren zu Schulz jedenfalls nehmen einige Journalisten die eigentlich ironischen Bilder sehr ernst. Im „Tagesspiegel“, zum Beispiel, doziert Anna Sauerbrey, „warum das Prinzip Messias an der Realität scheitert“:

Martin Schulz und die SPD haben versucht, den Kandidaten nach dem Vorbild des politischen Erlösertypus zu modellieren. Als Gottkanzler sollte der Messias, ein einfacher Mann aus Würselen […] eine Aura der Entrücktheit erhalten.

Klingt, als wären es Schulz und die SPD gewesen, die mit der Überhöhung begonnen hätten. Sie haben sie zugelassen, das bestimmt. Vielleicht haben sie den Hype auch befeuert. Wieso auch nicht? Hätte sich Schulz oben auf die Begeisterungswelle stellen und allen erklären sollen, er sei gar nicht Gott? Und dass das doch alles lustig ist? Es lief ja alles nach Plan für ihn und die SPD. Die Aufmerksamkeit hat der Partei immerhin viele neue Mitglieder beschert.

Aber Sauerbrey meint nun, dass eine solche „religiöse Überhöhung“ immer etwas „Antidemokratisches“ habe: „Die Begeisterung, die diesem Politikertypus von Anhängern ihrer jeweiligen ‚Bewegung‘ im eher linksliberalen Spektrum entgegengebracht wird, entspricht der Hoffnung nach einem guten Autokraten unter Rechtskonservativen.“ Ironie ist einfach kein guter Führer.

Dass sich die SPD in den Umfragen schlagartig verbesserte, nachdem Schulz nominiert wurde, lag auch an der großen medialen Öffentlichkeit. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie in Allensbach nannte es damals die „Martin-Schulz-Jubelfestspiele in vielen führenden Massenmedien“, die sich natürlich auf Umfragen auswirkten. In Allensbach sage man dazu „Medienecho-Demoskopie“, schrieb Petersen. Anders gesagt: Solche Umfragen sind mit großer Vorsicht zu genießen, weil sie ein medial verzerrtes Bild vermitteln und neue Umfragen wiederum beeinflussen. Wie in einer Spirale.

Im Umkehrschluss ist es dann auch normal, dass die Umfragewerte mit abnehmender Jubelhaftigkeit der Medien wieder gesunken sind. Was aber nicht gleich bedeutet, dass der viel beschworene Schulz-Effekt nun gänzlich eingeschmolzen wäre. Als Schulz Kandidat wurde, lag die SPD so bei um die 20 Prozent. Dann schoss sie kurzzeitig auf mehr als 30 Prozent. Und nun liegt sie zwischen 26 und 29 Prozent, also immer noch über der Kellermarke von damals. Schulz weist darauf auch gerne hin in Interviews. Aber die Geschichte vom „Messias“, der beim Wasserlaufen ersoff, erzählt sich eben flüssiger.

Schulz hat in einem Interview nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen gesagt, er habe eine Zeitlang den Eindruck gehabt, dass seine „Überpräsenz“ in den Medien „ein bisschen zu stark“ gewesen sei. Seit ein paar Wochen ist es nun medial ruhiger um ihn. Aber das finden manche offenbar auch nicht so gut.

Wo ist Martin Schulz?

Martin Schulz bekleidet derzeit kein politisches Amt. Er ist nicht Minister, nicht Kanzler. Deshalb tritt er medial auch nicht so häufig in Erscheinung wie zum Beispiel Angela Merkel. Journalisten machen das Schulz seit einiger Zeit zum Vorwurf. Er sei nicht präsent, heißt es. Er spiele keine Rolle. Angela Merkel hingegen spiele „Champions League“, so bewunderte es etwa Tina Hassel im „Tagesthemen“-Kommentar. Merkel empfange Emmanuel Macron und ringe mit Wladimir Putin, während, Achtung: „Schulz über die Dörfer tingelt“.

