Podcast-Kritik

Oliver Polaks Geschichten vom Schlagerfeuer

Schlagerstars wie Helene Fischer stehen regelmäßig an der Spitze der Charts, in deutschen Feuilletons finden sich die Protagonisten des Genres aber nur selten wieder. Warum ist das so, fragte Anfang Januar der Deutschlandfunk in einem Beitrag, in dem etwa „taz“-Autor Jan Feddersen und Gregor Nebel, Macher des großen Portals „Schlager.de“, zu Wort kamen. Es ging in der Analyse um Überheblichkeit gegenüber Massenkultur, fehlende Sachkenntnis – aber auch um den Unwillen der Stars, sich ernsthaften journalistischen Fragen zu stellen.

Bemerkenswert ist daher, was man im Dlf-Kosmos selbst für Lehren aus dem Beitrag zog: Während andere Medien gerne mit großer Geste die Frage stellen, warum die Medien eigentlich nicht über dieses oder jenes Thema berichteten, und dabei übersehen, dass sie ja selbst Teil dieser Medien sind, liefert der Schwestersender „Dlf Kultur“ keine drei Monate später einfach ein großes Paket an intensiver und ernsthafter Schlager-Berichterstattung.

Mehr als viereinhalb Stunden Laufzeit haben die sechs Folgen von „Polaks Schlagertalk“, einem neuen Podcast von Deutschlandfunk Kultur, dessen ersten zwei Episoden seit dem 19. März abrufbar sind. Comedian und Autor Oliver Polak unterhält sich in jeder Folge mit einer Vertreterin oder einem Vertreter der deutschen Schlagerbranche – und es besteht ab der ersten Sekunde kein Zweifel, dass ihm das ein ernsthaftes persönliches Anliegen ist: Polak ist in der niedersächsischen Provinz, in Papenburg aufgewachsen und beschreibt die ZDF-„Hitparade“ mehrfach als sein „Tor zur Welt“ — und diese Welt will er jetzt, ein paar Jahrzehnte später, für sich und sein Publikum erkunden.

Roberto Blanco, Kerstin Ott, Roland Kaiser, Beatrice Egli, Nino de Angelo und Marianne Rosenberg sind seine Gäste, und das sind natürlich schon mal ein paar der ganz großen Namen, vor allem aber auch unterschiedliche Generationen und Hintergründe. Polaks erste Frage lautet immer „Was ist Schlager?“, die zweite „Wo bist Du geboren, wer sind Deine Eltern?“ – und dann ist man auch schon mittendrin.

Aufstiegsgeschichten und Schicksalsschläge

Roland Kaiser beantwortet die erste Frage mit der „Brockhaus“-Definition zu „Schlager“ und die zweite mit „Das kann ich Dir schlecht sagen“. Denn Kaiser wurde als Neugeborener von seiner leiblichen Mutter vor einem Waisenhaus abgelegt, und fast scheint es in diesem Podcast, als seien bedrückende Ereignisse in der Kindheit Voraussetzung für eine Schlagerkarriere: Roberto Blancos Mutter starb, als er zwei Jahre alt war, und er verbrachte seine Kindheit im Wesentlichen bei Nonnen und im Internat; Kerstin Ott wuchs bei einer Pflegefamilie fern der Heimat auf; Nino de Angelos Vater verließ die Familie, bevor er in die Schule kam. Nur Beatrice Egli berichtet von einer schönen und harmonischen Kindheit.

Polak möchte verstehen, wie seine Gäste zu dem wurden, was sie sind. Und so bekommen wir klassische Aufstiegsgeschichten über Resilienz und Selbstermächtigung zu hören (wobei Polak klug genug ist, auf solche Begriffe zu verzichten), wie wir sie eigentlich eher mit dem amerikanischen Showgeschäft verbinden.

Genau das ist das Schöne an diesem Format: Verdiente Künstlerinnen und Künstler, die ein Millionenpublikum begeistern, werden endlich mal nicht belächelt, sondern genauso ernst genommen wie die Gäste amerikanischer Late-Night-Shows. Kerstin Ott spricht über ihre Sonderrolle als lesbische Schlagersängerin und ihre Spielsucht, Roland Kaiser erzählt von seiner schweren Lungenkrankheit und Nino de Angelo, ebenfalls von gesundheitlichen Schicksalsschlägen getroffen, berichtet erschreckend detailliert von seinem Suizidversuch.

Polak ist sehr gut vorbereitet, aber nicht auf eine streberhafte Art wie Markus Lanz, sondern ähnlich zugewandt und interessiert wie die großen deutschen Interviewer Alfred Biolek, Roger Willemsen und Ina Müller. Er zeigt eine aufrichtige Überraschung bis Fassungslosigkeit, dass Blanco trotz seines Alters einfach seit Jahrzehnten weitermacht, und als er mit Blanco über Rassismus und das N-Wort reden möchte, nimmt das Gespräch eine unerwartete Wendung, weil sich der Entertainer so offensichtlich weigert, Äußerungen zu dem Thema zu liefern, die Polak und eine aufgeklärte Social-Media-Öffentlichkeit gerne hören würden. Und das ist natürlich sein gutes Recht — aber er spricht dabei eben nur für sich.