Hassel ist nicht die einzige, die sich so abschätzig dazu äußert. Dabei ist es schon eine Kunst, einem Politiker vorzuwerfen, dass er raus zu den Menschen geht, aufs Land, die Ochsentour macht. Nachdem Donald Trump gewählt wurde, sorgten sich Journalisten und Politiker darum, wie man die kleinen Leute wieder gewinnen könne, die so genannten Abgehängten. Und nur wenige Monate später grinsen Journalisten über Martin Schulz, weil der läppische Dorf-Termine wahrnimmt, statt in Berlin für Promi-Fotos zu posieren.

Martin Schulz mit Schutzhaube in einer Fischfabrik. "Bild" titelt: "War es das mit dem Schulz-Effekt?"
Unglücklich? Bild.de über Martin Schulz Screenshot: „Bild“ 30.4.2017

Ironischerweise sind es gerade Journalisten, die Schulz mediale Präsenz verleihen könnten, wie sie es anfangs immens getan haben. Zu so einem Termin in der Provinz kommt aber nur noch die Lokalpresse, wenn überhaupt. Oder eine Zeitung wie „Bild“ sucht ein Foto heraus von einem Lokaltermin in einer Kieler Fischfabrik, auf dem Schulz ernst aussieht. Der Zeitung gilt das als Beleg, dass Schulz doch eher unglücklich sei. Dabei gibt es etliche Fotos aus der Fabrik, auf denen Schulz lacht, schaut, zuhört. Sie passten leider nicht zu dem Zerrbild, das „Bild“ hier unbedingt zeichnen wollte.

Das Interesse, die Bewunderung für Schulz ist längst abgeebbt – umgeschlagen in hochnäsige Missachtung: Schulz werde sich „einiges einfallen lassen müssen, um Merkels Auftritten mit den Mächtigen der Welt etwas entgegenzusetzen“, schreibt das „Handelsblatt“. Denn wer mit Mächtigen verkehrt, der ist anscheinend was. Zumindest liefert er Journalisten coole Fotos.

Dabei könnte man es, andersrum, auch als Vorteil sehen, dass Schulz an der Basis unterwegs ist – und kein Amt hat. Sonst säße er morgens artig regierend neben der Kanzlerin und würde nachmittags in einer Wahlkampfrede sagen, dass da gerade alles falsch läuft. Was ihm dann garantiert als Unglaubwürdigkeit ausgelegt würde.

Der Bundestagswahlkampf hat gerade erst begonnen. Aber es ist dieselbe Eile wie voriges Jahr, als viele Journalisten immer wieder – und zunehmend ungehaltener – nachfragten, wer denn bitteschön SPD-Kanzlerkandidat werde. Die SPD ließ sich Zeit, es war ja auch erst Herbst 2016, noch viele Monate bis zur Wahl. Dann meldete „Bild“ exklusiv, Sigmar Gabriel werde es, aber der präsentierte dann einfach Schulz, ohne die Journalisten vorher zu informieren. Die haben sich seither mit unzähligen Schulz-Zug-Wortspielen dafür gerächt.

Wird Martin Schulz Kanzler?

Vor einigen Wochen sah es angeblich nicht gut aus für Angela Merkel: „Merkeldämmerung“ druckte der „Spiegel“ auf ein weiteres Cover mit Martin Schulz. Chefredakteur Brinkbäumer hat nun eingeräumt, dass es falsch war, dass so zu schreiben, ohne zumindest ein Fragezeichen. Aber das Narrativ war da, auch in anderen Medien: Merkel habe kaum eine Chance, noch einmal Kanzlerin zu werden. Eben auch wegen Martin Schulz, der ja alle so mitriss.

Nun ist es umgekehrt. Nach drei Landtagswahlen sind die ersten bereits sicher: Merkel wird’s! Die Wahrsager unter den Journalisten haben, vier Monate vor der Wahl, wieder Hochkonjunktur. Der „Stern“ titelt online schon mal: Die „Bundestagswahl ist bereits entschieden“. Autor Axel Vornbäumen schreibt: „Ich lege mich fest: Da brennt für die Kanzlerin in diesem Jahr nichts mehr an. Die Bundestagswahl ist gelaufen.“ Der „Schulz-Hype“ sei verflogen.

„Gewiss, Stimmungen können sich drehen“, beschwichtigt Vornbäumen noch kurz. „Aber dafür braucht es einen Impuls. Wie soll der aussehen?“ Vornbäumen kann es sich offenbar nicht vorstellen. Aber was kann nicht alles noch passieren und die politische Stimmung unter Umständen beeinflussen: Kommen wieder mehr Flüchtlinge? Gibt es einen Terroranschlag? Oder vielleicht, wie einst, eine Oder-Flut? Man weiß es nicht, aber einige Journalisten wissen bereits, wie Ende September die Bundestagswahl ausgeht.

Die Übertreibungen, das Hoch- und wieder Runterschreiben, das orakelnde Festlegen, wie etwas ausgehen wird – auch so kann man das Vertrauen der Menschen in die mediale Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Vielleicht könnte deshalb kurz jemand bei „Bild“ anrufen und auf diese Frage mit einem beherzten „Nein!“ antworten. Sie ist am 24. September 2017, bis 18 Uhr.

Schlagzeile bei "Bild.de" neben einem Foto von Martin Schulz: "Ist die Bundestagswahl schon gelaufen?"

Medien besser kritisieren. Mit Ihrer Unterstützung.

 
Medien besser kritisieren.

30 Kommentare

  1. Das Interview mit Herrn Brinkbäumer mit dem DLF wurde ja auch auf Meedia veröffentlicht. Ich wollte dort schon einen Kommentar hinterlassen, der ähnliche Fragen stellt wie Boris Rosenkranz.
    Aber erstens interessiert sich auf Meedia niemand für die Kommentare und man begibt sich dort in recht seltsame Gesellschaft!
    Zweitens wollte ich auf einen Beitrag von Übermedien warten.
    Und schon habt Ihr geliefert, Danke. Für solche Analysen liebe und brauche ich Übermedien, besonders wenn der Befund eins zu eins mein eigener ist.

  2. „Wieso auch nicht? Hätte sich Schulz oben auf die Begeisterungswelle stellen und allen erklären sollen, er sei gar nicht Gott? “

    Ja, was für ein abwegiger Gedanke, dass ein Politiker die Endlichkeit seiner Möglichkeiten eingestehen würde…

    Die SPD hat Schulz inszeniert. Ich erinnere nur an die Fotoserie mit den Mädels im Arm beim Parteitag und so. Das kann man alles so machen, aber dann darf man sich weder wundern noch bei anderen die Schuld suchen, wenn man tief fällt.

  3. Was mir zudem auffällt: Jetzt fragen alle Journalisten nach den konkreten Vorschlägen der SPD für Rente, Gesundheit, Sicherheit etc. – natürlich zurecht, auch wenn die Antwort gerade immer dieselbe ist: Das Wahlprogramm wird zurzeit noch verhandelt.

    Aber wie ist es denn bei der Union? Warum fragt niemand, welche konkreten Vorschläge und Ideen Angela Merkel zu bieten hat?

    Es ist seltsam: Als ob nur eine Partei der Regierungskoalition begründen müßte, warum man sie wiederwählen soll.

    Ich kann mir dieses Mißverhältnis nicht erklären.

  4. Bisschen wie die Wellen der Schumi-Berichterstattung:

    „Er kann wieder gehen!“ – „Ne, doch nicht.“ – „Ach, doch!“ – „Kein Weihnachtswunder.“ – „Neues Glück!“ etc.

    Mit Schulz-Hype, Schulz-Untergang und Schulz-doch-noch-da kann man natürlich mehr Umsatz machen als mit Schulz-in-einer-Fischfabrik.