Es stellt sich bei all dem nur ein bisschen die Frage, wer eigentlich die Zielgruppe dieses Podcasts sein soll: Fans der einzelnen Musiker*innen dürften jedenfalls nicht viel Neues erfahren. Aber wenn Oliver Polak und Deutschlandfunk Kultur als kulturbürgerliche Labels hier für einen Erstkontakt unterschiedlicher Milieus sorgen können, hätten ja vielleicht alle was davon. Und auch, wenn man die Entstehungsgeschichte des Textes zu „Santa Maria“ (eine rotweininduzierte Übertreibung, die er dann aufnehmen musste) schon mehrfach gehört hat, ist es jedes Mal aufs Neue toll, wenn Roland Kaiser sie erzählt.

Die Pressemeldung verspricht zwar einen „Podcast von Deutschlandfunk Kultur über ein unterschätztes Musikgenre“. Aber man darf dieser kleinen, sechsteiligen Reihe auch nicht zu viel aufbürden; die ganze Rehabilitation des Schlagers scheint eine etwas große Aufgabe. Und Polak tut gut daran, gar nicht groß auf Ablehnung und Dünkel des Feuilletons einzugehen, weil sowas ja immer auch als Einladung zu einer etwas weinerlichen Abrechnung missverstanden werden kann.

Schlager ist Teil der deutschen Identität

Stattdessen preist Roland Kaiser den Schlager der 1950er und 60er Jahre als „reflektierten Zeitgeist“, der statt der sprichwörtlichen heilen Welt die Themen der damaligen Zeit aufgegriffen habe. Laut Nino de Angelo fing das Genre zudem erst mit Michael Wendler an, schlecht zu werden, und Kerstin Ott erklärt ganz luzide, warum sie sich für Schlager als Stilform entschieden hat: „Ich hab damals gedacht: Wenn ich kurzfristig Erfolg habe, dann lasst mich doch in die Schlagerschiene gehen, denn die Leute kaufen auch noch ’ne CD – so ’ne Popgeschichte, da musst Du ja riesig groß sein. Ich hab gedacht, das wird sowieso nicht Ewigkeiten erfolgreich sein, und dann wär’ das doch toll, wenn die wenigstens die CD auch kaufen.“

Zudem zeigt sich: Schlager ist natürlich Teil der Identität Deutschlands, selbst wenn wir ihn nicht hören. Wenn Polak sich mit Marianne Rosenberg unterhält, sprechen da zwei Nachfahren von Holocaust-Überlebenden. Roland Kaiser erklärt noch einmal den Leuten, die zu Pegida-Demos gehen: „Dann kauft meine Platten nicht!“ Zudem haben auch Acts wie Josephine Baker, Harry Belafonte, Quincy Jones, Madonna, Sammy Davis Jr., Blumfeld und die Pet Shop Boys überraschende Auftritte in den Gesprächen – und natürlich die unvermeidliche Lys Assia, der Beatrice Egli ihren ersten großen Auftritt (und durchaus negative Erfahrungen) verdankt.

Polak lässt seinen Gästen manchmal ein bisschen wenig Zeit zum Atmen und ist sehr schnell mit Nachfragen und Kommentaren, aber das wirkt weniger unhöflich, sondern eher wie ein Ausdruck seiner eigenen emotionalen Involviertheit. Er erzählt, wie er sich als Kind in eine Gala von Roberto Blanco schlich, und behelligt Kerstin Ott mit einem überraschenden Exkurs darüber, dass Badezimmer nicht gekachelt sein sollten, weil dadurch ja „jeder Furz“ noch lauter würde.

„Polaks Schlagertalk“ lebt also selbstverständlich auch von der Persönlichkeit des Gastegebers – aber es sind doch seine Gesprächspartner*innen, die dieses Format so hörenswert machen. Nicht alle bringen so viel Weisheit und Tiefe mit wie Roland Kaiser und Marianne Rosenberg, aber alle haben spannende Geschichten zu erzählen. Und was lässt sich besseres über so ein Gesprächsformat sagen, als dass es dem Erkenntnisgewinn und dem Abbau von Vorurteilen dient?

Immerhin, ein bisschen Schrulligkeit darf sich dann aber auch noch ereignen: Mitten im Interview mit Roberto Blanco bekommt der einen Anruf von Tony Marshalls Manager – und Blancos Handy, nicht lautlos gestellt, spielt ernsthaft seinen eigenen Hit „Ein bisschen Spaß muss sein“ als Klingelton. Das ist jemand also ganz sicher im Reinen mit sich und seiner Musik.

Ein Kommentar

  1. Danke, Lukas, ich höre selten Podcasts, weil die mir zu häufig wenig Neues in unendlich vielen Folgen kredenzen. Das klingt so, als ob die das speziell für mich aufgenommen hätten.

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