    Dass die SPD Schulz inszeniert, gehört dazu.
    Dass unabhängige Medien Schulz inszenieren, wäre nicht nötig gewesen. Jetzt sind Medien keine einheitliche Masse; wenn Medium A sehr euphorisch über Schulz berichtet hätte, könnte Medium B dagegenhalten und sagen, warum Schulz doch nicht besser als Merkel ist. Oder einfach neutral bleiben Aber stattdessen schwimmen die meisten Medien mit den „Wellen“ mit.
    Ungeachtet dessen, was man wirklich von Schulz hält, das ist keine vielseitige Berichterstattung.

    afk, neue Räucherstäbchen für meinen Schulz-Schrein kaufen.

  5. @DENNIS DOT COM
    Sie haben völlig recht, Schulz hätte den Mädels beim Fototermin lieber ein paar kräftige Tritte in den Hintern und saftige Ohrfeigen verpassen sollen. So hätte er sich als Law-and-Order-Sheriff profiliert und die SPD hätte bei allen drei Landtagswahlen die absolute Mehrheit geholt.
    Na ja, Hindsight is always 20/20!

  6. #5@Reichelt – Was für ein dümmlicher Kommentar und das von jemand, der sich in #1 dafür bedankt, das Übermedien das liefert was er sowieso denkt. Oh Mann. Dies ist einer der Gründe warum ich mir die Kommentare hier solangsam mit einigermaßen Abscheu anschaue.

  7. @6 Joachim

    „dümmlicher Kommentar“ – Wenn hier so aggressiv kommentiert wird, bin ich ganz schnell wieder weg.

    Seien Sie doch mal freundlich zu Ihren Mitmenschen!

  8. Mir kommt es genau so vor, wie #3.

    Die SPD wird für konkrete Vorschläge kritisiert, die CDU wird nicht mal danach gefragt.
    So nach dem Motto „Soz. Gerechtigkeit ist ein Thema der SPD, also brauchen wir den Standpunkt der CDU gar nicht erst beleuchten“.

    Bei der inneren Sicherheit braucht Peter Tauber nur 10 Mal zu wiederholen „Herr Stegner will alle Soldaten in sippenhaft nehmen! Wir müssen auch alle unsere Soldaten noch einmal explizit dafür loben, dass sie ihren selbst gewählten Beruf ausüben.“ und die Talkshow-Moderatoren sind happy.

    Merkel empfängt als Kanzlerin offiziell den neuen fr. Präsidenten und Martin Schulz muss sich in der Wahlarena fragen lassen, warum denn ausgerechnet Merkel und nicht er selbst den Präsidenten empfängt.
    Was soll das?

  9. Alles Zirkus. Das ist mein Teil am Medienverdruss. Sehr viele Medien interessieren sich doch vor allem für Koalitionsoptionen und Personalentscheidungen (Schattenkabinette), Inhalte sind immer sehr nachrangig. Und wenn dann mal was zum Thema Steuern und Rente kommt, dann hat man das Gefühl, es wird nach Vorgabe des Chefredakteurs eingeordnet. Und um die Frage des Mitkommentators aufzugreifen: Na klar habe ich eine Theorie, warum bei Merkel nicht nach Inhalten nachgefragt wird. Weil die Chefredakteure (und deren Aufseher) die ganz gut so finden und Merkels letzte inhaltliche Entscheidung ja fast das Land ruiniert hätte (bis dann rauskam, dass die Aufnahme der Flüchtlinge keine inhaltliche Entscheidung war, sondern eine „wer kriegt den Arsch an die Wand“-Entscheidung). Also da bloß keine Inhalte abfrage, ist nur riskant.

    Inhalte produzieren weniger Quote oder Klicks als personenbezogene Stories. Wer will denn auch eine vergleichende volkswirtschaftliche Betrachtung von Umlage und Kapitaldeckung im Rentensystem. Ist doch viel spannender, wenn ein Präsidentschaftskandidat eine deutlich ältere Frau hat.

  10. Der Sachverhalt ist doch ganz einfach: Schulz hatte Erfolg. Das kann die deutsche Presse halt unbedingt nicht leiden. Steinbrück, von Guttenberg, es ist eine ewig fortzuführende Liste, kaum hat ein Politiker Erfolg oder kommt gar beim Volk an, beginnt die deutsche Presse zu Hetzen, zu Schimpfen, Vorgänge von vor 25 Jahren rauszukramen. Recht primitiv, aber so ist sie halt, die deutsche Presse.

  11. @ Florian #3
    „Ich kann mir dieses Mißverhältnis nicht erklären.“
    Das Mißverhältnis bzw. die „doppelten Standards“ sind der Schlüssel zum Verständnis. Bereits vor der Saarland-Wahl gab es im Cicero eine wunderbare Karikatur mit zwei Heißluftballon am Himmel, der niedrigere hatte das Gesicht von Merkel und der höhere und größere das von Schulz. Am Boden stand die CDU-Führung inklusive Merkel und empörte sich: „Alles nur heiße Luft!“
    Nächste Baustelle: die CDU-Plakate in NRW. Selbst die genutzten hätten auch von der AfD stammen können, haben aber nicht zu einem Sturm der Entrüstung geführt. Unter den Entwürfen gab es auch noch wesentlich härteres Material. Warum kommt die CDU mit Plakaten bequem durch, die bei anderen Parteien „Nazi!“ wären? Warum ist Bosbach, vor wenigen Monaten noch ein „Ewiggestriger“ und „Steigbügelhalter der AfD“, von heute auf morgen wieder OK? Warum ignorieren auch SPD, Grüne und Linke den „Rechtspopulismus“, wenn er von der CDU kommt?
    Man darf gespannt sein auf die nächste Runde im Medienspiel. Roland Nelles vom Spiegel läuft sich gerade gegen die FDP warm. Tenor: Lindner ist der nächste Schulz; alles nur heiße Luft. Anscheinend sind die Wahlerfolge der FDP unerwartet hoch ausgefallen.
    Derweil jammert Tilman Steffen in der ZEIT über das unverdiente Unglück der Linken, einer Partei, die vor einigen Jahren noch vom VS „beobachtet“ wurde und weiterhin kein legitimer Koalitionspartner für die SPD sein darf. Schuld am Unglück der Linken soll sein: Wagenknecht.
    Es gibt einfach keine Maßstäbe, die der Sache nach und unabhängig von einem Zweck gelten würden. Und als Zweck kann man relativ sicher vermuten: keine Mehrheit gegen Merkel.

  12. Was war denn die Grundlage für die Meme-Häme?
    Erinnerung. Es war alles wie 4 Jahre vorher. Zunächst wird -in allen relevanten „Qualitätsmedien“ von FAZ über SZ bis Springerpresse- unisono (mal wieder) ein Kandidat entdeckt, vor dem Merkel zittert, endlich mal ein mehrheitstauglicher Sozi (nach Gusto jenes Qualitätsschwarmes). Der ist neu, erfolgreich, kompetent und das Volk entbrennt in Liebe zu ihm.

    Dann nominiert ihn die SPD und nicht lang drauf zeigt sich: Mit altem Wein in alten Newlabour-Schläuchen bleibt die Partei im aussterbend-schrumpfenden Traditions-Stammwählerghetto (Besenstielkammer) gefangen. Von SPD-Seite aus hat das was von Stockholmsyndrom. Inzwischen vergeht einem da ja schon der Spott, zugunsten von Mitleid für die Sozen.

    Nur: Als jetzt der Schulzeffekt das große Ding wurde, entstand der Meme-Spott weil viele Medienkonsumenten offenbar mehr Gebrauch von ihrem Gedächtnis machten, als jene Deutungshoheiten, die das selbe Spiel wie dement wieder aufgeführt haben.

    Der Gähneffekt war bei vielen ähnlich stark wie z.B. bei neuesten Enthüllungen zu Russlands Cyberwarverbrechen. Ich habe mich nur zweierlei gefragt:
    – Wie sich diese Wahnsinnsumfrageergebnisse erklären, für die es keine Grundlage geben konnte? Und das frage ich mich immer noch. Die kamen doch nicht nur von einem Institut?
    – Wieso diese procedure as every time allen auffällt, nur den führenden Qualitätsjournalisten nicht, die diesen Hype als real bejubelt haben? Vielleicht hat denen der jeweilige Kandidat politisch jeweils am besten gefallen?

    Steinmeier, Steinbrück, Schulz. Who’s next?

  13. #7@Florian – Wie bitte? Was soll ich sein „mal freundlich“? Wann war ich den unfreundlich? Wenn Sie „dümmlicher Kommentar“ als unfreundlich betrachten, beteiligen Sie sich wirklich lieber nicht mehr an Kommentaren. Sie können sich Ihren erhobenen Zeigefinger …… War das freundlich genug?

  14. Sry, aber Schulz hat sich auch nicht gegen den Hype gewehrt. Ganz im Gegenteil, er ist richtiggehend vor Glück aufgegangen. Nun muß er eben auch damit leben, dass die Leute darüber lästern, das es nur eine Seifenblase war.

  15. @3: ist mir auch aufgefallen. ich weiß bis heute nicht was für programmpunkte nun eigentlich die cdu/csu für eine neue kanzlerkandidatur bietet. sie ruht sich wie bei all den vergangenen wahlkämpfen auf einen programmpunkt aus: merkel. dummerweise fällt die spd auf das journalisten-geraune um die angeblich fehlenden inhalten herein und bemüht sich um antworten.

  16. @Florian, #3 & @Anderer Max , #8

    Naja, wenn die SPD unter Herrn Schulz als Herausforderer antritt, muss sie natürlich deutlicher und klarer herausstellen, in welcher Art und Weise und mit welchen Inhalten Herr Schulz als Kanzler Politik machen will. Frau Merkel ist ja jetzt nicht erst seit gestern Bundeskanzlerin. Ihre Politik ist, denke ich, soweit bekannt und erwartbar. Warum ich jetzt hingegen Herrn Schulz als Alternative wählen sollte, ist mir noch nicht so sehr klar. Aber es ist ja noch etwas Zeit bis zur Wahl. Die Landtagswahlen sind bis dahin auch vergessen.

  17. Zwei Sachen:
    Erstens fand ich eine ähnliche artikulierte Meinung am letzten Sonntag bei Anne Will. Hier äußerte sich Giovanni di Lorenzo zu Beginn der Sendung sinngemäß mit der Frage, ob „wir“ nach monatelangem Schreiben des Schulz-Hypes jetzt den monatelangen Abgesang auf Schulz schreiben sollen, ihm graue es davor, er wünsche sich mehr „Deutungsdemut“.
    Zweitens finde ich einen Teil des Artikels beeindruckend, in dem der Autor das Paradoxon aufzeigt, dass einerseits medial gefordert wird zurück und direkt zum einfachen Bürger zu gehen , um dessen Probleme zu verstehen, andererseits Schulz dafür im Vergleich zur staatsmännischen Präsenz der Kanzlerin herabgesetzt wird.
    Das sind Sachen, die sehr offensichtlich sind, trotzdem aber manchmal erst auffallen, wenn sie jemand anspricht. Ging mir in diesem Fall so. Danke dafür, Herr Rosenkranz.

  18. @16: naja, das ist etwas kurz gesprungen. merkel ist kanzlerin ja, aber regieren tun die spd und cdu/csu nahezu zu gleichen teilen, man kann also ihre argumentation auch auf die spd anlegen.

  19. @16: D’accord, dass die SPD noch mehr tun muss.
    Aber wie STE schon sagt, wir haben eine GroKo. Nur weil Merkel der Vorstand der Regierung ist, muss sich die CDU inhaltlich nicht positionieren? Oder wird verschont, weil „is‘ ja nicht Kernthema“?

  20. Die Kanzlerin ist eben gleicher als der Schulze: „Sie kennen mich!“ muss einfach reichen. Wie schrieb Gertrud Höhler doch so treffend:
    „Das Schweigen der Kanzlerin als autoritäre Geste wird in Deutschland erstaunlich duldsam aufgenommen. Nahe am Schweigen lagern solche Formeln wie ‚alternativlos‘, weil sie ja ebenfalls eine Auskunftsverweigerung darstellen….
    Oft, wenn sie ans Rednerpult tritt, fühlen wir: Sie würde am liebsten gar nichts sagen. Vor allem: nichts Klares.“
    Diese Sätze sind von Jahr zu Jahr richtiger geworden, und die mediale Deckung für dieses durch und durch autoritäre Politikverständnis immer unverhohlener.

  21. @20
    Immerhin ist heute Kernenergie alternativlos bäh, während das vor 10 Jahren ganz anders war. Und ihre Entscheidung im Herbst 2015 hatte etwas Ernsthaftes, sie hat dann nachgegeben.
    Sie hat also lebendige Züge.
    Die meisten Bürger/inn/en, ich auch, fühlen sich nicht von ihr bedroht. Immerhin hat die Phase Ende Januar bis Ende Februar gezeigt, dass Schulz überhaupt eine Chance besitzt. Offenbar hat er auch Leute anziehen können, die vielleicht kaum noch etwas erwarteten. So ein Medienhype mag viele anziehen. Ob das nicht ab Juli reaktivierbar ist, ist offen.

  22. @ 21
    „Immerhin ist heute Kernenergie alternativlos bäh“
    Sie sind mit wenig zufrieden.
    „während das vor 10 Jahren ganz anders war“
    Damals galt der lange debattierte und in einem einwandfreien demokratischen Verfahren beschlossene rot-grüne Ausstiegsbeschluss, der die naturgemäß sehr widersprüchlichen Interessen sehr viel besser unter einen Hut gebracht hatte.
    Dieser wurde ohne Debatte zunächst ebenfalls von Merkel und ihrer Regierung gekippt. Das Endergebnis sind explodierende Stromkosten, steigende CO2-Emissionen, stark-schwankende Netzlasten, enorme Verluste für die Eigentümer der Stromversorger, Schadenersatzansprüche und -klagen der Stromversorger gegen die öffentliche Hand.
    Ein objektiv verheerende Bilanz, die aber von einem unerträglichen Konsens der Wohlmeinenden unter den Teppich gekehrt wird. Es ist kein Zufall, dass Rot und Grün, die das klaglos mitgemacht haben, bei den Wahlen in NRW unter die Räder gekommen sind. Die Kommunen (als Eigentümer von RWE) und Mieter in NRW bluten besonders stark für diese Politik.
    Man kann deshalb nur den Kopf schütteln über die strategische Idiotie der SPD, die von echten Wählerinteressen entkoppelt im Reich der wohlfeilen Gerechtigkeitsphrasen angekommen ist. Dazu passen dann Schulz und der Schulz-Hype wirklich hervorragend: Die SPD in ihrem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.

  23. @22 Andreas Müller
    Ich bin wg. der Ökologieferne der SPD zu Beginn der 1980er Jahre aus ihr ausgetreten. Entscheidend für mein Statement ist, dass Merkel die Realitätsferne der Union dramatisch geändert hat, ich bin in NRW geboren und lebe heute in BaWü.
    Ob die Stromkosten heute günstiger wären, wenn alles so geblieben wäre, wie unter Rotgrün beschlossen, ist müßig. Die Geschichte ist anders verlaufen. Da spielen u. a. Wahlen eine gewisse Rolle. Und wer auf Kernenergie gesetzt hatte, das haben nicht nur die Stromversorger, sondern auch Kommunen, Gewerkschaften usf., muss heute die Folgen einer ökologischen Fehlentscheidung tragen.
    Dass das sozial und ökonomisch besser abgefedert hätte werden müssen, ist an Ihrem Beitrag zutreffend.
    Aber er erinnert mich ein wenig an die Polemik von W. Clement, der heute Morgen im DLF z. T. nachvollziehbare Bildungsreformen einfordert, die er selbst nicht zustande gebracht, m. W. niemals zuvor nicht einmal gefordert hat.

  24. @ Martin Pöttner
    Ich war immer Kernenergieskeptiker und habe das rot-grüne Ausstiegsgesetz für einen guten Kompromiss gehalten und unterstützt.
    Dass aber eine Kanzlerin Merkel damit durchkommt, zunächst den maßvollen Ausstieg zu kippen, um den kurzsichtigen Interessen der Energieversorger zu dienen, und dann den maßlosen Ausstieg mit zahlreichen Rechtsbeugungen zu wählen, um ihre bedrohte Macht zu sichern, hat dem Fass den Boden ausgeschlagen.
    „Die Geschichte ist anders verlaufen.“
    Wat kütt, dat kütt, wa? Die Geschichte ist ein wildes Pferd und schlägt manchmal wüste Kapriolen. Dass die oberste Reiterin dabei aber im Sattel bleibt, während ringsherum alles eingerissen wird, gibt es nur in Deutschland, genauer gesagt: in Preußen. Kein englischer Premier, kein französischer oder amerikanischer Präsident kann es sich erlauben, solche Volten hinzulegen ohne ein explizites Mandat vom Wähler. In einem Duodez-Fürstentum geht das natürlich.

  25. Das Auf und Nieder sowohl des Kandidaten als auch der Massenmedien macht auch mir ein bisschen Sorge.
    Frage an den Autor: Woher kommt die Information, die Reddit-Postings seien „ironisch“? In meiner Twitterblasen wurden sie zuerst von Leuten aus dem Willy-Brandt-Haus getwittert. Daher war ich besonders irritiert, dass Journalisten das nicht als Werbung klassifiziert haben. Weiss man als Journalist nicht, dass Parteiwerbung auch Werbung ist? Das ist kein Witz und keine Boshaftigkeit, das ist mein Ernst. Wie kann man wissentlich Wahlwerbung verstärken, während man andere Werbung bestmöglich um das befreit, was sie als Werbung sein muss: Übertreibung, Lüge, zweite Realität, Fiktion, Utopie.

  26. PS: Man kann eigentlich Parteien nur raten, ihre Wahlwerbung nicht von halbironischen Hipstern aus Berlin-Mitte machen zu lassen, die technokratisch Wahlmethoden adaptieren, ohne die Zielgruppe im Auge zu behalten.

  27. Kommt sehr spät, ich weiß, aber war die Fischfabrik nicht in Eckernförde? Da werden die Kieler Sprotten gemacht, nicht, wie der Name vermuten lässt, in Kiel. Auf den Bildern sind auch Eckernförder Politiker (u.a. Sönke Rix) zu erkennen. Bei einem Kieler Termin wäre wohl eher der SPD-Kandidat Mathias Stein mitgekommen.

    Ansonsten: super Artikel, danke für die Einordnung.

  28. @27 Christoph Kappes: Naja, der „Gottkanzler“ Schulz, der Retter, mal in Förster-Uniform, mal im Szenario eines Computerspiels, übermächtig, energetisch, all das ist doch ironisch überhöht. Mag sein, dass die Bilder von Sozialdemokraten (weiter)verbreitet wurden – ironisch bleiben sie.

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